11.07.2011

In der Kältekammer

Söhne gegen den Vater, Stiefmutter gegen die Söhne - in der Familie Kohl wird nur noch gestritten. Es geht um das Gedenken an die Mutter, unerfüllte Liebe und das Leben im Schatten der Politik. Das Bild des Staatsmanns Helmut Kohl droht vom privaten Drama überlagert zu werden.
Sein Platz wäre in der ersten Reihe gewesen, gleich vor dem mächtigen Altar neben den dunklen Holzbänken, auf denen die Sitze für die engsten Familienangehörigen reserviert waren. Alles war seit langem vorbereitet für den Auftritt des Altkanzlers bei der Gedenkfeier, mit der noch einmal der Frau gedacht werden sollte, die bis zum Schluss treu an seiner Seite gestanden hatte.
Zehn Jahre ist es jetzt her, dass sich Hannelore Kohl das Leben nahm. In der Nacht vom 4. auf den 5. Juli 2001 schluckte sie eine Überdosis Schlaftabletten, bevor sie zum Sterben ins Schlafzimmer ging; die Ärzte legten den Todeszeitpunkt später auf die Stunde zwischen 22 und 23 Uhr fest.
Zehn Jahre sind eine lange Zeit, in der vieles verblasst, auch die Erinnerung an einen von vielen bewunderten und geliebten Menschen, aber als das Streichorchester in der Dreifaltigkeitskirche zu Speyer am vergangenen Dienstag zur Gedenkfeier aufspielte, war das Kirchenschiff bis auf den letzten Platz besetzt. 900 Gäste waren in die Domstadt gekommen, um der Toten noch einmal ihre Reverenz zu erweisen, Freunde, Weggefährten, einfache Parteimitglieder, vorneweg die Söhne Walter und Peter.
Nur das Familienoberhaupt fehlte. In der Woche zuvor hatte Helmut Kohl ausrichten lassen, dass er es vorziehe, zu Hause zu bleiben, in seinem Bungalow in Oggersheim. Auch der kleinen Trauerfeier am Grab, bei der die Söhne am Morgen einen Kranz niederlegten, war er absichtsvoll ferngeblieben. Von Oggersheim nach Speyer sind es 25 Kilometer, man legt diese Strecke mit dem Auto in 20 Minuten zurück, aber der Patriarch fand es an diesem Tag offenbar unerträglich, nach Jahren des Schweigens und Wegdrehens wieder neben seinen Söhnen zu stehen.
Es gibt kaum etwas, was eine Familie so vereint wie die Trauer - oder im schrecklichsten Fall auch entzweit. Nichts ist mehr gut im Hause Kohl, das weiß spätestens seit Dienstag vergangener Woche jeder, der sehen und lesen kann. Wie schlimm muss es um eine Familie stehen, wenn nicht einmal das Gedenken an die tote Gattin und Mutter die verfeindeten Parteien noch einmal zusammenzuführen vermag, und sei es nur für zwei Stunden?
So einem Familiendrama hat die Republik noch nicht beigewohnt. Es ist ein zu Herzen gehender Stoff, der in diesen Wochen öffentlich aufgeführt wird, geeignet für einen großen Film, nur dass sich dieses Drama nicht auf der Leinwand entfaltet, sondern in einer der prominentesten Familien des Landes. Es geht um unerfüllte Liebe, das Versagen als Vater, die ganz normale Schludrigkeit und Schuftigkeit in einer Ehe, die am Ende in die Katastrophe münden. Diese Tragödie spielt im wirklichen Leben, wo normalerweise die Vorhänge fest verschlossen sind, und trotzdem können alle zusehen, als säßen sie im Kino. Wann hat es das schon einmal in der Politik gegeben?
Wenn der Name Helmut Kohl fällt, merken die Deutschen noch immer schnell auf, auch 13 Jahre nach Ende seiner Kanzlerschaft. An Kohl scheiden sich die Geister, dieses gefühlsgesättigte Interesse ist bis heute abrufbar.
Kein CDU-Politiker hat jemals mehr Stimmen auf sich vereinen können; 43,7 Prozent der Wahlberechtigten votierten 1976 für den Christdemokraten, so ein Ergebnis hat nicht einmal Konrad Adenauer geschafft. Keiner wurde aber auch so angefeindet, ja geradezu lustvoll verspottet wie der Mann aus der Pfalz. Für seine Verächter war er erst die Birne, der Tor, das Trampel; ein Betriebsunfall der Geschichte, den schon die nächste Wahl wieder korrigieren würde. Dann, als er immer länger regierte, war er die Machtmaschine, die alles niederwalzte, was sich ihr in den Weg stellte.
Zu seinem 80. Geburtstag vor einem Jahr sah es kurz so aus, als würden sich auch die ärgsten Kritiker zu vorsichtigem Lob bereitfinden. Selbst die Spendenaffäre schien zu verblassen neben den Leistungen des Riesen aus Oggersheim, der den Deutschen nicht nur die Einheit gebracht hatte, sondern auch den Euro und damit einen prominenten Platz in der Mitte Europas. Vor allem diese Leistungen versöhnen viele im Nachhinein mit dem Mann, dem sie so lange in herzlicher Abneigung verbunden waren.
