06.07.1998

OPER Kissenschlacht im Sündenpfuhl

Der Regie-Schocker Peter Konwitschny hat sich an Wagners „Tristan“ übernommen: Seine Münchner Festspiel-Inszenierung beginnt witzig und endet kitschig. Zubin Mehta dagegen gab im Nationaltheater einen glänzenden Einstand als neuer Musikchef. Von Klaus Umbach
Richard Wagner ist ein ernster Fall. Durch seine Dichtkunst raunen Mythen und Sagen, seine Klänge sind meist drall und gepanzert wie die Brüste der Walküren. Zwischen Wotan, Gral und bösen Drachen, bei Zaubertränken und unter Tarnkappen ist nicht viel mit Happy- hours. Der Gesamtkunstwerker versteht keinen Spaß.
Ach, sieh mal an: Da ruhen zwei Damen - eine in bräutlichem Weiß, auch ihre Zofe in herrschaftlicher Robe - an Deck einer schnieken Jacht und machen, wie''s scheint, Urlaub.
Die Schaumauflagen ihrer Liegestühle sind in modisch schickem Gelb-Weiß gestreift, die Takelage ist tipptopp, das Schiff gut in Schuß und fest auf Kurs. Die Sonne
strahlt, der Himmel bläut, und ruhig gleiten die Wellen. Ein Guckkasten in Touropa-Design. Hier, durch dieses elegante Ambiente, soll also nun abendfüllend Schopenhauers nachtschwarze Weltsicht geistern. "Tristan" kommt in Fahrt.
Kaum ist das Vorspiel, Wagners kühnstes, verklungen, da tritt - Service ist alles - ein fescher Leichtmatrose auf: das Käppi flott in die Stirn gedrückt, kurze Hose, blütenweiße Socken, ein Maat, Typ Adidas.
"Westwärts schweift der Blick, ostwärts streicht das Schiff", klärt der tenorale Steward die beiden Fahrgäste über die Position auf und stellt ihnen mit artigem Diener zwei Drinks auf den Tisch: Strohhalm drin, Fruchtschnitzel drauf. Hier, ahoi, läßt sich''s leben.
Nun ist bei Wagner der Schurke selten weit und diesmal sogar an Bord. Der Bösewicht steht in einer aus Sonnensegeln
* Mit Siegfried Jerusalem (Tristan) und Waltraud Meier (Isolde).
pittoresk gefalteten Kajüte vor dem Rasierspiegel und seift sich ein: Land in Sicht, da muß der Bart ab.
Bekanntlich spielt Oper gern wie das Leben - verrückt. Der Mann, der da Toilette macht, ist ein Meuchler. Vor Jahren hat er der Königstochter Isolde, die achtern just vor ihrem Cocktail hockt, den Verlobten enthauptet und dessen Kopf der jungen Frau sogar höhnisch auftischen lassen.
Jetzt schlägt dem Schiffseigner Tristan die Stunde der Rache. Isolde läßt den Mörder zu sich an die Reling kommen, der wischt sich noch rasch den Rasierschaum ab, dann wird Tacheles gesungen: "Blutschuld schwebt zwischen uns", entfährt es der aufgebrachten Maid; "nun wieder nimm das Schwert und führ es sicher und fest", befiehlt der sühnebereite Seemann und setzt sich opferwillig das Rasiermesser an die Kehle. Das kann ja heiter werden.
Nun ist "Tristan und Isolde" zwar ein Stück über die Liebe und die Lüste, aber alles andere als ein Lustspiel voller Liebreiz. Dieser Dreiakter gilt als das sinnlichste und finsterste Nocturne des Musiktheaters.
Nie hat Wagner, dieser gewiefte Dealer tönender Drogen, ein raffinierteres Opiat gemischt und seinem "Bedürfnis, mich musikalisch auszurasen", hemmungsloser nachgegeben als in dieser Hymne moribunder Sehnsucht. Auch nach 133 Jahren bringen die "Tristan"-Ekstasen das Publikum noch um den Verstand. Nur: Selbst wo glückselig gestorben wird, gibt es gemeinhin nichts zu lachen.
