18.07.2011

Basta.

Von Ehlers, Fiona; Schlamp, Hans-Jürgen; Smoltczyk, Alexander

Die internationalen Finanzmärkte haben das Vertrauen in Italien verloren. Nach 17 Jahren Silvio Berlusconi ist das Land überschuldet und reif für den Regierungswechsel. Das Gründungsmitglied der EU erscheint wie gelähmt von der Untätigkeit seines Premiers, der vor allem mit sich selbst beschäftigt ist.

"Italien, Sklavin, Schlund voll Schmerz und Graus, Schiff ohne Steuer auf durchstürmten Meeren, nicht Herrscherin der Welt, nein, Hurenhaus."

Dante Alighieri, "Die Göttliche Komödie", Fegefeuer, 6. Gesang

An diesem Montag, dem 18. Juli 2011, wird in dem mit Stahlgittern und Marmorquadern geschützten Mailänder Justizpalast ein Verfahren wieder aufgenommen, das 16. gegen den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi seit Anfang der neunziger Jahre und das bisher spektakulärste. Es geht um Anhörungen in einem Prozess, der noch gar nicht richtig begonnen hat, weil um die Zuständigkeiten der Gerichte gestritten wird oder der Angeklagte auf Dienstreise weilte. Bisher jedenfalls ist er in dieser Sache noch nicht erschienen in dem Gerichtssaal, dessen Stirnwand drei Frauengestalten schmücken - allegorische Darstellungen der Wahrheit, der Gerechtigkeit, des Gesetzes - und an dessen Seiten Käfige stehen, in denen bei früheren Mafia-Prozessen die Angeklagten saßen.

In diesem Gebäude aus der Mussolini-Zeit nahe des Mailänder Doms ist das Aktenkonvolut 5657/2011 entstanden, das mittlerweile 782 Seiten umfasst, gefüllt mit Telefonmitschnitten von Berlusconis Party-Mädchen, ihren Textmitteilungen, Tagebuchnotizen und Verhörprotokollen.

Mit 33 Frauen soll Berlusconi bei privaten Festen in seinen Anwesen, etwa in der 145-Zimmer-Villa San Martino in Arcore außerhalb von Mailand, verkehrt haben, und eine war erst 17 Jahre alt, die Nachtclubtänzerin mit dem Künstlernamen Ruby Rubacuori, Herzensräuberin. Die Anklage der vierten Kammer des Mailänder Strafgerichts lautet: Amtsmissbrauch und Förderung der Prostitution von Minderjährigen.

Die Ermittler haben viele Indizien zusammengetragen, die für die Anklage sprechen, selbst wenn der Beschuldigte die Sache genauso abstreitet wie das Mädchen Ruby. Doch abgehörte Telefongespräche mit Rubys Freundinnen legen das Gegenteil nahe. Ein Beispiel von vielen: "Gestern hat er mich angerufen und gesagt: Ruby, ich geb dir so viel Geld, wie du möchtest. Ich bezahl dich, ich deck dich mit Gold zu, aber es ist wichtig, dass du alles verheimlichst - sag nichts, zu niemandem."

Der Cavaliere als ertappter Sünder: Nicht nur das Mailänder Gericht, ganz Italien muss sich, wieder einmal, mit den Buffonerien seines alternden Regierungschefs beschäftigen - und das zu einer Zeit, in der es brennt im Land, in der das Überleben der Wirtschaftsnation Italien auf dem Spiel steht, in der die Zukunft des Projekts Europa auch davon abhängt, ob die drittstärkste Wirtschaftsmacht der Euro-Zone anständig und mit Augenmaß regiert wird.

Denn weil das hochverschuldete Italien des Silvio Berlusconi Außenstände in Höhe von 1,85 Billionen Euro vor sich her schiebt - mehr als doppelt so viel wie Griechenland, Irland und Portugal zusammen -, weil allein in den nächsten zwölf Monaten Schulden in Höhe von 300 Milliarden Euro refinanziert werden müssen und weil im Rettungsfonds der Euro-Staaten nur etwa 250 Milliarden Euro verfügbar sind, hat, von einem auf den anderen Tag, die Welt das Vertrauen in Italien verloren.

Rating-Agenturen, vorneweg die 100 Jahre alte Moody's Corporation, drohten, die Kreditwürdigkeit des Landes herunterzustufen. Private Investoren trennten sich in Panik von ihren Italien-Anlagen, US-Hedgefonds wetteten gigantische Summen auf den weiteren Verfall italienischer Staatspapiere, die ganze Woche kannten die Mailänder Börsenkurse nur eine Richtung: südwärts. Es schien, als ob Italien, achtstärkste Industrienation der Erde und Gründungsmitglied der EU, das neue Griechenland geworden wäre.

Zwar konnte das römische Finanzministerium vorige Woche problemlos weitere milliardenschwere Schuldverschreibungen an den Markt bringen, aber es musste dafür fast 25 Prozent höhere Zinsen zahlen. War da ein neuer Teufelskreis der Verschuldung in Gang gekommen, diesmal auf der westlichen Seite der Adria?

Auch dieser Sturm auf Rom war ein Gerichtsverfahren: Es sind die internationalen Finanzmärkte, die vergangene Woche über Italien Gericht hielten - und auch das war in Wahrheit ein Prozess gegen den Verantwortlichen, gegen Silvio Berlusconi.

Denn die Finanzmärkte sehen den italienischen Premier als Belastung, sein weiteres Verbleiben im Amt verunsichere die Investoren, schreibt die "Financial Times". Ein Teil seiner eigenen Anhänger fürchtet mittlerweile, der Regierungschef und seine Skandale könnten das Land unrettbar in die Schuldenspirale treiben. "Jedermann hat Angst vor den Widersprüchen zwischen dem, was Berlusconi zum politischen Überleben braucht, und dem, was die Märkte brauchen", sagt der Kolumnist Francesco Sisci.

"Ihre Regierung schadet Italien", wandte sich die Oppositionspolitikerin Anna Finocchiaro vorigen Donnerstag an den Regierungschef. "Dieses große Land wäre sehr viel besser dran ohne Sie."

Dass der Regierungschef sein Amt bis zum Ende der Legislaturperiode im Frühjahr 2013 behält, mag in den Hauptstädten der EU kaum noch jemand glauben. Zeit also für die Schadensbilanz einer sich ihrem Ende zuneigenden Ära.

Im 150. Jahr ihres Bestehens ist die Repubblica Italiana tief gespalten, ihre Verfassung von den eigenen Organen verächtlich gemacht und zermürbt. Der Regierungschef wird international mit Spott und Geringschätzung gestraft wegen Bunga Bunga, der Dauer-Regierungskrise, der Dauer-Schuldenlast.

