Es sieht zuerst aus wie ein Umzug, den Freunde gefilmt haben. Männer in abgeschabten Mänteln laden Möbel und Koffer auf einen Lastwagen in der Dresdner Sporergasse; Passanten mit Regenschirmen huschen durchs Bild. Die Gestapo-Beamten mit den tiefsitzenden Hüten und die gelben Sterne auf den Mänteln der Möbelträger allerdings lassen Böses ahnen.
Das Filmmaterial wurde am 23. und 24. November 1942 gedreht. Die Gestapo brachte an diesen beiden Tagen 279 Dresdner - so ziemlich die letzten Juden, die noch in der Stadt waren - in das Zwangsarbeitslager Hellerberg; drei Monate später deportierte die Gestapo sie nach Auschwitz.
Die Bilder sind ein einzigartiges Dokument für die Geschichte des Holocaust. In Wochenschau-Qualität flimmern die Vorstufen des Mordes an Europas Juden über die Leinwand. Knapp eine halbe Stunde lang zeigt der 240 Meter lange Zelluloidstreifen bedrückte Eltern, lächelnde Kinder und plaudernde Gestapo-Beamte, dann den Abtransport ins Lager, die Entlausung in der "Städtischen Entseuchungs-An-
* Beim Verlassen der "Städtischen Entseuchungs-Anstalt".
** Norbert Haase, Stefi Jersch-Wenzel, Hermann Simon (Hrsg.): "Die Erinnerung hat ein Gesicht". Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig; 223 Seiten; 29,90 Mark.
stalt", die Unterbringung in den Holzbaracken.
50 Jahre lagen die beiden Filmrollen im Privat-Archiv Erich Höhnes. Der Laborant der Zeiss Ikon AG, der später als Fotograf für seine Bilder des zerstörten Dresden berühmt wurde, drehte und schnitt damals im Auftrag der Unternehmensleitung.
Als Höhne 1995 sein Fotoarchiv auflöste, fand er die zwei Filmdosen wieder; das Zelluloid war inzwischen mit einer Salzschicht überzogen. Er übergab sie dem Filmemacher Ernst Hirsch. Die Stiftung Sächsische Gedenkstätten ließ die Aufnahmen restaurieren, die BBC zeigte Ausschnitte davon. Nun hat die Stiftung die Geschichte der Opfer rekonstruiert**. Der MDR sendet an diesem Donnerstag eine historische Reportage über das Lager Hellerberg mit bislang unbekannten Passagen aus Höhnes Material.
Die Nazis in der alten sächsischen Residenzstadt hatten es besonders eilig. Der Boykott jüdischer Geschäfte, den die NSDAP reichsweit für den 1. April 1933 ausrief, begann an der Elbe einen Tag früher. Beamte, die jüdischen Glaubens waren, ließ NSDAP-Gauleiter Martin Mutschmann bereits aus Dresdner Amtsstuben prügeln, als Hitler dies noch nicht angeordnet hatte.
Mutschmann, ein Spitzenfabrikant aus Hirschberg an der Saale, war glühender Antisemit. Schon 1939 begann er, jüdische Dresdner aus ihren Wohnungen zu vertreiben. Sie mußten in 37 sogenannten Judenhäusern unterkommen.
1941 zählte die jüdische Gemeinde nur noch gut 1200 Mitglieder von einst über 6000. Am 21. Januar 1942 wurden die ersten nach Riga deportiert. Im Osten Europas hatte der Massenmord bereits begonnen.
Sieben weitere Transporte verließen im Laufe des Jahres die Stadt; sie gingen nach Theresienstadt. Am Ende blieben die sogenannten Rüstungsjuden zurück, die in den Werken der Zeiss Ikon AG arbeiteten. Dort wurden Uhrwerkzünder für die Marine hergestellt.
Die Dresdner NSDAP drängte darauf, auch die restlichen Juden zu vertreiben. Das Unternehmen lenkte ein. Seit dem 1. Mai 1942 war es allen Juden verboten, die Straßenbahn zu benutzen. Die Zeiss-Ikon-Arbeiter kamen deshalb oft entkräftet zur Arbeit; die Fabrik lag abseits.
Am 10. November 1942 einigten sich Johannes Hasdenteufel für die Geschäftsleitung mit der Gestapo und der NSDAP-Kreisleitung darauf, ein Zwangsarbeitslager in der Nähe der Rüstungsfabrik, aber außerhalb der Stadt einzurichten.
