18.07.2011

AFRIKA

Programmierte Katastrophe

Von Höges, Clemens und Knaup, Horand

Nach Beginn der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten hungern Millionen im Osten des Kontinents. Viele Menschen werden in den nächsten Wochen sterben - und die Welt ist machtlos.

Sie hatte lange gehofft, dass doch noch Regen fallen würde. Erst als auch das letzte Tier verendet war, gab Batulo Mahmud auf und machte sich mit ihrer Familie auf den Weg: Vier Tage und vier Nächte marschierten Batulo, ihr Mann und die fünf Kinder durch Somalias glühende Steppe Richtung Süden. Zu essen hatten sie nichts dabei, nur ein wenig Wasser.

Sie schleppten sich über die Grenze nach Kenia, und schließlich erreichten sie Dadaab, das größte Flüchtlingslager der Welt. Erschöpft kauern sie jetzt unter einer Zeltplane und warten darauf, dass die Helfer im Camp der Uno-Flüchtlingsorganisation UNHCR sie registrieren. "Wir hatten 100 Ziegen und 7 Kamele", sagt Batulo. Jetzt haben sie nichts mehr. Ambia, die Dreijährige, schläft im groben Staub der Steppe, Fliegen krabbeln über ihre Lippen, die Eltern haben keine Kraft mehr, sie zu verscheuchen.

Batulo und ihrer Familie geht es vergleichsweise gut. Andere kommen nach wochenlangen Fußmärschen völlig ausgezehrt hier an, die Augen tief in den Höhlen, manche sehen aus, als hielte nur noch die Haut die Knochen zusammen. Und viele sterben auf dem Weg.

Vor 20 Jahren legte die Uno Dadaab für rund 90 000 somalische Flüchtlinge an, inzwischen leben in improvisierten Zelten zwischen den Büschen der Savanne mehr als 380 000 Somalier. Und täglich kommen jetzt über 1000 dazu. Sie stehen in langen Schlangen für Wasser an, und sie begraben ihre Toten am Lagerrand unter hastig aufgeworfenen Erdhügeln. Es gibt viele neue Hügel in diesen Tagen.

Denn der Osten Afrikas glüht unter gnadenloser Sonne, die letzten beiden Regenzeiten brachten keinen Regen, es heißt, dies sei die schlimmste Dürre seit 1950. Und mit der Dürre kommt der Hunger. In Somalia, in Äthiopien, Kenia, in Dschibuti und Uganda leiden Menschen wie lange nicht mehr, zwölf Millionen Hungernde sollen es inzwischen bereits sein, schätzt die Uno, und das ist wohl erst der Anfang.

Es sieht vieles danach aus, als würde sich die Lage in den nächsten Wochen noch verschärfen, Daten der Uno und der Amerikaner deuten darauf hin. Noch stufen sie weite Regionen nur als Notfallgebiete ein, bald aber droht die höchste Warnstufe: "Hungersnot". Der Uno-Hochkommissar für Flüchtlinge António Guterres sieht die "schlimmste humanitäre Katastrophe dieser Zeit" heraufziehen.

Und diese Katastrophe läuft ab wie programmiert: Experten sehen das Unheil seit Monaten kommen, sie kennen die Ursachen. Sie wissen auch, dass all dies genauso wieder und wieder passieren wird. Wegen des Klimawandels bleibt der Regen immer öfter aus, die Bevölkerung in den Hungerländern aber hat sich in den letzten Jahrzehnten von rund 41 auf 167 Millionen gut vervierfacht. Zudem stecken die Hilfsorganisationen den größten Teil ihres Geldes in die Nothilfe, selten bleibt genug übrig, um Brunnen zu bauen, Dünger und Saatgut zu liefern oder den Bauern beizubringen, wie sie mehr aus ihrem Land herausholen könnten.

Somalia trifft es besonders, weil die islamistischen Schabab-Milizen in ihrem Kampf gegen die Regierung fast alle Hilfsorganisationen aus dem Land gejagt haben - und auch Hunderttausende Somalier, die jetzt als Flüchtlinge die Lage in den umliegenden Ländern verschlimmern.

"Die Menschen haben keine Wahl, sie fliehen sogar nach Mogadischu", sagt Mari Honjo; die zierliche Japanerin leitet die Basis der Uno-Organisation Welternährungsprogramm (WFP) in Somalias Hauptstadt. Mogadischu ist die Hölle, seit Jahren liefern sich zwischen den Ruinen Schabab-Islamisten und Regierungssoldaten grausame Gefechte.