Nun tritt neben den Kanzler der Einheit wieder ein anderer Mensch, machtversessen, selbstsüchtig, auch im Privaten rücksichtslos, bis an die Grenze des Entschuldbaren. Und es sind nicht die Schlechtredner aus den Medien, die Frechlinge und Nörgler, die ihm jetzt nachstellen und deren Abwertung Kohl immer leicht als interessengeleitet abtun konnte. Die Angriffe kommen aus dem persönlichen Umfeld, in dem politische Erwägungen keine Rolle spielen.
Wenn die eigenen Kinder gegen einen aufstehen, rückt der Charakter eines Menschen in den Vordergrund. Ausgerechnet eine Politikerfamilie, die immer Wert auf den Respekt ihres Privatlebens legte, breitet nun noch das Privateste in aller Öffentlichkeit aus, und alle werden zu Zeugen und Richtern gemacht. So geht es in diesem Drama auch um die Frage, wie die Deutschen den greisen Kanzler einmal in Erinnerung behalten werden: als großen Staatsmann oder als eisigen Egoisten. Das verleiht dem Familienstreit seine politische Dimension.
Der Tag in Speyer ist der vorläufige Höhepunkt einer Zerrüttung, die im Januar ihren Anfang nahm, mit dem Erscheinen eines Erinnerungsbuchs aus der Feder des ältesten Sohnes Walter, 47. "Leben oder gelebt werden" hat es der Autor genannt, womit schon im Titel klar war, dass es hier nicht um einen normalen Rückblick ging. Vor vier Wochen folgte die Biografie Hannelore Kohls, verfasst von dem Filmemacher und langjährigen Wegbegleiter Heribert Schwan. Gerade wegen ihrer rückhaltlosen Bewunderung für die Kanzlergattin kommt sie zu einem besonders vernichtenden Urteil über den Altkanzler.
Und das ist noch längst nicht das Ende der medialen Aufbereitung der Kohl-Saga. Seit Mitte vergangener Woche liegt in den Buchhandlungen der Bildband "Hannelore Kohl - ein deutsches Leben", herausgegeben von Sohn Walter, zusammen mit der Kohl-Biografin Dona Kujacinski und dem Fotografen Helmut R. Schulze. Demnächst soll der Film folgen, ein erster Drehbuchentwurf ist in Auftrag, Mitarbeit hier: Peter Kohl, 45.
Die Fronten in diesem Familienstreit scheinen klar gezeichnet. Da ist der ehemals übermächtige Vater, vom Alter gezeichnet, aber unversöhnlich und starrsinnig wie eh und je. Ihm zur Seite steht die zweite Frau Maike Richter, 35 Jahre jünger, die die Pflege des greisen Patriarchen und den Schutz seines Erbes zur ihrer Lebensaufgabe gemacht hat.
Und da sind die beiden Söhne, zwei unglückliche Männer, die jahrelang unter der Nichtbeachtung gelitten haben und sich nun aus dem Schatten lösen wollen, in einem späten Akt der Emanzipation. Dazwischen gibt es noch die Mutter, der aus dem Grab heraus ein anderer eine Stimme verleiht, gegen den Vater, aber auch gegen die Kinder, die sie angeblich im Stich ließen, als sie deren Beistand am nötigsten gebraucht hätte.
Das Publikum schwankt zwischen Faszination und Entsetzen. Das Interesse an der Familientragödie ist gewaltig. Seit 22 Wochen steht "Leben oder gelebt werden" auf den vorderen Plätzen der Bestsellerlisten, knapp 200 000 Exemplare hat der Verlag verkauft. Schwans Hannelore-Kohl-Biografie brauchte gerade mal eine Woche, um das bestverkaufte Sachbuch des Monats zu werden. 160 000 Stück sind schon ausgeliefert.
Natürlich spielt dabei eine Rolle, dass nun eine Vorzeigefamilie des deutschen Konservatismus vor aller Augen in Stücke fällt. Die Kohls waren zu ihren guten Zeiten ja weit mehr als ein normaler Familienverband. Sie standen für alles, was den Leuten im rechten Lager lieb und teuer war und die Linken im Land mindestens so inbrünstig zu verachten gelernt hatten.
Man muss sich nur noch einmal die Bilder aus glücklicheren Tagen ansehen. Da stehen die brav frisierten Kinder um den Esstisch, an dem der Kanzlervater Platz genommen hat, von der Seite blickt die Mutter gütig lächelnd auf die Szene. In dieser Welt war die Ehe noch eine verlässliche Grundeinheit der Gesellschaft, in der jeder seinen festen Platz hatte: der Mann als Oberhaupt und Ernährer, die Frau als stillsorgende Kraft, die den Laden mit Umsicht zusammenhielt. Es sind Aufnahmen, wie sie in vielen Familienalben aus den mittleren Jahren der Republik zu finden sind, aber nun kann man sie nicht mehr anschauen, ohne sich unwillkürlich zu fragen, was gestellt ist und was echt.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Öffentlichkeit einen Eindruck bekommt, welche Entbehrungen diejenigen erleben, die das Pech haben, einen Elternteil mit der Politik zu teilen. Das größte Opfer in jeder Kanzlerschaft bringt die Familie.
