13.07.1998

MITTELALTER Schwindel im Skriptorium

Reliquienkult, erfundene Märtyrer, gefälschte Kaiserurkunden - phantasievolle Kleriker haben im Mittelalter ein gigantisches Betrugswerk in Szene gesetzt. Neuester Forschungsstand: Über 60 Prozent aller Königsdokumente aus der Merowingerzeit wurden von Mönchen getürkt.
Selten begehrt ein Fremder Einlaß in das Domarchiv von Arezzo. Doch der Besucher ist beharrlich. Er sei Diplomatiker, sagt er, Handschriftenforscher aus Münster, und arbeite im Dienst der Wahrheit und der Wissenschaft.
Widerwillig nimmt Don Silvano Pieri den Gast ins Schlepptau. Über eine steile Treppe geht es hinauf ins Urkundenarchiv. Eine nackte Glühbirne wirft fahles Licht ins Gemäuer. Der Priester bleibt vor einem wuchtigen Eichenschrank stehen. Dann kramt er einen Eisenschlüssel unter der Soutane hervor. Mit lautem Klack öffnet sich das Schloß.
Mark Mersiowsky erschaudert. Über tausend verstaubte Pergamente liegen in den Regalen, eng beschrieben mit brauner Tinte aus Eisengallus (einer Mischung aus Eisenvitriol und dem Saft von Galläpfeln). Mürbe Seidenbändchen halten die Rollen zusammen. Der Forscher stellt den Laptop ab und greift zwei Dokumente heraus. Buchstaben mit langen "Spinnenbeinen" und Bienenwachssiegel prangen darauf. Eine Urkunde ist am unteren Rand zerfranst - Mäusefraß.
Eine Szene wie aus Umberto Ecos "Name der Rose": Seit zehn Jahren schon stiefelt Mersiowsky durch Katakomben, muffige Klöster und Staatsarchive. Ziel der Fahndung: Er will alle Urkunden Ludwigs des Frommen (778 bis 840) auf Echtheit prüfen und in einer kritischen Edition zusammenfassen.
Bei seinen Streifzügen taucht der Forscher in ferne, gottesfromme Welten ab. Anno Domini 814 bestieg Ludwig den Thron: Sohn Karls des Großen, Herrscher von Sizilien bis zur Elbe. In Aachen, seiner Hauptresidenz, saßen kunstfertige Notare, die das Wort des Imperators in lateinischen Lettern auf Pergament bannten.
474 solcher Staatsurkunden - Landschenkungen, Privilegien für Klöster, Zollerlasse - sind auf die Nachwelt gekommen. 60 Archive hat Mersiowsky bereits durchstöbert. Demnächst reist er nach Japan, wohin eine der Urkunden durch Auktionshandel (Kaufpreis: rund 300 000 Mark) gelangte.
Wunderwerke der Kalligraphie haben die karolingischen Kanzlisten hinterlassen. Bei wichtigen Anlässen griffen sie zur Purpurtinte und kritzelten "Tironische Noten". Diese Stenogrammschrift, entwickelt von Tiro, einem Sklaven Ciceros, diente als Echtheitssiegel. Nur wenige Eingeweihte beherrschten die Geheimkürzel.
Dennoch stößt Mersiowsky auf mannigfache Spuren von Mogelei. 54 Ludwig-Diplome hat er als unecht aussortiert. Plumpe Machwerke sind darunter, aber auch Meisterstücke, die etwa die komplizierte Schnuraufhängung des Wachssiegels perfekt nachahmen.
Solche Befunde sind typisch. Der Argusblick der Diplomatiker hat den mittelalterlichen Klerus ins kriminelle Milieu gerückt. Von "Erzbetrügern" und einer "Massenepidemie an Fälschungen" ist in der Zunft die Rede.
Bereits in den achtziger Jahren schlug der Nestor der deutschen Diplomatik, Horst Fuhrmann, 72, wie mit der Abrißbirne gegen das vom Klerus errichtete Truggebäude. Sein Fazit: Die Skriptorien hätten Fakten umgebogen "wie das Wahrheitsministerium bei George Orwell".
