17.08.1998

MEDIZINMuttermilch für Beverly Hills

Amerikas Babyindustrie läuft auf Hochtouren - schwule Paare heuern Eispenderinnen an und beschäftigen Leihmütter. Kosten für ein Wunschkind: rund 60 000 Dollar.
Prall wölbt sich der Bauch unter der khakifarbenen Latzhose von Elizabeth Nila. Seit acht Monaten ist sie schwanger. Am 20. September soll das Baby geboren werden.
Sohn Daniel, 5, legt seinen Kopf auf die Rundung; er weiß: "Da ist ein Baby drin, aber es gehört uns nicht."
Die 33jährige Elizabeth Nila aus San Diego ist eine Leihmutter. Für die Gage von 16 000 Dollar plus Spesen hat sie ihren Leib vermietet, an einen Rechtsanwalt und einen Kardiologen aus Beverly Hills.
In dem geschmackvoll eingerichteten Haus, das Will Halm, 46, zusammen mit seinem gleichaltrigen Lebenspartner Marcellin Simard bewohnt, ist alles auf den Familienzuwachs vorbereitet. Babybett und Wickelkommode haben die beiden Schwulen schon ins Kinderzimmer gestellt, angeschafft sind Windeln, Schnuller und Rasseln, eine Tagesmutter wurde angeheuert. Sie wird sich um den kleinen Luc kümmern; so soll das Kind heißen, mit dem Leihmutter Elizabeth zwar schwanger, biologisch aber nicht verwandt ist.
Gezeugt wurde Luc im Labor des Reproduktionsmediziners David Smotrich aus San Diego. Bei ihm hatte sich Ende letzten Jahres eine andere junge Frau zu einer mehrwöchigen Hormonbehandlung bereit erklärt - mit dem Ziel, auf einen Schlag ein knappes Dutzend befruchtungsreifer Eizellen zu produzieren.
Mediziner Smotrich entnahm der Spenderin die Ernte, tat sie in eine Petrischale und befruchtete die Eier mit dem Sperma, das einer der beiden homosexuellen Väter kurz zuvor abgeliefert hatte.
Zwei Tage später kam die künftige Leihmutter Elizabeth in Smotrichs Behandlungszimmer. Sie ließ sich einige der nach wenigen Teilungen entstandenen Embryonen in ihre Gebärmutter einsetzen. Die aufwendige Prozedur des EmbryoTransfers und die Hormonbehandlung der Leihmutter bis zur zwölften Schwangerschaftswoche verliefen erfolgreich.
"Herzlichen Glückwunsch, ihr werdet Vater", teilte Elizabeth den beiden Schwulen aus Beverly Hills telefonisch mit, als sie das positive Ergebnis des Schwangerschaftstests in Händen hielt. "Wir helfen Gott ein bißchen beim Kindermachen", umschreibt Fortpflanzungsspezialist Smotrich das Geschäft mit Eizellen und Leihmüttern, schwulen und alleinstehenden Vätern sowie lesbischen, aber auch heterosexuellen Paaren. Andere Kenner der Szene, wie etwa der US-Molekularbiologe Lee Silver, sehen in dem Befruchtungsbusiness bereits einen "boomenden Industriezweig".
Die "In-vitro-Fertilisation" (IVF), die Zeugung in der Petrischale, hat sich offensichtlich als "alternative Fortpflanzungsmethode" (Smotrich) etabliert. Seit vor nunmehr 20 Jahren mit Louise Brown das erste Retortenbaby in England zur Welt kam, verdanken weltweit rund 300 000 Menschen ihre Existenz der künstlichen Zeugung im Labor. 250 IVF-Kliniken gibt es allein in den USA, jede zehnte davon wird in Kalifornien betrieben.
Der bevölkerungsreichste US-Bundesstaat, seit Jahrzehnten Trendsetter im Lifestyle-Geschäft, gehörte auch auf dem Retortenbaby-Markt zu den Vorreitern. In Kalifornien gab es bereits 1979 eine der ersten Spermabanken, bei der zahlungskräftige Kundinnen für ihren Nachwuchs Samenspender nach Wunsch aussuchen konnten - in Form von abgefüllten Spermapackungen aus dem Tiefkühlfach, die sich auch zur Selbstbefruchtung per Vaginalklistier eignen.
Nahezu jedem zehnten amerikanischen Ehepaar, so die Statistik, bleibt der inständige Wunsch nach leiblichen Kindern versagt. --- S.155 Diesen Umstand nutzte eine Gruppe von Medizinern, die in den achtziger Jahren das "Center for Surrogate Parenting" (CSP) gründeten. Die in Beverly Hills ansässige Firma ist seither Marktführer bei der Vermittlung von Leihmüttern und Eispenderinnen. Zum CSP-Kundenkreis zählten anfangs hauptsächlich Frauen, die aus unterschiedlichen medizinischen Gründen Schwierigkeiten hatten, schwanger zu werden, oder die Schwangerschaften nicht zu Ende austragen konnten.
Inzwischen gibt es, mit Schwerpunkt in den Ballungszentren Südkaliforniens, Dutzende von CSP-ähnlichen LeihmütterAgenturen, die in einschlägigen Zeitschriften und Telefonbranchenbüchern ihre Dienste anbieten. Dort inserieren auch jene Service-Unternehmen, die sich auf den Handel mit befruchtungsfähigen Eiern spezialisiert haben.
In den Karteien dieser Firmen sind die Namen von "rund tausend kalifornischen Frauen registriert", sagt Smotrich, die "schwangerschaftsunfähigen Frauen und kinderlosen Paaren einen großen Dienst erweisen" wollen, indem sie ihre Eizellen zur Verfügung stellen.
