27.07.1998

MUSIKTHEATERÜber die Wolken!

Peter Zadek inszenierte Brecht/Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ in Salzburg: Die alte Utopie vom Glück durch Anarchie wird kolossal lebendig. Von Matthias Matussek
Brecht zur Eröffnung der Salzburger Festspiele, das ist Kapitalismus- Kritik bei Kartenpreisen bis zu 700 Mark - natürlich ein Lacher.
Und natürlich ist es eine Falle, der man kaum entrinnen kann. Unten die Leute von Salzburg mit Juwelen und oben die Leute von Mahagonny mit Transparenten im markerschütternden Patt des bürgerlichen Kulturbetriebs. Wie kommt man da raus?
Der gängigste Weg wäre der inszenierte Skandal, wäre die Saalschlacht, die wechselseitige Beschimpfung, und gerade diese Oper eignet sich auf den ersten Blick dafür wie keine andere. Der Künstler als Aggressor, der Abonnent als Feind, beide im geschmierten Indianerspiel subventionierten Theaterkrachs. Ein Ausweg für schwache Nerven und mediokre Talente - und eine Sackgasse, denn genau hier schnappt die Falle erst recht zu: prima Provokation heute abend, und was gibt's zum Nachtisch?
Der andere Ausweg, der einzige, der schwierigere, erfordert Nerven wie Drahtseile und einen wachen Glauben an den Zauber der Bühne. Und das ist der, den Peter Zadek geht.
Zadeks Provokationen, seit Jahren schon, liegen in der Verweigerung von Feindseligkeit. Seine Klugheit ist das genaue Gegenteil von Besserwisserei. Er sagt: Wir sitzen alle in einem Boot. Es gibt im Moment nur falsche Lösungen. Aber irgendwo muß es eine richtige geben, sonst sind wir alle verloren. Alle! Vorerst müssen wir uns mit der Bühne begnügen, denn dort, für Momente, erhaschen wir den Ausblick ins ganz andere.
Wenn also am Ende die "unbelehrten" Leute von Mahagonny für den "Kampf aller gegen alle" demonstrieren und "für die ungerechte Verteilung der irdischen Güter", wenn sie für ihr bitteres Selbstmordprogramm auf die Straße gehen und so klingen, als hätte Brecht die FDP vorausgeahnt, dann sind sie nicht zynisch, sondern ratlos. Ratloser vielleicht am Ende des Jahrhunderts als in seinen gewalttätigen Pubertätsjahren, denn die Hoffnungen sind aufgebraucht und die Erlösungen nur Kulissenspiel: Bei Zadek betreibt selbst der liebe Gott nur noch einen leergegessenen Hot-dog-Stand.
Im "Wunder von Mailand", einer sanften Zadek-Provokation im Nachwende-Berlin, hoben die heiligen Armen am Ende ab in den Himmel - so was ähnliches muß ihm für die ganz und gar unheilige Meute von Mahagonny vorgeschwebt haben.
Irgendwohin! Nicht in die kommunistische Erlösung, sondern über die Wolken! Und das Wunder von Salzburg ist, daß es gelingt.
Es gelingt ausgerechnet auf einer Bühne, die mindestens so groß ist wie Österreich. Hier, wo für Sänger und Statistenheere normalerweise schon der Weg zum Orchestergraben ohne Kompaß nicht zu erreichen ist, geschweige denn der zur nächsten Whisky-Bar, ausgerechnet hier hat Peter Zadek doch noch seinen Brecht hingezaubert. Er tut es mit jener Präzision, mit der Brecht den Maschinenraum des Kapitalismus studiert hat, und bei allem jazzigen Schmiß und melodischem Reichtum, mit denen ihm der Komponist Weill in die Parade fuhr.
Damals, im Dezember 1931, als "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" in Berlin aufgeführt wurde, kam es zum gewaltigen Krach zwischen Brecht und Weill. Brecht verlangte das Primat des Textes, Weill das der Musik. Brecht brüllte: "Den falschen Richard Strauss werfe ich in voller Kriegsbemalung die Treppe hinunter."