Die Politik ist ein gefräßiges Tier, es verschlingt die Zeit eines Menschen, der sein Glück in ihr sucht. Er habe sich früh abgewöhnt, bei seinem Vater "Verbindlichkeit, vielleicht gar Innigkeit vorzufinden", hat Lars Brandt vor Jahren in seinem Erinnerungsbuch "Andenken" geschrieben. Willy Brandt heißt in diesem Buch nur "V.", so unterschrieb er seine Briefe, als er nicht mehr Papa oder Vater genannt werden wollte. Schon dieser Text gab einen Eindruck, welcher Verzicht den Angehörigen abverlangt wird. Auch bei Susanne Schmidt konnte man in ihren wenigen Interviews zwischen den Zeilen lesen, wie sehr sie unter der Dauerabwesenheit des Vaters gelitten haben muss.
Aber noch nie hat jemand so schonungslos aus der Kältekammer einer Kanzlerfamilie berichtet wie Walter Kohl. Überall schlägt das Unverständnis über den Vater durch, eine Wut über das gestohlene Leben, die seinen Bericht so unversöhnlich macht, trotz aller Beteuerungen, versöhnen zu wollen.
Als Walter und Peter Kohl am vergangenen Dienstag vor der Dreifaltigkeitskirche in Speyer vorfahren, warten viele Trauergäste bereits seit Stunden auf Einlass. Die meisten von ihnen sind im gesetzten Alter, Kinder der alten Bundesrepublik. Sie erzählen sich, wie die Familie Kohl sonntags in Speyer gemeinsam in die Messe ging und mittags auf den Markt. Sie sprechen von "den Kohls" wie von guten Bekannten.
Drinnen spielen die Musiker der rheinland-pfälzischen Staatsphilharmonie Bach. Durch die Kirchenfenster bricht goldenes Licht. Dann betritt Walter Kohl die Kanzel; er erinnert an den Tod der Mutter, ihr langes Leiden. Er lobt die Arbeit ihrer Stiftung, die Bedeutung des ehrenamtlichen Einsatzes für Hirnverletzte. Seine Stimme klingt kupfern wie die Kirchenglocken. "Unsere Mutter lebt durch meinen Bruder Peter und mich in der Stiftung weiter", sagt er. Zum Schluss dankt er allen, die geholfen haben, das Andenken an die Mutter in Ehren zu halten.
Er würdigt das Engagement des Unternehmers Heinz Nixdorf, sogar von seiner Grundschullehrerin erzählt er. Seinen Vater erwähnt er mit keinem Wort.
Als Walter Kohl 1963 geboren wird, ist der Vater bereits ein aufstrebender Politiker in Rheinland-Pfalz, und so kreisen schon die ersten Kindheitserinnerungen Walters um die Abwesenheit des Vaters. Er lernt ihn als einen Mann kennen, der zum Abendessen ins Haus huscht und dann bald im Arbeitszimmer verschwindet.
1969 wird Kohl zum Ministerpräsidenten in Mainz gewählt; sobald er nun die Bankreihen des Speyrer Doms verlässt, drängt das Volk zu seinem Landesvater. Der Vater liebt das sonntägliche Bad in der Menge, aber für die Söhne ist es die Hölle. "Wildfremde Menschen umringten uns, uns wurde die Wange gestreichelt, in die Oberarme geknufft", schreibt Walter Kohl. "Wir fühlten uns abgeklopft wie Vieh auf dem Markt."
Von Anfang an erlebt Walter Kohl die Politik als eine fremde, rätselhafte Welt. Die Mutter ist keine wirkliche Hilfe, sie will die Kinder schützen, indem sie alles Politische außen vor hält, und trägt damit zur Verunsicherung bei.
Wie soll ein Entkommen auch gelingen? Schon in der Grundschule ist Walter "der Sohn vom Kohl", so empfindet er es jedenfalls, er wird gehänselt, manchmal auch verprügelt. Für das sensible Kind wird der Name des berühmten Vaters immer mehr zur Belastung, Walter trägt ihn wie ein Stigma, aber Helmut Kohl erwartet von seinem Sohn, dass er die Anfeindungen mit jener Härte wegsteckt, die er sich in den Jahren in der Politik antrainiert hat: "Du musst stehen", verlangte er von ihm.
In den siebziger Jahren erschüttert der Terror der RAF die Republik, bald müssen die Kohl-Kinder von einem Begleitkommando des Bundeskriminalamts zur Schule gebracht werden. Morgens wartet ein violetter BMW vor der Haustür, in der Seitentür steckt eine Maschinenpistole von Heckler & Koch. Zu den Jugenderinnerungen von Walter Kohl gehört, wie er die Waffe in unbeobachteten Minuten auseinanderbaute und dann wieder zusammenfügte.