Da muß schon so ein verwegener, frechfrivoler Regisseur wie der Frankfurter Ruth-Berghaus-Schüler Peter Konwitschny, 53, ran, um Wagners feierliches Hochamt wenigstens an ein paar Stellen zu entmystifizieren und dem abgründigen Drama gleichzeitig ein paar heitere Fußnoten unterzujubeln. Seine Neuinszenierung von "Tristan und Isolde", letzte Woche als hysterisch erwartete Eröffnungspremiere der Münchner Opernfestspiele angesetzt, schippert jedenfalls in der ersten Hälfte recht munter über Wagners romantische Untiefen hinweg.
Verstört und verschreckt hat Konwitschny das abonnierte Establishment schon häufig. Aber erst seitdem er sich immer genüßlicher am Werk des Bayreuthers vergreift, hat er den Ruch des schamlosen Schänders. Die Wagner-Kirche hält immer noch am gnadenlosesten Gericht.
Als Konwitschny den Münchnern vor drei Jahren den Parsifal als kraftstrotzenden Tarzan zumutete, Kundry auf einem Holzpferd galoppieren ließ und den Gral als Grotte mit lichtblauer Mutter Gottes enthüllte, jaulte das ganze Nationaltheater auf - unfähig und unwillig einzusehen, daß diese so keß entweihte Wagner-Liturgie "die Tragödie des modernen zerrissenen Menschen" ("Süddeutsche Zeitung") weitaus schärfer und schlüssiger offenbarte als all der heilige Bimbam, mit dem dieses Stück gemeinhin sein Publikum einlullt.
Aber auch Hamburgs Operngänger, sonst nicht ganz so fixiert auf Theater mit Getue, nahmen Anfang dieses Jahres gehörig übel: "Lohengrin" à la "Feuerzangenbowle", die Edlen von Brabant als kurzbehoste Pennäler, der Schwan als Dreikäsehoch mit schwingenden Ärmchen - dieser Frevel Konwitschnys ging auch ihnen zu weit.
"Die erste Spielzeit der Ära Metzmacher", urteilte damals die "FAZ", hatte "ihren ersten produktiven Skandal". Seitdem verwünschen alle Gralshüter den lästerlichen Konwitschny in den Giftschrank des Regietheaters.
Diese honorige Ächtung, so jedenfalls schien es zunächst beim Münchner "Tristan", hat den Regisseur nicht davon abgehalten, Wagners "Paar in der vollsten Glut der Sünde" erst einmal auf die Füße zu treten und Minne und Brunft durch Groteske und Jux auf normale Verhältnisse runterzufahren. So erst werden aus Wesen der Metaphysik zeitgemäße Menschenkinder.
Da scheint es nur logisch, daß Konwitschny sich den komischsten Trick im ganzen Plot verkneift. Denn während Wagner das todestrunkene Paar zum Giftbecher greifen läßt, den wiederum die Dienerin Brangäne heimlich mit Liebestropfen gefüllt hat, wird die alchimistische Mixtur bei Konwitschny schlichtweg verschlabbert. Als die beiden in München ihre ungepanschten Longdrinks kippen, sind sie längst ineinander verknallt. So, pfiffig gegen den Strich und notfalls auch gegen den Librettisten Wagner, hätte Konwitschny weitermachen müssen.
Aber bei der Entrümpelung der edlen Zweierbeziehung stellte sich ihm ein übermächtiger Gegenspieler in die Quere: der Musikdramatiker Wagner, dieser gerissene Prasser. Und dem ist er nicht gewachsen.
Vor allem im zweiten Akt, der großen Nachtmusik mit ihren wollüstigen Schaumkronen, schaukelt der Gesamtkunstwerker die Wogen in Orchester und Kehlen so zügellos auf, daß Konwitschny nicht mehr dagegen ankommt: Die Inszenierung läuft ihm aus dem Ruder.
Einmal noch glückt ihm ein hübscher Schock. Kaum hat sich die Musik zum heimlichen Rendezvous der Liebenden in die erste Raserei gesteigert, schon hat Isolde Mantel und Schleier abgelegt und Tristan seinen Brustpanzer in hohem Bogen von sich geworfen, da - überraschende Einlage - verschwindet der Auserwählte noch einmal in die Kulissen und rollt beim Comeback ein buntgeblümtes Sofa herein, ein Ding wie bei Hempels.
