10.08.1998

Wo soll das enden?

Vier Monate nach ihrer Markteinführung in den USA gibt es weltweit Kuriositäten um die blaue Potenzpille.

Es begab sich in der Lounge des Dubliner Flughafens, daß eine Reisegruppe irischer Ordensschwestern für die Umstehenden hörbar über die penile Schwäche beim Mann diskutierte: "Ich habe gelesen", ließ sich eine von ihnen vernehmen, "daß dieses Viagra dem Muskel neue Kraft gibt."

Wenn die vielumraunte blaue Potenzpille sogar irische Klosterfrauen zu solchem Gedankenaustausch stimuliert, liegt die Befürchtung nahe, daß auch der Rest der Welt aus der Balance gerät - und richtig:

* Im englischen Oberhaus gab eine Staffel verwackelter Lords in beachtlichem Alter ungefragt zu Protokoll, sie würden - Adel verzichtet - Viagra keinesfalls nehmen; selbst wenn sie es bräuchten.

* In Brasilien verschenkte Senhor Berti, Bürgermeister des Städtchens Bocaiuva do Sul, die Potenzpille an die Einwohner - mit der ausdrücklichen Auflage, die "Einwohnerzahl zu erhöhen".

* In Israel, wo während einer Ausschuß-Sitzung der Knesset als Anschauungsmaterial herumgereichte Viagra Pillen abhanden kamen, fürchteten orthodoxe Paranoiker um die Kampfkraft der Truppe, falls Soldaten und Soldatinnen unter Viagra-Einfluß enthemmt übereinander statt über den Gegner herfielen.

"Die kleine blaue Tablette hat der Menschheit offenbar Teile des Verstandes geraubt", befürchtet "Newsweek" und warnt vor ungeahnten Risiken und Nebenwirkungen: "Dieses Medikament kann Hecheln und Hysterie hervorrufen, auch unter Menschen, die es noch gar nicht eingenommen haben."

Sensible Frauenseelen in den USA, wo das Stärkungsmittel bis Ende letzter Woche über dreimillionenmal verschrieben wurde, wähnen sich von neuen Gefahren durch Viagra umzingelt. "Im Office sind immer mehr Männer, bei denen man eine entsprechende Vermutung haben kann", fürchtet sich die Wall-Street-Sekretärin Sheila Long. "Wo soll das noch enden?"

Das fragen sich freilich auch

* die Iren, die törichten Spott erdulden müssen, nur weil ihre kleine Insel eine der weltweit zwei Viagra-Fabriken beherbergt;

* die Juristen des Viagra-Herstellers Pfizer, die immer öfter gegen Namens-Piraterien vorgehen müssen, am häufigsten in Italien, wo es unter anderem "Pizza Viagra", "Viagra-Eis" und - von einer Käserei am Comer See - "Formaggio Viagra" gibt;

* die Nashörner, Elefanten, Löwen und anderen männlichen Zootiere mit reduziertem Paarungswillen, die demnächst mit Viagra zur Erfüllung ihrer reproduktiven Pflichten ermuntert werden sollen;

* die Bischöfe der Church of England, die sich des Volkshohns ("Church of Erection") kaum noch erwehren können, seitdem ruchbar wurde, daß die englische Staatskirche in Pfizer-Aktien dealt - Spekulationsgewinn bisher: umgerechnet etwa drei Millionen Mark.

Den größten Aufwand um die kleine blaue Pille treiben die Japaner, bei denen zu Hause die Arznei nicht verkauft werden darf. Scharenweise fliegen sie in gecharterten Viagra-Bombern die 6000 Kilometer nach Hawaii, wo sie das Medikament - mitunter in großen Mengen - an sich raffen.

Den Chinesen hingegen bedeutet Viagra nicht nur in erektiler Hinsicht eine Verheißung. Sie sind davon überzeugt, daß die Pille auch den "Koro" verhindert, jenes vom Chinamann abergläubisch gefürchtete Mißgeschick, der Penis könne sich in den Unterleib zurückziehen.


DER SPIEGEL 33/1998
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