Das neue Heim der Familie im Ludwigshafener Stadtteil Oggersheim gleicht bald einer Festung. Um den freundlichen Bungalow, den die Kohls im Jahr 1971 beziehen, wird eine fünf Meter hohe Betonmauer gezogen. Dann stellen die Spezialisten des BKA fest, dass diese nicht ausreicht, um Attacken von Scharfschützen abzuwehren. Also wird sie um eine drei Meter hohe Wand aus Panzerglas erhöht.
Die Familie ist für die Kohl-Söhne nicht mehr ein Ort der Geborgenheit, sondern ein Platz, an dem ständig ein Gefühl der Bedrohung herrscht. Sicherheitsbeamte erklären Walter, dass er Opfer einer Entführung werden könnte. Sie nennen ihm sogar die Summe, die der Staat höchstens für seine Freilassung zahlen werde: fünf Millionen Mark. Ein Gespräch mit dem Vater über die Angst und die Einsamkeit, die er empfindet, ist kaum möglich. "Mein Vater hatte keine Zeit und, ja, auch kein Interesse", erinnert sich der Sohn: "Er war froh, wenn er diesen Themen ausweichen konnte."
Hannelore Kohl ließ ihren Mann gewähren. Im Grunde wäre sie mit einer Karriere abseits der Scheinwerfer viel glücklicher gewesen. Aber sie musste schnell erkennen, dass sie den Ehrgeiz ihres Mannes nicht bremsen konnte. Wie alle bürgerlichen Politiker beteuerte Kohl ständig, dass ihm die Familie Rückhalt und Kraft für den aufreibenden Beruf gebe, aber im Zweifel musste sie immer zurücktreten, wenn es um sein Fortkommen ging.
Nach außen gab Hannelore Kohl die perfekte Ehefrau. Sie bewirtete Parteifreunde und Staatsgäste, die zu Hause vorbeischauten, und in den ersten Jahren in Mainz gab es Momente, in denen ihr das Leben als First Lady durchaus Freude bereitete. Kohl galt damals als junge Hoffnung der Konservativen, und sie war die attraktive Frau an seiner Seite.
Als Kohl 1976 Oppositionsführer im Bund wurde, änderte sich das. Vom ersten Tag an hasste Hannelore Kohl den Bonner Politikbetrieb, das Intrigenspiel in der kleinen Rheinstadt, die sich für den Nabel der Republik hielt. In Bonn war ihr Mann nicht mehr der junge Reformer aus der Pfalz, sondern der Provinztölpel, der sich anmaßte, den Weltökonomen Helmut Schmidt herauszufordern. Auch Hannelore Kohl blieb nicht verschont. Plötzlich war sie die "Barbie aus der Pfalz", dabei sprach sie fließend zwei Fremdsprachen und hatte ein besseres Abitur als die meisten Mitglieder des Bonner Pressecorps.
Eine funktionierende Familie ist für einen Politiker immer auch Ausweis von Solidität und Charakterfestigkeit, gerade das bürgerliche Publikum beurteilt seine Repräsentanten auch nach ihrem Privatleben. Da bleibt es nicht aus, dass viele Politikerehepaare zum Mittel der Inszenierung greifen. Kaum etwas hat Hannelore Kohl mehr gehasst als den jährlichen Urlaub am Wolfgangsee, aber für den Gatten waren die gestellten Bilder der heilen Familie im Salzkammergut wichtig. Sie sollten den anderen Helmut Kohl zeigen, nicht die Machtmaschine, sondern den Menschen und Familienvater.
Nur einmal sprach Hannelore Kohl aus, wie sehr sie unter dem Diktat des Terminkalenders litt, das keinen Raum für das Private ließ. "Man muss vor allem warten können", sagte sie 1992 in einem Interview mit dem ZDF. "Aber nach vier, fünf Stunden echten Wartens kann man nur noch von einem Hund verlangen, dass er sich freut. Ich habe von unserem Hund gelernt."
Welchen Preis diese Form der Selbstdisziplin und Entsagung von einem Menschen fordern kann, zeigen die letzten Jahre. Nach der Wahlniederlage 1998 glaubte sich Hannelore Kohl endlich von der Bürde der Politik befreit, sie hoffte, sich mit ihrem Mann ins Private zurückziehen zu können. Doch dann kam die Spendenaffäre, und alles begann von Neuem. Ihr Mann saß die meiste Zeit in Berlin, um den Kampf um sein politisches Erbe zu organisieren. In Oggersheim legte sich die Einsamkeit wie eine Grabplatte über das Leben.
Seit Jahren schon litt Hannelore Kohl unter einer schweren Lichtallergie. Die Symptome waren irgendwann so schlimm, dass sie ständig in einem verdunkelten Haus leben musste. Am Ende sah Hannelore Kohl keinen anderen Ausweg, als sich zu vergiften. Die Nachricht ihres Todes erreichte Helmut Kohl in Berlin, er saß im Plenum des Bundestags.
Walter Kohl sieht den Grund für die Eskalation in dem absoluten Machtanspruch des Vaters und dessen Unfähigkeit, auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen. Helmut Kohl hingegen empfindet die Vorwürfe als ungerecht und maßlos. Im kleinen Kreis beklagte er sich oft über die politische Naivität seiner Kinder und deren mangelndes Verständnis für die Ansprüche seines Amtes.