Etwa sechs Wochen lang wird der potentiellen Spenderin tief in den Gesäßmuskel ein Hormon injiziert, das in den Eierstöcken die Produktion auf Hochtouren bringt. Mit einer vaginal oder anal eingeführten Ultraschallsonde überwacht der Arzt die Zahl und den Reifezustand der Eier, die, nach Verabreichung eines weiteren Hormonpräparats und zumeist unter Vollnarkose, schließlich chirurgisch geborgen werden. Nennenswerte Nebenwirkungen des hormonalen Bombardements, beteuert Reproduktionsmediziner Smotrich, seien "nicht bekannt".
Das Honorar für die Spenderin beträgt rund 2500 Dollar - doppelt soviel kosten die Medikamente, die der Eilieferantin und der Leihmutter verabreicht werden. Den größten Batzen jener rund 60 000 Dollar, die kinderlose Paare derzeit in Kalifornien für die künstliche Erschaffung von Nachwuchs aufbringen müssen, kassieren die Vermittlungsagentur und die Leihmutter, etwa zu gleichen Teilen.
Die Firma Growing Generations hofft, in diesem Jahr rund 50mal solche Art Schwangerschaften auf den Weg bringen zu können. Die vor zwei Jahren in Beverly Hills gegründete Agentur bedient eine Klientel, die zwar in Smotrichs Praxis bisher erst fünf Prozent ausmacht, auf dem Gesamtmarkt der Reproduktionsmedizin aber zusehends größer wird: Growing Generations verhilft als erster und einziger Betrieb im US-Retortengeschäft ausschließlich Homosexuellen zu Nachwuchs.
Kinder, die bei schwulen Vätern oder lesbischen Müttern aufwachsen, gehören in Homo-Metropolen wie Berlin, New York oder San Francisco längst zum Alltagsbild. Kinder von Homosexuellen, die sich auf Spielplätzen, Elternabenden oder Gay-Pride-Paraden tummeln, entstammen zumeist früheren heterosexuellen Beziehungen, die in die Brüche gingen, als sich einer der Partner als homosexuell outete.
Eine Vater- oder Mutterschaft durch Adoption, die jüngst dem deutschen Schlagerstar Patrick Lindner zu einem Kind verhalf, ist eher die Ausnahme; denn heterosexuelle Paare werden bevorzugt bedient.
"Als wir uns um die Adoption eines Kindes bemühten", erinnert sich auch der homosexuelle Vater Will Halm, "rutschten wir automatisch ans Ende der Antragsliste." Die geringen Erfolgsaussichten veranlaßten Halm und seinen Partner Simard, einen ganz anderen Weg zu gehen: Nun wünschten sie sich Kinder, die mit ihnen nicht nur genetisch verwandt sein, sondern ihnen auch soziokulturell nahestehen sollten.
Um dies zu erreichen, ersannen Simard und Halm einen Plan, der den ethnischen Präferenzen der beiden Männer entgegenkam. Anwalt Halm ist koreanischer, sein Partner Simard frankokanadischer Abstammung. "Wir benötigten eine Asiatin oder eine Europäerin, die bereit war, entweder durch künstliche Selbstbefruchtung mit unserem Sperma schwanger zu werden oder aber befruchtungsfähige Eier zu liefern, die einer Leihmutter eingepflanzt würden", beschreibt Kardiologe Simard die Versuchsanordnung. Der besondere Kick: Entstammte die Eispenderin dem koreanischen Kulturkreis, würde Simards Spermaprobe zur Befruchtung verwandt, Halms Samenspende käme dagegen zum Einsatz, wenn die biologische Mutter französische Vorfahren hätte.
Acht Jahre suchten die beiden Schwulen. Vor drei Jahren wurden sie im Freundeskreis fündig: "21 Jahre alt, intelligent, fröhlich, eigenwillig und heterosexuell", beschreibt Halm die Eispenderin, der er und Simard ihr erstes Kind verdanken. Am 12. April 1996 brachte eine Leihmutter Malina zur Welt - 24 Stunden später wurde das Kind den Vätern ausgehändigt, so wie es per Vertrag festgelegt worden war.
Darüber hinaus verzichtete die Leihmutter - wie schon Monate zuvor auch die Eispenderin - auf alle Rechte an dem ausgetragenen Kind. Nach den Gesetzen des Staates Kalifornien ist es überdies möglich, den Namen der Leihmutter aus der Geburtsurkunde zu tilgen und durch den des adoptionswilligen, biologisch nicht verwandten Vaters (oder bei lesbischen Paaren der adoptionswilligen Mutter) zu ersetzen. So hat nun in ihren Geburtspapieren Malina Halm-Simard zwei Männer als Elternpaar.
Auch Malinas Bruder Luc, der im nächsten Monat in einer Klinik von San Diego geboren werden soll, wird per Amtsbeschluß mutterlos werden. Leihmutter Elizabeth sieht darin keine Abwertung ihrer Leistung. Auch mit den rigiden Vertragsvorschriften, wonach sie sich verpflichtet, das Kind wenige Stunden nach der Geburt den Auftraggebern zu überlassen, hat die junge Mutter, die selbst zwei eigene und zwei Stiefkinder aus der ersten Ehe ihres Mannes hat, wie sie sagt, "keine Schwierigkeiten".
Zwar hege sie "kaum mütterliche Gefühle gegenüber ihrer Leibesfrucht", versichert die junge, im katholischen Glauben erzogene Frau. Eines will sie sich jedoch nicht nehmen lassen: Ohne Muttermilch soll Baby Luc nicht aufwachsen. Elizabeth will, "solange es geht, Milch abpumpen, sie einfrieren und sie per Eilboten nach Beverly Hills" schicken.

DER SPIEGEL 34/1998
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