Kaum hatten die Urbriten die Schaufel erfunden, begannen sie zu graben. Das taten sie mit Leidenschaft. Tausende von neolithischen Erdwerken liegen auf der Insel verstreut, darunter der tiefste Ritualschacht (30 Meter) und der höchste Schuttkegel Europas.
Rätselhafter noch wirkt das Ruinenfeld in der Grafschaft Wiltshire. Urzeitliche Kraftmeier, die sich leidlich mit Getreideanbau über Wasser hielten, errichteten um 3000 vor Christus den Stonehenge-Komplex, erst aus Holzpfählen, dann, in einer zweiten Phase, aus Stein.
Seit Jahren spekuliert die Forscherzunft über den Sinn des Zentralheiligtums, dessen Felsnadeln von einem Ringgraben umgeben sind. Der größte Koloß, rund 50 Tonnen schwer, wurde von 600 Menschen aus einem entfernten Steinbruch herangeschafft. Der Tempeleingang weist auf den Sonnenaufgang nach der Mittsommernacht.
Astronomisch orientiert sind auch die umliegenden Kultstätten. Einige hundert Meter nördlich erstreckt sich der "Cursus", interpretiert als kultische Rennstrecke. Östlich ist Durrington Walls zu sehen ("Einfriedung für Volksversammlungen"). Daneben stand der Holztempel Woodhenge, durch dessen Tor am 21. Juni die erste Sommersonne funkelte (siehe Grafik Seite 138).
Jährlich 700 000 Besucher fahren auf der A 303 direkt in den prähistorischen Garten. Was sie erblicken, sind Abglanz, Erosion und Verfall. Über 50 Stonehenge-Steine sind im Laufe der Zeit verschwunden. Den Restbestand haben Touristen angepickelt und beschmiert. Die Unesco drängt auf eine weiträumige Absperrung des Gefildes, um es in einen "Millennium Park" zu verwandeln.
Auch die "Avenue" hat ihre alte Pracht verloren. Über eine Strecke von drei Kilometern führte diese Prozessionsstraße einst vom Fluß Avon zum Steinkreis empor - vergleichbar den Aufwegen der ägyptischen Pyramiden.
Jüngst hat Jörg Faßbinder vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege die Trasse mit einem hochsensiblen Magnetometer untersucht. Die Analysebilder zeigen Setzlöcher. Fazit des Forschers: "Die Avenue war einst von Hunderten grob behauener Obelisken flankiert."
Und dennoch: So originell die "geheiligte Landschaft" von Wiltshire auch wirkt, sie könnte Plagiat sein. Auf dem mitteleuropäischen Festland sind Kultbauten entdeckt worden, die wie primitive Vorgänger der Stonehenge-Monumente anmuten.
Kreisrund, oval oder streng elliptisch sind die Freitempel geformt. Außen verliefen bis zu vier Grabenringe. Innen erhoben sich gewaltige Palisadenwände. Alter der Steinzeitstätten: 4800 bis 4600 vor Christus - 2000 Jahre vor Stonehenge.
Zu jener Zeit brach sich in Europa eine neue Technologie Bahn. Frühe Ackerbauern, die Stichbandkeramiker, besiedelten die fruchtbaren Lößböden an den Ufern von Donau und Rhein. Um 4500 vor Christus war das Pariser Becken erreicht. Dann setzten die Farmer zur Invasion Englands an. Um 4000 vor Christus hielt auch dort der Fortschritt Einzug.
Die Siedlertrupps hatten offensichtlich eine "neue Religion" - so der Dresdner Archäologe Henning Haßmann - im Gepäck, der sie schweißtreibenden Tribut zollten. Mit Hirschgeweihhacken und Schaufeln aus den Schulterblättern von Rindern hoben sie Rondelle mit hintereinandergeschalteten Erdschächten aus, präzise geformt und bis zu acht Meter tief.
Bereits Anfang des Jahrhunderts wurden Spuren dieser eindrucksvollen Großbauten entdeckt. Ihre Verbreitung schien auf den Donauraum begrenzt. Die größte Anlage in Svodín (Slowakei) hat einen Außendurchmesser von 146 Metern. Die Innenpalisaden bestanden aus 4000 massiven Eichenbalken.