Bis heute vermisst Walter Kohl eine Anerkennung seiner Leistung, das ist der Boden, auf dem die Kränkung weiter gedeiht. Eine Schlüsselszene seines Buches beschreibt, wie der Vater den Sohn im Sommer 1991 in New York besucht, wo dieser mittlerweile als Investmentbanker arbeitet. Voller Stolz zeigt der Sohn seinen kleinen Schreibtisch im Großraumbüro an der Wall Street. "Das kann es ja wohl nicht sein", sagt der Patriarch und macht auf dem Absatz kehrt.
Mag sein, dass sich diese Szene so zugetragen hat, vielleicht entspricht sie aber auch nur der Empfindung. Ehemalige Weggefährten des Altkanzlers berichten, wie Helmut Kohl Kabinettssitzungen mit Erzählungen über berufliche Erfolge seiner Söhne aufgehalten habe, die gesamte Tagesordnung kam darüber ins Rutschen.
Es ist schwer, aus dem Schatten eines großen Mannes herauszutreten, dieses Problem haben nicht nur die Kohl-Kinder. Wer aus einer berühmten Familie stammt, macht schon früh die Erfahrung, dass die Aufmerksamkeit nur abgeleitet ist. Der Erfolg ist kaum wiederholbar, das eigene Leben wirkt oft erschreckend klein.
Peter arbeitet heute als Investmentbanker in der Schweiz, Walter hat nach verschiedenen Stationen eine Firma für den Import von Werkzeugen für den Autobau. Das ist alles ehrenwert, aber nichts im Vergleich zu den Leistungen des Mannes, der erst zum jüngsten Ministerpräsidenten der Republik gewählt wurde und dann als Kanzler so lange regierte wie kein anderer. Walter Kohl will sein Buch als einen Akt der Befreiung verstanden wissen. Nun sitzt er in den Talkshows und berichtet von seiner Jugend als Kanzlerkind. Seine Ablösung vom Vater ist eine einzige öffentliche Therapiesitzung, das gibt der ganzen Sache auch etwas Trauriges.
Einmal gab es die Gelegenheit, das Kräfteverhältnis umzukehren, damals im Sommer 2001, als die Mutter sich das Leben genommen hatte und der Vater über den Kummer kaum hinwegfand. Walter Kohl war entschlossen, seinem verstörtem Vater auf dem Weg in das neue Leben unter die Arme zu greifen, aber bald hatte der Sohn das Gefühl, er habe nur noch Aufträge zu erfüllen, so wie einst die Referenten im Kanzleramt.
Als Helmut Kohl dazu überging, Wünsche von seinem Berliner Büro ausrichten zu lassen, packte er die Unterlagen des Vaters in Kisten und stellte sie in die Diele des Oggersheimer Bungalows. Ein Affront, aber so war es auch gemeint. Freunde des Altkanzlers riefen bei Walter Kohl an und sagten, so könne er mit dem Vater nicht umgehen, aber Walter ließ die Gespräche im Sand verlaufen. Irgendwann fragte der Sohn offen: "Willst du die Trennung?" Helmut Kohl antworte mit einen kurzen "Ja". Damit war der Bruch besiegelt.
Für Kohl ist der Zerfall auch deshalb eine solche Tragödie, weil es keinen wirklichen Ausweg mehr gibt. Lange hat er zu den Vorhaltungen seines ältesten Sohnes geschwiegen; nur engste Vertraute wussten, wie sehr ihn die Vorwürfe schmerzten, auch ratlos machten, weil er nicht sah, wie er ihnen begegnen sollte, ohne den Streit weiter anzuheizen.
Anders als sein Amtsnachfolger Gerhard Schröder hat Kohl immer seinen Platz im Geschichtsbuch im Auge gehabt. Seit er das Kanzleramt verließ, ist er damit beschäftigt, die Deutungshoheit über sein politisches Erbe zu verteidigen. 2520 Seiten umfassen seine Erinnerungen, und der letzte Teil des auf vier Bände angelegten Mammutprojekts steht noch aus. Die Privatfehde mit den eigenen Kindern setzt sein Lebenswerk jetzt einer Trivialisierung aus, gegen die er nicht mehr anreden oder anschreiben kann.
Die Bedingungen, die ihm seine Söhne für eine Aussöhnung stellen, sind kaum zu erfüllen. Sie verlangen, dass er die neue Frau an seiner Seite in die Schranken weist, aber das ist eine Forderung, der er nur um den Preis einer Trennung nachkommen könnte. Seine Frau wiederum ist empört über die ständigen Anfeindungen durch die Söhne, die sie nie als zweite Lebensgefährtin akzeptieren konnten. Sie erwartet, dass ihr Mann im Familienstreit auch öffentlich für sie Position bezieht und den Angriffen entgegentritt. Es ist eine völlig verfahrene Situation.
Vor drei Wochen sah es kurzzeitig so aus, als ob zumindest eine vorsichtige Annäherung gelingen könnte. Erst kam Sohn Peter in Oggersheim vorbei, dann meldete sich Walter am Telefon. Jahre hatten die beiden nicht mehr miteinander gesprochen.
