DER SPIEGEL



LEGENDEN

Lolita der Lolitas

Von Hüetlin, Thomas

J. D. Salinger gilt als großer Verschollener der amerikanischen Literatur. Nun bewirft eine ehemalige Geliebte den Autor von "Der Fänger im Roggen" mit Schmutz.

Der Mann ist 79 Jahre alt, seine Bücher gehören an allen besseren Schulen der westlichen Welt zur Zwangslektüre, aber jeder, der mehr über ihn wissen will, muß die Suche seit bald 50 Jahren an J. D. Salingers Briefkästen einstellen.

Dort oben in den Hügeln von New Hampshire stehen zwei Stück. Nummer eins: eine metallgraue Box des "U. S. Postal Service", verriegelt mit einem rostigen Schloß. Nummer zwei: eine forstgrüne Kiste mit der Aufschrift der Lokalzeitung "Valley News". Diese Briefkästen sind wie Verkehrsschilder. Hier heißt es "Stop". Wer weitergeht, macht nicht mit Salinger Bekanntschaft, dafür manchmal mit dessen Schrotflinte.

Bevor sich Salinger Anfang der fünfziger Jahre in den Wäldern verkroch, war er für ein paar schnelle Monate der Darling der New Yorker Literatur-Society gewesen. Sein Buch "Der Fänger im Roggen", in dem er die Sehnsucht und den Haß eines Heranwachsenden mit der eindringlichen Leichtigkeit eines Cole-Porter-Songs schildert, galt als große Sache, so groß, daß sogar ein Sturkopf wie der Südstaaten-Schriftsteller William Faulkner sagte: "Das Meisterwerk seiner Generation".

Nachdem sich Salinger zurückgezogen hatte, wurde er noch berühmter, weil er bald überhaupt nichts mehr tat. Kein Interview, kein Plausch mit den Nachbarn, 1965 seine letzte Erzählung, 1973 ein Anruf bei einem Reporter: "Ich schreibe nur noch für mich selbst, zu meinem eigenen Vergnügen." Aufgelegt.

Ansonsten Stille und die Schrotflinte und Gerüchte. War es wirklich wahr, daß er seine Tage jetzt mit billigen amerikanischen Fernsehserien verbrachte und den Rest der Zeit meditierte? Stimmte es, daß er in seiner Hütte einen Safe voller Manuskripte stehen hatte, die er niemals veröffentlichen würde? War es richtig, wenn Leute behaupteten, er verbringe "sechs Monate im Jahr in einem buddhistischen Kloster und die anderen sechs Monate in der Irrenanstalt"?

Niemand wußte Genaues, und als in den achtziger Jahren der Engländer Ian Hamilton eine Biographie über den berühmtesten Einsiedler der Welt herausbringen wollte, zerrte ihn der weißhaarige Hüne mit alttestamentarischer Wut bis vor den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Salinger bekam recht, und der Engländer mußte sein Buch in Grund und Boden kürzen.

Wieder einmal war es Salinger gelungen, seine vermeintliche Würde und Reinheit vor dem großen Ausverkauf zu bewahren; wieder einmal hatte er seine Person den Agenten und Klatschmäulern und Cocktailtrinkern entrissen; wieder einmal hatte er bewiesen, daß er immer noch ein wenig so war wie sein jugendlicher Held Holden Caulfield im "Fänger im Roggen": Wie der blickte der Greis voll Ekel und Verachtung immer noch auf die verkommene Welt der Erwachsenen herab.

Doch jetzt droht seiner sagenumwobenen Einsiedelei wieder Gefahr, und die Gefahr ist eine Frau. Sie heißt Joyce Maynard, ist 44 Jahre alt, hatte Anfang der siebziger Jahre eine zehnmonatige Affäre mit dem Schriftsteller und ist so ziemlich das Gegenteil von allem, was Salinger verkörpert.

Im Gegensatz zu ihm schreibt sie viel und gern und über alles: Sie plaudert über ihre jugendliche Bulimie ebenso wie über ihren Vater, der Alkoholiker war; sie schreibt über ihre Brustimplantate genauso ungeniert wie über die Plazenta ihrer Erstgeborenen, die sie stolz unter einem Kirschbaum vergrub; sie wird nicht müde, über die Scheidungsquerelen mit ihrem Ehemann zu berichten und über das rückenfreie, weiße Minikleid, welches sie trug, als sie neulich wieder einmal eine Nacht außer Haus verbrachte.

Die öffentliche Tyrannei der Intimitäten dieser guten amerikanischen Hausfrau ist fast vollkommen. Joyce Maynard ist überall: in Zeitschriften, in Büchern, im Radio, auf CDs und Kassetten, im Kino und natürlich im Internet, wo sie eine eigene Website besitzt. Und alle drei Monate veröffentlicht sie einen Newsletter namens "Domestic Affairs". Kurz: Es gibt gute Gründe, Joyce Maynard niemals ins Haus zu lassen. J. D. Salinger hat es trotzdem getan. Und wenn er sich nicht mehr erinnert, warum, dann kann er es ab Oktober in einem Buch namens "At Home in the World" nachlesen - Maynards detailfreudiger Schilderung ihrer Affäre mit dem geheimnisumwobenen Schriftsteller.

