03.08.1998

ERZIEHUNG

Mein Kind ist mir unheimlich

Von Gatterburg, Angela

Sie lernen mit vier Jahren Chinesisch und Japanisch, interessieren sich für Politik und Philosophie, aber leiden häufig auch unter ihrer Intelligenz: hochbegabte Kinder. Unterforderung, so zeigen neue Studien, führt zu Wutanfällen, Depressionen und Lernstörungen.

Marcel war schon als Baby seltsam. Er schlief nie länger als zwei Stunden am Stück, krabbelte und sprach früh, spielte ungern mit anderen Kindern und bekam regelmäßig Wutanfälle. Beim Frühstück fragte er: "Wie funktioniert ein Atomkraftwerk? Wie funktioniert der Luftausgleich bei tauchenden Walen?"

Erzieher und Lehrer reagierten meist unwirsch auf den Wissensdurst des Kleinen. Die Eltern überlegten besorgt, warum sich ihr Sohn bei gleicher Erziehung so anders entwickelte als seine ältere Schwester. "Bei ihr", erinnert sich Vater Helmut Mang, 42, "verlief alles ganz normal."

Weil weder Erzieher noch Grundschullehrer Rat wußten, schleppten die Eltern Mang ihren Sohn zu etlichen Kinderpsychologen, ließen ihn verschiedene Therapien machen. "Aber an seinem Zustand", erklärt Marcels Mutter Regina Mang, 34, "änderte sich nichts. Er nervte und gab uns das Gefühl, alles falsch zu machen."

Die Lösung schließlich, Marcel war neun Jahre alt, brachte ein umfassender Intelligenztest: Marcel hat einen Intelligenzquotienten von 139 und gehört somit zu den zwei bis fünf Prozent hochbegabten Kindern, die es, wie Experten schätzen, pro Geburtenjahrgang in Deutschland gibt. "Also, blöd bin ich nicht", sagte Marcel erleichtert.

Der inzwischen Elfjährige wäre gern wie andere Kinder auch: nicht so kompliziert. Er spielt Schach, liest jede Menge Sachbücher, interessiert sich für Geschichte und Computerspiele. Die Diagnose Hochbegabung, erklärt Lastwagenfahrer Mang freimütig, habe ihn ziemlich überrascht. "Leider kam sie Jahre zu spät."

Mit hochbegabten und somit außergewöhnlichen Kindern befaßte sich die amerikanische Psychologieprofessorin Ellen Winner. Ihr neues Buch beschreibt, wie hochbegabte Kinder wirklich sind, wie es um ihren psychischen Zustand und ihre Sensibilität steht und was betroffene Eltern tun können, um Tragödien in der Schule zu vermeiden*. Winner schildert zwar nur amerikanische Fälle, aber viele ihrer Erkenntnisse sind allgemeingültig.

* Ellen Winner: "Hochbegabt. Mythen und Realitäten von außergewöhnlichen Kindern". Aus dem Amerikanischen von Maren Klostermann. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart; 424 Seiten; 78 Mark.

Hartnäckig hielten sich bisher falsche Vorstellungen vom Wesen der Hochbegabung, so Winners These, "vielleicht, weil Begabungsforschung ein heikles, politisch brisantes Thema ist und häufig als elitäre Verirrung gebrandmarkt" werde.

Winners Buch und regelmäßige Kongresse machen deutlich, daß betroffene Eltern und Experten mehr und mehr an die Öffentlichkeit wollen. Das Thema sei zwar nicht mehr so tabuisiert wie noch vor wenigen Jahren, berichtet Susanne Matz vom Verein Hochbegabtenförderung in Flensburg, "aber Aufklärung tut not".

Bis heute geht man in den USA mit dem Thema unbefangener um als in Deutschland. Hierzulande werden höchstens 20 Prozent aller hochbegabten Kinder erkannt, noch weniger werden gefördert. Die Gründe dafür liegen in der Vergangenheit: Die Bemühungen der Nationalsozialisten, den arischen Übermenschen heranzubilden, diskreditierten jedweden Elite-Gedanken. Die 68er-Bewegung erhob Chancengleichheit und Bildung für alle zum Ideal. Diesem Gleichheitsgedanken hängen viele Pädagogen heute noch an. In den USA hingegen gibt es zur Züchtung von überdurchschnittlich intelligentem Nachwuchs längst Samenbanken mit Top-Erbgut. Und während dort und in Japan frühzeitig Begabungstests stattfinden, kümmern sich hier nur eine Handvoll Schulen und einige fleißige Vereine um die Frühzünder.

