03.08.1998

TRADITIONSPFLEGEKampferprobte Verbände

Die Zeitschrift „Der Landser“, Fachorgan für die Verklärung der Wehrmacht, begeistert zunehmend junge Leser: Skinheads und Rechte in Ostdeutschland.
Im zweiten Stock eines unauffälligen Gebäudes im badischen Rastatt ist der Zweite Weltkrieg noch in vollem Gang. Fast jeden Werktag, Punkt 15.30 Uhr, bezieht in den Räumen der Verlagsunion Pabel Moewig, einer Tochter des Heinrich Bauer Verlags, der Wehrmachts-Oberfeldwebel Bertold Jochim, 76, seinen einsamen Posten.
Der Chefredakteur ist der letzte von einst 25 Kameraden, die 1957 die Zeitschrift "Der Landser" aus der Taufe hoben. Nur eine Art Blitzmädel im Sekretariat deckt die Flanke an der Rotationsfront.
Wie in den Anfangszeiten kommen die Geschichten über "kampferprobte Verbände", bestehend aus "Prachtkerlen" voller "Manneszucht", von ehemaligen Weltkriegssoldaten, die ihre militärromantisch geprägten Erinnerungen Jochim zur Gleichschaltung überlassen. Im Duktus der "Deutschen Wochenschau" der Jahre 1939 bis 1945 werden "durchgesickerte Rotarmisten niedergekämpft" und "Bunker unschädlich gemacht". Es geht "gegen einen Feind, von dem sie keine Gnade zu erwarten haben". Der "aufopferungsvolle Kampf im Westkaukasus" wird im "Landser" ebenso wie das "opferreiche Ringen" vor Leningrad als "unvergänglicher Beweis stummer Pflichterfüllung" gewürdigt. Themen wie Geiselerschießungen, die systematische Ermordung von Juden, Terror der Einsatzgruppen von Wehrmacht und SS meiden Jochim und seine Autoren mit kameradschaftlichem Feingefühl. Trost bietet da nur bodenständige Sinnlichkeit, beispielsweise ein Russenmädchen "mit drallen Hüften und einem Busen, der Sprengsatz für die Bluse war".
"Die Leser sind", so der "Landser"-Chef stolz, "vor allem junge Leute." Die leben zu einem großen Teil im deutschen Osten und haben den Heftchen, deren Auflage von 500 000 Exemplaren in den fünfziger Jahren auf einen Bruchteil Ende der Achtziger fiel, zu neuer Blüte verholfen.
Rund 60 000 Stück werden Woche für Woche an Bahnhofskiosken von Berlin bis Guben vorwiegend an Jungs mit Glatzen oder strammgezogenen Scheiteln verkauft. Bei den Vorkämpfern für "national befreite Zonen" gehören die Fronterlebnisse der Großväter zum geistigen Rüstzeug, auch wenn der Feind diesmal nicht in einem sowjetischen Panzer, sondern in der nächsten Döner-Bude sitzt.
Der Vorteil der feldgrauen Druck-Erzeugnisse: Sie gelten nicht als rechtsextremistisches Schriftgut und werden selbst im Knast an die Kundschaft ausgeliefert.
Immer wieder stießen Fahnder der sächsischen Sonderkommission Rechtsextremismus (Soko Rex) bei Razzien auf Stapel von "Landser"-Heften - Ecke auf Ecke säuberlich gestapelt - neben Baseballschlägern und Butterflymessern. ",Der Landser' ist in der Szene bestens bekannt", sagt Lothar Hafner, Pressesprecher des Landeskriminalamts Sachsen. Beim Verlag gibt man sich in puncto Kundschaft ahnungslos, räumt aber ein, daß die Verkaufszahlen im Osten gut seien, weil es da "einen großen Nachholbedarf" gebe.
Chefredakteur Jochim kann in seinem Produkt nichts entdecken, was Rechte freuen könnte. Er will die Hefte als eine Art pazifistischer Leidensprosa verstanden wissen: "Wir wollen der Nachwelt klarmachen, was sich hinter dem Begriff Krieg verbirgt, was die Menschen durchmachen mußten."
Eine subtile Botschaft, die viele Leser offenbar nicht entschlüsseln können. "Eine pazifistische Tendenz sehe ich da nicht", sagt Steffen Reichow, 21, "Landser"-Leser seit 1992 und Kreisvorsitzender der NPD im mecklenburgischen Neustrelitz.
"Das Heroische" in den Heftchen habe ihm schon früh zugesagt. Der "Endkampf um das Reich 1945" fasziniert den jungen Rechtsextremen bis heute. Bei Reichow halfen die "Landser"-Hefte mit, jene "Verschwörung der Großväter mit den Enkeln" anzuzetteln, mit der Republikaner-Begründer Franz Schönhuber immer wieder gedroht hatte. Reichows Opa war bei der Waffen-SS. In Sachen Zweiter Weltkrieg pflegen die beiden einen kameradschaftlichen Konsens.
Reichow weiß, daß viele der jungen Kameraden, die wie er im März vergangenen Jahres unter Führung der NPD in München gegen die Wehrmachtsausstellung marschierten, ihre Weltsicht unter anderem mit Hilfe des "Landser" erworben haben: "Das sind eben Tatsachenberichte und nicht die Lügen von Herrn Reemtsma."
Er könne nichts dafür, beteuert Jochim, "wenn jemand unsere Botschaft mißversteht". Doch nicht nur der Heftinhalt, auch das Anzeigenumfeld ist weitgehend frei von wehrkraftzersetzenden Neigungen. Rechtslastige Kleinverlage offerieren dort Kassetten mit "Liedern, die wir einst sangen", darunter völkische Schnulzen ("Mein Kamerad") des NPD-Barden Frank Rennicke. Beliebt scheinen auch Bücher über "Verbrechen an der Wehrmacht".
Jochim kontert jede Kritik mit dem Argument, daß die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften schon seit Jahrzehnten an den Heften nichts zu beanstanden habe. Die Prüfer, die der Frage nachgehen, ob ein Werk "sozialethisch desorientierend" wirkt, haben zwar das "Landhaus des Grauens" auf den Index gesetzt und schützen die deutsche Jugend vor dem Bumsfilm "Laß jucken Kumpel, Teil III". Zum Bumbum aus deutschen Geschützrohren fällt ihnen offenbar nicht viel ein.
Vielleicht liegt es am publizistisch bombensicheren Unterstand, den Jochim gezimmert hat. "Der Landser", so die in den Heften allgegenwärtige Parole, sei eine "stumme Anklage gegen kriegerische Gewalt in jeder Form".

DER SPIEGEL 32/1998
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