Nun decken die Experten immer neue Beweise für Täuschungsmanöver auf. "Unsere Zunft steht vor einem Abgrund an Falsifikaten", sagt der Aachener Historiker Max Kerner, "und es werden immer mehr." Auch Bischö-
* Mit tironischen Stenogrammzeichen (Markierungen).
fe, Metropoliten, selbst Päpste türkten mit dem Gänsekiel und radierten mit Bimsstein Zeilen weg. "Kaum ein deutsches Bistum", so Fuhrmann, sei frei von Schuld.
Per Federstrich attestierten sich Klöster Zollprivilegien. Sie sackten riesige Ländereien ein, gewährten sich Steuerfreiheit oder Immunität. Machte ihnen der Adel Besitz streitig, konterten sie mit Pergamenten, an denen Kaisersiegel baumelten.
Meist wurden die Pseudooriginale rückdatiert und mit den Namen längst verstorbener Regenten unterzeichnet. 10 Prozent aller Schriften Friedrich Barbarossas sind gefälscht. Bei Kaiser Otto I. liegt der Anteil bei rund 15 Prozent.
Besonders hoch im Kurs stand Karl der Große (747 bis 814). Spätere Jahrhunderte verehrten den Hünen (Körpergröße: etwa 1,90 Meter) als Garant von Ordnung und Gerechtigkeit. Bei Rechtshändeln hatte seine Signatur großes Gewicht. Entsprechend gern wurde sie imitiert. 35 Prozent aller Karlsurkunden gelten als unecht.
Noch bizarrer steht es mit der Buchführung der Merowingerdynastie (482 bis 751 nach Christus), jenen Frankenkönigen, die das Erbe des Weströmischen Reiches antraten und, umgeben von Kulturzerfall und Analphabetismus, schemenhaft am Beginn des christlichen Abendlandes stehen.
Ganze 194 Handschriften werden dieser Frühzeit zugeordnet. Historiker hüten die Überlieferungstrümmer wie Augäpfel, weil sie - vermeintlich - Auskunft geben über die Schattenepoche nach dem Kollaps der römischen Bürokratie. Einige der Diplome sind noch auf ägyptischem Papyrus verfaßt, dem Schreibmaterial der Antike.
Doch die meisten Texte stammen gar nicht von Merowingern. Theo Kölzer, Diplomatiker aus Bonn, ist derzeit dabei, die archaischen Urkunden zu sichten - fast ein Dutzend Handschriftensammlungen hat der Professor bei seiner Recherchetour abgeklappert. Sein Ergebnis: "Der Anteil der Falsifikate liegt bei über 60 Prozent."
Der Schriftgelehrte enttarnte manipulierte Datumszeilen und stieß auf "Phantasiemonogramme". Andere Texte sind "wie Flickenteppiche aus echten und unechten Elementen" komponiert. Besonders herb war die Enttäuschung im Kloster Malmedy (Belgien). Der von dort stammende Fonds, zehn vergilbte Pergamente, wurde bislang komplett für echt gehalten. Kölzer korrigiert: "Die Hälfte ist getürkt."
* Mittelalterliche Miniatur aus einer Fuldaer Handschrift.
Wie ein Schleier verdeckt ein Gestrüpp aus mönchischem Gaukelwerk den Blick auf die wahre Historie. Die Gestalt Chlodwigs I., des ersten Merowingerherrschers, ist mittlerweile völlig ins Nebulöse entrückt. Drei Urkunden sind auf seinen Namen ausgestellt. Alle haben sich als Schwindeldokumente entpuppt. Sie sind in der Zeit der Gotik - rund 700 Jahre nach Chlodwigs Tod - entstanden. Unbezweifelt ist damit nur noch, daß der Urkönig Europas dem germanischen Heidentum entsagte und sich im Jahr 498 taufen ließ.