"Ciao bella", ein Land - nicht immer mustergültig, aber immer geschätzt - verabschiedet sich aus der ersten Reihe: Die Wirtschaft ist 2009 um fünf Prozent geschrumpft, 2010 ist sie kaum gewachsen. Das Weltwirtschaftsforum nennt in seinem Bericht 2010/2011 den Staat als größtes Hindernis: ineffiziente Regierungsbürokratie, Steuerschlupflöcher, unzureichende Infrastruktur und schlechte Kreditversorgung. Die gesamte Industrieproduktion sei um 25 Jahre zurückgeworfen, bilanzierte die römische Notenbank im vorigen Jahr. 560 000 Jobs seien zwischen Anfang 2008 und Ende 2009 verschwunden.

In Europa fällt das Land immer weiter zurück, wirtschaftlich, kulturell, politisch. In der globalisierten Welt hat es Mühe, seinen Platz zu finden. Längst kopieren Chinesen das berühmte "Made in Italy", selten schlechter und stets billiger als das Original. Und die EU-Politiker schauen inzwischen mit der gleichen Ungeduld auf diesen Mann, wie sie auf Husni Mubarak geschaut haben.

Das tun auch viele Italiener. "In meiner Phantasie hat sich Roms Piazza del Popolo in den Tahrir-Platz verwandelt", schreibt der Blogger Enzo Coniglio, ein junger Sizilianer und einer von vielen, die ähnlich denken. "Was ist denn im Grunde der Unterschied zwischen jungen Ägyptern und jungen Italienern?" Berlusconi wird diesen September 75 Jahre alt, warum drängen wir, so fragt Coniglio, unseren Pascha nicht endlich aufs Altenteil?

Kurz bevor er aus Altersgründen sein Amt aufgab, richtete der Mailänder Erzbischof, Kardinal Dionigi Tettamanzi, von der Kanzel des Doms herab ein Donnerwort an seine mehr oder weniger gläubigen Zuhörer: "Das heutige Italien ist krank, wie es Mailand zu den Zeiten der Pest war. Die Amoralität greift um sich, auf allen Ebenen der Gesellschaft."

Er sprach allen aus der Seele, die nur noch "Basta!" denken. Nur noch: Schluss mit den Orgien im Harem des Regierungschefs, mit der immer dramatischer werdenden Wirtschaftslage, der chronischen Schwäche der Opposition, der Verachtung für die Richter. Schluss vor allem mit dem allgegenwärtigen Grinsen, dem maskenhaften Make-up und den viel zu auffällig transplantierten Haaren desjenigen, der seit 17 Jahren dabei ist, Italien nach seinem Bild zu formen.

Basta Silvio Berlusconi.

Nur noch 27,5 Prozent aller Italiener, so zeigen es die jüngsten Umfragen, wollen Berlusconi wiederwählen, fast jeder zweite ist so enttäuscht, dass er nicht mehr zur Wahl gehen oder sich erst in letzter Minute entscheiden will.

Von dem Italien der siebziger und achtziger Jahre, auf das Europa mit Hoffnung, Zuneigung und bisweilen Neid schaute, ist immer weniger übrig. Das Land ist in weiten Teilen gescheitert. Im Fernsehen sind Frauen weitgehend auf das Popo-Wackeln reduziert, viele stolze Kommunen des Nordens sind zu xenophoben Hochburgen der Rechtspartei Lega Nord geworden. Der Kino-Mythos Cinecittà hat Platz gemacht für das Imperium des schlechten Geschmacks, Berlusconis Medienkonglomerat Mediaset.

Aus dem lieblichen Land, dem "Belpaese", das in den Sommerwochen wieder Hunderttausende Touristen aufsuchen werden - 40 Millionen kommen jedes Jahr, Deutsche vor allem, deren Sehnsuchtsland Italien nach wie vor bleibt -, ist in weiten Teilen ein "Malpaese" geworden.

Das ist gewiss nicht allein die Schuld eines Mannes. Aber Berlusconi hat all das befördert, was ohnehin schon im Argen lag.

Er hinterlässt seinen Nachfolgern als Erbe ein Land in Not.

Angetreten war Berlusconi mit dem Versprechen, eine "liberale Revolution" zu starten. Sie sollte eine freiere Wirtschaftsverfassung bringen und ein besseres Auskommen für Italiens Familien. Mit großer Geste bot Berlusconi am 8. Mai 2001, wenige Tage vor seinem zweiten Wahlsieg, in der TV-Talkshow "Porta a Porta" (Tür an Tür) dem italienischen Volk einen Vertrag an: Er verpflichte sich, falls er zum Regierungschef gewählt werde, binnen fünf Jahren die Steuern kräftig zu senken, die Mindestrenten auf wenigstens 500 Euro im Monat anzuheben, die Arbeitslosigkeit zu halbieren und gewaltige Investitionen in Italiens Infrastruktur anzuschieben. Sollte er diese Ziele deutlich verfehlen, dürfe er bei der nächsten Wahl nicht wieder kandidieren.

Das Volk war beeindruckt, votierte für den Mann, der diesen Vertrag live im Fernsehen unterzeichnete. Am Ende der fünfjährigen Regierungszeit sah das Ergebnis mager aus: Die Steuerlast war um 0,1 Prozent gesunken, drei Viertel der Rentner, die vor der Wahl weniger als 500 Euro an Rente bekommen hatten, erhielten auch danach nicht mehr, und die Investitionen machten rund die Hälfte des versprochenen Umfangs aus. Kein Vertragspunkt war erfüllt.

Romano Prodi, der große Gegner des Regierungschefs, dem es zweimal gelang, Berlusconi in Wahlen zu besiegen, kennt dessen "rücksichtslosen Politikstil" genau. Einen Monat vor den Wahlen im April 2006 lag Prodi, der Herausforderer, in den Umfragen sechs Prozentpunkte vor dem Amtsinhaber. Aber der große Populist Berlusconi überraschte seine Landsleute mit der Ankündigung: "Wir schaffen die Eigenheimsteuer auf das erste Haus ab!" Prodis Vorsprung schmolz über Nacht. Er gewann zwar, aber so knapp, dass es nur noch zu einer sehr wackeligen Koalition reichte, die zwei Jahre später zerbrach.

