DER SPIEGEL



UNTERHALTUNGSINDUSTRIE

HP 7.2 und kein Ende

Von Kühn, Alexander; Schulz, Thomas; Wolf, Martin

"Harry Potter" hat die globale Buch-, Kino- und Merchandising-Branche verändert. Diese Woche feiert der letzte Film der Reihe Weltpremiere. Das Geschäft mit dem jungen Zauberlehrling soll aber weitergehen. Dafür sorgt schon seine Erfinderin.

Am Ende sollen Joanne K. Rowling tatsächlich die Tränen gekommen sein; sie war ergriffen von ihrer eigenen Schöpfung, wieder einmal.

Die Schriftstellerin saß allein in einem Londoner Kinosaal, sah ihren Harry Potter durch den Fluch Lord Voldemorts sterben, sah ihn wiederauferstehen, seinen Erzfeind im Zweikampf bezwingen und schließlich, im Epilog des Films, um 19 Jahre gealtert seine Söhne zum Express-Zug nach Hogwarts bringen, das Internat, in dem der Zauber einst begann. Bahnhof

King's Cross, Gleis 9 ¿. Alles in Dolby Digital und 3-D.

"Jo hat ein paar Minuten gebraucht, um sich zu sammeln. Das Ende hat sie sehr bewegt", erzählt der Produzent aller acht "Potter"-Filme, der Brite David Heyman.

Bald darf global geschluchzt werden. Am Donnerstag dieser Woche wird in London die Weltpremiere von "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2" gefeiert, dem letzten Teil der Saga. Das US-Studio Warner Bros. hat standesgemäß das Zentrum des Britischen Empires angemietet: Der rote Teppich führt über den Trafalgar Square, vorbei an der Säule für Lord Nelson, der sich seinerzeit um das Vereinigte Königreich fast so verdient gemacht hat wie Harry Potter heute. So viel Pomp war in London nur bei der Hochzeit von Kate und William.

Man wolle die Geschichte "mit Stil" beenden, sagt Heyman, 49, hager und unrasiert. Dann lacht er: "Alle, die wegen ,Harry Potter' im Stau stehen, werden uns hassen." Er schlendert über das Gelände der Shepperton Studios bei London, wo er bereits an seiner nächsten Produktion arbeitet, einem Science-Fiction-Film mit George Clooney und Sandra Bullock. Vergangene Woche reiste Heyman nach Amsterdam, wo er auf einer Kinomesse als "Producer of The Decade" ausgezeichnet wurde.

Seit mehr als zehn Jahren ist "Harry Potter" ein Superstar in Buchläden, Kinos und Spielwarenabteilungen. Für Kinder erdacht, schlug er, wie keine Fantasy-Figur zuvor, auch deren Eltern in seinen Bann. Weltweit 450 Millionen verkaufte Bücher, übersetzt in 69 Sprachen und Dialekte, darunter Farsi und Friesisch. 4,4 Milliarden Euro Erlös an der Kinokasse. Weitere Milliarden durch den Verkauf von DVDs, Fernsehrechten, Spielekonsolen, Zauberbesen mit LCD-Display und Bewegungssensor oder "Todesser"-Masken mit Stimmenverzerrer.

Das Phänomen "Harry Potter" - das waren: Buchhandlungen, die zur Geisterstunde Kostümfeste gaben; britische Besenbinder, deren Reisigfeger einen ungeahnten Boom erlebten, selbst wenn keiner von ihnen fliegen konnte; das war der Chef-Exorzist des Vatikans, der die Potterei verkaufsfördernd als "Machwerk des Teufels" verdammte; das waren 23 Schüler aus Nowosibirsk, die fast ums Leben kamen, weil sie, ein pottersches Initiationsritual nachspielend, blaues Zauberpulver schluckten, das offenbar jedoch giftiges Kupfersulfat enthielt.

Am 14. Juli kommt "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2" dann auch in die deutschen Kinos und könnte der weltweit erfolgreichste Film des Jahres werden. Er erzählt die letzten 14 Kapitel des letzten Romans und wurde in einem Aufwasch mit Teil 1 der "Heiligtümer" produziert. Bei Warner heißt das Projekt nur "HP 7.2", was weniger nach Fantasy klingt denn nach Geschäft. Aber warum nicht zweimal Kasse machen, wenn man das Produkt dafür nur stückeln muss?

Die finale Sause des kleinen Zauberers kann schon deshalb nicht groß genug zelebriert werden, weil die letzte Klappe der Filmreihe nicht das Aus des Geschäftsmodells Potter bedeuten soll. Während das Epos im Kino dem Finale entgegentreibt, soll es online ewig leben.

Geht es nach J. K. Rowling, werden die von ihr gerufenen Geister noch lange ihre Dienste tun. Ein Ende, dem ein neuer Zauber innewohnt.

Vor zwei Wochen erst trat Rowling mit einer Videobotschaft vor die Fangemeinde. Sie wolle, erklärte sie feierlich, ihren "treuen Lesern", die sie noch immer "mit Hunderten Briefen pro Woche" überschütteten, etwas zurückgeben: die Internetseite pottermore.com.