In Salzburg sorgen Zadek und sein kongenialer Dirigent Dennis Russell Davies für eine Versöhnung der beiden. So ist etwas Drittes entstanden, eine Luftspiegelung ausgerechnet zur Eröffnung der geldklotzigen Festspiele, tatsächlich "die erste surrealistische Oper", als die Adorno das Werk schon 1930, im Jahr der Uraufführung, begrüßt hat.
Die Bühne im Festspielhaus wird erobert wie die Weite des Westens: mit einzelnen Vorboten, Pionieren aus dem Nichts, ein paar schäbigen Motels. Vor einem endlosen blaßblauen Horizont strandet die Witwe Begbick (Dame Gwyneth Jones) samt Dreieinigkeitsmoses und dem Prokuristen Fatty auf der Flucht vor der Polizei.
Hier bleiben sie, weil überall anders nur Unruhe und Zwietracht sind, hier gründen sie, ein biblischer Moment, die Stadt, die sie Mahagonny nennen, "das heißt: Netzestadt". Hierher sollen die Unterdrückten kommen - vor allem sollen sie hier ihr Geld lassen, denn auch die Begbick muß leben.
So, zwischen Wildwest und Babylon, zwischen leichten Mädchen und letzten Dingen, blüht das Unternehmen Mahagonny - man sucht den grünen Mond und das vollkommene irdische Glück.
Anstrengungslos rollt Zadek einen kolossalen Breitwand-Film auf, mit Elefantentempeln und Zottelbären, einer schwebenden Freiheitsstatue, mit marschierenden Blaskapellen und Armeen von Sextouristen und einer mählich wachsenden Soldateska aus den Bildern von Grosz - ohne daß er je das Zentrum aus den Augen verlöre, nämlich die Miniatur, die Frage, die sein Held Jim Mahoney mit sich trägt: Wie finden wir Glück?
Zadek zeigt Mahagonnys Anfänge als Traum für Pauschaltouristen. Man sitzt bei Kaffee und Kuchen, entschlossen, den Urlaub prima zu finden. Es ist Jim Mahoney, der das Idyll aufmischt, und seine Geschichte, das verkündet ein junges Mädchen mit allerschönster Natürlichkeit, soll an diesem Abend erzählt werden.
"Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" ist ja keine durchkomponierte Oper, sondern ein musikalisches Stationendrama, entstanden aus dem Nukleus von fünf vertonten Gedichten der Brechtschen "Hauspostille", ein musikalisches Cross-over aus Kabarett und klassischer Moderne, aus Jazz, Arbeiterchören und Chorälen - vernäht und zusammengehalten nur durch die Geschichte Jim Mahoneys, die hinzugedichtet wurde.
Jim Mahoney kommt aus Alaskas Wäldern, bleibt in Mahagonny hängen und wird schließlich zum Tode verurteilt, weil er seinen Whisky nicht bezahlen kann - "wegen Mangel an Geld, / was das größte Verbrechen ist, / das auf dem Erdenrund vorkommt". Doch eigentlich büßt Mahoney für seine Träume von einem ganz anderen Leben, büßt für sein Anarchistenmotto: "Denke den Gedanken - du darfst es."
Zunächst sucht Jim Mahoney, was andere suchen. Ruhe, Eintracht, Whisky, Mädchen. Hotels und Bars wachsen aus dem Boden, und im Hintergrund etwas Dunkleres, das an Wachtürme erinnert - ein düster geschütztes Idyll.
Unter den Leuten von Mahagonny ist Mahoney wie der Prolet auf dem Sonnendeck der Titanic. Eine mürbe, weißgewandete Gesellschaft lauscht da den Improvisationen eines automatischen Klaviers vorn an der Rampe, ein paar Rosen auf dem schwarzpolierten Holz. Schön - seufzt es. Und da schießt Mahoney in die Luft, mit seinem Revolver, "weil zuviel Ruhe herrscht ... und weil's zuviel gibt, woran man sich halten kann".