Als Nachfolger nahm Berlusconi 2008 zum vierten Mal im römischen Regierungs-Palazzo Chigi Platz und strich, wie versprochen, die Immobiliensteuer. Damit fehlten den Kommunen plötzlich drei Milliarden Euro im Jahr. Um die Ausfälle zu verkraften, langten die Gemeinden fortan dort zu, wo sie eigene Steuerrechte haben: beim Bau neuer Häuser oder Werkstätten etwa, bei der Errichtung von Industrieanlagen, Logistikzentren oder Supermärkten. Und viele Gemeinden greifen seither - aus purer Finanznot - so kräftig ab, dass potentiellen Investoren die Lust vergeht."Das hat Italiens Wirtschaft nachhaltig geschadet", klagt Prodi, aber das sei Berlusconi gleichgültig. "Den interessiert Italien null!"

Auch der Londoner "Economist" hält Berlusconis "völliges Desinteresse an der wirtschaftlichen Lage" für das größte Versagen des Regierungschefs. Und in der Tat, während Romano Prodi in seinen zwei kurzen Amtsperioden den Schuldenberg wenigstens ein bisschen abtrug, legte der milliardenschwere Medienzar Berlusconi, der sich gern als wirtschaftskundiger "Vorstandsvorsitzender der Firma Italien" präsentiert, meist noch ein paar Schippen drauf.

In den drei Jahren seiner vierten Amtszeit stieg Italiens Staatsverschuldung von 103,6 Prozent des BIP im Jahr 2007 auf 119 Prozent im vorigen Jahr. In diesem Jahr wird sie die 120-Prozent-Marke überspringen. Trotz der überschuldeten Staatskassen versprach Berlusconi bis zum Schock der vorigen Woche weitere Steuersenkungen. "Ohne Steuersenkungen gehen wir zugrunde", beschwor er seinen Finanz- und Wirtschaftsminister immer wieder. Aber der hat sich nun einmal auf einen rigiden Sparkurs festgelegt. Und der Mann ist starrköpfig.

Giulio Tremonti, 63, war einer der erfolgreichsten Steueranwälte Italiens, bis Berlusconi, für den er gearbeitet hatte, ihn 1994 zum Finanzminister berief.

Aber nun sind sowohl sein Chef als auch die Koalitionspartner der populistischen Lega Nord nicht mehr gut auf ihn zu sprechen. Tremonti sei "zu keiner Teamarbeit bereit", hämte Berlusconi über ihn und schimpfte ihn einen Verräter. Den lässt so etwas eher kalt, er hält sich und sein Sparprogramm für unersetzlich: "Wenn ich falle, fällt Italien. Fällt Italien, fällt der Euro."

Nur, so unwahrscheinlich ist sein Sturz nicht mehr, seit der wortkarge, bescheidene Mann aus Italiens Norden unversehens in einen Strudel geriet, der in einen Sumpf aus Klüngel und Korruption führen könnte.

Schuld daran ist sein langjähriger enger Berater Marco Milanese. Der Abgeordnete hatte neben seinem Job im Ministerium wohl noch weitere Verdienstquellen. Privat fährt er einen Ferrari für 270 000 Euro, steuert ein Motorboot für 700 000 Euro - und hat nun die Staatsanwaltschaft am Hals: Er soll gegen Bares und teure Geschenke Aufträge aus Tremontis Ministerium verhökert haben, so der Vorwurf. Auf der Stelle trennte sich Tremonti von Milanese.

Ist es Zufall, dass die hanebüchene Geschichte ausgerechnet jetzt publik wird, da Berlusconi und seine Lega-Verbündeten den unbequemen Minister liebend gern loswürden?

Als Tremonti sein Sparprogramm vorlegte, war der Chor des Protestes groß und laut. 47 Milliarden Euro sollten darin binnen vier Jahren gestrichen werden, bei den Renten, im Gesundheitswesen, den Ausgaben der Ministerien und Regionalverwaltungen. Gebühren werden erhöht, Abschreibungsmöglichkeiten reduziert.

Die Kommunen und Regionen schrien ebenso auf wie die Gewerkschaften, die Opposition sprach vom "sozialen Kahlschlag", und die Basis in Berlusconis Partei "Volk der Freiheit" meldete genauso Widerstand an wie die Koalitionspartner der Lega Nord.

Doch die Ereignisse der letzten Tage haben die Gegner erst einmal zum Schweigen gebracht. Sogar Berlusconi verstummte vorübergehend. Der dramatische Kursverfall am italienischen Aktienmarkt, die Zinsexplosion für Staatsanleihen lehrte alle das Fürchten.

Eindringlich mahnte Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel in einem Telefongespräch mit Berlusconi, der Sparplan müsse schnell umgesetzt werden. Wen Silvio Berlusconi auch anrief, etwa Italiens Notenbankchef Mario Draghi, der demnächst die Europäische Zentralbank in Frankfurt führen wird, alle rieten, schnell ein überzeugendes Sparsignal zu setzen. Massiv und öffentlich machte sich Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano dafür stark. Und - auch das ist Italien - quasi über Nacht waren sich plötzlich alle einig. In Rekordzeit verabschiedete das Parlament ein Konzept, das nicht nur 47 Milliarden, sondern nun sogar rund 79 Milliarden einsparen soll.

Doch das Sparpaket steht auf unsicherem Fundament. In diesem und im nächsten Jahr werden gerade einmal neun Milliarden Euro eingespart - nur elf Prozent des beschlossenen Sparziels -, 2013 stehen dann die Wahlen an. Und ob die Sparziele für die folgenden Jahre den Wahlkampf überstehen, ist alles andere als sicher. "Das Programm dieser Regierung", spottet Romano Prodi, "ist ein Misstrauensakt gegen sich selbst: Es schiebt die Arbeit der nächsten Regierung zu."

Selbst einen Tremonti hat offenbar schon bei der Abfassung des Gesetzes der Mut verlassen, die wirklich schweren Brocken anzupacken. Ein Abbau der überbordenden Staatsbürokratie, die den Elan der Wirtschaftenden mehr lähmt als alles andere, findet nicht statt. Und auch den kostspieligen Polit-Apparat geht der Sparkommissar nur am Rande, mit kleinster Schere an.

Die Milliardenzahlungen für die Parteien bleiben erhalten. Gut eine Milliarde Euro gibt der italienische Steuerzahler im Jahr für eine gigantische Flotte von Dienstwagen aus, die der politischen Klasse kostenlos zur Verfügung stehen. Regelmäßig verstopfen sie die Straßen und Gassen rund ums Parlament und die Regierungsgebäude im Zentrum Roms - das Normalsterbliche mit ihren Autos schon lange nicht mehr befahren dürfen.

Die Stagnation am langsam absehbaren Ende der Ära Berlusconi ist mit den Händen zu greifen.