Sie war 18 damals und schrieb im Magazin der "New York Times" eine Titelgeschichte, die sie "An Eighteen Year Old Looks Back on Life" nannte. Darin plauderte sie ebenso larmoyant wie altklug über die Ermordung Kennedys, die Kuba-Intrige, die Beatles und die Mondlandung und andere Dinge, die ihre Generation geprägt hätten. Noch mehr als der Text aber traf das Ti-

* Im Juni dieses Jahres.

telfoto den Nerv der Zeit: Joyce Maynard sitzt in Hippie-Schick da, auf dem Boden, den Kopf abgestützt, die Beine verschränkt, mit Schlaghosen und Glupschaugen und einem Gesichtsausdruck, der sagt: "Ich bin skeptisch, kompliziert und möchte ganz groß rauskommen." Salinger, sagte ein Bekannter, habe das Foto damals gesehen und sie für die "Lolita der Lolitas" gehalten.

Er schreibt ihr einen Brief, eine Seite lang, in dem er sie vor den Gefahren des Literaturbetriebs warnt, weitere Briefe folgen, bis er ihr eine Liste schickt mit all den Dingen drauf, die er auf dieser Welt mag: Jane Austen, Vaudeville, die Nachbarn in der Fernsehserie "I Love Lucy", das Basketballspiel seiner Tochter, und sie - Joyce Maynard. Bald schickt er seine Telefonnummer hinterher, und sie stellen fest, daß beide gefunden haben, was im jüdischen Amerikanisch "Landsman" heißt - einen Seelenverwandten.

Dabei könnten die Unterschiede nicht größer sein. Er will Stille und Einsamkeit. Sie will Partys, berühmte Leute, ihr Foto in der "Vogue", Dinner in "Elaine''s" und irgendwann nach Hollywood. Er war zweimal verheiratet. Sie hat vorher einmal einen Jungen geküßt. Trotzdem beschwört er sie: "Ich bin glücklich, daß es dich gibt auf diesem Planeten voller Aliens."

Obwohl der Beischlaf nicht funktioniert, will er, daß sie mit ihm lebt, und so kommt es, daß die ehrgeizige Debütantin ihren Job bei der "New York Times" kündigt und "Jerry", wie sie ihn nennt, in den Wald folgt.

Die Welt des stillen Exzentrikers beschreibt Maynard wie eine Zwingburg aus homöopathischem Wahn und Meditationsübungen. Im Keller habe eine gigantische Gefriertruhe gestanden, voller Nüsse, Farnköpfe und Gemüse aus dem Garten, das roh verspeist werden mußte, weil das Kochen die wichtigsten Stoffe abtöten würde. Einmal geht er seinem Sohn zuliebe in einen Actionfilm und ißt danach eine Pizza. Beides absolviert er mit buddhistischer Gelassenheit. Doch zu Hause angekommen, zeigt er seiner Geliebten, wie man sich übergibt und zwingt sie, seinem glorreichen Beispiel zu folgen. "Dieser Dreck darf nicht im Körper bleiben."

Tagsüber verkriecht sich Jerry für gewöhnlich in seinem Bunker. Dort sitzt er in seinem blauen Overall, schreibt, meditiert, und abends kommt alles in den Safe. In den zehn Monaten ihrer Beziehung sieht Maynard keine einzige Manuskriptzeile des angebeteten Genies.

Mit immer größerem Argwohn betrachtet er die Versuche seiner Lolita, ihre eigene Biographie zu schreiben, und schwört sie immer wieder neu auf seinen Zivilisationshaß ein. "Begabt, clever und sofort druckbar" sei das, was sie da schreibe - aber nicht ein wahrer Satz käme darin vor.

Einmal habe er gesagt: "Ich kann die Gesellschaft da draußen nur ertragen, solange ich meine Gummihandschuhe anbehalte. Trotzdem, seit einiger Zeit habe ich den dringenden Wunsch, meine Ohren abzuschneiden und den nächsten Zug in die Antarktis zu nehmen."

Als dann noch ein Reporter vom "Time Magazine" anruft, hat Jerry genug: "Dieses Buch von dir könnte unser Ende sein."

Er schleppt sie noch nach Florida, wo eine Akupunkteurin ihre Sexstörungen beheben soll, aber am Strand angekommen, schickt er sie zurück in seine Waldhütte. "Hol deine Sachen ab. Geh jetzt und tue es, bevor die Kinder und ich nach Hause kommen. Vergiß nicht, die Heizung auszumachen und sperr die Tür ab." Dann gibt er ihr einen Kuß auf die Backe und ein paar 50-Dollar-Scheine für den Heimweg.

Es gibt jetzt nicht wenige Leute, die finden, solche Offenbarungen gehörten sich nicht, schon gar nicht über einen Heiligen wie Salinger. Sogar die ganz sicher nicht zimperliche Boulevardzeitung "New York Post" nannte Maynards Bekenntnisse "schamlos".

Aber wer die eifrige Publizistin in eine Liga stellen will mit Ikonen des "White Trash" wie etwa die Eisläuferin Tonya Harding, die ihre vermeintliche Hochzeitsnacht auf Video aufnehmen ließ und als Pornokassette verkaufte, der hat nicht mit dem notorisch reinen Gewissen der 44jährigen amerikanischen Hausfrau gerechnet. "Ich möchte mal wissen, was Sie sagen würden, wenn Ihre Töchter mit dem Typen ein Verhältnis gehabt hätten. Würden Sie denen auch den Mund verbieten, nur damit der alte Mann seine Ruhe hat?" verteidigte sie ihr Werk. Alles klar: Sie ist ja das Opfer. Thomas Hüetlin

* Im Juni dieses Jahres.

DER SPIEGEL 34/1998
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