In den achtziger Jahren kamen weitere Anlagen dazu - durch Luftbildprospektion. Archäopiloten erkundeten fünf bayerische Mammut-Ovale, darunter der 106-Meter-Pferch von Künzing (siehe Grafik); die Forscher stufen sie "als früheste Monumentalarchitektur hierzulande" ein.
Nun erobern die Spähtrupps auch den - für sie lange gesperrten - Luftraum des ehemaligen Ostblocks. Mit durchschlagendem Erfolg: Die archaischen Zwiebelfestungen ziehen sich von Ungarn bis hoch nach Thüringen und Brandenburg.
Hauptakteur am Himmel ist der Ex-Bundeswehrpilot Otto Brasch, 62. "Wuchsanomalien im Getreide machen die Tempel sichtbar", sagt er. Bei gutem Wetter steigt der Flugveteran von Landshut aus in den Himmel und blickt wie durch eine Zauberbrille auf die versunkene Kultur der Stichbandkeramiker. Lange Hausfundamente zeichnen sich auf den Äckern ab. In Sachsen hat der Pilot kilometerlange Grubensysteme ausgemacht, die sich schnurgerade durch die Landschaft ziehen.
Und immer wieder Kreise: Bei Kyhna nördlich von Leipzig überflog der Pilot vier Steinzeit-Rondelle, eng beieinanderliegend. Am 22. Juni knatterte er ins Polnische und kartierte über Glogau die am weitesten nach Nordosten vorgeschobene Anlage.
Am Boden arbeiten derweil die Fußtruppen. Der Dresdner Archäologe Ingo Campen gräbt mitten im Braunkohlegebiet Zwenkau. Unter Hochdruck - "die Abraumbagger sind uns auf den Fersen" - hat er einen Erdtempel komplett freigelegt. Der äußere Graben, der eine Art Zirkusmanege von 120 Meter Durchmesser umschließt, ist von vier schmalen Erdbrücken durchbrochen. Darüber wölbten sich einst schmale Tore, durch welche kleinwüchsige Ur-Bauern in ihr Heiligtum schritten.
Über die Konstrukteure der Anlagen ist wenig bekannt. Rund 2000 Jahre bevor in Mesopotamien die ersten Städte entstanden, eroberten die Stichbandkeramiker Westeuropa. In harter Knochenarbeit schlugen sie mit Steinäxten Schneisen in die Urwälder. Zwischen den Stümpfen wurden Einkorn und Emmer gesät.
Die Behausungen der Farmer, bis zu 50 Meter lang, waren mit Reet oder Holzschindeln gedeckt. Fleischnahrung lieferte das domestizierte Rind. Verstümmelungen an Skelettfunden deuten darauf hin, daß die Bewohner Menschenopferkulte zelebrierten und dem Kannibalismus frönten.
Aus dieser fernen Welt, die weder Rad noch Metall kannte, sind nun Dutzende von Zwiebelburgen aufgetaucht. Warum wurden sie errichtet? Als Befestigungsanlagen machen die Erdwerke keinen Sinn; die Mehrheit der Forscher hat sich auf die schwammige Definition "ritueller Versammlungsplatz" geeinigt. Doch der Neolithikumforscher Henning Haßmann gibt zu: "Wir wissen nicht, was Sache ist."
Kopfzerbrechen bereiten die kolossalen Dimensionen der Bauwerke. Neben den Kultstätten liegen meist kleine Ansiedlungen, in denen kaum 100 Personen lebten. Diese wenigen Dörfler können die Großarchitektur nie allein errichtet haben.
Die Manpower kam offensichtlich aus dem Hinterland. Der Tübinger Experte Jörg Petrasch deutet die Bauten als Stammeszentren mit bis zu 150 Quadratkilometer großen Einzugsgebieten. Vereint wurde das Werk errichtet, hernach strömten die Clans in die Massenarena, um sich in "religiösen Zeremonien" (Petrasch) zu ergehen.
Aber welche Riten wurden hier zelebriert? Von den Archäologen vor Ort ist kaum eine Antwort zu erwarten. Die Innenplätze sind nahezu fundleer. Weder Tierknochen noch Keramik deuten auf irgendwelche Opferkulte. Sogar der Aushub aus den Gräben ist verschwunden. Die Erbauer müssen ihn weggekarrt haben.