Berlusconis Wirtschaftspolitik ist eine Fertigmischung aus Intervention und Laissez-faire. Alles ist möglich, wenn es nur seinen Niederschlag in der nächsten Umfrage findet. Das ist keine Politik, das ist Unterhaltungsdemokratie. "Berlusconi ist pathologisch darauf ausgerichtet, anderen Menschen zu gefallen, er braucht ihre Zuneigung", sagt jemand, der ihn genau kennt: Giuliano Ferrara, Herausgeber des "Foglio", einer kleinen, Berlusconi-treuen Tageszeitung.

Doch die Jahre des Cavaliere haben Italien auch zu einem Land gemacht, in dem die junge Generation von vielen Posten nur träumen kann, weil die entscheidenden Stellen in der italienischen Gerontokratie von der Alterskohorte ihres Premiers besetzt bleiben. Junge Frauen haben ihn gefragt: Was sollen wir tun, Herr Ministerpräsident? "Sucht euch einen reichen Mann" - das war der Ratschlag des Milliardärs, der in diesem Land mehr schlecht als recht die Geschäfte führt.

"The man who screwed an entire country", titelte gerade der britische "Economist". Zu Deutsch: Der Mann, der ganz Italien an der Nase herumführt. Es heißt aber auch: Der Mann, der seinem Land das angetan hat, was er vermutlich mit seinen Mädchen in Arcore getrieben hat.

Auch deshalb geht es bei den peinlichen Anhörungen von Mailand gar nicht so sehr um die Frage, welche Unanständigkeit dem Premier nachgewiesen werden kann, es geht um die Frage, wie lange Italien noch bereit ist, diesen Premierminister zu erdulden. In Artikel 54 der italienischen Verfassung heißt es: "Bürger, denen öffentliche Ämter anvertraut wurden, haben die Pflicht, diese mit Disziplin und Ehre zu erfüllen."

Davon kann keine Rede sein: Seit mehr als 20 Jahren beschäftigen sich Dutzende von Richtern mit dem einstigen Barsänger, Bauunternehmer und Medien-Tycoon. Sie untersuchen Vergehen wie Steuerhinterziehung, Mafia-Kontakte und Bilanzfälschung. Berlusconi ist verstrickt in eine Privatschlacht mit der Justiz, sie wurde zu einer krankhaften Besessenheit. "Ich bin der meistverklagte Politiker der Welt", brüstet er sich oft. Über 2500-mal habe man ihn vorgeladen, und 200 Millionen Euro hätte er aufbringen müssen, um "Berater und Richter - äh, Anwälte zu bezahlen".

Verurteilt, in letzter Instanz, wurde er nie, im Gefängnis saß er auch nicht. Manchmal wurde er freigesprochen, ansonsten war häufig der Fall bereits verjährt, oder der Regierungschef ließ eigenmächtig die Gesetze zu seinen Gunsten ändern. Jetzt soll Berlusconi über eine halbe Milliarde Euro Schadensersatz an seinen alten Feind Carlo De Benedetti zahlen, den Verleger von Italiens zweitgrößter Zeitung "La Repubblica". Dem hatte er im Jahre 1991 aufgrund eines höchst umstrittenen Gerichtsurteils das Verlagshaus Mondadori wegschnappen können. Ein anderes Gericht hatte Jahre später geurteilt, der damals verantwortliche Richter sei bestochen worden. Berlusconi konnte nicht mehr belangt werden, die Sache war strafrechtlich verjährt. Doch nun holt ihn das Zivilrecht ein. Natürlich will Berlusconi, der schon viele Prozesse überstanden hat, auch dieses Mal durch alle Instanzen gehen.

Doch zuerst steht "Rubygate" auf seinem Terminkalender. Am Valentinstag 2010 erscheint das Mädchen erstmalig in Berlusconis Privatvilla. Die gebürtige Marokkanerin Karima el-Marough war 17 Jahre, drei Monate und drei Tage alt. 13-mal soll Berlusconi das Mädchen für Sex bezahlt haben, 67-mal sollen beide miteinander telefoniert haben.

Allein die Vorstellung klingt irrwitzig. Eine Prostituierte mit einem Diebstahlsdelikt am Hals, ausgerissen aus einem Erziehungsheim auf Sizilien und Freundin eines zwielichtigen Discothekenbesitzers, besitzt die geheime Handynummer eines der bekanntesten Politiker der Welt. In anderen Ländern wäre ein Regierungschef nach solchen Eskapaden erledigt - nicht in Italien.

Im Oktober vergangenen Jahres sickerten erste Details über die Orgien an die Öffentlichkeit. Berlusconi selbst hatte die Ermittler auf die Spur gebracht. Am Abend des 27. Mai rief er den Mailänder Polizeichef an und behauptete, die dort festgehaltene Ruby sei die Nichte von Husni Mubarak, dem damals noch amtierenden ägyptischen Präsidenten.

Im Januar 2011 bestätigte die Staatsanwaltschaft, dass gegen Berlusconi und drei Helfer Anklage erhoben wird. Im Februar entschied eine Richterin, dass Berlusconi per Eilverfahren der Prozess gemacht wird, ihm drohen bis zu 15 Jahre Haft. Wenn es denn überhaupt zu einem Prozess kommt.

Ruby, inzwischen angeblich schwanger, genießt derweil ihre Prominenz. Sie tanzte auf dem Wiener Opernball und berichtete in Berlusconis Fernsehsender unter Tränen von ihrer schrecklichen Kindheit, von einer frühen Vergewaltigung und einer Scheinwelt voller Lügen, in die sie sich hineingeträumt habe. Sie verteidigte ihren Gönner: "Er hat mich nicht angefasst", sagte sie. "Er dachte, ich sei 24."

Die Italiener reagierten geschockt. Aus den Akten erfuhren sie, wie einer lebt, den sie seit 17 Jahren heimlich bewundern, weil er war wie sie: verführbar, fehlbar, einer aus dem Volke, der sagte, "besser, man ist von schönen Mädchen begeistert als schwul".

Zum Vorschein kam nun die Tragödie eines Lustgreises, der den Bezug zur Realität verloren hat. Ein Herrscher im goldenen Käfig, erpressbar, flankiert von Escort-Mädchen, die bereit sind, von seiner Einsamkeit und Macht zu profitieren. Die mit ihm schlafen, wie sie zu Protokoll geben, um danach "richtig Kasse zu machen". Sie nennen ihn "Papi". Es sind Geschöpfe, die er mit seinen Sendern selbst geschaffen hat: Fernsehsternchen, Tänzerinnen, geldgeil und vulgär. Sie nennen sich Marishtelle, Aris, Iris, Aida oder Michelle, stammen aus der Ukraine, der Dominikanischen Republik und wohnen mietfrei in "Milano Due", der Trabantenstadt, die Berlusconi in den Siebzigern hochziehen ließ. "Talentscouts" führten ihm die Mädchen zu wie jener Mussolini-Verehrer Lele Mora, der die 16-jährige Ruby in einer Mailänder Discothek entdeckte. Er war es auch, der ihm die minderjährige Neapolitanerin Noemi Letizia vorstellte, seine Affäre aus dem Jahr 2009, die Berlusconis Ehefrau dazu brachte, die Scheidung einzureichen und ihren Gatten einen "kranken Mann" zu nennen.