"Hallo Papa, hier ist Walter", waren die ersten Worte nach der Zeit der Stille. Es sei eine spontane Geste gewesen, so berichtete der Sohn später, er habe in seinem Arbeitszimmer gesessen und auf das Bild seines Vaters gesehen. Man habe länger miteinander geredet. Der Vater sei "allein zu Hause" gewesen, er habe sich über den Anruf aufrichtig gefreut.
Manchmal hilft ein äußerer Anlass, um über die Sprachlosigkeit hinwegzufinden, ein gemeinsamer Feind, der die zerstrittenen Angehörigen in der Empörung wieder zusammenführt. Für die Kohls ist dieser Feind der ehemalige WDR-Redakteur Schwan, der in seinem Buch über das Leben und vor allem Leiden der Kanzlergattin Dinge ausbreitet, die sie als schweren Vertrauensbruch empfinden.
So wie Söhne und Vater es sehen, hat Schwan seine Vorzugsstellung im Hause Kohl ausgenutzt, um seinem Buch zum Erfolg zu verhelfen. 1998 war der Autor zu einem kleinen Team von Mitarbeitern gestoßen, die den Kanzler beim Schreiben seiner Memoiren unterstützen sollten, dabei hatte sich auch schnell ein enges Verhältnis zu Hannelore Kohl entwickelt. Oft war sie allein im Haus, wenn Schwan unten im Keller saß und Kabinettsprotokolle sichtete.
Schwan rechtfertigt seine Indiskretion damit, dass die Kanzlergattin genau gewusst habe, dass ein Journalist immer ans Schreiben denke. Für die Kohl-Söhne hingegen steht außer Frage, dass ihre Mutter niemals gewollt hätte, dass die Öffentlichkeit Details aus ihrer Krankenakte erfährt oder gar über ihre Vergewaltigung als junges Mädchen durch russische Soldaten unterrichtet wird.
Das war der Stand der Dinge im Hause Kohl nach dem ersten Kontakt zwischen Vater und Söhnen. In diesem Punkt herrschte Einigkeit: Presseleuten ist nicht zu trauen; wer sich mit ihnen einlässt, wird früher oder später verraten. Aber dann riet Maike Richter ihrem Mann, sich auch öffentlich zu erklären, und die Tür zur familiären Verständigung, die sich gerade für einen Spalt geöffnet hatte, fiel wieder zu.
Am Dienstag vorvergangener Woche verschickte das Berliner Büro des Altkanzlers eine Erklärung, in der er sich gegen "die öffentliche Zurschaustellung und Vermarktung" seines Privatlebens wandte. Die Veröffentlichungen würden die "Grenzen von Geschmack und Anstand weit überschreiten" und entsprächen in wesentlichen Punkten auch nicht der Wahrheit.
Die Erklärung enthielt kein Wort über das Buch des Sohnes, auch keinen direkten Bezug auf die Biografie seines ehemaligen Mitarbeiters Schwan. Aber es war nicht schwer zu verstehen, wen Helmut Kohl gemeint hatte. Ausdrücklich war im ersten Satz von den vergangenen "Monaten" die Rede, damit war klar, dass es nicht nur um Schwan ging.
Zwei Tage später saß Walter Kohl im Fernsehstudio bei "Markus Lanz", er hatte dafür seinen Urlaub an der türkischen Mittelmeerküste unterbrochen. In der bewegten Familiensaga um die Kohls kam nun die Fortsetzung, nach der Fehde zwischen Vater und Söhnen folgte Teil zwei, der Streit mit der neuen Ehefrau.
"Es kann nur einer die Presseerklärung überarbeitet haben", sagte Walter Kohl in der Sendung: "Und das ist die Maike." Sein Vater sei jetzt in einer Situation, "in der er nicht mehr so kann, wie er früher konnte", dafür müsse man Verständnis aufbringen. "Da muss jemand Hand angelegt haben, und die Liste ist sehr kurz."
Niemand kommt in den Familienerzählungen, die jetzt in großen Stapeln in den Buchhandlungen liegen, so schlecht weg wie die neue Ehefrau des Altkanzlers. Für Helmut Kohl ringen sich die Autoren hin und wieder noch ein wenig Verständnis ab. Da sind die Belastungen des Amtes, der einsame Kampf in der Spendenaffäre, die schwere Krankheit seiner Frau Hannelore, die auch ihm stark zusetzte.
Bei Maike Richter fehlen solche Entlastungshinweise. Ihre Rolle im Drama ist die der bösen Stiefmutter, die erst den Platz der toten Frau einnimmt und dann den Vater den Söhnen entfremdet. "Zerstörung" ist das letzte Kapitel bei Schwan überschrieben, das sich mit dem Leben des Altkanzlers nach dem Tod von Hannelore Kohl beschäftigt.
Die breitere Öffentlichkeit lernte Maike Richter am 11. April 2005 kennen. An diesem Tag feierte Helmut Kohl im Historischen Museum in Berlin seinen 75. Geburtstag, 800 Gäste waren gekommen, darunter auch eine junge, etwas verlegen lächelnde Frau in einem schwarzen Kostüm, die der Altkanzler als seine neue Lebensgefährtin vorstellte.