Vielleicht läßt sich das Rätsel trotzdem lösen. Der Münchner Geophysiker Helmut Becker hat die bayerischen Anlagen mit Magnetometern neu vermessen. Ergebnis: Nahezu alle Tempeltore sind nach astronomischen Gesichtspunkten orientiert. Die Achsen weisen vornehmlich Richtung Wintersonnenwende.
Der Forscher vermutet, daß die Barbaren auf den abgeschirmten Innenplätzen Silvesterpartys feierten. Wie "Lichtblitze" seien die ersten Strahlen der Neujahrssonne in die Holztempel eingefallen: "Der Beginn des neuen Jahres muß im Neolithikum ein zentrales Fest gewesen sein."
Besonders ausgeklügelt wirkt der Kreisgraben von Meisternthal bei Landau. Das wuchtige Oval ist streng elliptisch konstruiert. Diese geometrische Form taucht erst 2000 Jahre später wieder in Stonehenge auf.
Becker deutet Meisternthal als "Sonnentempel oder großes Lichtzeigerinstrument", mit denen die prähistorischen Bauern Kalenderdaten ermittelten. "Ost- und Westtor weisen auf die Sonnenauf- und untergänge zum Frühlings- und Herbstäquinoktium", erklärt er, "wichtige Zeitpunkte für Aussaat und Ernte."
Ähnliche Feten sollen 2000 Jahre später auch auf dem heiligen Bezirk um Stonehenge stattgefunden haben. Vorletztes Jahr legte John North von der Universität Groningen ein 600-Seiten-Buch ("Stonehenge - Neolithic Man and the Cosmos") vor. Dort wird die Steinzeit als traumversunkene Solarwelt beschrieben, deren Sakralbauten auf die Gestirne bezogen sind.
Skeptiker lehnen solche Thesen als Spökenkiekerei ab. "Paläoastronomische Beobachtungen analog zu den britischen Henges führen nicht weiter", sagt der slowakische Ringtempel-Experte Ivan Kuzma.
Die Astrofraktion liefert indes immer neue Indizien für einen weitverbreiteten
* Bei Kyhna nördlich von Leipzig.
Sonnenkult im Neolithikum. Im April dieses Jahres legte ein polnisch-amerikanisches Team sogar in Nubien einen Steinkreis frei, der angeblich als Kalenderbau diente. Errichtet wurde er von Nomadenstämmen, die später ins Niltal zogen und die Pyramiden errichteten.
Wurden die abseits siedelnden Ingenieure von Stonehenge durch solche Kulturtaten inspiriert? Womöglich, so der Verdacht, blähten sie jene Architektur ins Heroische auf, die Jahrtausende zuvor schon einmal am Alpenrand durchgespielt wurde.
Die Vermutung kann sich auf weitere Beweise stützen. Denn auch die englischen Cursus-Monumente stehen nun unter Plagiatverdacht. Vier solcher Bahnen sind von der Insel bekannt. Der Cursus nördlich von Stonehenge, 2,8 Kilometer lang, soll als rituelle Spurtbahn zu Ehren von Toten gedient haben. Ähnliche Bauwerke waren auf dem Festland bislang unbekannt.
Nun jedoch ist nahe dem Kreistempel von Wallerfing (Bayern) eine ähnliche Grabenstruktur aufgetaucht. Im Magnetogramm sieht das Gebilde wie eine Landebahn für Flugzeuge aus. Ersten Analysen zufolge ist der langgestreckte Komplex wie die Rennstrecke von Stonehenge nach Himmelsdaten ausgerichtet.
Die Landesarchäologen aus München brennen darauf, den Fund genauer zu inspizieren. Im Herbst, nach der Ernte, soll die neolithische Ruine erneut mit einem Magnetometer abgetastet werden. "Eine erstaunliche Entdeckung", sagt Altertumsforscher Becker. "Vielleicht liegen die Vorbilder von Stonehenge wirklich in Bayern."
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Modell der Kreisgrabenanlage bei Künzing (Bayern)
Das Gebiet um Stonehenge
[GrafiktextEnde]
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Modell der Kreisgrabenanlage bei Künzing (Bayern)
Das Gebiet um Stonehenge
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DER SPIEGEL 33/1998
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