Mora sitzt seit Juni in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm betrügerischen Bankrott vor. Für Berlusconi instruierte er die Mädchen: "Du sollst die offizielle Krankenschwester sein. Du musst einen falschen Blutdruckmesser dabeihaben und einen Kittel. Und natürlich nichts darunter. Untersuche ihn, du weißt doch, wie viel Spaß ihm solche Sachen machen."

Die Papi-Girls lassen sich begaffen und betatschen. Sie müssen sich überwinden, "fett und hässlich" finden sie Berlusconi - so jedenfalls steht es in den Protokollen der abgehörten Telefonate. Aber sie machen mit, denn er sei "spendabel". Iris, eine Brasilianerin, sagte: "Normalerweise muss man sieben Monate für das arbeiten, was ich bekommen habe", aber ansonsten gehe ihr "der Alte echt auf die Nerven". Und Ruby wurde abgehört, als sie sagte: "Was mache ich, wenn der abdanken sollte, dann habe ich ja gar nichts mehr zu beißen." Für ihre Dienste soll sie knapp 6000 Euro bekommen haben, später sollen es dann Zehntausende gewesen sein. Verlangt hat sie dagegen offenbar fünf Millionen Euro: "für die Beschmutzung meines Namens".

Die ehemalige Zahnpflegerin Nicole Minetti, ebenfalls angeklagt, weiß, wie man Karriere in Berlusconistan macht, sie war mal Starlet, heute ist sie Regionalrätin für die Regierungspartei. Sie sagt: "Er schickt uns ins Parlament, er denkt, diese Nervtussen bin ich los, unser Gehalt zahlt jetzt der Staat." Doch auch sie ahnt, wie heikel ihre Situation ist: "Die Politik ist ein Puff, wenn er fällt, dann fallen wir auch."

So verheerend das alles den Ruf des Premiers ruiniert - und auch dem seines Landes schadet -, letztlich geht es gar nicht um die Disziplin- und Ehrlosigkeit des Regierungschefs. Das Privatleben des Silvio B. ist schließlich seine Sache.

Unverzeihlich aber ist, was mit diesen persönlichen Skandalen einhergeht, weil Berlusconi mit der Lösung seiner privaten Probleme beschäftigt ist, oder was er vorantreibt, weil es der Beförderung seiner privaten Geschäfte dient: der Verfall der politischen Kultur, die Knebelung der Justiz, die Entwürdigung der Frauen - das sind Tatbestände, für die sich Berlusconi zu verantworten haben wird, nicht vor den Gerichten, aber vor jenen, die nach ihm kommen.

Es gibt wenig Länder, in denen der Regierungschef eine solche Verachtung gegenüber den etablierten Verfassungsorganen an den Tag legt, vom Verfassungsgericht bis zum Staatspräsidenten, und diese Geringschätzung noch über seine eigenen Fernsehkanäle verbreiten lässt. Die Begeisterung für den Staat war in Italien nie sonderlich ausgeprägt. Da ist es verhängnisvoll, wenn ausgerechnet der Ministerpräsident in dieselbe Kerbe schlägt.

Gerade erst wurde der 150. Jahrestag der Staatsgründung gefeiert. Aber in manchen Gegenden des reichen Nordens, wo die Lega Nord ihre Wähler hat, ist es fast unmöglich, eine italienische Flagge zu kaufen. Im Veneto wurde öffentlich eine Puppe des Freiheitshelden Giuseppe Garibaldi verbrannt.

So verwundert es nicht, dass drei Lega-Minister ankündigten, den Feierlichkeiten fernzubleiben. Das wäre so, als würden die FDP-Minister vor dem Tag des Mauerfalls drohen, nicht die Nationalhymne zu singen. Der Parteichef der Lega Nord, Umberto Bossi, erschien dann doch höchst widerwillig, am Revers trug er nicht die grün-weiß-rote Kokarde Italiens, sondern ein keltisches Kreuz sowie ein grünes Einstecktuch, Symbol seiner Verbundenheit zu jenem Staat, den er sich auf dem Boden Norditaliens erträumt - "Padanien".

So wird Italien zu einem kleinen Abbild Europas, geteilt in einen reichen Norden, der am liebsten einen eigenen Club aufmachen würde, und einen Süden, der auf Transferzahlungen angewiesen ist.

"Die Sezession wird die größte Gefahr der Nach-Berlusconi-Zeit sein", prophezeit der Schriftsteller und Publizist Curzio Maltese. Und er fragt, was die hochentwickelte Lombardei und Kalabrien, Italiens ärmste Region, überhaupt noch gemeinsam haben - außer der Mafia.

Berlusconi ist ein Meister des Aufschubs und des Kurswechsels, kein Visionär, der eine Agenda abarbeitet. Sein Scheitern kaschiert er durch "Polemik, Pomp und Propaganda", so der Historiker Hans Woller, Forscher am Münchner Institut für Zeitgeschichte und einer der besten deutschen Italien-Kenner. Selbst die Skandale des Premiers erfüllen immer noch den Zweck der Ablenkung.

Seine Regierung hat systematisch versucht, die Unabhängigkeit der Justiz zu beenden. Richter und Staatsanwälte, die mehrheitlich sicherlich wenig Sympathien für Berlusconi hegen, werden von ihm und seinen Getreuen in einem Ton beschimpft und verächtlich gemacht, der in Europa vor allem aus Weißrussland bekannt ist. Den Justizbehörden werden die Ressourcen zum Ermitteln gestrichen, Personal, Dienstwagen, Reisen. Nur am Staatspräsidenten scheiterte eine Justizreform, wonach ein Angeklagter einen Gerichtsstand ablehnen kann, sobald er den Verdacht schöpft, einer der dort arbeitenden Richter könne parteilich sein. Die Regelung hätte wohl das Ende aller Berlusconi-Prozesse bedeutet.

Die Anhänger des Premiers können sogar scheinheilig damit protzen, dass es in Italien keine Bilanzfälschungen mehr gibt. Das ist richtig, der Tatbestand wurde schlicht abgeschafft. Viele Straftatbestände der Wirtschaftskriminalität sind inzwischen der Verfolgung entzogen worden.

