SPIEGEL: Ein weiteres Frauenbuch, ein Beitrag mehr zur Befindlichkeitserkundung - war das nötig?
Wündrich: Absolut! Ich kam von einem Klassentreffen und wusste: Dieses Buch muss sofort geschrieben werden.
SPIEGEL: War das Klassentreffen so einschneidend?
Wündrich: Na ja, es war das Jubiläum zum 30-jährigen Bestehen des Abis, wir waren ein Mädchengymnasium, also stellen Sie sich vor: etwa 60 Frauen von Ende vierzig. Da stehen also all diese Lebensentwürfe auf dem Prüfstand ...
SPIEGEL: Und Ihrer war durchgefallen?
Wündrich: Kommt auf die Perspektive an. Gespielt wurde zum Beispiel Schau-mal-was-ich-geschafft-habe. iPhones wurden herumgereicht wie Trophäen: Hier, guck mal, die Bilder, mein Mann, mein Hund, mein Sohn, der im Ausland studiert! Und ich hatte zwar 20 Jahre lang in Führungspositionen gearbeitet, aber plötzlich fühlte ich mich, als hätte ich nichts vorzuweisen: Mann, Kinder, Freund, nichts davon. Nur meine Karriere hatte ich. Da hockte ich also, der Prosecco schmeckte nach nichts, ich fing an, meine teure Bluse vollzuschwitzen. Und mich sehr, sehr merkwürdig zu fühlen. Das war der Anlass für diese Aufarbeitung.
SPIEGEL: Aber Ihr Buch handelt nicht nur von Ihnen?
Wündrich: Es geht um eine große Frage: Was ist falsch, was ist richtig? Ich gehöre, mit Anfang fünfzig, einer Generation an, die Feminismus auf sich selbst anwenden durfte. Und ich wollte das. Mich im Beruf ausprobieren. Mit Kindern hätte ich mein Leben so nie leben können. Für Männer ist es einfach: Die müssen arbeiten, das stellt niemand in Frage.
SPIEGEL: Frauen hingegen?
Wündrich: Frauen haben immer zwei Optionen - oder drei. Will ich mich im Beruf verwirklichen? Oder eine Familie? Oder schaffe ich beides? Dass man mehrere Optionen hat, ist einerseits ein Luxus, andererseits eine Bürde, ein innerer Konflikt. Der anhält, mindestens bis die Frau vierzig ist, bis es für Kinder zu spät wird. Kapitel beendet, denkt man. Aber plötzlich sitzt man auf einem Klassentreffen ...
SPIEGEL: Bereuen Sie Ihren Weg manchmal?
Wündrich: Nein. Ich habe verzichtet, aber nichts verpasst - das jedenfalls habe ich nach diesem Klassentreffen gelernt.
DER SPIEGEL 30/2011
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