"Elitenförderung", wenn sie diesen Begriff höre, sagt Sozialpädagogin Matz, "da wird mir immer ganz schlecht". Ihr Zorn richtet sich gegen das Bildungssystem, das weder in Ausbildungs- noch Fortbildungsrichtlinien für Erzieher und Lehrer das Thema Hochbegabung vorsieht. Matz: "Lehrer kümmern sich um Lernschwache und um Legastheniker. Hochbegabung heißt, daß ein Kind aus der Norm fällt. Diese extreme Begabung kann wie eine Behinderung sein."

Winner belegt anhand von neuen Untersuchungen, daß hochbegabte Kinder keineswegs immer universell hochbegabt sind, psychisch längst nicht so robust, wie man bisher angenommen hatte - und daß sie auch nicht zwangsläufig kreative und brillante Erwachsene werden.

Viele Hochbegabte, sagt Matz, steigen in der Schule ab oder landen in der Sonderschule, weil sie auf chronische Leistungsunterforderung mit Aggressivität reagieren. Ein trauriger Fall ist Arno Funke, der berühmte Kaufhaus-Erpresser "Dagobert", der die Polizei zwei Jahre lang höchst geschickt foppte und dem man nach seiner Festnahme einen IQ von 145 bescheinigte.

Aus "hochbegabt" kann schnell "schwer erziehbar" werden - das gilt vor allem für Jungen. Sie werden rebellisch, während Mädchen sich eher zurückziehen oder mit Anorexie und Bulimie reagieren. Das mag mit ein Grund sein für das weltweit verbreitete Zahlenverhältnis von vier zu eins - danach kommen auf ein hochbegabtes Mädchen vier hochbegabte Jungen. Ein weiterer Grund ist, daß Väter sich mit hyperintelligenten Töchtern schwerer tun als mit Jungen, entsprechend weniger Mädchen, so folgern die Experten, würden gefördert.

Matz bietet Fortbildungen für Erzieher und Lehrer und berät verzweifelte Eltern. Sie weiß von Schulverweisen, Selbstmordversuchen, Psychiatrieeinweisungen. 17 Beratungsstellen hat der Hochbegabten-Verein mit Hauptsitz in Bochum inzwischen bundesweit eingerichtet - längst nicht genug, wie Matz findet, die die Zahl aller Hochbegabten zwischen 6 und 16 Jahren bei 300 000 vermutet.

Die Allround-Überflieger kommen als schlaue Babys zur Welt und entwickeln dann kontinuierlich eine wütende Wißbegierde, einen Hunger nach geistigem Input. Nicht alle fallen so spektakulär auf wie die Engländerin Rosalind Selfe (IQ 173), die als Elfjährige ein Mathematikbuch veröffentlichte. Doch für die meisten hochbegabten Kinder gilt: Sie sprechen früh, sind sehr konzentriert beim Spielen, mit vier schreiben, lesen und rechnen viele, lernen Japanisch, Chinesisch oder Russisch.

Sie haben ein erstaunliches Gedächtnis, interessieren sich für Erwachsenen-Themen wie Ethik, Religion, Umweltpolitik. Sie sind friedliebend und haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Allerdings werden sie häufig als Klugscheißer und Streber verspottet.

Berühmte Genies, von denen manche als Wunderkinder gelten und andere nicht, kennt man vor allem aus den Bereichen Naturwissenschaft, bildende Kunst, Literatur und Musik. Der Erfinder der Relativitätstheorie, Albert Einstein, gehört ebenso dazu wie der gelähmte Astrophysiker Stephen Hawking. Picasso, Goethe und Clara Schumann zählen zu ihnen wie auch Felix Mendelssohn-Bartholdy, der mit 17 Jahren die Ouvertüre zum "Sommernachtstraum" komponierte, und natürlich Mozart, der als Vierjähriger bei falschen oder zu lauten Tönen zu weinen begann.

"Mein Kind ist mir unheimlich" ist der Satz, den Matz am häufigsten hört. Leistungsversessene und überehrgeizige Eltern hingegen sind sehr viel seltener, als man annimmt. Das sei ganz einfach zu erklären, findet Matz: "Hochbegabung ist teuer."

Um ehrgeizige Eltern auszusondern, die ihre Kinder gern drillen, empfiehlt sie seriöse Testdiagnostik. Ab einem Testergebnis von rund 130 sprechen Experten von außergewöhnlicher Begabung. Die kleinen Schlauen im Kopf auszulasten, so Matz, sei für Eltern "die einzige Möglichkeit, um Ruhe einkehren zu lassen".

"Machen Sie sich nichts draus", tröstete ein Lehrer Marga Gootjes-Schwarz, 48, die gleich drei hochbegabte Kinder hat. Alle drei erschienen den Lehrern fehlangepaßt: Mal reagierten sie aggressiv, mal gelangweilt und apathisch auf die Monotonie in der Schule. Schließlich drückte sich der Frust der Kinder deutlich wahrnehmbar körperlich und seelisch aus. Die Kinder litten unter Durchfall, Bauchschmerzen oder Depressionen und verweigerten den Schulunterricht zeitweise ganz.