In kaum einem anderen entwickelten Land ist die Politik so entpolitisiert und alles Nichtpolitische so politisiert wie in Italien. Medien, Justiz, Wirtschaft, Erziehung, Kultur - alles wird über den Leisten der Parteilichkeit geschlagen. Aber die Politik wird auf dem Niveau einer Soap opera im Fernsehen gemacht: "Meno male che Silvio c'è." Zum Glück gibt es Silvio.

Berlusconis Verständnis von Demokratie ist: Wer, wie auch immer, die Mehrheit der Stimmen hat, dem gehört die uneingeschränkte Macht. Ihm ist es überlassen, die Posten und Pöstchen nach Gutdünken an seine Klientel zu verteilen und die Opposition kaltzustellen. Sein Verständnis von Parlamentarismus ist vormodern. Es genüge doch, so der Regierungschef, wenn nur die Fraktionsvorsitzenden im Parlament abstimmten. Man würde Zeit sparen und überflüssige Debatten.

Justizminister Angelino Alfano war von Berlusconi dazu auserkoren worden, den Justizapparat zu zähmen. Nur sein Immunitätsgesetz - auch das zugeschnitten auf die Bedürfnisse des Premiers - verhinderte Napolitano. Zum Dank, dass es ihm lange gelang, den Premier vor Prozessen zu schützen, wurde er gerade zum Generalsekretär von Berlusconis Partei ernannt; der könnte sich Alfano durchaus als Nachfolger vorstellen, wenn er 2013 wirklich nicht mehr antritt, wie er gerade erst verkündet hat.

Der Schriftsteller Umberto Eco spricht von einem "schleichenden Staatsstreich": "Wenn die Institutionen eines Landes Schritt für Schritt verändert werden, dann ist es schwierig zu sagen, dass jeder Einzelne für sich schon eine Diktatur erahnen ließe. Die Funktion der schleichenden Staatsstreiche ist, dass die Änderungen an der Verfassung praktisch nie wahrgenommen werden. Und wenn sie zusammen dann die Dritte Republik hervorgebracht haben werden, ist es zu spät."

Besonders heftig attackiert wurde in Berlusconis Regierungszeit das, was Italiens Ruf in aller Welt ausmacht - das kulturelle Leben. Das Budget dafür ist in den letzten Jahren immer weiter gekürzt worden, unermüdlich protestieren Filmschaffende und Dirigenten gegen den Kahlschlag. Kultur ist der Rohstoff dieses Landes. Allein 44 Denkmäler des Weltkulturerbes sind hier zu besichtigen, aber die Reichtümer werden nicht gefördert, sondern begraben.

Pompeji etwa erlebt gerade den zweiten Untergang. Das Unesco-Welterbe verkommt und wird beherrscht von streunenden Hunden und mafiösen Fremdenführer-Banden. Es ist nicht das Geld, das Pompeji fehlt. Knapp drei Millionen ausländische Italien-Touristen besuchen Pompeji und zahlen 11 Euro Eintritt, aus Rom gibt es 40 Millionen Euro an Subventionen hinzu, aber das Geld versickert, oder es wird in pompöse PR investiert. Der letzte Mosaiken-Restaurator ist schon vor drei Jahren in Pension gegangen.

"Einst schufen unsere Vorfahren Meisterwerke, die Renaissance, den Barock, Venedig", sagt der Architekt Massimiliano Fuksas, der in Frankfurt das Einkaufszentrum MyZeil gebaut hat. "Unsere glanzvolle Vergangenheit könnte uns dabei helfen, Italien zu retten. Aber es ist, als habe sich unsere DNA verändert. Wir sind mutiert zu einem Volk ohne Erinnerung. Wir leben im 'Dschungelcamp' und in den Billigserien auf Berlusconis Kanälen."

Auch der Natur, seit je die wichtigste Attraktion für die Millionen Fremden, ist diese Gleichgültigkeit anzusehen. Jedes Frühjahr geraten ganze Hänge ins Rutschen, reißen Schlammlawinen die Häuser mit sich, ertrinken Bürger in Hochwasser. Eine Folge von zementierter Landschaft, Schwarzbauten, kurzsichtiger Planung, Geschäftemacherei und Organisierter Kriminalität. Legendär ist der Fall der Autostrada A3 Salerno-Reggio in Kalabrien. Länger ist in Europa an keiner Autobahn gebaut worden. Der erste Spatenstich erfolgte 1962, als in Bonn noch Konrad Adenauer die Geschäfte führte. 1974 wurde sie fertig, allerdings weitgehend ohne Notfallspur und damit nach EU-Normen gar keine Autobahn. 1997 begann die Erneuerung, sie soll im Jahr 2017 abgeschlossen sein. Zum inzwischen Zehnfachen der geplanten Bausumme.

Schuld daran sind keine ingenieurstechnischen Probleme. Italienische Straßenbauer sind hervorragend. Aber die

A3 führt durch Mafialand. Jeder einzelne Kilometer wird von einer anderen Firma gebaut, und fast alle haben mehr oder minder klare Verbindungen zur 'Ndrangheta, dem organisierten Verbrechen in Kalabrien. Die Autostrada gilt als "das längste corpus delicti" Italiens, gespickt mit vorgetäuschten Bauleistungen, einbetonierten Leichen, unsichtbaren Arbeiterkolonnen, Schutzgeldern und sich von selbst entzündenden Baumaschinen.

"Italien steht still", stellt Matteo Mauri fest. Er ist in der Demokratischen Partei zuständig für Infrastruktur und Verkehr. "Die anderen Länder bewegen sich und investieren. Wir sind blockiert von der Ineffizienz eines Mannes, der unfähig ist zum Regieren."

Auch die Frauen, die der Cavaliere so umgurrt, haben während seiner Amtszeit gesellschaftlich Schaden genommen. Sein Fernsehimperium scheint geradezu auf Billigserien spezialisiert zu sein, in denen es vor allem darum geht, knapp bekleidete Frauen zu demütigen.

Als Umberto Ecos langjährige Freundin Inge Feltrinelli 1960 von Hamburg nach Mailand zog, kam sie in ein Land, in dem Frauen noch im Mittelalter lebten. Sie durften sich nicht scheiden lassen, das ging erst ab 1970, Abtreibung war illegal. "Sie bewegten sich zwischen Kindern, Küche und Kirche", sagt die 80-Jährige im Büro ihres Mailänder Verlags, dem letzten linken Sturmgeschütz Italiens.

Doch binnen kürzester Zeit hätten die Italienerinnen aufgeholt, sagt Feltrinelli, sich erfolgreich zur Wehr gesetzt gegen Machismo und die mächtige Kirche. "Sie zeigten stolz ihre Körper, das war Teil ihrer Befreiung, aber zu welchem Preis?"

