11.07.2011

LEGENDEN

Lunch mit dem Staatsfeind

Von Richter, Angela

Der Internetaktivist Julian Assange und der slowenische Philosoph Slavoj ?i?ek sind Superstars des linken Establishments. Weil WikiLeaks in Geldnöten ist, versteigerten die beiden ein gemeinsames Mittagessen in London. Die Theaterregisseurin Angela Richter aß mit. Ein Erlebnisbericht.

Kurz nachdem die Kellner den Wolfsbarsch gebracht haben, ist der Moment dann doch da. Plötzlich steht die Frage in der Luft, was in Schweden wirklich passiert ist. Acht Augenpaare richten sich auf Julian Assange, Slavoj Žižek zupft an seinem T-Shirt. Kann man das, ihn jetzt fragen?

Wir sind zu zehnt bei diesem Mittagessen in London, an einem geheimen Ort, in einem Hotel im Osten der Stadt. Acht Menschen sind von überallher angereist und haben viel Geld bezahlt, um mit zwei anderen Menschen essen zu dürfen.

Der eine dieser beiden anderen ist Julian Assange, der WikiLeaks-Gründer, Informationsaktivist, der sich seit fast einem Jahr einem Strafverfahren wegen Vergewaltigung in minderschwerem Fall und sexueller Belästigung entzieht, eine Art gefallener Engel. Der andere ist der slowenische Popstar-Philosoph Slavoj Žižek, Lacan-Jünger, Hegelianer und Marxist, seine Vorträge über Philosophie, Pop und Politik, überall auf der Welt, feiert er wie Rockkonzerte.

Beide sind auf sehr unterschiedliche Art Stars des linken intellektuellen Establishments. Der eine, weil er der Welt Informationen gibt, der andere, weil er Sinn stiftet. Diese beiden Männer haben sich gemeinsam auf Ebay versteigern lassen. Zumindest für ein Mittagessen. Ein Problem könnte sein, dass der eine, Assange, nur redet, wenn es sein muss, und der andere, Žižek, berühmt dafür ist, kaum eine Sekunde schweigen zu können.

Ich habe für dieses Mittagessen etwa 1600 Euro bezahlt. Vier Tage zuvor hatte ich es ersteigert: 1600 Euro, um mit einem per Haftbefehl gesuchten Computernerd und einem dauerredenden Philosophen Mittag zu essen.

Ich will in Hamburg auf Kampnagel ein Stück inszenieren über Supernerds, weil ich glaube, dass die Supernerds unsere Welt verändern und ihnen die Zukunft gehört.

Der Supernerd ist die Steigerung des Nerds. Ein Nerd ist ein Sonderling, dessen soziale Inkompetenz durch seine Intelligenz, sein Fachwissen, meistens seine Computerfähigkeiten, nicht ausgeglichen wird. Ein Supernerd hingegen ist genauso ein Sonderling und Fachidiot, aber er bringt es zu Starruhm. Anders als der Nerd hat der Supernerd Zugriff auf Frauen, was sowohl Assange als auch Žižek eindrucksvoll bewiesen haben (Žižek war bis vor ein paar Jahren mit einem argentinischen Unterwäsche-Model zusammen).

Ich hatte schon mehrmals versucht, mit Assange in Kontakt zu treten, erfolglos. Erst spät erfuhr ich von dieser Ebay-Auktion. Die erste Runde hatte ich verpasst, bei der zweiten schlug ich zu: Ich bekam den letzten der acht Plätze am Tisch.

Wer ein Mittagessen mit sich selbst bei Ebay versteigert, braucht offensichtlich dringend Geld. Etwa 20 000 Euro wird das Mittagessen eingebracht haben, es soll WikiLeaks zufließen, dessen Spendenkonten von Mastercard und Visa immer noch blockiert werden.

Ich fliege also nach London, ein Samstag, Anfang Juli. Ich bin zu früh da, draußen auf dem Bürgersteig stehen ein paar Leute herum. Ob einer von ihnen auch dazugehört? Und überhaupt, wer sind die Leute, ich habe gehört, einer von ihnen soll sogar über 4000 Pfund gezahlt haben?

Dann sitzen wir. Wir, das sind fünf Frauen und drei Männer - immerhin drei Männer. Ich hatte befürchtet, dass nur Frauen kämen.

Anton ist Mitte zwanzig, kommt aus Belgien und sagt, er wolle den gefährlichsten politischen Aktivisten und den gefährlichsten Denker der Welt zusammen erleben. Frau A. aus Wien wiederum ist nur zufällig in London und hat gerade nichts Besseres vor. Neben ihr sitzt die junge C. aus den USA und bekennt: "I am a supporter!"

