20.07.1998

Rotz und Milzbrand

Das Deutsche Reich setzte im Ersten Weltkrieg biologische Kampfstoffe ein. Die Opfer: Pferde, Rinder und Maultiere.
Maximilian Karl Wilhelm Prinz von Ratibor zeigte großes Interesse an den Seifenstücken. Mehrfach beschwerte sich der deutsche Botschafter 1916 daheim in Berlin, daß die Kartons mit dem Körperpflegemittel in Madrid noch nicht angekommen seien. Sie waren mit E und B gekennzeichnet. E stand für equus, das Pferd, B für bos, das Rind.
Auf die Tiere hatte es der Adlige abgesehen: In der Seife waren Glasröhren mit den biologischen Kampfstoffen Rotz- und Milzbrandbazillen versteckt.
In Europa tobte der Erste Weltkrieg. Die Militärs des Reiches wollten verhindern, daß das neutrale Spanien Maultiere, Pferde und Rinder an Briten oder Franzosen lieferte. Helfer des Botschafters infizierten die zum Export bestimmten Tiere mit dem tödlichen Kampfmittel.
Nach dem Krieg mochte sich in Deutschland niemand mehr an den Einsatz der schmutzigen Bio-Waffen erinnern. Belege gab es nicht, und Deutschlands Militärs behaupteten, es habe sich um übereifrige "Freunde der deutschen Sache" gehandelt. Im Jahr 1925 wurde der Einsatz der Killerbazillen im Kriege geächtet.
Jetzt hat der Berliner Molekularbiologe Erhard Geißler Telegramme im Archiv des Auswärtigen Amtes in Bonn gefunden, die den deutschen Bazillenangriff auf Tiere beweisen*.
Nach der Niederlage 1918 hatten die deutschen Geheimdienste versucht, alle Unterlagen zu vernichten. Die nun entdeckten Papiere kommen aus dem Chiffrierbüro. Dort waren die Depeschen verschlüsselt worden, mit denen die Berliner Zentrale den Einsatz der Kampfstoffe steuerte.
Kopf des Unternehmens war der Legationssekretär im Auswärtigen Amt, Rudolf Nadolny. Der Ostpreuße glaubte damals noch, Deutschland könne England und Rußland gleichzeitig niederringen. Für den Zweifrontenkrieg war ihm der Einsatz von Bakterien recht.
Dabei konnte Nadolny auf die Unterstützung des kaiserlichen Feldheeres zu-
* Erhard Geißler: "Biologische Waffen - nicht in Hitlers Arsenalen". Lit Verlag, Münster; 880 Seiten; 89,90 Mark.
rückgreifen. Er leitete dort die "Sektion Politik Berlin des Generalstabs", zuständig für Spionage und Sabotage. Die Bakterienkulturen stammten mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem Laboratorium der Militär-Veterinärakademie in Berlin.
Von dort sandte Nadolny die Bazillen nach Spanien, Argentinien, Rumänien und in die USA, um Pferde und Maultiere zu töten, die die Alliierten aus diesen Ländern bezogen. Für die Kriegführung waren die Tiere wichtig. Allein Deutschland schickte 1,7 Millionen Pferde mit seinen Kavalleriedivisionen oder als Zugtiere für Geschütze an die Front.
Die Organisation der Anschläge übernahmen deutsche Diplomaten. Die Mission war heikel: Spanien und Argentinien waren während des Krieges neutral, die USA bis 1917, Rumänien bis 1916.
Im Juni 1916 schickte Nadolny seinen Spezialisten Hermann Wuppermann, Deckname "Arnold", nach Spanien. Der sollte dort Rotzbakterien in Glyzerin züchten. Sie bewirken bei Pferden eine lebensgefährliche Lungenkrankheit. "Kulturen sind geglückt", meldete am 23. Juni Prinz von Ratibor. Wuppermann reiste weiter nach Argentinien.
Wie viele Tiere den Bazillen zum Opfer fielen, weiß niemand. Die Erfolgsmeldungen an Nadolny sind verschollen. Und nicht jede Milzbrandepidemie war das Resultat von Sabotage.
Die Bazillen wurden den Pferden in die Nasenlöcher gestrichen. Der Kapitän Friedrich Hinsch zum Beispiel heuerte dazu Hafenarbeiter in Norfolk, USA, an. Die Amerikaner mußten ganze Pferdeladungen, die für die Briten bestimmt waren, in den Atlantik kippen, weil die Tiere erkrankten; sie verendeten in wenigen Tagen. Die Infektionskrankheiten Rotz - der Name stammt vom Schleim, den die kranken Pferde absondern - und Milzbrand waren damals nicht heilbar.
Die Überlebensfähigkeit der Erreger mißt sich in Dekaden. Letztes Jahr fand der Kurator des Polizeimuseums im norwegischen Trondheim beim Aufräumen eine Glasflasche mit zwei Zuckerstücken. Die Polizei hatte sie im Januar 1917 dem Baron Otto Karl von Rosen abgenommen.
Wahrscheinlich sollte der Baron im deutschen Auftrag Rentiere vergiften, die britische Waffenlieferungen an die Russen durch den Schnee zogen. Neben der Flasche lag ein Zettel: "Ein Zuckerstück mit Anthrax-Bazillen". Anthrax ist griechisch für Milzbrand. Der Museumskurator übergab die Flasche B-Waffen-Experten. Die Bazillen lebten noch.
Der B-Waffen-Einsatz gegen Tiere war kein Verstoß gegen das damalige Völkerrecht. Auch Briten und Franzosen setzten die Killerbakterien ein. Ihre Akten darüber sind noch immer Geheimsache.
Manche deutsche Diplomaten hatten immerhin Skrupel. Graf Karl Luxburg, deutscher Gesandter in Argentinien, weigerte sich und verbrannte den entsprechenden Befehl. Auch Nadolny kannte Grenzen. "Anwendung von Seuchenmitteln gegen Menschen nicht erwünscht, nur gegen Pferde und Vieh für Armee", telegrafierte er an den deutschen Militärattaché in Bukarest.
Den Einsatz von biologischen Waffen gegen Menschen hatte die politische Führung ausdrücklich abgelehnt. Als ein eifriger Stabsarzt im September 1916 dem Kriegsministerium vorschlug, durch Luftschiffe Pestbazillen-Kulturen über England zu verbreiten, beschied ihn das Amt: "Ihre Vaterlandsliebe in Ehren, aber wenn wir einen solchen Schritt begehen, sind wir nicht mehr wert, als Nation zu existieren."
* Erhard Geißler: "Biologische Waffen - nicht in Hitlers Arsenalen". Lit Verlag, Münster; 880 Seiten; 89,90 Mark.

DER SPIEGEL 30/1998
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