13.07.1998

„Es ist eben passiert“

Maik Wotenow über seine angebliche Mittäterschaft am Brandanschlag auf das Lübecker Asylbewerberheim
SPIEGEL: Herr Wotenow, Sie haben Ende Februar gestanden, daß Sie und drei Freunde aus Grevesmühlen den Brandanschlag auf das Asylbewerberheim in Lübeck verübt haben. Das Geständnis haben Sie drei Tage später widerrufen. Was stimmt denn nun?
Wotenow: Ich habe gesagt, daß wir es waren. Als mir der Mann von der Kripo Lübeck nicht geglaubt hat, habe ich gesagt, dann soll er sich aussuchen, was wahr ist. Ich dachte, mein Geständnis interessiert den nicht.
SPIEGEL: Fühlten Sie sich nicht für voll genommen?
Wotenow: Ja, ich habe gesagt, wenn Sie glauben, daß ich nur Scheiße erzähle, dann sage ich jetzt, daß alles gelogen ist. Dann fing der Kripo-Beamte an: Nein, so ist das nicht gemeint. Aber ich habe auf stur geschaltet und gesagt, ich breche die Vernehmung jetzt ab.
SPIEGEL: Waren die Kriminalbeamten von vornherein mißtrauisch, oder wurden sie es erst während des Verhörs?
Wotenow: Ich hatte gleich das Gefühl, die wollten von all dem nichts wissen - vielleicht, weil es nur Arbeit macht, den Fall noch einmal neu aufzurollen.
SPIEGEL: Bleiben Sie jetzt dabei, auch wenn Sie sich damit selbst belasten: Sie und Ihre drei Freunde haben das Heim angezündet?
Wotenow: Ja, weil es Streß mit Leuten im Heim gab.
SPIEGEL: Was für Streß?
Wotenow: Dirk Techentin und René Burmeister hatten Ärger mit den Leuten aus der Hafenstraße. Es ging um irgendwelche Drogengeschichten. Genaues weiß ich nicht mehr, ich habe mich auch damals nicht sonderlich dafür interessiert.
SPIEGEL: Hatten Burmeister und Techentin häufiger mit Drogen zu tun?
Wotenow: Sie holten öfter Haschisch aus Lübeck, das sie dann in Grevesmühlen weiterverkauft haben. Ich habe auch etwas von Techentin bekommen, aber immer nur kleine Mengen.
SPIEGEL: Haben die beiden erzählt, von wem sie das Haschisch abgeholt haben?
Wotenow: Von Kanaken: Ob das Türken, Libanesen oder Schwarze waren, weiß ich nicht.
SPIEGEL: Wann haben Sie erfahren, daß Burmeister und Techentin Ärger mit den Leuten aus Lübeck hatten?
Wotenow: Zwei Tage vor dem Anschlag haben wir vier abends im Auto auf einem Parkplatz in Grevesmühlen gesessen. Da haben die beiden erzählt, daß sie Streß in Lübeck haben, und sie haben Heiko Patynowski und mich gefragt, ob wir mitmachen. Wir haben ja gesagt. Wir wollten gleich los, aber dann ist etwas dazwischengekommen. So sind wir erst zwei Tage später gefahren.
SPIEGEL: Sind Sie und Ihre Freunde rechtsradikal?
Wotenow: Techentin weniger, aber Patynowski. Ich bin auch immer noch dabei.
SPIEGEL: Haben Sie etwas gegen Ausländer?
Wotenow: Ich war früher in einem Heim, da habe ich mein Leben im Griff gehabt, habe gearbeitet, keine Straftaten begangen. Dann bekam das Heim kein Geld mehr, wurde geschlossen. Für die Ausländer ist aber immer Geld da. Ohne die Ausländer würde es in Deutschland besser gehen.
SPIEGEL: Wer hatte die Idee, das Asylbewerberheim anzuzünden?
Wotenow: Das war eher Burmeisters Idee.
SPIEGEL: Warum haben Sie zunächst ein Auto geklaut?
Wotenow: Mit dieser Aktion haben wir geglaubt, ein Alibi zu haben. Dirk Techentin sollte damit zurück nach Grevesmühlen fahren.
SPIEGEL: Warum sollte Techentin zurückfahren, wenn er es war, der den Streß mit den Hausbewohnern hatte?
Wotenow: Das weiß ich nicht, es war eben so abgesprochen. Mir war es im Grunde auch egal, wer zurückfährt.
SPIEGEL: Was haben Sie denn erwartet, was im Haus passieren würde?
Wotenow: Ich dachte, die wollten denen nur ein bißchen angst machen. Ob die nur bestimmte Leute angreifen wollten oder gleich das Haus abfackeln, weiß ich nicht.
SPIEGEL: Was ist dann in der Hafenstraße passiert?
Wotenow: Heiko Patynowski und Burmeister sind zum Eingang des Hauses gegangen. Ich habe in der Hafenstraße gleich hinter dem Haus gestanden und geguckt, ob jemand kommt. Deshalb konnte ich nicht sehen, was genau im Haus passiert ist.
SPIEGEL: Waren Sie nicht neugierig und wollten wissen, was die beiden machen?
Wotenow: Natürlich war ich das, aber ich hatte eben den Auftrag zu pfeifen, wenn jemand kommt. Daran habe ich mich gehalten.
SPIEGEL: Waren Sie bewaffnet?
Wotenow: Ja, mit einem Butterflymesser.
SPIEGEL: Wie lange haben Sie dort gewartet?
Wotenow: Ungefähr zehn Minuten, ich weiß noch, daß ich in der Zwischenzeit eine Zigarette geraucht habe. Als die beiden zurückkamen, haben sie gesagt, es brennt. Ich habe von dem Feuer nichts sehen können.
SPIEGEL: Warum hatten Sie wie Techentin und Burmeister angesengte Haare, wenn Sie nur Schmiere gestanden haben?
