11.07.2011

OLYMPIA„Okay, sie haben es verdient“

Richard Pound über die Vergabe der Winterspiele 2018 nach Südkorea, Münchens mögliche Wiederbewerbung und den schleichenden Machtverlust der Europäer im IOC
Der Kanadier Pound, 69, war bei der Vergabe der Winterspiele 2018 vorigen Mittwoch in Durban Chef des IOC-Wahlausschusses. Der Jurist aus Montreal, jahrelang IOC-Vizepräsident, fungierte von 1999 bis 2007 als Gründungspräsident der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada.
SPIEGEL: Herr Pound, Sie haben als Erster das Abstimmungsergebnis über die Olympiastadt 2018 gesehen, Pyeongchang gewann mit 63:25 Stimmen gegen München. Hat Sie das eindeutige Votum überrascht?
Pound: Jeder wusste zwar, dass nur Pyeongchang für einen Erstrundensieg in Frage kam. Aber dieser Vorsprung hat mich verwundert. Ich durfte mir aber nichts anmerken lassen und habe ein Pokerface aufgesetzt. Wissen Sie, wer richtig überrascht war?
SPIEGEL: Verraten Sie es uns.
Pound: IOC-Präsident Jacques Rogge. Wir drei Wahlhelfer unterzeichneten erst das Protokoll, dann ging ich zu ihm und sagte: "Wir haben einen Sieger." Er sagte: "Okay, also zweite Runde." Ich musste mich wiederholen: "Nein, Jacques, wir haben einen Sieger. Game over." Das war unser Code, dass es keine zweite Runde gab. Sonst hätte ich sagen müssen: "Ein Bewerber wurde eliminiert." Er brauchte ein paar Sekunden, um das zu begreifen.
SPIEGEL: Warum hat Pyeongchang gewonnen?
Pound: Weil die Koreaner eine gute Bewerbung hatten. Sie haben für 2010 und 2014 jeweils knapp verloren, sind wiedergekommen, haben investiert und alle Versprechen gehalten. Sie haben die Fehler abgestellt. Und am Ende, kaum zu glauben, haben sie bei der Präsentation sogar Witze gemacht. Koreaner! Sie waren erstklassig gecoacht und beraten. Deshalb hat die Mehrheit im IOC gesagt: Okay, sie haben es verdient. Lasst es uns schnell beenden.
SPIEGEL: Welche Rolle spielte der südkoreanische IOC-Sponsor Samsung? Samsung-Chef Lee Kun Hee ist IOC-Mitglied, wurde nach einem Korruptionsurteil in seiner Heimat zuletzt begnadigt, um im nationalen Interesse die Spiele nach Pyeongchang zu holen.
Pound: Samsung investiert so viel in das Sportbusiness wie kaum ein anderer Konzern weltweit. Ich weiß nicht, was da gelaufen ist. Ich weiß nur, dass auch Samsung smarter agiert hat als früher. Und wenn es nach ökonomischen Aspekten gegangen wäre, hätte Deutschland die Spiele bekommen müssen. Deutsche Firmen finanzieren den größten Teil des Umsatzes der sieben olympischen Wintersport-Weltverbände. Nein, das war schon eine sportpolitische Entscheidung - für neue Märkte und für einen gerechteren Ausgleich zwischen den Kontinenten.
SPIEGEL: Würden Sie sagen, der Wettbewerb war sauber?
Pound: Hören Sie, im IOC läuft das wirklich anders als im Fußball-Weltverband Fifa. Das IOC hat sich geändert. Da kamen viele neue Mitglieder rein, die alte Strukturen aufreißen und die man kaum einer Fraktion zuordnen kann. Es gibt mehr unabhängige Leute als früher. Wir sind keine bestechliche Truppe. Unsere Ethikkommission ermittelt sogar gegen Fifa-Funktionäre. Übrigens, wenn ich der Markenmanager der Fifa wäre, würde ich handeln und mich nicht hinstellen wie deren Präsident Joseph Blatter und sagen: "Wir haben keine Krise!" So wie er viele Jahre behauptet hat, Fußball hätte kein Doping-Problem. Der Fußball und die Fifa haben ein gewaltiges Glaubwürdigkeitsproblem, nicht das IOC.
SPIEGEL: Hat München Fehler gemacht?
Pound: Nicht dass ich wüsste. Eigentlich hat alles gestimmt, bis zur letzten Präsentation. Die haben alles gegeben.