Honjos Leute sitzen am Flughafen, 19 Ausländer zwischen den Fronten, geschützt von Soldaten einer kleinen Friedenstruppe der Afrikanischen Union. Geschützt, so gut es geht. Immer wieder pfeifen Kugeln durch das Lager, immer wieder zucken die Helfer zusammen, wenn draußen Bomben explodieren.

Sie verlassen ihr Lager so gut wie nie: Die Islamisten der Schabab würden die Ausländer entführen, wenn sie könnten. Und sie würden die Ungläubigen erschießen, wenn sie für eine Entführung nicht nahe genug herankämen. 145 Somalier gehen für die Uno-Leute nach draußen.

Das WFP hat es in den vergangenen Jahren trotzdem geschafft, den Hafen der Hauptstadt wieder halbwegs aufzubauen; Kriegsschiffe der EU-Mission "Atalanta" geleiten Frachter mit Hilfsgütern durch die Jagdreviere der Piraten dorthin, das ist eine ihrer Hauptaufgaben. "Es ist eine Herausforderung, hier zu arbeiten", sagt Honjo.

Bis zu 1,5 Millionen Menschen versuchen die WFP-Leute im Moment durchzufüttern, die meisten davon in Mogadischu selbst, denn nur dort kann die Artillerie der Afrikanischen Union den Helfern den Weg freischießen. Aus den Schabab-Regionen Somalias hingegen hat sich das WFP 2010 zurückgezogen - Lebensmittelfuhren verschwanden immer wieder, Mitarbeiter wurden ermordet oder entführt, die Islamisten nahmen den Helfern Geld ab und scheuchten sie schließlich als "Agenten der Ungläubigen" aus den Gebieten, die sie kontrollieren.

Erst jetzt, unter dem Druck der großen Dürre, haben Schabab-Kommandeure erklärt, Hilfsorganisationen seien nun doch wieder willkommen - "ich glaube, selbst die sind jetzt verzweifelt", sagt Honjo. Aber sie traut der Ansage nicht: "Die Schabab-Milizen bestehen aus Fraktionen, nicht alle sind einer Meinung. Wir brauchen Garantien, wir müssen mal schauen."

Ein ebenso großes Problem ist das, was im Jargon der Hilfsorganisationen "Donor Fatigue" heißt, Spenden-Müdigkeit: Die Menschen in aller Welt sind es leid, ihr Geld nach Afrika zu schicken, wo sich offenbar nie etwas ändert. Schon im vergangenen Jahr hatte das WFP 500 Millionen Dollar von den reichen Ländern der Welt erbeten, um den Hunger am Horn von Afrika zu bekämpfen. Nicht einmal die Hälfte davon ging ein. Dabei warnten schon seit längerem auch Wissenschaftler des amerikanischen Famine Early Warning Systems Network, dass erst die Pflanzen, dann die Tiere und schließlich die Menschen sterben würden, sollte der Regen weiter ausbleiben.

Gerade ist die zweite Regenzeit zu Ende gegangen, in der kein Tropfen fiel. Die nächste beginnt im Herbst. Selbst wenn sie Regen bringen sollte, würde es Monate dauern, bis die Bauern Getreide auf die Märkte schaffen könnten und die Nomaden ihre Tiere. "Aus Modellrechnungen wissen wir, dass dieser Teil des Kontinents mehr von Extremereignissen betroffen ist als andere Regionen", sagt die Klima-Analystin Daphne Wysham aus Washington. Sie nennt das Horn von Afrika ein "Epizentrum der Erderwärmung". Es werde wohl auch in den kommenden Jahren extreme Dürrephasen geben.

Zudem sind weltweit die Preise für Lebensmittel in die Höhe geschossen, das trifft die Hilfsorganisationen, aber auch die Menschen selbst. Der Preis für rote Hirse etwa, Standardgetreide in Somalia, ist im vergangenen Jahr um 240 Prozent gestiegen. Das können viele nicht mehr bezahlen.

Natürlich müsse der Rest der Welt die Menschen nun retten, sagt der deutsche Entwicklungsexperte Willi Dühnen. Seit zehn Jahren beobachtet er für die Organisation Tierärzte ohne Grenzen von Nairobi aus den Niedergang Ostafrikas, vor allem die Tragödie der Nomaden mit ihren Viehherden.

"Die Bevölkerung ist erheblich gewachsen, die Produktion dramatisch gesunken, das Klima verändert sich, und viele Flächen, die für die Landwirtschaft genutzt werden, sind für die Nomaden verlorengegangen", sagt er. Das Land könne seine Menschen einfach nicht mehr ernähren.


DER SPIEGEL 29/2011
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