Es ist ein Taifun, der Mahoney hilft, und dessen Bedrohung - die genügt. Der Taifun macht im letzten Moment einen Bogen um Mahagonny, doch was der Taifun kann, kann der Mensch schon lange und erst recht Jim Mahoney - er bringt die Verhältnisse zum Tanzen.
In Salzburg ist Jerry Hadley dieser Mahoney. Ein Holzfäller mit der Seele eines Kindes, ein zynischer und großmütiger Teufelskerl, der der Hure Jenny Liebeslieder singt und Mahagonny den Marsch bläst und am Ende, noch mit seinen letzten Worten vom elektrischen Stuhl herab, die Meute umarmt, die ihn abserviert: "Laßt euch nicht verführen."
Ja, Zadeks Inszenierung trägt in ihren spannendsten Momenten Flanell und Jeans und heißt Jerry Hadley. Und der beherrscht alle Kontraste: Er wechselt mühelos von der Jazzphrasierung zum hohen Arienton und gleich wieder zurück in den intimen Dialog oder die Ansprache, ein raumgreifender Sänger und Spieler dazu, halb Christus, halb Outlaw - Mahagonnys Herz.
Als der Taifun Mahagonny verschont und Jim Mahoney die neuen Spielregeln verkündet, nach denen nun gelebt werden soll, läßt ihn Zadek von der Bühne, aus dem Käfig. Und so tigert Hadley durch den Zuschauerraum und agitiert. Die neuen Regeln funktionieren nur, wenn alle mitmachen. Mahoney verkündet die Anarchie als Weg zum Glück: Fressen, Prügeln, Lieben, Saufen.
Du darfst alles, denn das Leben ist kurz. Laß dich nicht dazu verführen, deine Ansprüche aufs Glück zu vertagen. Doch an Mahoneys Kumpeln zeigt sich, daß sich der wahre Hunger unter den herrschenden Bedingungen nicht befriedigen läßt. Schmidt etwa frißt sich an Kälbern zu Tode und möchte eigentlich sich selber verschlingen. Alaskawolfjoe wird im Boxring totgeprügelt. Die Liebe ist nur als käufliche zu haben, und der Rausch verfliegt spätestens, wenn die Rechnung kommt.
Was Liebe sein könnte, besingt Catherine Malfitano als Hure Jenny im Kraniche-Song mit zartester Glut. Doch die Verhältnisse, die sind nicht so, und das macht die Malfitano weit öfter klar: Ihre Jenny ist ein Luder, das sich Mitleid nicht leisten kann. Sie wird Jims Rechnung nicht übernehmen, wird ihn vor dem elektrischen Stuhl nicht retten - "denn wie man sich bettet, so liegt man, es deckt einen keiner da zu". Daß sie sich verkaufen muß, solange sie ansehnlich ist - diese Puffregel schleudert die Malfitano so brutal, so triumphierend heraus, daß sie als allgemeine Lebensmaxime noch in der hintersten Reihe mit Einvernehmen rechnen kann.
Zadeks Mahagonny ist eines jener seltenen Opern-Spektakel, in denen alle Anstrengungen mit magischer Mühelosigkeit ineinanderfließen. Da sind Richard Peduzzis gleitende Licht- und Kulissenwechsel und Verena Weiss' inspirierte, spontan wirkende Choreographien. Da sind die Sänger von amerikanischer Lässigkeit, da ist aber vor allem Dennis Russell Davies im Orchestergraben, der mit Weills Songs, bei aller Virtuosität und rhythmischer Präzision, eine ausgelassene Party feiert.
Am Schluß hebt die Freiheitsstatue ab wie ein unerreichbares Ideal. Am Schluß stehen die Leute von Mahagonny über Jims Leiche, und sie wissen genau, wie falsch sie liegen - und sie sind "unbelehrt". Am Schluß bleibt nur ein einziges Transparent lesbar: "Für die Freiheit der Reichen". So ist das in Salzburg, so ist das überall.
Und in dieser Lakonik, das wiederum versteht Zadek, liegt mehr Dynamit als in jedem Theaterskandal: Unbelehrt, in unglücklicher Aufgeklärtheit zusammengeschmiedet sind die im Parkett und die auf der Bühne.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 31/1998
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