11.07.2011

MECKLENBURG-VORPOMMERNEin Korb für Küsten-Barbie

Manuela Schwesig wollte die Landespresse mit fertigen Artikeln beschenken. Doch die Chefredakteure lehnten ab.
Es ist natürlich geschmacklos, als Nichtbehinderte in einem Rollstuhl zu posieren, aber Manuela Schwesig steht das Ding einfach fabelhaft. Auch mit einem Spezialgewehr für den Behindertensport macht die Ministerin für Soziales und Gesundheit von Mecklenburg-Vorpommern bella figura - davon konnten sich Ende Mai die Besucher der Rostocker Pflege-Messe überzeugen.
Manuela Schwesig, 37, ist viel unterwegs in ihrem Land und über dessen Grenzen hinaus. Das bringt ihre Aufgabe als stellvertretende Vorsitzende der Bundes-SPD mit sich, aber vor allem entspricht es ihrem Selbstverständnis als Politikerin. Sie weiß um die Macht der Bilder, und gegen ihre Eigen-PR wäre auch nichts einzuwenden, wenn diese unterfüttert würde mit einer soliden Pflichterfüllung im Amt.
Doch in ihrem Land fehlen nicht nur Fachkräfte im Pflegebereich; auch das im vergangenen Jahr beschlossene Kindertagesstättenförderungsgesetz ist noch immer nicht umgesetzt. Lorenz Caffier, Chef der Landes-CDU und Innenminister im rot-schwarzen Kabinett, hat seine Kollegin wegen ihres Faibles für Inszenierungen zuletzt als "Küsten-Barbie" verspottet - in aller Öffentlichkeit.
In diesem Sommer wollte Schwesig ihre Medienarbeit um einen Aspekt erweitern. Mit Hilfe einer Agentur versuchte sie, vorproduzierte Artikel in den wichtigsten Regionalzeitungen des Landes zu platzieren - ein Vorgang, der den Verdacht nahelegt, dass die SPD-Frau ein eher vordemokratisches Verständnis von Presse- und Informationsfreiheit hat.
Mitte April erhielten die Chefredakteure der "Ostsee-Zeitung", der "Schweriner Volkszeitung" und des "Nordkuriers" einen zweiseitigen Brief der Ministerin. Darin bedankte sie sich zunächst für die Berichterstattung über das von ihrem Ministerium und der Start gGmbH initiierte "Bündnis Kinderschutz MV".
Der Rest des Schreibens war so formuliert, als befänden sich die Zeitungen im Besitz der öffentlichen Hand: "Wir haben uns überlegt, im Land Mecklenburg-Vorpommern einen mehrteiligen Ratgeber Serie ,Kinderschutz-ABC' in den führenden Regionalzeitungen zu veröffentlichen." Auch in puncto Timing machte Schwesig klare Ansagen: "Wünschenswert wäre es, wenn die Artikel über einen Zeitraum von ca. sechs Monaten in regelmäßigen Abständen (ggf. vierzehntägig) erscheinen würden."
In den Redaktionen löste der Brief zunächst ungläubiges Staunen aus. Doch eine Mitarbeiterin des Ministeriums legte am 26. April mit einem weiteren Schreiben nach: "Aufgrund eines bedauerlichen Versehens waren dem Schreiben der Ministerin vom 13. April keine Anlagen beigefügt. Ich bitte dieses zu entschuldigen." Beigefügt war eine "Übersicht Themenvorschläge", die 25 Artikel auflistete. Von A wie Ansprechpartner bis Z wie Zeit für Kinder. Ebenfalls mit im Umschlag: zwei fertig formulierte Texte.
"Das war schon ein eigentümliches Ansinnen", sagt Dieter Schulz, Chefredakteur der "Schweriner Volkszeitung" ("SVZ"), "schließlich sind wir kein Verlautbarungsorgan des Sozialministeriums." Schulz sieht einen direkten Zusammenhang zwischen einer Anfang März veröffentlichten "SVZ"-Emnid-Umfrage und der Artikelserie Kinderschutz. "Zu unserer großen Überraschung waren Schwesigs Bekanntheitswerte desaströs", sagt der Chefredakteur, "38 Prozent der Befragten hatten angegeben, Frau Schwesig nicht zu kennen. Dem versucht sie seitdem mit einer massiven Öffentlichkeitsoffensive abzuhelfen."
Wären die Redaktionsleiter auf das Angebot eingegangen, wäre eines der zentralen Themen der Ministerin bis zur Wahl im September in allen wichtigen Zeitungen des Landes gesetzt gewesen.
Doch die Chefredakteure gaben der Ministerin einen Korb. "Wir halten es für sinnvoller, selber entsprechende Themen zu beackern", schrieb etwa "Ostsee-Zeitung"-Chef Jan Emendörfer: "Mit dem Abdruck einer in einem Ministerium erdachten und produzierten Artikelserie kommen wir mit unserem Credo ,unabhängig und überparteilich' ins Schlingern. Auch wenn wir davon ausgehen, dass Ihnen mit dem Thema ,Kinderschutz' jegliche Wahlkampf-Absichten fernliegen, bleibt die bloße Übernahme einer vorgefertigten Artikelserie gerade in einem Wahljahr zumindest fragwürdig."
Schwesigs Staatssekretär Nikolaus Voss bedauerte gegenüber dem Chefredakteur des "Nordkuriers", Michael Seidel, den Vorstoß. "Voss sagte mir, er könne die Empörung verstehen", berichtet Seidel, "leider sei er nicht da gewesen, als die unselige Idee geboren wurde, und habe sie deshalb nicht verhindern können."
Ministeriumssprecher Rüdiger Ewald bestätigt den Vorgang halbherzig: "Der Staatssekretär hat mit allen Chefredakteuren gesprochen, um den Brief der Ministerin zu begleiten und klarzustellen, dass es sich ausschließlich um einen Ratgeber handelt und nicht um Texte des Ministeriums."
Unbeirrt von den Verwerfungen mit der Heimatpresse setzt Schwesig weiter auf die Kraft der schönen Schnappschüsse. Neulich ließ sie sich bei einer Seenotrettungsübung im Überlebensanzug aus der zehn Grad kalten Ostsee fischen. Eigentlich hatte sie aus dem Hubschrauber abspringen wollen. Eine tollkühne Idee, die ihr die Spezialisten der Berufsfeuerwehr Greifswald nur mit Mühe ausreden konnten.
Ihr Sprecher dementiert zwar den Willen zum Sprung ins kalte Wasser und beteuert, Schwesig habe sich lediglich vor Ort ein Bild vom Stand des Rettungswesens machen wollen - schließlich finanziere ihr Ministerium die Ausrüstung der Retter mit. Dass die Rettungsstaffel bislang vergebens auf Geld zum Kauf einer Winde für den Helikopter wartet, haben die Journalisten bei dem Abenteuertermin aber nicht erfahren.
Von Gunther Latsch

DER SPIEGEL 28/2011
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