Aus dem Umfeld des Altkanzlers hieß es später immer, die beiden seien sich erst nach dem Selbstmord nähergekommen. Aber auch die Söhne kennen natürlich die Gerüchte, dass die Affäre vor dem Tod der Mutter begonnen habe. 1994 hatte Maike Richter im Kanzleramt als Referentin angefangen. Mitarbeiter erinnern sich, dass die junge Frau schon bald
erstaunlich oft in der Reise-Entourage des Kanzlers auftauchte.
Natürlich gab es auch Gerede über das Paar, als es die Beziehung schließlich öffentlich machte. Da war der große Altersunterschied, die Verehrung einer jungen, hübschen Frau für das Monument des deutschen Konservatismus. Später erzählte Maike Richter, sie habe schon als Jugendliche für den Kanzler geschwärmt. Auf einem Foto, das kurz nach der offiziellen Einführung als Lebensgefährtin die Runde machte, trug sie einen Hosenanzug aus dem Kleiderschrank der verstorbenen Ehefrau Hannelore. Nicht wenige sahen darin einen Beweis, dass sich Kohl eine Partnerin gesucht hatte, die er nach seinem Willen formen konnte.
Aber schon bald wurde deutlich, dass die neue Frau an der Seite des Altkanzlers genaue Vorstellungen über ihre Rolle hatte. Wer dachte, sie würde sich damit begnügen, den Haushalt zu führen und ansonsten wie ihre Vorgängerin diskret im Hintergrund bleiben, sah sich getäuscht. Nach und nach lichtete sich der Kreis der Getreuen, mit denen Kohl seine Tafelrunden nach dem Abschied aus dem Kanzleramt fortgesetzt hatte, als wäre er nach wie vor der König von Deutschland.
Erst wurde Juliane Weber verabschiedet, die langjährige Büroleiterin, mit der Kohl eine Zeitlang sogar zusammen in einem Haus gewohnt hatte. Dann das Ehepaar Hilde und Eckhard Seeber, das den Kohls über Jahrzehnte ergeben zu Diensten gewesen war, sie als Haushälterin, er als Fahrer und Mädchen für alles. Irgendwann waren auch die Freunde aus der alten Zeit verschwunden, der getreue Eduard Ackermann, Bernhard Vogel, der erzschwarze Publizist Georg Gafron. Wenn einer aus der Truppe der Kohlianer bei der Hausherrin in Oggersheim um einen Termin nachsuchte, hieß es nun, der Altkanzler könne leider keine Besuche empfangen.
Es gibt viele Geschichten, wie Maike Richter sich des Hofstaats entledigte. Es sind sehr hässliche dabei. In einer Geschichte ist davon die Rede, dass der verlässliche Ecki Seeber, der den Kanzler fünf Millionen Kilometer durchs Land kutschierte, eines Tages die Schlüssel zu Haus und Wagen abgeben musste, einfach so, als wäre er ein ganz normaler Bediensteter gewesen.
Es ist schwer zu sagen, was an solchen Geschichten stimmt und was nicht, aber es fällt auf, dass sie immer von Leuten erzählt werden, die bis heute nicht verwinden konnten, dass sie keinen Zugang mehr zu dem Mann haben, der so lange Zentrum ihres Lebens war.
Natürlich sei es für viele schmerzhaft, dass sie nicht mehr vorgelassen würden, sagt ein guter Bekannter der Kohls, aber irgendwann komme ein Punkt, wo eine Ehefrau ihren Platz behaupten müsse, wenn sie nicht untergehen wolle. Aus einem vertrauten Umgang erwachsen Ansprüche. Wenn Seeber den Altkanzler zu einer Ausfahrt abholte, musste Maike Richter wie selbstverständlich auf dem Rücksitz Platz nehmen. Am Ende habe sie sogar mit den dienstbaren Geistern darum ringen müssen, wer dem Kanzler den Nachtmantel herauslegen dürfe, berichtet der Bekannte.
Solange Kohl noch gut bei Kräften war, konnte man sich hin und wieder in sein Berliner Büro zurückziehen, um die alten Zeiten aufleben zu lassen. Da thronte der schwarze Riese dann über Münzsammlung, Büchern und geschnitzter Mutter Maria an seinem Schreibtisch, die Slipper von den Füßen geschoben, und vertrieb sich den Tag mit spöttischen Weltbetrachtungen. Manchmal kamen CDU-Abgeordnete aus der Fraktion vorbei, um sich über die Linkswendung der Partei unter Angela Merkel auszuweinen; dann wurde eine Flasche Riesling geköpft, und das Gespräch war schnell bei den Zumutungen der neuen Ära.
Seit seinem Unfall im Frühjahr 2008 ist es mit diesen Eskapaden vorbei. Im Februar war Kohl in der Küche seines Hauses in Oggersheim schlimm gestürzt. Eckhard Seeber fand den Verletzten in einer Blutlache auf dem Boden, am Kopf ein riesiges Hämatom. Die Ärzte diagnostizierten ein schweres Schädel-Hirn-Trauma.