Ab 31. Juli - Potters Geburtstag und auch der von Frau Rowling - sollen Nutzer sich dort registrieren, um ab Oktober virtuell selbst die Zauberschule Hogwarts zu besuchen und Prüfungen zu bestehen. Zunächst auf Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Deutsch, später auch auf Japanisch.

Es ist ein kostenloses Angebot, das doch nur das Tor zu einem gigantischen Onlineshop wird, in dem Rowling die sieben Romane selbst als E-Book anbieten will - ein Vertriebsweg, dem sie sich bislang völlig verweigerte. So wahrt sie ihren Vorsatz, keinen weiteren "Potter" zu schreiben. Stattdessen versilbert sie die Bücher ein weiteres Mal und hält den Hype zugleich am Köcheln.

Was die Idee so clever macht: Mächtige Zwischenhändler wie Apple oder Amazon müssen draußen bleiben. Die Geschäfte laufen direkt zwischen ihr und den Käufern.

Man kann die Geschichte von Harry Potter natürlich auch anders erzählen, so wie es der Produzent David Heyman wenige Tage vor der Filmpremiere tut. Dann klingt sie nicht nach Kalkül, sondern wie ein Märchen.

Es beginnt 1997, als Heymans Sekretärin Nisha Parti ein unveröffentlichtes Romanmanuskript mit nach Hause nahm, das in einem Regal mit der Aufschrift "low priority" abgelegt war: eilt nicht. Bei zwölf Verlagen war das Buch vorher durchgefallen. Die Sekretärin aber war verzaubert von "Harry Potter und der Stein der Weisen", Heyman bald auch.

Er hatte gerade Heyday Films gegründet, eine Firma mit drei Angestellten. Die Bürokosten zahlte der Filmriese Warner. Als Heyman die Amerikaner überreden wollte, Rowling die Filmrechte abzukaufen, winkten die ab. Eine Zauberschule? Wen soll das interessieren? Zu britisch, zu phantastisch, zu teuer. Es dauerte fast eineinhalb Jahre, bis Heyman und Rowling sich mit Warner einigten. Da führte das zweite "Potter"-Buch bereits die britische Bestsellerliste an.

Seinen Harry entdeckte Heyman kurz vor Drehbeginn in einem Theater im Londoner West End. Daniel Radcliffe, damals elf, saß im Publikum, eine Reihe hinter ihm.

Eine Million Dollar soll Joanne K. Rowling für die Filmrechte an den ersten vier Bänden bekommen haben. Lachhaft, im Rückblick. Aber wer konnte damals ahnen, dass das blasse Kerlchen mit der Nickelbrille so eine Weltidee war, dass die Chinesen schon bald gefälschte Buchtitel auf den Markt bringen würden, "Harry Potter und die Kristallvase" oder "Harry Potter und der große Trichter"?

Oder dass Indiens Umweltminister im Jahr 2010 den Kindern seines Landes vorwerfen würde, am Tod wilder Eulen schuld zu sein, weil sie es ihrem Idol Harry gleichtun und diese als Haustiere halten wollten?

Seiner Schöpferin treibt Harry bis heute nicht nur Tränen in die Augen, sondern auch den Kontostand in die Höhe. Als sie in einem Café in Edinburgh am ersten Band schrieb, bezog sie noch Stütze. Heute ist sie eine der reichsten Frauen Großbritanniens. Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" schätzt ihr Vermögen auf umgerechnet 700 Millionen Euro.

Von Beginn an wuselten Marketingberater um Rowling herum. Schon vor dem Start des ersten Films etwa hatte Coca-Cola für 150 Millionen Dollar das Recht erworben, mit "Potter" zu werben. Der Spielzeugkonzern Mattel kaufte für 50 Millionen die Lizenz und überschwemmte 160 Länder mit Brettspielen, Zauberkästen und Spielfiguren.

Geschätzt 2000 "Potter"-Devotionalien kursieren weltweit. In Deutschland wird der "Official Harry Potter Shop" von der Firma Elbenwald in Cottbus betrieben, die auch Devotionalien zu "Fluch der Karibik" und "Herr der Ringe" liefert. Zur Auswahl stehen allein mehr als 50 verschiedene Zauberstäbe, Harrys Medaillon oder eine 89-Euro-Kette ähnlich der seiner Freundin Hermine. Alles abgestimmt mit Warner.

"Wir richten uns vorrangig an Jugendliche und Erwachsene", sagt Alexander Lapeta, einer der Geschäftsführer. Konkurrenten seien durch "Harry Potter" bankrottgegangen, weil sie auf Massen kindischer Plüschfiguren und Schlüsselanhänger sitzengeblieben waren. "Man darf ,Potter' nicht als reines Kinderthema verkaufen. Dazu ist er zu düster."

Wie in jeder Religion bedarf es auch für die Verehrung Harry Potters kultischer Orte. Vom kommenden Jahr an bieten die Leavesden Studios nordwestlich von London, Drehort der acht Filme, Führungen an. Größtes Pilgerzentrum für Potterianer ist jedoch "The Wizarding World of Harry Potter" - ein Freizeitpark, eröffnet voriges Jahr in Orlando, Florida.

