10.08.1998

KOSOVOWohin mit den Toten?

Die Serben zerstören systematisch albanische Dörfer, jeder zehnte Einwohner ist auf der Flucht. Überlebende berichten von einem Massaker in Orahovac. Von Renate Flottau
In der Kellerluke, in der sie Mirsad fanden, klebt immer noch eine vertrocknete Blutlache. Ein Eimer Salz wurde darübergestreut, um den Geruch zu mildern und die Fliegen zu vertreiben.
"Hier habe ich meinen Bruder entdeckt", erzählt Fadil, 61, von Weinkrämpfen unterbrochen, "nur am Schlüsselbund in der Hosentasche konnte ich seinen Leichnam identifizieren, er war völlig entstellt."
Fadil, seine Frau und zwei seiner Söhne waren als einzige Mitglieder der Familie in die Wälder geflohen, als serbische Polizisten und Soldaten am 19. Juli mit mehr als 60 Panzern vor Orahovac anrückten, um den 22 000-Einwohner-Ort (davon knapp zehn Prozent Serben) wieder in ihre Gewalt zu bringen. Wenige Tage zuvor hatten Kommandos der albanischen Befreiungsarmee einen Teil der Stadt erobert.
Als Fadil nach 14 Tagen sein Wohnhaus wieder aufsuchte, war die Fassade von Einschüssen durchsiebt. Im Keller fand er den Bruder in einem Bodenschacht, der für Wintervorräte vorgesehen war. Die Serben hatten ihn offenbar übersehen.
Auf der Polizeiwache erfuhr der Albaner, daß auch drei weitere Brüder, sein 20jähriger Sohn, dessen Frau und eine Schwägerin umgekommen waren. Eine Schwiegertochter überlebte, weil sie sich 24 Stunden schwer verletzt draußen in einem Bretterverschlag versteckt hatte.
Fasil begrub Mirsad im Garten. Doch die Leichen der übrigen Familienmitglieder sind verschwunden.
"Mindestens 50 Zivilisten wurden allein in unserem kleinen Bezirk am Stadtrand getötet", sagt ein kleiner, schmächtiger Mann. Dann winkt er den Besucher hastig in ein ausgebranntes Gebäude. Kein Albaner will sich mit Fremden sehen lassen. Polizisten in Zivil suchen pausenlos nach Verdächtigen, die dann mit Foltern und Prügeln zu Aussagen über UÇK-Angehörige und ihre Verstecke gezwungen werden.
Eine morsche Tür führt unter herabhängenden Balken und Kabeln in einen Hinterhof. Dort diskutieren auf einer Bank Männer, die den Gegenschlag der Serben - versteckt in Kellern - überlebten. Alle sind sich einig: Zwischen 300 und 500 Einwohner seien bei der Einnahme von Orahovac getötet worden, Soldaten hätten wahllos auf Fliehende geschossen.
Aber wo sind die Leichen? Massengräber werden am alten Stadtfriedhof vermutet, ebenso am Fuß der Hügel, die Orahovac einsäumen. Zeugen wollen nachts Fuhrwerke, beladen mit Körpern, gesehen haben. Dort, bei den Müllhalden, wo der amerikanische Delegierte Christopher Hill nachgeschaut habe, sagt ein junger Mann verächtlich, da hätten die Serben absichtlich ein kleines Grab angelegt, "fein säuberlich mit 33 hölzernen Tafeln und Registriernummern, damit man dieses entdeckt und nicht weitersucht".
Mittlerweile bestätigten auch internationale Kommissionen und Menschenrechtsorganisationen, daß es keine Beweise für ein Massengrab mit 567 Toten - wie von "Washington Post", "taz" und der österreichischen Zeitung "Die Presse" gemeldet - in der rund zehn mal zehn Meter großen Erdgrube gebe. Die dort vergrabenen Opfer seien ausschließlich Terroristen der UÇK gewesen, rechtfertigen sich die Serben. Polizei riegelt das Gebiet seit Tagen hermetisch ab. "Wohin sollen wir mit den Toten?" fragt einer der Serben zynisch, "keiner vermißt sie."
Bei Einbruch der Dunkelheit wird Orahovac, das noch vor zehn Jahren als Musterbeispiel serbisch-albanischen Zusammenlebens galt, eine Geisterstadt. Serbische Scharfschützen postieren sich auf dem Hotel, auf der Plastikfabrik im Zentrum und in serbischen Wohnungen. Bis zum Morgengrauen dröhnen Salven aus ihren Maschinenpistolen, mit denen sie ihre nationalistischen Volksgesänge bekräftigen.
So sollen nicht nur die verbliebenen 5000 Albaner eingeschüchtert werden. Es ist auch ein Signal für die 15 000 Geflohenen in den Wäldern, daß ihre Rückkehr trotz internationaler Bemühungen und der Sicherheitsgarantien des jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic nicht erwünscht ist. Der ließ am Mittwoch Flugblätter über dem Kosovo abwerfen, in denen die Flüchtlinge zur Rückkehr aufgefordert werden. "Die Terroristen", steht darauf, "bringen nur Unheil. Sie fallen in Eure Dörfer ein, zwingen Euch, zu den Waffen zu greifen, und nehmen Euch das Geld weg. Benutzt die befreiten Straßen, meldet Euch an der ersten Polizeisperre. Wir helfen Euch, in Eure Dörfer zurückzukehren."
