25.07.2011

LEBENSART

Urlaub in der Avantgarde

Von Thimm, Katja

Der Philosoph Alain de Botton lässt Ferienhäuser von berühmten Architekten errichten - und will den Menschen damit zu einem besseren Leben verhelfen. Von Katja Thimm

Die Gegend rund um die Londoner U-Bahn-Station "Belsize Park" gehört den Bohos. Läden mit Bio-Kaviar und Holzspielzeug säumen dort die Bürgersteige, und die Kinder tragen schon mal Namen, die sich mit "Pfirsich" oder "Blütenblatt Blüte Regenbogen" übersetzen lassen.

Es leben Oscar-Preisträger hinter den rosigen Vorgärten der viktorianischen Häuser, Starköche und Popmusiker - Bohos eben, muntere, erfolgsverwöhnte Bohemiens. Und mitten unter ihnen, in all der aufgeräumten Stimmung, sitzt ein blasser Mann mit hoher Stirn und grübelt.

Und schreibt.

Und plant, mit großem Ernst, die Umerziehung des britischen Volkes.

Den altbackenen Geschmack will er revolutionieren, den für Häuser, Design, Architektur - und nebenbei gleich noch das ganze Lebensgefühl auf der traditionsbewussten Insel.

Alain de Botton heißt dieser Mann, er ist Philosoph und kein Rebell, und wenn er redet, erklingt britischer Akzent wie auf alten Sprachlehrkassetten. In dunkelblauer ordentlicher Hose sitzt er da, die Stimme fein zurückgenommen, schüchtern sei er, sagt er, manchmal auch beinahe weltenscheu. Eine Kindheit als Bankierssohn in der Schweiz, ein Studium in Cambridge - nein, für das ganz normale Allerlei des Lebens scheint dieser 41-Jährige nicht unbedingt gemacht. Und doch reizt ihn der Alltag, der pralle, niedere, dort sammelt er Erkenntnis, Reichtum, Ruhm.

Von der "Kunst des Reisens" oder dem "Trost der Philosophie" handeln seine Bücher, und sein Talent, darin Tiefgründiges für den Hausgebrauch zu dolmetschen, brachte ihm Millionen. Er könnte sich zurücklehnen, der Alltagsphilosoph, inmitten der Boheme.

Doch er grübelt und schreibt und plant. "Mich beschäftigt da eine wirkliche Mission", sagt er, "und gleichzeitig das eigentlich Banalste auf der Welt. Ferienhäuser. Bau und Vermietung."

Er weiß, es ist nicht banal, was er da tut, er hat große zeitgenössische Architekten um Entwürfe gebeten, für lauter Unterkünfte der Moderne. "In diesem Land begegnet man der neuen Form sonst allenfalls auf Flughäfen und in Museen", meint er. "Dabei kann klare, lichte Architektur den Menschen zu einem guten Leben verhelfen."

Es ist die unendliche Frage nach den Bedingungen eines gelungenen Daseins, mit der sich dieser Mann beschäftigt - und das, untypisch für einen Denker, voll Tatendrang.

Doch, auch er leidet am großen An-und-für-Sich wie jeder wahre Philosoph; von schlaflosen Nächten weiß er zu berichten, von Kopfschmerz und einsilbiger Unleidlichkeit. Aber irgendwann, findet er, sei es genug. Dann ist Grübelpause - Zeit, sich der Welt zu stellen, ja, sie zu verändern.

Komisch kann es wirken, wenn ein Philosoph ins Leben tritt, auch deplatziert, skurril und selbstgefällig. Doch der blasse Mann mit der hohen Stirn hat bislang immer ein Publikum gefunden.

Einmal, im Sommer 2009, zog er in den gewaltigen Londoner Flughafen Heathrow ein. Er stellte einen Schreibtisch zwischen die Reisenden, tauschte flüchtige Worte mit den Eiligen, diskutierte mit den Wartenden über Zeit und Raum und Heimat und Fremde, schrieb nieder, was er erfuhr, und bald erhielten die Passagiere seine Einsichten in Kopie.

Auch eine "Schule des Lebens" siedelte er inmitten der Gesellschaft an, in einem Ladenlokal nahe Frisierstübchen, Britischem Museum und asiatischem Take-away. Dort sollen Erwachsene lernen, die Liebe zu schützen oder wahrhaftige Tischgespräche zu führen: "Versuchen Sie, Banalitäten zu vermeiden, die zwischen Menschen zur zweiten Natur werden können!"

Irgendwie anmaßend, so viel Erziehung für Volljährige, doch Alain de Botton versteht seinen Einsatz als Dienst an der Allgemeinheit. Er will dem modernen Menschen, der sich so sicher über den Globus bewegt und sich im eigenen Leben ständig verrennt, zur Selbsthilfe verhelfen. "Jeder Idiot kann eine Krise meistern", diesen Satz Anton Tschechows hat er als ein Motto der Schule gewählt. "Es ist der Alltag, der uns fertigmacht."