SPIEGEL: Haben die nationalen Querelen und der Widerstand in Garmisch-Partenkirchen Stimmen gekostet?
Pound: Nein. IOC-Mitglieder wissen doch, dass in jeder Demokratie ein Drittel der Leute gegen solche Projekte ist. In Vancouver war der Widerstand damals viel größer, und trotzdem haben wir die Winterspiele 2010 dorthin vergeben. Entscheidend ist: Der deutsche Bundespräsident hat sich vor die IOC-Session gestellt und sich zu München bekannt.
SPIEGEL: Sollte München für 2022 wieder antreten?
Pound: Die Sommerspiele 2020 werden garantiert in Europa stattfinden, ob nun in Istanbul, Rom oder Madrid. Dies ist kein Ausschlusskriterium für eine europäische Winterbewerbung 2022. Für Winterspiele kommen doch weltweit nur etwa 15 Nationen in Frage, 10 davon in Europa. München kann es ruhig noch einmal versuchen und hätte erstklassige Chancen.
SPIEGEL: Auch wenn Thomas Bach 2013 IOC-Präsident wird?
Pound: Ja. Bach kann IOC-Präsident werden und München zwei Jahre später Olympiastadt 2022. Ich glaube, dass ihm die brutale Niederlage gegen Pyeongchang sogar helfen kann. Alle haben gesehen, dass er sich reingehängt hat. Er bekommt jetzt vielleicht einen Mitleidsbonus. Nur: Vergessen Sie nicht, dass bisher sieben von acht IOC-Präsidenten aus Europa kamen. Dieses Ungleichgewicht kann ein viel größeres Problem für ihn werden. Wir befinden uns in der Endphase des europäischen Imperiums im IOC.
SPIEGEL: Also doch eher der derzeitige Finanzchef Richard Carrión, ein Banker aus Puerto Rico? Er wäre der erste Lateinamerikaner auf dem IOC-Chefsessel.
Pound: Ich sehe noch drei, vier andere Kandidaten. Carrión verhält sich sehr clever und hat dem IOC jüngst einen Fernsehvertrag über 4,4 Milliarden Dollar besorgt. Das verschafft ihm Renommee. Mehr weiß ich auch nicht, ich bin kein Wahrsager.
SPIEGEL: Aber Sie können erklären, wie das IOC funktioniert.
Pound: Gut, dann lautet meine Botschaft: Im IOC gibt es keine Logik. Wir befinden uns in einer historischen Umbruchphase, die Machtverhältnisse ändern sich rasant. Mega-Events gehen an neue Länder und Regionen. Russland richtet 2014 erstmals die Winterspiele aus, Rio de Janeiro 2016 die ersten Sommerspiele in Südamerika - und Katar 2022 die Fußball-WM. Da geht es um sehr viel Geld. Das ist alles sehr riskant, aber so ist der Lauf der Dinge. Wir reden über ein globales Produkt. Nordamerikaner und Europäer müssen sich daran gewöhnen, dass sie die Sportwelt nicht mehr dominieren.
SPIEGEL: Ist die Entscheidung für Pyeongchang riskant?
Pound: Nein. Organisatorisch sind wir auf der sicheren Seite. Die Südkoreaner können das. Es gibt ein territoriales Risiko mit Nordkorea, aber damit leben die seit 60 Jahren. Als wir 1981 die Sommerspiele für 1988 nach Seoul vergeben haben, war das viel riskanter. Der Norden war noch stark, und im Süden hatte es im Jahr zuvor einen Militärputsch gegeben. Das war eine heiße Zeit.
SPIEGEL: Es waren die ersten Jahre der olympischen Kommerzialisierung, Sie wurden Marketingchef und IOC-Vizepräsident. Was kann man daraus heute noch lernen?
Pound: Cool bleiben, Chancen nutzen und handeln. Wie immer im Leben. Ich habe damals trotz der Militärdiktatur für Seoul gestimmt, weil ich an Korea und die Kraft der Olympischen Spiele geglaubt habe. Die Spiele haben Südkorea beim Übergang zu einem demokratischen Staatswesen geholfen.
SPIEGEL: Wen haben Sie diesmal gewählt: München oder Pyeongchang?
Pound: Das habe ich vergessen. Ich bin schon 69, in meinem Alter kann das passieren.
Von Jens Weinreich

DER SPIEGEL 28/2011
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