06.07.1998

KOSOVO„Die Realität ist der Krieg“

Jakup Krasniqi, Sprecher der albanischen Befreiungsarmee UÇK, über den Kampf gegen die Serben
Der Geschichtslehrer Krasniqi, 47, saß wegen Anstiftung zu Unruhen von 1981 bis 1990 in jugoslawischer Haft. Nach seiner Freilassung schloß er sich der Demokratischen Liga des Kosovo (LDK) unter Führung von Ibrahim Rugova an und wurde Parteichef in Glogovac. Voriges Jahr sagte er sich von Rugovas pazifistischem Kurs los und ging in den Untergrund. Er ist als einziger ermächtigt, politische Erklärungen im Namen der UÇK abzugeben.
SPIEGEL: Herr Krasniqi, Ihre Truppen haben gerade in der Schlacht um das Kohlebergwerk Belacevac eine Niederlage erlitten. Trotzdem haben Sie angekündigt, demnächst die Provinzhauptstadt Pristina erobern zu wollen. Wie und wann?
Krasniqi: Das meine ich sehr ernst. Wir haben bereits jetzt eine große Zahl unserer Kämpfer vor Pristina liegen. Sie warten nur noch auf unser Signal zum Angriff.
SPIEGEL: Demzufolge hat die UÇK jede Hoffnung auf eine friedliche Lösung des Kosovo-Konflikts aufgegeben. Belastet Sie nicht die Aussicht auf einen langen Krieg mit möglicherweise Tausenden von Toten?
Krasniqi: Alle Wege zum Frieden sind verbaut, die Realität ist leider der Krieg. Und ich fürchte, er wird in der Tat nicht kurz sein. Ein albanisches Sprichwort sagt: Die Freiheit hat die Würze des Blutes, und sie kennt keinen Preis.
SPIEGEL: Amerikaner und Europäer fordern aber einen Gewaltverzicht im Kosovo. Die Befreiungsarmee UÇK soll sich politischer Kontrolle unterstellen. Sind Sie bereit, künftig dem Führer der Kosovo-Albaner, Ibrahim Rugova, zu gehorchen?
Krasniqi: Wir sind selbst eine politisch-nationale Bewegung, welche die Befreiung des Kosovo zum Ziel hat. Unsere Freiheitskämpfer sind imstande, auch politisch zu entscheiden. Wer mit seinem Blut das Land verteidigt, darf über dessen Schicksal bestimmen. Wir werden und dürfen nicht unter Rugovas Kommando geraten.
SPIEGEL: Aber Rugova, zu dessen Mitstreitern Sie noch vor einigen Monaten gehörten, strebt doch ebenso wie die UÇK die Selbständigkeit des Kosovo an. Was trennt Sie von ihm?
Krasniqi: Die Politik der von Rugova geführten LDK konnte in den vergangenen zehn Jahren nur Mißerfolge aufweisen. Die Albaner haben ihr Vertrauen in diese Politik verloren. Rugova machte zu viele Fehler.
SPIEGEL: Wieso sollte der gewaltlose Widerstand ein Fehler gewesen sein?
Krasniqi: Wir haben hier einen Pseudostaat ohne Parlament, der unter serbischer Kontrolle steht. Was nutzen da Rugovas Begegnungen mit dem jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic? Derzeit entscheidet nicht Rugova, sondern die UÇK für das Kosovo. Wir sprechen die einzige Sprache, die die serbische Führung versteht: Gewalt.
SPIEGEL: Würden Sie sich denn in die Obhut der Nato begeben, wenn die Allianz in den Konflikt eingriffe?
Krasniqi: Nur dann, wenn die Nato auch unseren Sieg und unsere Freiheit garantiert. Wir werden unseren Krieg gegen die Serben fortsetzen - mit oder ohne Nato-Hilfe. Und wir werden ihn gewinnen, wenn uns die internationale Gemeinschaft nicht daran hindert.
SPIEGEL: Überschätzen Sie da nicht die Kampfstärke Ihrer Truppen? Die haben doch gegen die jugoslawische Armee keine Chance.
Krasniqi: Wir bekommen mittlerweile genug Waffen, und wir besitzen auch Luftabwehrraketen. Wir kontrollieren 40 Prozent des Landes. Auf dem Balkan leben über fünf Millionen Albaner, die werden einander im Augenblick der Gefahr beistehen.