Wotenow: Das hat mit dem Anschlag nichts zu tun. Techentin und ich hatten ein paar Tage zuvor einen Hund gequält, den wir mit Haarspray bearbeitet und dann angezündet hatten. Dabei ist das mit den Haaren passiert.
SPIEGEL: Was haben Burmeister und Patynowski erzählt, als sie vom Haus zurückkamen?
Wotenow: Nichts Genaues, nur eben, daß sie Feuer gelegt haben.
SPIEGEL: Was haben Sie danach getan?
Wotenow: Wir sind losgefahren, erst nach Schlutup und später zum Lübecker Bahnhof. Wir haben so getan, als ob wir jemanden suchen, damit uns Leute sehen.
SPIEGEL: Und dann waren Sie noch tanken?
Wotenow: Ja, da hat das Haus schon längst gebrannt.
SPIEGEL: Bei der Feuerwehr ging um 3.41 Uhr der Alarmruf aus der Hafenstraße ein, es gibt Belege, daß Ihr brauner Wartburg um 3.19 betankt wurde. Wie paßt das zusammen?
Wotenow: Weiß nicht, das kann ich nicht erklären.
SPIEGEL: Kurz vor vier wurden Sie drei von der Polizei in der Nähe des Heimes kontrolliert. Wie kam es dazu?
Wotenow: Auf dem Rückweg nach Hause ist Burmeister wieder an dem Haus vorbeigefahren. Zu dem Zeitpunkt waren Feuerwehr und Polizei schon da. Als die Polizei uns kontrolliert hat, habe ich einen falschen Namen angegeben, weil ich wußte, daß noch ein Haftbefehl gegen mich offen ist. Dann durften wir gehen.
SPIEGEL: Haben Sie noch etwas von den Menschen mitbekommen, die um ihr Leben kämpften?
Wotenow: Wir haben noch gesehen, wie die Leute aus den Fenstern gesprungen sind. Eine Frau hat erst ihre Kinder heruntergeschubst und ist dann nach einigem Zögern selbst gesprungen. Da waren unheimlich viele Verletzte, die ganze Zeit war Gebrüll, und die Leute sind herumgekrochen. Vor dem Haus lag ein Toter auf der Straße, der hat noch gedampft. Wir haben nur erfahren, daß drei Mann tot sind. Daß es am Ende zehn waren, haben wir erst viel später gehört.
SPIEGEL: Wie haben Sie sich angesichts des Grauens gefühlt?
Wotenow: Patynowski hat auf der Rückfahrt nach Grevesmühlen schon gejammert: O Gott, sie kriegen uns. Nur Burmeister hat immer gesagt: Macht euch nicht fertig, das wird schon. Wir haben verabredet, daß wir nur sagen, daß wir ein Auto geklaut haben, daß wir an der Tankstelle und am Bahnhof waren und deshalb das Haus in der Hafenstraße nicht angesteckt haben können.
SPIEGEL: Haben Sie den beiden anderen Vorwürfe gemacht wegen der schrecklichen Folgen?
Wotenow: Nein, das ließ sich ja nicht mehr rückgängig machen. Was soll man da noch großartig drüber streiten?
SPIEGEL: Verfolgen Sie die Bilder von Lübeck noch heute?
Wotenow: Ich habe am Anfang davon geträumt, aber das ist wieder weggegangen.
SPIEGEL: Empfinden Sie Reue?
Wotenow: Eigentlich nicht - es ist eben passiert, fertig.
SPIEGEL: Warum haben Sie die Tat gestanden, Sie galten doch schon längst nicht mehr als Verdächtiger?
Wotenow: Ich hatte im Februar gehört, daß ein Mithäftling in einem Brief geschrieben hat, daß ich etwas mit der Brandstiftung zu tun habe. Da habe ich gedacht, es ist jetzt besser, wenn ich ein Geständnis mache, wenn sie mich doch bald kriegen. Und dann bin ich mit einem anderen Kumpel aus dem Knast zum Abteilungsleiter gegangen und habe gestanden. Und das gleiche am nächsten Tag noch mal vor dem Staatsanwalt.
SPIEGEL: Wie kam der Mithäftling darauf, daß Sie mit dem Anschlag zu tun haben könnten?
Wotenow: Ich bin hier nicht rumgelaufen und habe jedem erzählt, daß wir das waren. Aber irgendwie haben hier immer alle angenommen, daß wir das waren.
SPIEGEL: Warum hat Sie Ihr Knastkumpel zum Geständnis begleitet?
Wotenow: Der hat mich unterstützt. Er hatte mir schon vorher geraten, lieber ein Geständnis abzulegen, als irgendwann später acht oder zehn Jahre Knast zu kriegen.
SPIEGEL: Die Hoffnung auf ein mildes Urteil hat Sie zu Ihrem Geständnis bewogen?
Wotenow: Ich wollte den Bullen auch zeigen, daß sie nicht so schlau sind, wie sie immer tun. Ich will, daß auch ans Licht kommt, daß sie rumschlampen.
SPIEGEL: Warum haben Sie dann später widerrufen?
Wotenow: Ich bin irgendwie launisch geworden. Und mich hat das Mißtrauen des Kripo-Mannes so genervt. Aber dann sitze ich wieder am Zellenfenster, rauche eine und denke, so schlimm ist das hier gar nicht. Was sollst du draußen. Draußen hast du auch keinen. Ich habe mich an den Knast gewöhnt, habe Kumpels, mein Essen und mein Bett, gehe morgens arbeiten, abends fernsehen. Es ist alles geregelt. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier.

DER SPIEGEL 29/1998
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