Inzwischen haben die Eltern die Hochbegabung ihrer drei Kinder schwarz auf weiß, was sie mit durchaus gemischten Gefühlen erfüllt. Denn mangels Fördermöglichkeiten in unmittelbarer Umgebung sahen sie sich gezwungen, einen Kredit aufzunehmen: Eine Tochter geht auf eine Schule für Hochbegabte in Braunschweig, ihre Schwester befindet sich auf einem entsprechenden internationalen Internat in Schottland, und der zehnjährige Bruder besucht ein katholisches Gymnasium. Die monatlichen Gesamtkosten betragen rund 8000 Mark.

Zeitweise, so Gootjes-Schwarz, fühle sie sich wie unter Schock. Freunde seien längst neidvoll auf Distanz gegangen, an Geld und Unterstützung fehle es immerzu, und schließlich sei die Ausbildung der Kinder ja noch nicht beendet. "Verflixt noch mal", sagt Gootjes-Schwarz, "manchmal fragen mein Mann und ich uns: Hätte es ein IQ von 100 nicht auch getan? Und mußten es gleich drei sein?"

Ebenfalls leidgeprüft ist Evelyn Schönhage, 49. Die Mutter, die im hessischen Pohlheim lebt, erhielt einen Brief vom Kultusministerium, in dem es lapidar heißt, im Bundesland Hessen gebe es "keine gesonderten Programme zur Förderung von besonderen Begabungen". Die Förderung sei "Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer im Rahmen ihres Unterrichtsauftrages". Keine Fördermöglichkeit? In ganz Hessen nicht? "Sehr befremdlich", findet Frau Schönhage diesen Brief. Und was heißt schon "Aufgabe der Lehrer": Die Schule, die ihr überdurchschnittlich intelligenter Sohn Oliver, 9, besucht, erlaubt bislang nicht, daß er eine Klasse überspringt. Schönhage: "Man läßt diese Kinder verkümmern, und womöglich landen sie irgendwo als Hilfarbeiter."

Eine Chance für hochbegabte Kinder, für die es sonst so gut wie nichts an Einrichtungen gibt, ist der Kindergarten des "Christlichen Jugendwerks Deutschlands" (CJD) in Hannover. Der republikweit einzige sozial-integrative Kindergarten ist ein wohldurchdachtes Pilotprojekt, finanziert durch die großzügige Stiftung des ehemaligen Hertie-Eigners Hans-Georg Karg. Rund die Hälfte der 85 hier betreuten Kinder ist hoch begabt, angeschlossen an das Modell ist ein nachmittägliches Programm, das Kurse in Chinesisch, Spanisch, Biologie, Theater bietet. Separation lehnt Leiterin und Psychologin Christa Hartmann ab, weil sie will, "daß die Kinder ein realistisches Abbild unserer Gesellschaft erleben".

Für Betroffene, die nicht im Großraum Hannover leben, sieht der Kindergarten Ferienkurse vor, um Kindern aus dem gesamten Bundesgebiet die Chance zu geben, wenigstens einmal im Jahr ein stimulierendes Angebot unter Gleichgesinnten wahrzunehmen.

Hartmann, die auch Beratungen für ältere Kinder anbietet, bedauert, daß viele Eltern zu spät zu ihr kämen, nach entnervenden Schul-Odysseen und vergeblichen Therapieversuchen. Daß herzzerreißende Weinkrämpfe, Wutanfälle, Nägelkauen oder Bettnässen Reaktionen auf die ständige Unterforderung eines Kindes sein können, diese Idee liegt erst einmal nicht nahe. "Nicht kindergartenfähig", heißt es allzuoft, und von da an erleben die meisten Kinder jahrelang, daß ihre Schwächen bearbeitet werden und niemand ihre Stärken sieht.

In Nürnberg wird gerade ein zweiter Kindergarten des CJD gebaut. Auch dort wird nicht Leistung im Vordergrund stehen, sondern das Bemühen, die hochsensiblen kleinen Geschöpfe in ihrer Persönlichkeit zu stabilisieren. Das Konzept funktioniert offenbar. "Früher", sagt Niko, 11, der im hannoverschen Kindergarten einen Theaterkurs besucht, "fand ich mich nicht gut zurecht in der Welt. Heute weiß ich: Ich bin hochbegabt, aber sonst ganz normal."

* Ellen Winner: "Hochbegabt. Mythen und Realitäten von außergewöhnlichen Kindern". Aus dem Amerikanischen von Maren Klostermann. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart; 424 Seiten; 78 Mark.

DER SPIEGEL 32/1998
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