SPIEGEL: Aber die UÇK ist doch eine Guerrilla-Armee, die das Land unsicher macht, keine organisierte Streitmacht, die einen langen Feldzug wie in Bosnien führen kann.
Krasniqi: Wir agieren schon lange im Untergrund. Unsere Armee ist, zugegeben, erst im Aufbau. Doch wir haben unsere Kasernen, unsere Ausbildungslager und vor allem die Moral, für ein nationales Ziel zu kämpfen.
SPIEGEL: Stimmt es, daß mehr als die Hälfte Ihrer Soldaten ehemalige Gastarbeiter aus Deutschland und der Schweiz sind?
Krasniqi: Ja, sie kamen zurück, um für ihr Heimatland zu kämpfen.
SPIEGEL: Angeblich ist die UÇK in mehrere Gruppen zersplittert, die sich über den Kurs streiten. Gibt es ein zentrales Kommando, kommen die Befehle von hier oder aus dem Ausland?
Krasniqi: Die UÇK hat nur einen Hauptstab und einen Obersten Befehlshaber. Die militärischen Entscheidungen werden bei uns im Kosovo getroffen. Und ich bin derzeit der einzige, der im Namen der UÇK sprechen darf.
SPIEGEL: Der amerikanische Sondergesandte für den Balkan, Robert Gelbard, sprach aber vor kurzem in der Schweiz mit einem Ihrer dortigen Aktivisten.
Krasniqi: Das war ein Versuch Rugovas, den Amerikanern einen LDK-loyalen UÇK-Aktivisten vorzuführen. Wir haben unsere Leute in der Schweiz, aber der Gesprächspartner von Gelbard war kein bevollmächtigter Vertreter unserer Bewegung.
SPIEGEL: Der US-Vermittler Richard Holbrooke ist anscheinend dafür, die Befreiungsarmee in die Suche nach einer Konfliktlösung einzubeziehen. Er hat sich mit UÇK-Vertretern im Kosovo getroffen. Fühlen Sie sich dadurch aufgewertet?
Krasniqi: Nein, Holbrooke hat sich nicht mit den maßgeblichen Vertretern getroffen. Und das war nicht seine erste falsche Einschätzung der Situation.
SPIEGEL: Im Westen wird die UÇK nicht selten als terroristische Bewegung eingestuft. Warum ermordet sie friedfertige Albaner?
Krasniqi: Kollaborateure werden gewarnt, daß wir sie töten werden, wenn sie den falschen Weg weitergehen. Aber als Armee halten wir alle internationalen Vorschriften der Kriegsführung ein.
SPIEGEL: Ist die palästinensische PLO ihr Vorbild oder eher die kurdische PKK?
Krasniqi: Wir lehnen uns ein bißchen an die PLO-Taktik an - doch im wesentlichen führen wir unseren speziellen Freiheitskampf, der unserer Lage angepaßt ist.
SPIEGEL: Wenn Sie die Politik Rugovas so heftig verurteilen, warum senden Sie dann nicht einen eigenen Vertreter zu den serbisch-albanischen Gesprächen?
Krasniqi: Unsere Vorbedingungen für Verhandlungen mit den Serben sind die Freilassung aller politischen Gefangenen und ein vollständiger Abzug der serbischen Polizei und Armee aus dem Kosovo.
SPIEGEL: Deren Positionen dann sofort die UÇK übernehmen würde?
Krasniqi: Natürlich, schließlich gehört das Kosovo uns Albanern.
SPIEGEL: Eine solche Lösung würde faktisch die Unabhängigkeit des Kosovo bedeuten. Der Westen will aber nicht mehr als Autonomie für die Provinz - innerhalb des jugoslawischen Staatsverbunds.
Krasniqi: Wir wollen mehr als die Unabhängigkeit. Unser Ziel ist die Vereinigung aller Albaner auf dem Balkan.
SPIEGEL: Heißt das, daß die UÇK einen Aufstand der Albaner in Mazedonien und Montenegro vorbereitet?
Krasniqi: Das hängt von unseren Brüdern und Schwestern in diesen Ländern ab. In Mazedonien ist die UÇK bereits aktiv.

DER SPIEGEL 28/1998
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