Es folgten Monate in der Klinik und in Rehabilitationszentren. Bis heute ist Kohl auf einen Rollstuhl angewiesen, das Reden fällt ihm schwer. An guten Tagen reicht die Kraft für zehn, fünfzehn Minuten am Stück, dann versackt die Sprache wieder in Gemurmel. Besucher sagen, der Kanzler sei nach wie vor klar im Kopf und könne allem folgen, aber es scheint sicher, dass er immer ein Pflegefall bleiben wird.
Selbst Leute, die nicht viel Gutes über Maike Richter zu sagen haben, räumen ein, dass der Altkanzler ohne sie möglicherweise nie mehr das Krankenlager verlassen hätte. Wenige Tage nach dem Unfall hatte sie sich von ihrer zwischenzeitlich angetretenen Stelle im Wirtschaftsministerium beurlauben lassen, um sich ganz um den Schwerverletzten kümmern zu können. Bis heute sorgt sie rund um die Uhr für ihren Mann, unterstützt von Ordensschwestern, die diskret bei der Krankenpflege helfen. Kohl selber hat später gesagt, er verdanke seiner zweiten Frau das Leben.
Aber nun führt auch kein Weg mehr an ihr vorbei. Wenn sie im Haus ist, und das ist meist der Fall, geht sie ans Telefon. Briefe und Anfragen wandern zunächst über Maike Richters Schreibtisch, im Berliner Büro sitzt jetzt eine Bekannte aus gemeinsamen Bonner Tagen.
Der Altkanzler hat nach wie vor regelmäßig Besuch, so ist es nicht. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer war neulich für eine Stunde da, auch Jürgen Rüttgers und Stefan Mappus haben sich in den vergangenen Monaten beim Altkanzler eingestellt. Meist gibt es Kaffee und Kuchen, wenn es später wird auch deftige Hausmannskost, wie Kohl sie immer geliebt hat, dazu ein Glas Wein für den Hausherrn.
Aber es ist jetzt allein Maike Kohl-Richter, die darüber entscheidet, wem eine Audienz gewährt wird und wem nicht. Bei den Besuchen sitzt sie meist dabei; wenn Kohl nicht weiterweiß, ergänzt sie das, was er nur unzureichend sagen kann.
Walter und Peter haben sich nie wirklich mit den veränderten Verhältnissen im Hause Kohl anfreunden können. Von Anfang an war die Beziehung belastet, doch zunächst wurde wenigstens der Schein gewahrt. Beim 75. Geburtstag von Helmut Kohl saßen sie zwar nicht mit am Tisch des Jubilars, aber sie waren immerhin gekommen. Drei Jahre später, zur Hochzeit des Paares in der Kapelle des Reha-Zentrums in Heidelberg, waren sie nicht einmal mehr eingeladen. Per Telegramm unterrichtete der Altkanzler seine Söhne über die vollzogene Trauung.
In diesem Verhältnis ist wohl nichts mehr zu kitten. Noch einmal ging es hoch her, vor zwei Jahren, als Helmut Kohl die Kontrolle über die "Hannelore-Kohl-Stiftung" zu gewinnen versuchte, die seine erste Frau zu ihrem Lebenswerk gemacht hatte. Die Söhne vermuteten sofort, dass es darum ging, Maike Kohl-Richter in der Spitze der Stiftung zu installieren. Der Versuch scheiterte, auch weil der Altkanzler in letzter Sekunde den Eklat abwenden wollte.
So lange Helmut Kohl noch am Leben ist, geht es nur um verletzte Gefühle, nach seinem Tod wird der Kampf um das Vermächtnis beginnen.
Der materielle Nachlass ist eher bescheiden. Die Familie hat sich vor Jahren hoch verschuldet, um die Strafzahlungen an die CDU nach der Spendenaffäre begleichen zu können. 700 000 Mark hatte Helmut Kohl, neben Spenden, aus eigener Tasche beigesteuert. Ein Gutteil ist jetzt durch die Buchhonorare wieder hereingekommen, aber ein reicher Mann ist er nicht geworden.
Wirklich bedeutend ist das intellektuelle Erbe, die Notizen, Tagebücher, Briefe und Protokolle, die im Keller seines Hauses in Oggersheim liegen. Wer über dieses Material verfügt, der hat auch die Deutungsmacht über die Jahre im Amt und damit das Vermächtnis des Mannes, der wie nur wenige Nachkriegsdeutschland geprägt hat. Wenn es so weit ist, berührt der Streit nicht mehr nur die Geschichte der Familie Kohl, sondern auch endgültig die der Republik.
(*1) Am 5. Juli bei der Gedenkfeier für ihre Mutter Hannelore in Speyer.
(*2) Bei seiner Trauung 2001 mit Elif Sözen in Istanbul.
(*3) Im Februar als Gast in der ARD-Talkshow "Beckmann".
Von Jan Fleischhauer, René Pfister, Maximilian Popp und Barbara Schmid-Schalenbach

DER SPIEGEL 28/2011
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In der Kältekammer

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