Das steht nun mitten im nächtlichen Garten von Cornwall, und Tristan lümmelt sich in den Polstern, klettert auf die Lehne, kippt übermütig das ganze Sitzmöbel um, und genau zu Wagners Reim vom "Freudejauchzen / Lustentzücken / Himmelhöchstem Weltentrücken" beginnt das hehrste Paar der Opernbühne eine Kissenschlacht.
Aber dieser zweite "Tristan"-Akt zieht sich: rund 90 Minuten Stop and go des Begehrens und des Verweigerns - zu lang, um nur auf der Couch zu albern. Da muß einem Regisseur, der sich so gern als Provokateur aufspielt, mehr einfallen. Konwitschny indes fällt zurück auf den Anstandskodex aus dem Opern-Knigge.
Je mehr Wagner aufdreht, desto ausgiebiger läßt Konwitschny jetzt Händchen halten, Blicke tauschen und Körper aneinanderschmiegen. Am Ende der Liebesnacht schreitet das hohe Paar in seliger Harmonie fürbaß, verläßt den Guckkasten, der seinerseits im Guckkasten steht, und verdrückt sich ins Dunkel der Rampe.
Dann, mitten in der Vorstellung, geht im Zuschauerraum das Licht an, damit nur ja alle kapieren: Tristan und Isolde sind längst jenseits jener schnöden Welt, die den Menschen die Liebe verwehrt und zu der auch das hochverehrte Publikum gehört.
"Zweieinhalb Jahre lang", so hat der Regisseur der "Süddeutschen Zeitung" gestanden, habe er im Gekröse des Münchner Nationaltheaters und im Spannungsfeld der mimosigen Interpreten "versucht, die Nerven zu behalten". Es scheint ihm nicht geglückt zu sein.
Am Ende der Premiere jedenfalls, wenn die beiden Titelhelden den Vorhang langsam schließen und - tot oder lebendig, das bleibt symbolschwanger offen - von hinnen gehen, ist die Inszenierung aus der erfrischenden Komik des Beginns in peinvollen Kitsch gekippt.
Zum sanften Kehraus der letzten Wagner-Takte geht der Vorhang nämlich noch einmal auf und gibt den Blick frei auf zwei schneeweiße Särge. Ach, hier ruhen, soll das wohl zeigen, zwei unschuldige Menschenkinder, die sich liebhatten.
Aber hier ist, das bedeutet es sicher, auch die schöne Hoffnung begraben, Konwitschny werde einen neuen, lockeren, gar heiteren Zugang finden zu Wagners leidvollster, leidenschaftlichster Partitur.
Wo der halbherzige Regisseur gezähmt, gar gelähmt erscheint, hat der vollblütige Dirigent leichtes Spiel - bei "Tristan" stets ein Kraftakt. Jedenfalls ist der aus Bombay stammende Zubin Mehta, 62, Münchens neuer Opernchef, der Matador dieser Festspielpremiere.
Mit Bayerns Staatsorchester, das er mit der Routine des weltweit erfahrenen Profis in Hochform gebracht hat, glückt ihm eine virtuos ausgehorchte Aufführung von zugleich herrlich hitzigem Schwung. Er läßt nichts anbrennen, aber auch nichts überkochen. Er dreht auf bis an die Grenze des Grellen und Pausbäckigen, aber er nimmt auch genießerisch zurück, besänftigt, läßt schimmern und flimmern - ein Klang wie Samt und Seide. Mehta aalt sich in Wagners bacchantischem Sündenpfuhl.
So gesehen, ist Münchens erstes Dirigenten-Derby bereits entschieden: Der Neue im Nationaltheater hat den Kollegen Lorin Maazel, der den "Tristan" bei der Wiedereröffnung des Prinzregententheaters vor zwei Jahren mit seinen Rundfunk-Sinfonikern nur glatt hinlegte, klar ausgepunktet.
Münchens Opernkulinariker haben ihn deshalb angemessen gefeiert. Für den ungeliebten Konwitschny nahmen die Buhligans aus der Maximilianstraße den Mund erwartungsgemäß übervoll. Schade, daß ihr Protest - wenn auch aus der falschen Ecke - diesmal den Richtigen traf.
* Mit Siegfried Jerusalem (Tristan) und Waltraud Meier (Isolde).
Von Umbach, Klaus

DER SPIEGEL 28/1998
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