Zu ihrer Linken erklärt Frau J. aus Berlin, dass sie über WikiLeaks geschrieben habe und über den Krieg und außerdem "very dark poems" verfasse. Es ist ein Small Talk mit vielen Missverständnissen, den wir hier versuchen, aufgelockert durch Philosophie-Gags und Anekdoten von Žižek, und bald frage ich mich, ob ein Mann wie Assange, der mal die Herrschenden in die Knie zwingen wollte, nicht Wichtigeres zu tun hat.

Assange aber scheint genauso neugierig auf die Teilnehmer dieses Essens zu sein, wie ich es bin. Er möchte wohl einfach wissen, wer seine Basis ist. Eine junge Frau mit russischem Namen, die in den USA lebt und momentan in Jerusalem studiert, fragt er, warum sie hier sei. Die Frau bewegt sich wie in Zeitlupe. Sie nimmt einen Schluck Weißwein und antwortet: "Der Grund, warum ich hier bin? Ich hoffe, dieses Treffen wird mich dazu inspirieren, mein Leben zu ändern."

Julian Assange ist kein Messias. Oder doch? Hätte es nicht ein bisschen kleiner anfangen können?

Doch bevor sich irgendjemand darüber Gedanken machen kann, fragt Žižek: "Was für eine Art von Veränderung?"

"Ich weiß es nicht genau. Deswegen bin ich ja hier."

Žižeks Augen flackern, er greift sich an die Nase, zupft an seinem T-Shirt, auf dem Lenin abgebildet ist. Während der Vorspeise, Artischocke mit Manchego, beginnt Žižek, den größten Teil der Tischkonversation im Alleingang zu bestreiten. Er wirft seine Maschine an, und sie läuft.

Es geht um den Hollywood-Film "Die Maske" und um den Sohn von Kim Jong Il, der so rein sein soll, dass er nicht urinieren und defäkieren muss. Damit, so Žižek, sei auch der Kommunismus in die Sphäre des Übersinnlichen eingetreten.

Ich erzähle von meinem Theaterprojekt, und plötzlich sind wir in einer Diskussion über Masken, die wir alle tragen, und die Charakterverpanzerung nach Wilhelm Reich. Ich erkläre, dass ich Julian Assange als unverpanzerte Energieform auf die Bühne bringen will.

Nach und nach wird das viergängige Menü gereicht. Žižek scheint trotz seines hohen Redepensums ständig zu essen, wohingegen Assange so aussieht, als äße er nie. Und doch werden sie am Ende die gleiche Menge verspeist haben.

Beide Männer könnten unterschiedlicher kaum sein. Assange interessieren nur die Fakten, die für sich sprechen und so Wahrheit produzieren. Er glaubt an eine absolute Wahrheit: Sie muss nur freigeschält werden. Žižek interessiert sich nicht für Fakten, Wahrheit ergibt sich für ihn erst aus ihrer wilden Verknüpfung zur Theorie.

Aber wer ist nun dieser Julian Assange in dem hellblauen Hemd, der mir da gegenübersitzt? Einerseits hat er unseren Blick verändert, mit dem wir moderne Kriege betrachten; er hat die westlichen Regierungen entzaubert und ihren Anspruch auf exklusives Wissen und Geheimhaltung. Andererseits läuft da auch dieses Ermittlungsverfahren gegen ihn, zwei Frauen haben mit ihm geschlafen und warfen ihm anschließend sexuelle Belästigung vor. Wieder und wieder wurde ihm nachgesagt, er sei ungepflegt und trage verschiedenfarbige Strümpfe - hier sitzt er im Maßanzug. Man hört, er habe seine angekündigte Autobiografie wieder abgesagt. Sein Ruf hat gelitten in den vergangenen Monaten, plötzlich fand man auch, dass er ja schon immer irre ausgesehen habe, ein Supernerd eben, ein ehemaliger Hacker, Anarchist, ein Narziss und Egomane.

Doch jetzt, wie er dasitzt, wie er zuhört, aufmerksam ist, sich von dem redenden Maschinengewehr neben sich nicht aus der Ruhe bringen lässt und sorgsam seine Worte bedenkt, wirkt er nicht wie ein Verrückter. Er sieht älter aus als noch vor kurzem, seriöser, aber auch ein bisschen melancholischer.

In China wurde Anfang April der Künstler Ai Weiwei verhaftet. Es gibt ganz offensichtliche Parallelen. Beide haben Informationen in die Öffentlichkeit getragen, die geheim bleiben sollten, beide werden mit vorgeschobenen Begründungen festgehalten, der eine wegen Steuerhinterziehung, der andere wegen sexueller Belästigung. Noch nicht einmal ich als Frau glaube an die Haltbarkeit der Vorwürfe. Vielleicht war es einfach nur schlechter Sex.