Wie ist das lockere Verhältnis zur Wahrheit zu erklären? Litt der Klerus an einer "Abstumpfung sittlichen Gefühls", wie Experten vermuten, oder hielt er die Lüge für erlaubt, wenn es galt, Gottes irdische Immobilien zu mehren? Die meisten Fakes werden von den Forschern als "dolos" ("arglistig") eingestuft: Sie sind mit klarer Betrugsabsicht konzipiert, um Staat und Adel zu beschubsen.
Auch kirchenintern - Stichwort: "Fromme Fälschung" - ging der Klerus großzügig mit der Wahrheit um. Im Mittelalter kursierten über 200 Papsterlasse aus dem 1. und 2. Jahrhundert. Die Texte enthalten Vorschriften zur Abendmahlslehre, zu den Sakramenten oder der Liturgie. Nicht einer ist echt.
Bei anderen Mauscheleien trieb Eitelkeit die Kutten-Kujaus. Benzo, Abt des Klosters Sankt Maximin in Trier, attestierte sich das Recht, "jederzeit am Tisch des Kaisers essen zu dürfen" (Kölzer). In einem anderer Diplom log er sich zum obersten Seelsorger der Regentin hoch.
Großer Beliebtheit erfreute sich auch die Erfindung von Märtyrergräbern. Klöster, in deren Mauern prominente Gebeine lagen, genossen hohes Prestige. War kein Heiliger vorhanden, wurde er mit Gallustinte herbeigezaubert. Besonders kühn gingen die Benediktinermönche vom Kloster Sankt Emmeram zu Werke. Der Regensburger Mediävist Franz Fuchs hat das Bubenstück jüngst nachgezeichnet. Wohl um 1049 heckten die Mönche einen schrillen Plan aus. Sie behaupteten, der Heilige Dionysius liege im Kloster begraben.
Eine dreiste Behauptung: Dionysius galt seit jeher als Schutzheiliger von Paris. Das Kloster Saint-Denis ehrte den Leichnam in einer großen Grabstätte. Doch die Emmeramer hatten sich gut präpariert. Erst wurde der Leichnam - auf dem Papier - aus Paris entführt. Dann fälschten die Mönche Urkunden, meißelten Inschriftentafeln und hinterlegten rückdatierte Dokumente im Vatikan, die ihren Anspruch beglaubigen sollten.
Vor allem im 12. und 13. Jahrhundert, der Zeit der Gotik, wuchs sich das Phänomen zur Massenplage aus. Während in Straßburg, Köln und Reims 150 Meter hohe Kathedralen entstanden, lief in den Skriptorien die Schummelei auf Hochtouren. Klöster wie Corvey, Le Mans, Reichenau und Montecassino entwickelten sich zu Brutstätten der Radierkunst. Einige der Übeltäter sind Experten namentlich bekannt:
* Zu den Stars der Branche zählt Wibald von Stablo, Chef der sächsischen Reichsabtei Corvey. In seinem "Atelier für kreative Diplomatik, Schreibe- und Malkunst" hortete der Abt ein Sortiment von Schriftvorlagen und Kaisersiegeln.
* Petrus Diaconus (gestorben: 1159), Bibliothekar in Montecassino, fälschte viel und aus Passion. Aus seiner Hand stammen fingierte Heiligenviten, benediktinische Ordensregeln, und - aus schierer Lust am Mogeln komponiert - eine angeblich antike Stadtbeschreibung Roms.
Hochkarätig ist auch jener Spitzbube, dem die Heidelberger Mediävistin Beate Schilling nachgespürt hat. In einem 800-Seiten-Buch, das nächsten Monat erscheint, beschreibt sie das schillernde Leben Guidos von Vienne (um 1060 bis 1124)*.
