25.07.2011

MENSCHENRECHTE„Mein Land ist eine Wüste“

Der Schriftsteller Ali al-Dschalawi, 36, über die Gewalt gegen Künstler in Bahrain und seine Flucht vor dem Regime
SPIEGEL: Herr al-Dschalawi, Sie sind ein bekannter Dichter in Ihrer Heimat Bahrain, suchen jetzt aber Zuflucht in Deutschland. Warum?
Al-Dschalawi: Nach den pro-demokratischen Protesten im Februar gab es überall im Land Razzien, viele Menschen wurden verhaftet. Ich habe vor Demonstranten auf einem großen Platz in der Hauptstadt Manama ein Gedicht rezitiert, und als meine Eltern anschließend Besuch von Sicherheitskräften bekamen, wusste ich, dass ich Bahrain verlassen musste. Ich fuhr zuerst in den Libanon und kam so nach Deutschland.
SPIEGEL: Wovor hatten Sie Angst?
Al-Dschalawi: Ich war in den neunziger Jahren schon zweimal im Gefängnis. Das erste Mal wegen eines Gedichts, das ich mit 17 Jahren geschrieben hatte, das zweite Mal wegen einer Kampagne für politische Rechte, an der ich mich beteiligt hatte. In dieser Zeit wurde ich gefoltert, und das wollte ich nie wieder erleben müssen.
SPIEGEL: Hat die Gewalt gegenüber oppositionellen Schriftstellern in den vergangenen Monaten zugenommen?
Al-Dschalawi: Es gab schon immer drei große Tabus, über die nicht geschrieben werden durfte: Sex, Religion, Politik. Dafür kam man früher direkt ins Gefängnis. In den vergangenen Jahren hatte sich die Lage ein wenig gebessert, aber jetzt ist es so schlimm wie nie. Ich kenne zwei Autoren, die nach zwei Tagen im Gefängnis gestorben sind.
SPIEGEL: Was haben Sie in Deutschland vor?
Al-Dschalawi: Mein Übergangsvisum ist gerade ausgelaufen, zum Glück hat mir die Schriftstellervereinigung PEN ein kleines Stipendium in Weimar organisiert. Dafür bin ich sehr dankbar, es erspart mir den langwierigen Asylantrag.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass sich die Lage in Bahrain bald verändern wird?
Al-Dschalawi: Nein. Die Königsfamilie und die Minister sind schon sehr lan-ge in ihren Ämtern, und sie werden alles daransetzen, ihre Macht zu er-halten. Ich denke, dass ich lange in Deutschland bleiben muss. Aber auch wenn mein Land eine Wüste ist, will ich dorthin zurück. Dort habe ich meine Frau und meinen zehn Jahre alten Sohn zurückgelassen.

DER SPIEGEL 30/2011
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