Die Zauberwelt dort ist eine Erweiterung des Vergnügungsparks der Universal Studios, die vom Konkurrenten Warner die Lizenz zum Pottern erwarben. Insgesamt 265 Millionen Dollar hat Universal sich den acht Hektar großen Anbau kosten lassen.

Geduldig schieben sich die Besucher durch das Örtchen Hogsmeade, nachempfunden einem mittelalterlichen englischen Dorf mit engen Gassen und Häuschen aus grauem Stein. Nur im Nachbau von Schloss Hogwarts ist es dunkel und kühl. Ein sprechender Hut grüßt freundlich die Besucher, schließlich erscheinen Harry und seine Freunde Hermine Granger und Ron Weasley als Hologramm und laden zur Achterbahnfahrt durchs Schloss ein.

Die Liebe zum Detail ist erstaunlich. Und erzwungen. Jede Kleinigkeit musste von Warner abgesegnet werden, 10 000 Vorschläge wurden überprüft, selbst der Kunstschnee auf den Dächern von Hogsmeade. Produzent Heyman war dreimal als Berater vor Ort, sein Set-Designer noch öfter.

Selbstverständlich behielt auch J. K. Rowling es sich vor, über zahlreiche Details persönlich zu befinden. Von der Schlossarchitektur bis zu Potters Lieblingstrunk, dem Butterbier. Vor der Eröffnung des Parks flog ein Universal-Team nach Schottland, um ihr verschiedene Rezepte zu präsentieren. Rowling entschied sich schließlich für eine nach Karamell schmeckende Pampe.

Neben Butterbier gibt es in Potters Park nur Kürbissaft, Wasser und Eistee. Nicht mal der frühere Partner Coca-Cola bekam eine Schanklizenz, auch der Schoko-Riegel Mars hat Parkverbot. Stattdessen werden Schoko-Frösche verkauft. Isst Harry schließlich auch. Authentisch soll das sein, heißt es. Vor allem ist es profitabel, denn die Einnahmen gehen ungeteilt an Rowling und ihre Geschäftspartner.

Es sei gut möglich, dass es, mangels weiterer Bücher und Filme, bald eine Generation von Kindern gebe, die mit Harry Potter zum ersten Mal in diesem Park zu tun haben werde, hatte eine Warner-Managerin zur Eröffnung erklärt. Oder wird Frau Rowling doch noch einen weiteren Roman nachschieben?

"Ich bete zu Gott, dass ich keinen achten Band lesen muss, in dem ich erfahre, wie Harrys Kinder in Hogwarts zur Schule gehen", sagt ausgerechnet Klaus Humann vom Hamburger Carlsen Verlag. Humann ist Rowlings deutscher Verleger. "Es ist gut, wenn etwas zu Ende geht." Es heißt, schon mit der Qualität des siebten Bandes sei man bei Carlsen nicht mehr ganz zufrieden gewesen.

Humann hat "Potter" für Deutschland entdeckt. Davor war der Carlsen Verlag eher ein Kleinverlag, der Comics und Bilderbücher herausbrachte. 31 Millionen verkaufte deutschsprachige "Potter"-Bücher später zählt das Haus zu den Großen der Branche. In Humanns Büro steht Harry als Pappfigur, "unser Hausgeist".

"Potter" hat die Welt verändert, auch Humanns Welt. "Kinderbuchverlage werden heute ernst genommen", sagt er. "Das war früher nicht so." Dann ergänzt er noch: "Früher war die Kinderbuchszene eine Kuschelecke, man war nett zur Konkurrenz. Jetzt ist der Wettbewerb deutlich schärfer. Wir kaufen ausländische Titel, bevor sie in ihrem Heimatland überhaupt im Handel sind."

Und "Potters" Zauber wirkt weiter. Im schwächelnden Buchhandel wächst der Marktanteil von Kinder- und Jugendbüchern. Ohne Rowlings Vorarbeit wäre etwa der Vampir-Kitsch von Stephenie Meyer wohl niemals ein Welterfolg geworden; auch ihre Romane erscheinen bei Carlsen. Für die Zeit nach "Potter" sei sein Verlag gewappnet, sagt Humann. "Ich vermisse ihn kaum."

Und selbst David Heyman, der Filmproduzent, kann sich mittlerweile ein Leben ohne "Potter" vorstellen. "Das Haus, in dem wir leben, die Schulen, die unsere Kinder besuchen - das alles verdanken wir ,Harry Potter'." Für sich und seine Familie kaufte er im Londoner Nobel-Stadtteil Pimlico eine Villa aus dem 19. Jahrhundert, der Einbau von modernem Luxus wie Swimmingpool und Wintergarten dauerte drei Jahre. Der Wert des Anwesens wird auf zwölf Millionen Euro geschätzt.

Heymans Nachbarn, genervt vom Baulärm, tauften die Villa "Hogwarts".


DER SPIEGEL 27/2011
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