In beiden Fällen sind die Vorwürfe fadenscheinig. Im Fall Ai Weiwei sind die Medien im Westen angemessen empört, weil er im autoritären China unterdrückt wird. Die Reaktionen auf Assanges Verfahren fallen eher verhalten aus. Vielleicht hat Assange uns zu viel zugemutet: Wenn Staaten keine Geheimnisse mehr haben können, sind die Folgen für niemanden absehbar. Sie machen uns Angst. Julian Assange hat mit WikiLeaks ein Monument aufgestellt, an dem keiner mehr vorbeikommt: Niemand wird mehr so tun können, als habe er nichts gewusst.

Irgendwann erzählt Assange, er arbeite daran, etwas Unlöschbares im Netz zu hinterlassen. Etwas, das die Zeit überdauern kann. Der George-Orwell-Satz "Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft: wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit" sei nie wahrer gewesen als heute, sagt er. Nie zuvor sei es so leicht gewesen, die Vergangenheit spurlos auszulöschen. "Das zu verhindern ist mein Ziel für die Zukunft."

Am Ende, als die Nachspeise abgeräumt wird, stellt die Frau aus Jerusalem mit dem russischen Namen, die ihr Leben ändern möchte, eine einfache Frage: Was können normale Bürger tun?

"Wir müssen mehr miteinander reden", sagt Assange.

"What?"

"Es gibt Fernsehnachrichten, die eine Million Menschen sehen, und es gibt das eine Titelblatt, das eine Million Menschen lesen. So werden eine Million Menschen behandelt, als wären sie identisch. Aber wir alle haben verschiedene Gehirne und verschiedene Erfahrungen. Dieselben Informationen infiltrieren uns alle und machen uns einander immer ähnlicher."

Ein Idealist also. Plötzlich bekomme ich Skrupel. Ich hatte ursprünglich nicht vor, über dieses Essen im SPIEGEL zu schreiben, habe mich aber dann dafür entschieden, weil ich nicht finde, dass es hier etwas zu verheimlichen gäbe. Jetzt bin ich also ein Leak. Aber ist das mei-ne Entscheidung? Darf ich über dieses Mittagessen überhaupt öffentlich schreiben? Muss die Welt von diesem Mittagessen erfahren wie von den Untaten der Task Force 373 in Afghanistan? Streng genommen nicht. Andererseits: no more secrets.

Irgendwann während der Hauptspeise fragt einer der Gäste, eher zufällig, Assange, wie er zum Feminismus stehe. Bevor Assange in Verlegenheit geraten kann, greift Žižek, der Sprachautomat, ein. Er will Assange noch zur Seite springen und sagt, er würde Feminismus jetzt nur sehr ungern definieren wollen. Doch Assange winkt ab. Er finde es interessant, wie Schweden sich entwickelt habe.

"Es ist das am stärksten feministisch geprägte Land der Erde. Zufall, aber es ist ausgerechnet Schweden."

Er wisse, wovon er rede, er habe, nun ja, auf diesem Gebiet einige Erfahrung sammeln können.

Plötzlich reden alle durcheinander, plötzlich sind alle auf Augenhöhe, plötzlich ist irgendetwas in der Luft - die Möglichkeit, man könne jetzt alles fragen. Bevor irgendjemand wagt, die Grenzen der Höflichkeit zu übertreten, hat Žižek schon wieder das Wort ergriffen. Er hat das Wort Belästigung aufgeschnappt und erklärt nun seine Theorie von der narzisstischen Ökonomie der Belästigung.

"What?"

"Meine Theorie besagt, dass das, was wir heute Toleranz nennen, eine Erscheinung ihres exakten Gegenteils ist. Toleranz bedeutet: Belästige mich nicht. Und belästige mich nicht bedeutet: Komm mir nicht zu nahe. Was wiederum ganz exakt bedeutet: Ich toleriere nicht deine Anwesenheit."

Žižek strahlt. Das sind seine Auftritte.

Assange verschränkt seine Finger. Man hätte ihn in diesem Moment nach der Wahrheit fragen können, doch es hat niemand getan. Der Moment verfliegt, denn wir wollen ja gar nicht alles fragen, wir müssen nicht alles wissen.

Angela Richter, 39, in Kroatien geborene Theaterregisseurin, hat zuletzt am Berliner Theater Hebbel am Ufer ihr Stück "Berghain Boogie Woogie" inszeniert, davor bei den Salzburger Festspielen "Tod in Theben" des Autors Jon Fosse. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Maler Daniel Richter, in Berlin.



DER SPIEGEL 28/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 28/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon sonntags ab 8 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LEGENDEN:
Lunch mit dem Staatsfeind