Diplomatikern ist der Mann seit langem verdächtig. Kaum 30jährig stieg Guido zum Erzbischof seiner Kirchenprovinz im Rhônetal auf. Kaum im Amt produzierte er fließbandmäßig Falsifikate, darunter solche mit "größenwahnsinnigen Ansprüchen" (Schilling), die seine Machtstellung innerhalb der Kirche festigen sollten. Das Konzept hatte Erfolg: Im Jahr 1119 bestieg der Gauner als Kalixt II. den Papstthron.
Sein Gaukelwerk in Szene zu setzen fiel dem Klerus leicht. Denn die Kirche besaß das Schriftmonopol. Adel und Volk waren Analphabeten. Selbst viele Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation konnten nicht mal ihre Namen schreiben. Auf den Urkunden unterzeichneten sie, indem sie von den Notaren vorgefertigte Si-
* Beate Schilling: "Guido von Vienne - Kalixt II." Hahn-Verlag, Hannover; 828 Seiten; 180 Mark (erscheint im August).
gnaturen mit einem letzten Strich, dem "Vollziehungsstrich", vollendeten.
Zudem spielte der Zeitgeist den Schwarzröcken in die Hände. Die Menschen, oft fromm bis zur Manie, dürsteten nach Hokuspokus, Wundern und göttlichen Zeichen. Solche Bedürfnisse stillte die Kirche gern, etwa mit einer Springflut an "authentischen" Reliquien.
1164 wurden die Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln überführt. Ein Zertifikat bescheinigte ihre Echtheit. Turin besaß ein Madonnenbild, angeblich vom Evangelisten Lukas gemalt. Nürnbergs Klerus präsentierte das Leibchen vom Jesuskind. Andere Abteien zeigten die Gesetzestafeln Moses, Stücke von der Arche Noah oder Federn vom Engel Gabriel.
Rom übertraf alle. Im Jahr 1905 wurde der Reliquienschatz in der päpstlichen Hauskapelle Sancta Sanctorum geöffnet. Inhalt (unter anderem): die Bundeslade und die Vorhaut Christi. Tief ist der Stuhl Petri in den Betrugsschlamassel verstrickt. Der folgenreichste von der Kurie getürkte Schriftkomplex firmiert unter dem Begriff "Konstantinische Schenkung", ein Falsifikat, dessen Ursprünge bis heute im dunkeln liegen. Wahrscheinlich wurde es im 8. Jahrhundert fertiggestellt.
Um 330 nach Christus, heißt es dort, sei der römische Kaiser Konstantin schwer erkrankt und von Papst Silvester geheilt worden. Nach der Genesung verlegte der Imperator seinen Regierungssitz nach Byzanz und schenkte dem Stuhl Petri alle Westprovinzen seines Reiches.
Rund zwei Millionen Quadratkilometer weltlichen Besitzes wurden mit der Urkunde in Kirchenbesitz umgelogen. Kaiser Friedrich Barbarossa wehrte sich mit Waffengewalt. Seine Nachfolger reagierten "abwechselnd zwischen Brutalität und Hilflosigkeit" (der Mediävist Kurt Zeillinger).
Es nützte nichts. Um 1200 machte die Kurie mit ihren Ansprüchen Ernst. Feierlich setzte sich Innozenz III. die Tiara auf und definierte sie als Zeichen höchster weltlicher Autorität. Auf die Idee, die Schrift quellenkritisch zu prüfen, kamen die Betrogenen nie.
Das blieb den Diplomatikern der Neuzeit überlassen, die schließlich die Päpste zum Rückzug bewegten. Paul VI. legte die Tiara offiziell ab und brachte sie "den Armen der Welt" dar - am 11. November 1964. Eine Schuld für die Annexion per Federkiel streitet der Vatikan bis heute ab.
* Mit tironischen Stenogrammzeichen (Markierungen). * Mittelalterliche Miniatur aus einer Fuldaer Handschrift. * Beate Schilling: "Guido von Vienne - Kalixt II." Hahn-Verlag, Hannover; 828 Seiten; 180 Mark (erscheint im August).
Von Schulz, Matthias

DER SPIEGEL 29/1998
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