10.08.1998

IMPOTENZ

Regelwidriger Zustand

Viagra-Benutzer könnten sich die Kassenerstattung wohl erklagen - doch bis dahin vergehen Jahre.

Öffentlich hatte Horst Seehofer angekündigt, was er tun werde, sollte es die Potenzpille Viagra auf Kassenrezept geben: "Dann erschieße ich mich."

"Da haben wir den Gesundheitsminister noch mal davonkommen lassen", flapste ein Mitglied des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen, der schon Ende Juni ein vorläufiges Votum in Seehofers Sinn abgegeben hatte.

Letzte Woche verkündete das Gremium seinen endgültigen Beschluß: Viagra wird nicht in den Katalog der erstattungsfähigen Medikamente aufgenommen. Damit dürfen Doktoren die teure Erektions-Arznei nur auf Privatrezept verschreiben, die 30 Mark pro Pille muß der Patient selbst zahlen.

So wird demnächst eine Regelung verbindlich, von der auch ihre Urheber wissen, daß sie gesetzeswidrig ist und daher vor Gerichten keinen Bestand haben kann. "In unserer Kanzlei waren schon die ersten", so der Münchner Arzt und Anwalt Dr. Alexander Ehlers, "die den Rechtsweg beschreiten wollen."

Die Kläger berufen sich auf einen gesetzlich verbrieften Anspruch auf Behandlung und Linderung ihres Leidens, wie ihn das Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen 1996 in einer Grundsatzentscheidung bestätigte.

"Die Kohabitationsfähigkeit eines erwachsenen Mannes", stellten damals die Richter fest, "ist Bestandteil seines regelgerechten, also gesunden Körperzustandes." Somit handle es sich bei der erektilen Dysfunktion um einen "regelwidrigen Körperzustand, dessen Behandlung zur Linderung der daraus entstehenden Beschwerden notwendig" sei.

Auch die vom Bundesausschuß angeführten Argumente, das Ganze sei zu teuer und berge ein Mißbrauchspotential durch Simulanten, "werden vor Gericht nicht halten", prophezeit Medizinrechtsexperte Ehlers.

Doch die Gesetzlichen Krankenversicherungen, die jährliche Mehrkosten von 23 Milliarden Mark befürchten, wenn sie jedem der rund 7,5 Millionen deutschen Impotenten zwei Pillen pro Wochen spendieren müßten, sind guter Hoffnung, solche Rechtsklippen einstweilen umschiffen zu können - sie setzen auf Zeit.

Klar ist, daß auch für den Fall, daß sich die Gerichte auf die Seite der Leidenden stellen, die Erstattung von Potenzmitteln auf einen deutlich eingeschränkten Indikationskatalog beschränkt bliebe - nicht jeder, der beim Erigieren Mühe hat, käme in den Genuß eines von der Solidargemeinschaft finanzierten Koitus. Wie aber läßt sich prüfen, ob der Hilferuf des Patienten berechtigt ist und ob sein Leiden tatsächlich Krankheitswert hat? Dies im Einzelfall festzustellen, halten Andrologen und Urologen eine ganze Batterie nicht immer ersprießlicher Diagnosemaßnahmen bereit.

Zunächst müßte sich jeder, der seine Erektion auf Kassenkosten haben möchte, einer Intim-Anamnese unterziehen. "Da will ich es dann", erläutert der Hamburger Urologie-Professor Hartmut Porst, "ganz genau wissen: wie oft, wie lang, wie steif und ob es denn wenigstens beim Onanieren noch einigermaßen klappt."

Als erste Untersuchung knetet der Doktor mit fester Hand den Penis pendulans, das schlaffe Glied, um so Verhärtungen und Verkalkungen zu ertasten. Dann "hebt" er "das Hütchen"; so umschreibt der Mediziner das Zurückschieben der Vorhaut, bevor er die Eichel inspiziert.

Anschließend prüft er per Prostaglandininjektion seitlich in den Schwellkörper die Fähigkeit zur Erektion, die nach spätestens zehn Minuten einsetzen müßte. "Wenn sich jetzt nichts regt", so Porst, "ist die Lage ernst."

Anschließend wird der penile Blutfluß mit Hilfe der sogenannten Duplex-Sonographie gemessen: 35 Zentimeter Spitzenflußgeschwindigkeit pro Sekunde führen zu guter Rigidität (Steife) und zufriedenstellender Tumeszenz (Dicke); bei 20 Zentimetern pro Sekunde kommt es hingegen allenfalls zu einem "steifungsähnlichen Zustand".

Zur Erektionsmessung stehen des weiteren zwei mechanische Verfahren zur Verfügung:

* Beim "Rigiscan"-Test werden dem erektil Geschwächten über einen Zeitraum von bis zu neun Stunden zwei Meßschlaufen angelegt, die sich alle 15 Sekunden zusammenziehen, eine um den Sulcus coronaris (Eichelkranz), die andere um die Peniswurzel. Die dabei vom Computer gesammelten Daten geben Aufschluß über Quantität und Qualität der Erektionsfähigkeit.

* Beim "Buckling"-Verfahren ermittelt ein Druckmeßgerät (Rigidometer), wie belastbar der versteifte Penis ist. Zu diesem Zweck preßt ein Meßkopf von vorne direkt auf die Eichel und zeigt in Gramm an, bei welcher Druckbelastung sich das aufrechte Glied verbiegt.

Amerikanische Impotenz-Experten gehen sogar so weit, auch die Partnerin des Dysfunktionalen durchzumessen, um herauszufinden, welche Penetrationskraft - wieder gemessen in Gramm - für den Koitus mit ihr nötig ist.

Nach einer US-Studie an über 200 Frauen liegt, "ausreichende Lubrikation vorausgesetzt", das Minimum für eine erfolgreiche Vaginalpenetration bei 500 Gramm Biegefestigkeit. Dann liegt der Rigiditätsfaktor des Gliedes bei etwa 60 Prozent.

Bis zur flächendeckenden Anwendung derartiger Diagnostik in Deutschland setzen die Kassen indes lieber auf die hemmenden Windungen des Rechtswegs. Ihre Hoffnung: Die Impotenten sollen prozessieren, bis sie so blau sind wie die Viagrapille - bevor nicht eine letztinstanzliche Entscheidung fällt, gibt es keine müde Mark.

Auch wenn die Kassen auf dem Instanzenweg durch die deutsche Sozialgerichtsbarkeit immer wieder zur Kostenerstattung von Viagra verdonnert werden, müssen sie dennoch fürs erste nicht bezahlen. Denn die Urteile unterer Gerichte haben "aufschiebende Wirkung": Erst wenn die letzte Instanz, das Bundessozialgericht, die Zahlungspflicht der Kassen bestätigt, woran kaum ein Experte zweifelt, müssen die Kassen den Impotenten die Kosten für die Potenzpille erstatten.

Doch bis dahin dürften sechs, nach Schätzung mancher Juristen vielleicht sogar acht Jahre vergehen. Dann aber werden die zahlreichen anderen Potenzmittel, an denen die Labors vieler Pharmafirmen derzeit arbeiten, das Monopol von Viagra mit seinen Mondpreisen längst gebrochen haben.

In zehn Jahren schließlich läuft das Patent des Viagra-Herstellers Pfizer ohnehin aus.


DER SPIEGEL 33/1998
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