27.07.1998

KRIMINALITÄT„Etwas ganz, ganz Schlimmes“

Das Geständnis des Kinderschänders Ronny Rieken wirft erneut die Frage auf, ob Sexualstraftäter durch psychiatrische Gutachten erkannt oder gar geheilt werden können. Die Serie von Justiz- und Polizeipannen im Fall Rieken zeigt jedoch: Man hat es nicht einmal versucht.
Auf einem Feldweg am Küstenkanal bei Oldenburg beschloß Ronny Rieken, sein Schweigen zu brechen. 15 Minuten lang ließen ihn die Kriminalbeamten zwischen Pferdekoppel und Sandweg allein grübeln. Von hier war vor zwei Jahren die 13jährige Ulrike Everts verschleppt worden. Ein Vernehmungsbeamter sprach schließlich den entscheidenden Satz: "Junge, werde endlich erwachsen und stell dich der Verantwortung."
Seit Montag vergangener Woche steht fest: Der Mann, der Mitte März die 11jährige Christina Nytsch aus Strücklingen bei Papenburg mißbraucht und getötet hat, ist auch für den brutalen Mord an Ulrike Everts verantwortlich; ein liebevoller Ehemann mit einem Doppelleben, das er vor seiner Familie, seiner Frau und seinen Kindern verbarg; ein Triebtäter aber auch, der Polizei, Justiz und einem halben Dutzend Psychologen und Sozialpädagogen jahrelang durch sämtliche Netze schlüpfte.
Als Rieken, 30, vergangenen Montag sein Geheimnis offenbarte, zunächst seiner Frau, danach der Polizei, "sprach er ruhig und geordnet", erinnert sich sein Rechtsanwalt Rolf Sauerwein. "Liebling, ich muß dir noch was gestehen, etwas ganz, ganz Schlimmes."
Am 11. Juni 1996 hatte sich der ehemalige Binnenschiffer wie sooft zwischen Schiffen und Schleusen am Küstenkanal bei Oldenburg herumgetrieben. Als Ulrike Everts allein mit ihrer Ponykutsche am Dortmunder Moorweg um die Ecke bog, saß Rieken auf dem Kofferraum seines Wagens. Der Anblick des Mädchens habe ihn spontan zur Tat getrieben, gab er später an. Er riß das Kind vom Kutschbock, warf es in den Kofferraum und fuhr los.
In der Nähe einer Tiermehlfabrik unweit des Kanals nahm er seine rote Wolldecke aus dem Auto, auf der er fünf Monate zuvor an derselben Stelle ein elfjähriges Mädchen, das er am Leben ließ, sexuell mißbraucht hatte.
Rieken legte die Decke auf den Sandboden, holte Ulrike aus dem Kofferraum, nahm die Stoffwindel eines seiner eigenen Kinder und verband dem Mädchen damit die Augen. Dann verging er sich an ihr. Nach der Tat gab er dem Kind die Kleidungsstücke einzeln zum Anziehen zurück: Höschen, Radlershorts, ein T-Shirt. Dann erdrosselte er sie mit der Windel und brachte die Leiche ins 40 Kilometer entfernte Ipweger Moor. Dort wurde sie vergangene Woche gefunden.
Allein der Tathergang, wie Rieken ihn geschildert hat, zeige, so Anwalt Sauerwein, "daß er ein Triebtäter" sei - eine Einschätzung, die zahlreichen Gutachtern und Sozialarbeitern, die mit dem Sexualtäter zu tun hatten, über Jahre hinweg nicht in den Sinn kam.
Dabei war Rieken bereits im Mai 1989 durch die brutale Vergewaltigung seiner damals 17 Jahre alten Schwester aufgefallen. In einem für den Prozeß erstellten psychiatrischen Gutachten heißt es, Rieken sei lediglich eine "extrovertierte dissoziale" Persönlichkeit, die den Wunsch hege, "viele Mädchen sexuell kennenzulernen und sich selber zu bestätigen". Daß er die eigene Schwester vergewaltigt, zusammengeschlagen und mit einem Gürtel beinahe erdrosselt hatte, wurde in der Expertise fast zur Nebensache.
Die Folge: Rieken war nicht einmal in der zentralen Verbrecherkartei "Polas" des niedersächsischen Innenministeriums als Sexualstraftäter erfaßt - eine Panne, die erst knapp neun Jahre später, Anfang Juni dieses Jahres, von den Behörden als "menschliches und bürotechnisches Versagen" bezeichnet wurde. Der Fehler führte dazu, daß Rieken weder im Falle Ulrike Everts noch nach dem Tod von Christina Nytsch in den engeren Kreis der Verdächtigen rückte.
Immerhin: Aufgrund der Schwere der Tat wurde Rieken, der zuvor nur durch einige Gelegenheitsdiebstähle aufgefallen war, Ende 1989 zu einer Haftstrafe von zehn Jahren verurteilt. Doch die Revision verkürzte die Haftzeit auf fünf Jahre und sechs Monate, weil der erste Richter, so das neue Urteil, die besondere Höhe der Haftstrafe nicht richtig begründet habe. Im Gefängnis in Vechta, wo Rieken zu diesem Zeitpunkt bereits einsaß, wurde er als normaler Verbrecher behandelt. Anstaltsleiter Klaus Stege: "Ronny galt bei uns nicht als Sexualtäter."