Wie das geschah, dokumentiert der Film. Laster hielten vor den "Judenhäusern", um Koffer und Möbel abzuholen. Zwangsverpflichtete junge Juden mußten aufladen, Passanten schauten zu. "Eva sagte, diese neue Art der Evakuierung sei deshalb so schamlos, weil alles so offen vor sich gehe", notierte der Dresdner Literaturwissenschaftler Victor Klemperer die Worte seiner Frau in seinem berühmten Tagebuch.
Die Juden hatten sich in der "Städtischen Entseuchungs-Anstalt", Fabrikstraße 6, zu melden. Vor laufender Kamera wurden die Haare der Frauen auf Läuse untersucht. Die Männer mußten in einem Saal nackt auf ihre Untersuchung warten.
Dabei wurde die Kamera Höhnes, so Gedenkstättenleiter Norbert Haase, zur "Waffe": Sie diente der "voyeuristischen Verhöhnung der Opfer". Haase kann sich dabei auf den Ohrenzeugen Klemperer berufen. "Das Schlimmste", schrieb dieser, den die Ehe mit seiner nicht-jüdischen Frau vor dem KZ schützte, "soll die Entlausung der Frauen gewesen sein. Während sie in der Anstalt nackt herumliefen, wurden sie von der Gestapo fotografiert".
Die Aktion leitete SS-Untersturmführer Henry Schmidt, der dem sogenannten Judenreferat der Dresdner Gestapo vorstand. 1986 wurde er in der DDR festgenommen, wo er bis dahin unbehelligt gelebt hatte. Die Stasi gab dem "Operativen Vorgang", mit dem sie auf Schmidts Verhaftung zielte, den Decknamen "Sadist". Unter Dresdens Juden war Schmidt als Mitglied der Troika "Der Spucker, der Schläger, der Schreier" gefürchtet, die die beiden Polizei-Beamten Hans Clemens und Arno Weser vervollständigten.
Im Film verschränkt Schmidt die Hände hinter dem Rücken, scherzt mit Angestellten der Zeiss Ikon AG. Eine Limousine bringt ihn von der Entseuchungsanstalt zum Lager Hellerberg. Seine Opfer müssen mit Teilen ihres Gepäcks ins Barackenlager laufen. Ihre Möbel stehen dort schon im Dreck. Wertgegenstände sollen abgegeben werden.
Wieso der Film überhaupt gedreht wurde, ist ungeklärt. Walter Riedel, Laborleiter bei Zeiss Ikon, behauptete, er habe damals von der Chefetage den Auftrag erhalten, "jemanden" mit der Filmkamera zu einem Treffpunkt zu schicken. Da ihm selber die Zeit gefehlt habe, habe er seinen Mitarbeiter Höhne gebeten. Nach dieser Version wollte Zeiss Ikon die Lebensbedingungen in einem Arbeitslager des Unternehmens dokumentieren.
Der Historiker Marcus Gryglewski glaubt hingegen, daß der Film das Resultat des Machtkampfes zwischen Dresdens Oberbürgermeister Hans Nieland, einem Altnazi, und Gauleiter Mutschmann sei.
Am 23. November erfuhr Nieland, daß SS-Chef Heinrich Himmler, dessen Sympathien bei Mutschmann lagen, ihn zur Waffen-SS einziehen lassen wollte. Nieland, so vermutet Gryglewski, habe deshalb überstürzt den Auftrag erteilt, die für den gleichen Tag angesetzte Deportation zu filmen, um sich damit Propagandaminister Joseph Goebbels zu empfehlen. Goebbels, der Nieland seit Jahren kannte ("sehr sympathisch"), half denn auch aus und übertrug Nieland sofort "besondere kriegswichtige Aufgaben" für das Propagandaministerium, die ihn in Dresden unabkömmlich machten.
Für diese Version sprechen die antisemitischen Zwischentitel des geschnittenen Materials. "Einige Beispiele jüdischer Ordnung" heißt ein Abschnitt, in dem Höhne durcheinandergeworfene Besen und Teppichklopfer zeigt. Nieland wurde im Mai 1943 stellvertretender Reichsfilmintendant.
Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Dresdner Juden aus dem Lager Hellerberg bereits tot.
Am 20. Februar hatte Himmler die "Fabrik-Aktion" angeordnet - die Deportation jener Juden nach Auschwitz, die noch in der Rüstungsindustrie arbeiteten. In den frühen Morgenstunden des 3. März 1943 wurden die Dresdner Juden in Güterwaggons vom Bahnhof Dresden-Neustadt nach Auschwitz abtransportiert.
DER SPIEGEL 29/1998
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