Doch die gibt es oft nicht mehr, die serbischen Truppen verfolgen eine Strategie der verbrannten Erde. Mons Nybirg vom Flüchtlingskommissariat der Uno hat beobachtet, daß die serbischen Kräfte absichtlich viele Höfe niederbrennen - "nicht als Folge der Kämpfe, sondern einer planmäßigen Zerstörungskampagne".
Die Wiedereroberung von Orahovac ist für die Serben ein Wendepunkt des Kosovo-Kriegs. Erstmals hatte die albanische Befreiungsarmee, die bis dahin nach Partisanenart offene Schlachten vermied, eine Stadt anzugreifen gewagt - und scheiterte. Der serbische Gegenangriff war Teil einer Großoffensive in der gesamten Provinz.
Auf der Straße von Orahovac nach Malisevo zeugen Schützengräben und Tausende von Patronen- und Granathülsen von erbitterten Gefechten. Konvois mit Hilfsgütern warten am serbischen Kontrollpunkt in Malisevo, um die Genehmigung für die Versorgung hungernder Flüchtlinge zu erhalten. Wer abgewiesen wird, fährt meist resigniert und ohne Protest zurück.
Malisevo, einst Hochburg der UÇK und mit Flüchtlingen überfüllt, ist menschenleer, das Zentrum ausgebrannt. Nur Vieh streunt über die Straßen, Hunde sitzen zerzaust vor den Häusern und warten auf die Rückkehr ihrer geflohenen Herren.
Rund 200 000 Albaner, jeder zehnte Einwohner des Kosovo, sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen derzeit auf der Flucht. Seit Wochen irren die Vertriebenen umher, Traktor an Traktor, voll beladen mit Menschen, Matratzen und Mehlsäcken.
In Jabucna poljana, einer Waldlichtung in der Region Drenica, haben albanische Familien mit Ästen und Zweigen primitive Hütten gebaut. Wer noch Mehlvorräte besitzt, bäckt auf kleinen Feuerstellen Brot. Die Glut und der aufsteigende Rauch werden sorgfältig abgeschirmt - aus Angst, die Serben könnten das Flüchtlingscamp entdecken und mit Artillerie beschießen.
Eine alte Albanerin, trotz 38 Grad Hitze in Decken gehüllt, trinkt langsam eine dünne Suppe aus einem Blechnapf. Zwei Frauen führen eine dritte in ihrer Mitte, die unter Schock steht. Sie traf erst vor wenigen Stunden ein. Am Morgen hatte eine Granate vor ihren Augen die Nachbarin zerfetzt.
Hinter einem Busch schaukelt ein junges Mädchen eine zusammengezimmerte Wiege. Im Wald hat sie vor acht Tagen ihr Baby zur Welt gebracht, die Frauen des Lagers durchtrennten mit einer Schere die Nabelschnur. Jetzt bangt die Mutter: "Es gibt weder Milch noch Nahrung."
"Scheiß-Deutschland, Scheiß-Amerika", ruft eine Gruppe Jugendlicher, wütend über die ausbleibende Hilfe des Westens. Die internationale Gemeinschaft sei doch längst ein Komplize von Milosevic geworden. Manche wagen auch Kritik an der eigenen Befreiungsarmee. "Die UÇK-Soldaten in Malisevo sind keine Kämpfer gewesen", kommentiert ein Familienvater, der aus einem Dorf bei Orahovac flüchtete: Zuerst hätten sie versprochen, die Stadt zu befreien, dann seien sie vor den serbischen Panzern geflohen. Den Preis für die sinnlose Aktion zahlten die Zivilisten.
Zu hoch waren in den vergangenen Wochen die Erwartungen gesteckt, die albanischen Bauern hatten die Stärke der UÇK überschätzt. Wenn die serbische Armee die Offensive fortsetze, sagt ein Albaner aus Klina, "haben wir keine Chance".
Wer Ende voriger Woche mit Pferdewagen, Autos oder Geländewagen durch das Gebiet von Drenica Richtung Kosovska Mitrovica fuhr, wurde von UÇK-Wachposten aufgefordert, die Scheinwerfer auszuschalten, um nicht Zielscheibe zu werden. Auf der linken Seite feuerten Scharfschützen der serbischen Polizei, von rechts die Armee aus ihrer Kaserne auf jeden verdächtigen Lichtschein. Auf den nahen Hügeln loderten gespenstisch die Feuer von sechs gerade zerstörten Dörfern.
[Grafiktext]
Kartenausriß Kosovo
[GrafiktextEnde]
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Kartenausriß Kosovo
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Von Renate Flottau

DER SPIEGEL 33/1998
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