Lediglich seine Trunksucht sah man als Problem an. In einer Alkoholikergruppe gelang es ihm trocken zu werden. Nach sexuellen Problemen fragte ihn niemand. Silvester 1992 bekam der Häftling sogar Hafturlaub - den er prompt nutzte, um daheim seine achtjährige Nichte zu mißbrauchen. Deren Mutter informierte die Polizei über die Tat erst vor wenigen Wochen, als Rieken bereits erneut in Haft saß - und einen weiteren Mord begangen hatte.
1993 kam Rieken wegen guter Führung vorzeitig auf Bewährung frei. Dem Gericht genügten die Stellungnahmen des Anstaltsleiters und des Schlossermeisters, bei dem der Häftling im Knast seine Ausbildung gemacht hatte. Deren Urteil: Rieken wolle "eine Familie gründen" und plane "ein bürgerliches Leben".
Ob eine Sexualtherapie, die in der Haftanstalt Vechta möglich gewesen wäre, Triebtätern helfen kann, ihre Sex- und Mordlust zu bändigen, gilt unter Experten als umstritten. Fest steht: Im Falle Riekens hat man es nicht einmal versucht.
Rund 50 Prozent der therapierten Sexualtäter werden innerhalb von fünf Jahren nach der Haftentlassung nicht wieder rückfällig. Das heißt: Jeder zweite, vor allem Täter mit sadistischen Phantasien, so das Ergebnis einer Studie an der therapeutischen Justizanstalt Mittersteig in Wien, sucht sich trotz psychologischer Behandlung neue Opfer.
In die Gedankenwelt von Triebtätern, die sich an Kindern vergehen, können sich Therapeuten offenbar nur schwer vorarbeiten. Die Täter seien meist intelligente, beruflich und sozial angepaßte Männer, so der Kieler Sexualmediziner Hartmut Bosinski. Einige von ihnen leben sogar in einer festen Partnerschaft. Die Kontakte zur Welt der Erwachsenen seien bei den meisten jedoch oft "merkwürdig reduziert" und würden ersetzt durch ein befremdlich wirkendes "Interesse an der Welt des Kindes".
Ihre Befriedigung bezögen die Täter zumeist, so eine Studie der Hamburger Sexualforscher Margret Hauch und Hartwig Lohse, aus einem "triumphalen Erleben von Potenz und Mächtigkeit" gegenüber dem wehrlosen Kind. Nur daraus könnten sie eine eigene, erwachsene Männlichkeit für sich selbst ableiten. Damit einher geht, so andere Experten, eine Verdrängung der eigenen Schuld. Dies, so Rieken-Anwalt Sauerwein, habe sich sein Mandant seit Kindestagen zum Prinzip gemacht. Vorbild seien seine Eltern, besonders Vater Wilhelm, der im Februar 1995 an den Folgen seiner Alkoholsucht starb.
Riekens Elternhaus, so Sauerwein, sei "ein Sumpf von Gewalt und sexuellen Übergriffen" gewesen. Der Mißbrauch der eigenen Kinder, aber auch anderer Verwandter, habe zum dunklen Geheimnis der Familie gehört. Auch Ronny sei davon nicht verschont geblieben. Als sein Vater in den siebziger Jahren wegen einer Sexualstraftat ins Gefängnis mußte und anschließend heimkehrte, so erinnern sich Nachbarn, sei die Tat schlicht geleugnet worden. Die Eltern mühten sich, stets das Bild einer heilen Familie zu bewahren.
Nur so kann sich Sauerwein erklären, daß Rieken seine grausamen Taten über zwei Jahre hinweg selbst vor der eigenen Familie geheimhalten konnte. Auch, daß er noch im vergangenen Jahr eine 13 Jahre alte Nichte mißbraucht hat. Das Doppelleben war ihm von Geburt an eingeimpft: Hier der sorgende Vater dreier Kinder, für die er kocht und denen er die Windeln wechselt, dort der gehetzte Triebtäter, der seinem Arbeitsplatz in einer Schlosserei fernbleibt, mit dem Wagen unzählige Kilometer im Monat durch die Region kreuzt, um nach Opfern Ausschau zu halten.
Selbst als im März dieses Jahres Hunderte von Polizisten und Anwohnern nach der verschwundenen Christina Nytsch suchten, läßt sich Rieken nichts anmerken. Seelenruhig gab er in seinem Heimatort Elisabethfehn freiwillig seine Speichelprobe zur Genanalyse ab - die überführte ihn am 29. Mai als Täter.
Das Geständnis für den Mord an Ulrike Everts wollte ihm damals noch nicht über die Lippen kommen, obwohl sich viele der Fahnder längst sicher waren, daß Rieken auch sie auf dem Gewissen hatte.
"Man merkte ihm an, wie es in ihm gärte", berichtet Anwalt Sauerwein. Wochenlang habe er mit seiner Vergangenheit gehadert. Erst ein minuziöser Vernehmungsplan - Dutzende Gespräche mit Kripobeamten und die Ausführung Riekens an jenen Ort, an dem Ulrike Everts vor zwei Jahren verschwunden war - machten ihn mürbe.
Das alles hätte womöglich nicht funktioniert, wenn nicht eine inzwischen 26jährige Frau dem Kinderschänder wenige Tage vor seinem Geständnis Mut zur Wahrheit abverlangt hätte - eine Frau, zu der er bis heute eine schaurig vertraute Beziehung pflegt: Ronnys erstes Opfer, seine Schwester Ramona.

DER SPIEGEL 31/1998
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