06.07.1998

Fotoplatten im Eiskeller

Das Paparazzi-Foto des 19. Jahrhunderts: Bismarcks Sterbelager. Von Lothar Machtan
Der Historiker Machtan, 48, lehrt Neuere Geschichte an der Universität Bremen und veröffentlicht Ende Juli sein neues Buch "Bismarcks Tod und Deutschlands Tränen" im Goldmann Verlag.
Otto von Bismarck wußte sehr wohl um den Run auf Bismarck-Fotografien und hat deshalb das Medium keineswegs verschmäht, wo es um die Pflege seines Images ging. Nachdem er von den Schalthebeln der Staatsmacht vertrieben worden war, beschritt er den Weg der Selbststilisierung und -inszenierung konsequenter, als er das in seiner Amtszeit getan hatte.
Fotografien von Bismarck durften niemals ohne vorherige Genehmigung verbreitet werden. Selbst harmlose Momentaufnahmen, auf denen der große Mann ein wenig unvorteilhaft dreinschaute, wurden sofort wieder eingezogen. Bismarck wußte sein Persönlichkeitsrecht zäh zu verteidigen.
Als nun Mitte der 1890er Jahre auch von Amateuren bedienbare Fotoapparate auf den Markt kamen, witterte der berühmte Politiker Gefahr. "Man ist jetzt gar nicht mehr sicher", sagte er zu seinem Diener, "die Kerle lauern einem überall auf mit ihren Knipsapparaten." Man wisse nicht, "ob man fotografiert oder erschossen wird".
Die beiden Hamburger Fotografen Wilhelm Wilcke und Max Christian Priester hatten seit Anfang der 1890er Jahre die deutsche Öffentlichkeit mit mancherlei Bildern vom Alten im Sachsenwald versorgt. Beide wußten, daß sie mit Fotos vom greisen Bismarck sehr gute Geschäfte machen konnten. Wilcke pflegte freundschaftliche Kontakte zu Louis Spörcke, der als Förster und Ortsvorsteher auf den Bismarckschen Besitzungen nach dem Rechten sah.
So war Wilcke durch Spörcke Ende Juli 1898 durchaus im Bilde: Bismarck würde in den nächsten Tagen sterben. Er wollte nun unbedingt als erster zur Stelle sein, um das Bild des Jahrhunderts zu schießen. Es käme ihm auf ein "paar blaue Scheine nicht an", schrieb Wilcke dem Kammerdiener Pinnow, wenn er als erster die Nachricht erhalte, daß Bismarck im Sterben liege. Spörcke sollte dafür Sorge tragen, daß die Aufnahme vom Sterbezimmer reibungslos vonstatten gehen konnte. In Max Priester fand Wilcke schließlich einen fachlich versierten Komplizen, den er dazu überredete, den Coup gemeinschaftlich zu landen.
Wilcke und Priester waren die Paparazzi der Jahrhundertwende. Sie waren versessen auf den finalen Scoop, der sie mit einem Schlag reich und berühmt machen würde. Sie kannten weder Pietät noch Skrupel, und so gingen sie mit außerordentlicher Abgebrühtheit ans Werk:
Am Nachmittag des 30. Juli 1898 wurden die beiden Fotografen von Spörcke nach Friedrichsruh gerufen, wo sie vom unmittelbar bevorstehenden Ende des alten Bismarck erfuhren. Spörcke versprach, die Totenwache zu organisieren und sich selbst zur ersten nächtlichen Wache einteilen zu lassen. Er würde den Parkwächter instruieren, das Tor nicht zu verschließen. Gegen 21 Uhr begaben sich Wilcke, Priester und Spörcke an das Fenster des Sterbezimmers, um das Terrain zu erkunden, wurden aber vom Kutscher Patzke vertrieben.
Als Spörcke mit einem Reitknecht dann die Totenwache hielt, brachten die beiden Fotografen ihr Gerät (Fotoapparat und Blitzlichteinrichtung) bis an das Sterbezimmer heran, das zu ebener Erde lag. Über die Fensterbank gelangten sie an das Totenlager, wo sie dann zwei Blitzlichtaufnahmen machten. Wilcke hatte zuvor das Bett etwas heruntergedrückt und den Kopf Bismarcks ein wenig nach oben gerückt, damit das Gesicht der Leiche besser zu sehen war. Die Uhr auf dem Nachttisch wurde so eingestellt, daß die Zeiger auf 23.20 Uhr zeigten, während es in Wirklichkeit schon 4 Uhr morgens war. Der ganze Vorgang dauerte keine zehn Minuten. Die belichteten Fotoplatten wurden sofort im Eiskeller des benachbarten Gasthauses entwickelt.
Nach Hamburg zurückgekehrt, beauftragten die beiden den Retuscheur Hugo Herrfurth, das Diapositiv zu bearbeiten. Denn "für die Nachwelt", so Wilcke, wollten sie ein Bild liefern, auf dem "das Nachtgeschirr, ein buntes Taschentuch und das ungeordnete Bett nicht zur Geltung kommen sollten".
Um das sensationelle Foto möglichst teuer zu verkaufen, gaben die beiden Paparazzi im Berliner "Lokalanzeiger" und in der "Täglichen Rundschau" eine Annonce auf: "Aufnahme einige Stunden nach dem Tode. Originalfotografie". In einem Zimmer des vornehmen Hotel de Rome in Berlin Unter den Linden, wo die beiden Fotografen ihre Ware potentiellen Interessenten vorzeigten, entwickelte sich "ein lebhafter Verkehr von Reportern und Neugierigen", wie Wilcke in seinen Erinnerungen berichtete, "ein Abgesandter einer illustrierten Zeitschrift bot uns 5000 Mark nur für das Durchpausen des Bildes".
Schließlich erwarb Dr. Baltz, Besitzer des Deutschen Verlages, das Urheberrecht für 30 000 Mark und 20 Prozent vom Umsatz. Das war eine horrende Summe, nach heutigem Geld mehr als 400 000 D-Mark.
In den Genuß des Geldes kamen die Paparazzi aber nicht, denn Bismarcks Sohn Herbert erreichte am 4. August die sofortige Beschlagnahme des Corpus delicti. Noch am selben Tag erließ das Hamburger Amtsgericht eine einstweilige Verfügung, die Wilcke und Priester die Verbreitung des Fotos bei einer Geldstrafe von 20 000 Mark verbot und die Beschlagnahme sämtlicher Unterlagen anordnete. Zwei Jahre lang, bis hin zum Reichsgericht, kämpften die Fotografen um die Herausgabe der Platten.
Das Bild vom Totenlager barg für die Bismarck-Erben eine Gefahr: Am Ende eines großen Lebens stand nicht mehr als das Totenlager eines gewöhnlichen Sterblichen. Das Foto war zwar nicht ehrverletzend und als echte Wiedergabe eines historischen Moments sogar wohlgelungen. Aber gerade weil es authentisch war, fehlten ihm Aura, Schönheit und Mythos.
Die beschlagnahmten Negativplatten und Abzüge sollen jahrzehntelang im Geldschrank der Bismarcks aufbewahrt worden sein. Die beiden Fotografen wurden wegen Hausfriedensbruchs - das Recht am eigenen Bild gibt es erst seit 1907 - verurteilt; den Jahrestag ihres großen Coups erlebten sie im Gefängnis.
Von Lothar Machtan

DER SPIEGEL 28/1998
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