Heute sei Italien ein Land, in dem Frauen dadurch auffallen, dass sie im Fernsehen strippen und dummes Zeug reden. "Wie die nur aussehen, diese Rubys und Noemis, wie kleine Paris Hiltons. Sie wollen den schnellen Ruhm, die Freiheit, die Berlusconi ihnen vorlebt. Sie sind so wahnsinnig langweilig, und sie tun mir leid."

Nach einer kurzen Zeit des Fortschritts gehören die Italienerinnen in puncto Emanzipation heute wieder zu den Schlusslichtern Europas. Die Beschäftigungsrate von Frauen ist eine der niedrigsten des Kontinents, in Süditalien liegt sie bei nur 33 Prozent. Sie verdienen halb so viel wie Männer, und sie schuften 21 Stunden in der Woche im Haushalt. Die Weltrangliste der Gleichberechtigung, der "Global Gender Gap Report" des Weltwirtschaftsforums, sieht Italien auf Platz 74 von 134 Staaten, weit abgeschlagen hinter Ländern wie Ghana oder Botswana.

Feltrinelli war dabei, als im Februar etwa eine Million Italienerinnen auf Italiens Straßen mit Höschen auf dem Kopf und BH schwenkend "Basta!" riefen. Sie sagt: "Wir waren zu spät, wir hätten uns früher wehren müssen!"

Weshalb das alles? Weshalb tun die Italiener sich das an, weshalb verharren sie in dem, was der Philosoph Paolo Flores d'Arcais eine "freiwillige Knechtschaft" nennt?

Es gibt viele Gründe, zwei werden am häufigsten genannt.

Nicht wenige Italiener profitieren von dem Klientelismus ihres Premiers. Kaum sonst in Europa gibt es mehr Selbständige. 27 Prozent der Italiener leben auf eigene Rechnung, ihnen gefällt ein Anti-Politiker, der sich selbst durchwurschtelt, der seine - und ihre - Privilegien schützt, es mit den Gesetzen nicht ernst nimmt und alles dafür tut, ungestraft zu bleiben. Diese Mikro-Berlusconis lassen sich mit Schutzbestimmungen und Zugangsbeschränkungen für ihr Gewerbe, mit Steuerbefreiungen und Amnestien bei Laune halten. Sie werden Berlusconi oder seine Partei weiter wählen, genauso wie Hausfrauen und Pensionäre, die den Tag vorm Fernseher verbringen.

Die größte Stärke Berlusconis jedoch ist die Schwäche seiner Gegner, die "einäugige Dummheit der Oppositionsführer", wie Flores d'Arcais es formuliert. Es gibt bei der Linken derzeit keine Figur, die ihm ernsthaft gefährlich werden kann.

Trotz des gewonnenen Referendums im Juni, das Berlusconis Pläne zum Bau neuer Atomkraftwerke zunichtemachte, trotz der gewonnen Kommunalwahlen in Neapel und Mailand, erweist sich Italiens Linke als unfähig, das Land von seinem Regierungschef zu befreien.

Seit Berlusconi in Italien den Ton angibt, also seit 1994, waren Mitte-links-Bündnisse viermal kurzfristig an der Macht. Sie hätten die Gelegenheit gehabt, die Macht des Cavaliere zu beschneiden. Sie hätten ein Gesetz über Interessenkonflikte erlassen können, wie es in den klassischen Demokratien üblich ist. Aber sie taten es nicht. In den USA, in Frankreich und Deutschland zieht sich ein zum Regierungschef gewählter Unternehmer aus seiner Firma zurück. Warum nicht in Italien?

Die Ideenarmut der Opposition ist einer der Trümpfe Berlusconis. Viele Oppositionspolitiker sind ehemalige Kommunisten, aufgewachsen im Lagerdenken und Meister des politischen Taktierens.

Als der Prodi-Nachfolger Massimo d'Alema 1998 die Regierung übernahm, hätte er nur abwarten müssen. Berlusconi war damals wirtschaftlich in großen Nöten, hatte die Staatsanwälte auf den Fersen und war als Führer der Rechten umstritten. Doch der neue Ministerpräsident wollte mit ihm zusammen eine Wahlreform durchbringen. Berlusconi erhielt weitere Kredite, wurde politisch wieder aufgewertet und bekam als Geschenk parteiübergreifende Gesetze, die ihm das Gefängnis ersparten. Wenig später gewann er wieder die Wahlen. So verspielte die Linke, ein ums andere Mal, ihre Chancen.

Viele Ökonomen geben aber auch den Italienern eine Mitschuld an der Krise. Ihre Löhne sind stärker gestiegen als in anderen Ländern. Die Lohnstückkosten wuchsen seit 2000 um 27 Prozentpunkte mehr als in Deutschland. Vor allem bei der Produktivität sieht es schlecht aus für Italien. In der Rangordnung der Wettbewerbsfähigkeit der Staaten schafft das Land gerade einmal Platz 48 - abgeschlagen hinter Polen, Spanien und selbst Portugal. Was das ganz konkret heißt, erklärte Fiat-Chef Sergio Marchionne seinen Landsleuten kürzlich in einer populären Fernsehshow.

Von den etwa zwei Milliarden, die Fiat 2010 im operativen Geschäft einnahm, so der Automanager, komme "nicht ein Euro" aus den sechs italienischen Werken.

Geld verdiene das Unternehmen ausschließlich im Ausland. Der Grund dafür sei einfach: Jeder von den Beschäftigten, die in Polen Fiat-Modelle bauen, schafft statistisch 100 Autos im Jahr, in Brasilien sind es je 77, die italienischen Kollegen kommen nur knapp auf 30 Stück. Seit zehn Jahren verliere Italien an Boden, halte nicht Schritt mit den Nachbarn, sagte Marchionne. Darum gebe es auch "keinen Ausländer, der hier noch investiert".

Italiens Notenbankchef Draghi, schon halb auf dem Weg nach Frankfurt am Main, hielt seiner Heimat zum Ausstand eine Standpauke: Er forderte tiefgreifende Reformen und machte Berlusconis Regierung für Stagnation und Stillstand verantwortlich. Ohne Wachstum bestehe "keine realistische Aussicht auf den Abbau des Schuldenberges".

Vor allem junge Italiener haben es längst aufgegeben, auf eine bessere Politik zu hoffen. Sie bewerben sich um Stipendien im Ausland, wandern aus, egal, wohin.

An dem Tag, an dem Italien seiner Einheit mit Feuerwerk und staatstragenden Reden gedenkt, sitzt Ruth Stirati, eine gebürtige Römerin mit drei Kindern, in einem Schöneberger Studentencafé und verschickt am Laptop Fragen an ihre Kunden.

Stirati, 38, ist Gründerin einer ganz besonderen Umzugsagentur, sie hilft Italienern bei der Wohnungssuche in Deutschland, sie ist die Fluchthelferin ihrer frustrierten Landsleute beim Streben nach Anerkennung und Zukunft. Und die Berliner Diaspora der Exil-Italiener wächst rasant. 15 000 Landsleute von Stirati sind in der deutschen Hauptstadt gemeldet, manche gehen sogar von der doppelten Zahl aus.

Die Antworten auf ihre Fragen treffen schnell auf dem Rechner ein. "Es war eine Zwangsumsiedlung", schreibt ein Architekt. "Ich habe Italien verlassen, weil es den Anschluss ans 21. Jahrhundert verpasst hat." Er klagt über Vetternwirtschaft, den hoffnungslosen Arbeitsmarkt und diesen lähmenden Fatalismus, der besagt, so sei das nun mal in Italien, "che vuoi fare", was will man machen?

Die Flüchtlinge wollen Karriere machen, bezahlt werden für das, was sie leisten. "Ich will nicht länger prekär arbeiten", schreibt eine Ärztin, "um dann von jemandem überholt zu wer-den, der längere Beine hat oder Verwandte in der Politik." Ein Informatiker schreibt: "Ich kann es mir nicht leisten, die Hälfte des Tages in Amtsstuben oder in Staus zu sitzen." Sein Sohn solle nicht vor dem Fernseher aufwachsen, schreibt ein Universitätsdozent, wo er "Stripperinnen sieht, die es bis ins Parlament schaffen".

Die Flucht der gut Ausgebildeten ist ein neues, ein gewaltiges Problem, 40 000 Studenten verlassen jährlich ihr Land. Vor 50 Jahren kamen Süditaliener mit Pappkoffern und halfen den Deutschen bei ihrem Wirtschaftswunder, heute kommen sie, um zu beweisen, dass sie besser sind als der Ruf ihres Landes.

Das also ist die Bilanz des Silvio Berlusconi: Für sein Land hat er wenig getan. Aber er beherrscht die Köpfe. Er hat eine kulturelle Konterrevolution begonnen, von der sich die Politik noch lange nicht erholen wird.

All dies könnte den Nachbarländern egal sein. Wenn Berlusconi nur eine weitere Blüte der "Italianità" wäre, so grotesk wie harmlos, und jedenfalls für einige Sommerwochen oder die 90 Minuten eines Spielfilms auszuhalten.

Doch nicht wenige Beobachter sehen diese Haltung als gefährlich an.

"Der Berlusconismus", schreibt Flores d'Arcais, "ist das postmoderne Gegenstück zum Faschismus, gegründet auf die Legalisierung des Privilegs und die Herrschaft des Bildes." Er verkörpere die Rechte der Zukunft. Mit Privilegien für die herrschenden Clans, eingeschüchterten Journalisten und einer ohnmächtigen Justiz. "Europa riskiert heute mehr denn je, von diesem Berlusconismus angesteckt zu werden, dieser westlichen Form des Putinismus."

Und was kommt nach Berlusconi? Angenommen, der 74-Jährige wird, was nicht unwahrscheinlich ist, demnächst gestürzt, oder aber er meint ernst, was er jüngst andeutete, und tritt bei den Parlamentswahlen 2013 gar nicht mehr an. Angenommen, er sagt: "Basta! Mir reicht's!", und zöge sich zu seinen Männerfreunden und -freuden zurück, als Patriarch Don Silvio. Was wäre dann?

Ohne das Gravitationszentrum Berlusconi würde auch im Parlament wieder die Zeit der Kaleidoskop-Koalitionen einkehren, der tagestaktischen Bündnisse mit immergleichem Personal. Die Separatisten der Lega Nord würden ohne Gegengewicht wohl noch mächtiger. Und im Hintergrund bliebe der Alte, wie ein Schatten über dem Land.

Die Opposition verlöre ihren Fixpunkt. Im schlimmsten Fall müsste sie sogar regieren. Aber sie hat es nicht geschafft, einen Politiker aufzubauen mit dem Charisma, der Ausdauer und der politischen Verführungskraft eines Berlusconi - und jener Lauterkeit und Ernsthaftigkeit, die dem Cavaliere so vollkommen abgehen.

Solange die Linke nicht versteht, was er den Italienern gegeben hat, welches verborgene Bedürfnis er befriedigt, brauche sie von einem Wechsel nicht zu träumen, schreibt Mark Lilla, Professor für Ideengeschichte an der New Yorker Columbia-Universität und Spezialist für jene Attraktivität von Autokraten, zu denen sich auch moderne Europäer noch hingezogen fühlen. "Die Linke muss eine post-berlusconische politische Kraft werden." Ansonsten bliebe nur die brechtsche Variante: Löst das Volk auf und sucht euch ein anderes.

Siebzehn Jahre lang hat Berlusconi in Italien den Ton angegeben. Der Berlusconismus war wie ein süßes Gift, erst Genuss, dann Laster. Es wird lange Jahre brauchen, ihn diesem wundersamen Land wieder abzugewöhnen.

Der Anfang allerdings ist schon gemacht. Es war am 17. Februar dieses Jahres, kurz vor Mitternacht, einem Donnerstag, als eine Art zivile Neugründung Italiens stattfand, fast unbemerkt von seinen Nachbarn. Es geschah auf der Bühne des Festivals von San Remo, dem Heiligenschrein der italienischen TV-Unterhaltung. Roberto Benigni, der Komiker, beendet einen 56-minütigen hinreißenden Monolog über die Nationalhymne.

Es ist eine Lehrstunde in Politik und Bürgersinn gewesen, voll Witz und Spott, in rasendem Tempo und begleitet von seinen windradhaften Armbewegungen. Auf einem weißen Pferd, die Trikolore schwenkend, ist der Oscar-Preisträger in die Wohnzimmer der Nation geritten, er hat gelacht und gelästert und jedem Wort der Hymne nachgespürt. Und dann singt er sie. Ohne Orchester, plötzlich still und nachdenklich, so, als wolle er die unselige Gegenwart bannen: "Fratelli d'Italia", Brüder Italiens.

Noch in der Nacht ruft Staatspräsident Napolitano bei Benigni an, um sich zu bedanken. 66 Prozent der Italiener haben diesen Moment miterlebt, und er muss sie in der Seele berührt haben. Immer noch erzählen sie davon. Es war ein historischer Moment, und er war sehr italienisch: Ein Komiker rettet die Politik, weil ein Politiker sich und sein Land zur Lachnummer gemacht hat.

(*) Mit einer Pistole auf dem Schreibtisch (Kreis).

DER SPIEGEL 29/2011
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