Männer wie er finden sich kaum in Deutschland, wo Philosophie nach Schwere und nach Schwermut klingt, nach unlösbaren Moralkonflikten, hochkomplexer Gedankengeschichte und stillem Kämmerlein. Menschen wie er finden sich auch nicht in Frankreich, obwohl Philosophie dort traditionell Einmischung bedeutet, Politikberatung und auch Show. Frankreich hat Männer wie Bernard-Henri Lévy, die Präsidenten unterweisen und ein Massenpublikum unterhalten. Aber einer wie Alain de Botton, einer, der den Alltag mit Taten statt Worten verändern will, der findet sich weder hier noch dort.

Und nun also Ferienhäuser. Zum Selbstkostenpreis sollen die Briten darin urlauben, ab 20 Euro pro Bett und Nacht, es geht um Höheres als Geld. Bei Ferien in der Avantgarde lasse sich das Volk wie nebenbei über den Segen moderner Form belehren, meint de Botton. Im Urlaub sei der Mensch entspannt und eher aufnahmebereit für alles Fremde.

Es ist ein zähes Bekehrungswerk, das er sich vorgenommen hat, er weiß das, und entsprechend groß wählt er die Worte. "Wir führen einen Kulturkampf", sagt er. "Großbritannien ist besessen von Vergangenheit. Architektonisch betrach-tet, regiert in diesem Land Prinz Charles." Er verzieht das Gesicht, während er so spricht, er leistet sich selten derart unhöfliche Blicke. Doch der Prinz hält zeitgenössische Gebäude für monströse Furunkel und lässt selbst weltberühmte britische Baukünstler wie Norman Foster in seinem Inselreich kaum gelten.

Früh schon, er war erst zwölf und hatte im Gefolge der Eltern gerade die solide schnörkellose Schweiz verlassen, fand Alain de Botton englische Häuser unfassbar hässlich. Er sah brüchige Mauern und spritzende Wasserhähne, er fühlte sich bedrängt von einem drückend histori-sierenden Stil. "In diesem Land", sagt er, "sollen sogar Neubauten alt aussehen. Es ist Zeit, gegen die Dominanz der Nostalgie ins Gefecht zu ziehen."

Aufgebracht klingt seine Stimme nun, und doch bleibt er freundlich; selbst in ein Bücherregal klettert er, der Fotograf, der ihn an diesem Tag porträtieren soll, hat das Motiv erbeten. Und so sitzt er, die Beine über kreuz, die Schultern schmal, zwischen den Brettern und fährt in seiner Rede fort.

Drei Ferienhäuser stehen bereits, zwei weitere werden bald eröffnet, er hat den Kulturminister durch die Urlaubsquartiere geführt und einen gemeinnützigen Verein gegründet, alle Planungen, alle Finanzierung laufen bei "Living Architecture" zusammen, erzählt er. All das ist viel zu wenig, um ein ganzes Volk zu erziehen. Doch er will keine Ruhe geben, will jedes Jahr einem neuen Haus Platz verschaffen, und immer an besonderen Orten.

Die "Balancierende Scheune" des niederländischen Architektenbüros MVRDV ragt schon jetzt am Rand eines Naturschutzgebiets in der Grafschaft Suffolk 30 Meter über eine Böschung hinaus - wie ein silberfarbener Bus, der versehentlich über den Abhang gesteuert wurde und nun festhängt. Die Norweger Einar Jarmund und Håkon Vigsnæs haben unweit entfernt das "Dünenhaus" errichtet, das, einem gläsernen Schiff gleich, direkt am Strand liegt - mit Fenstern statt Mauern im Erdgeschoss. In Dungeness in Kent steht das geduckte "Schindelhaus" des schottischen Büros NORD; Patty und Michael Hopkins haben an der Küste Norfolks ein "Langhaus" errichtet, und der Pritzker-Preisträger Peter Zumthor baut auf einem Hügel in Süd-Devon. Und überall jahrtausendalte Landschaft, und innendrin bis hin zum Teelöffel Design.

"Es war ein Atemzug frischer Luft", urteilt eine Lehrerin aus Norwich, die mit Mann, Kindern und Enkeln das Dünenhaus besucht hat, wie viele Briten bewohnt sie im Alltag ein viktorianisches Reihenhaus. "Jetzt, da wir erlebt haben, was Modernität bedeuten kann, hätten wir sie zu gern ständig um uns."

Architektur schlage immer eine Stimmung, ein Lebensgefühl vor, sagt de Botton. "Und das, was uns umgibt, steuert unser Dasein. Also sollten wir Schönes um uns versammeln. Denn in einer schönen Umgebung können unsere Ängste, unsere nagenden Zweifel viel weniger Macht entfalten als in hässlicher."

Architekturpsychologen haben das folgenschwere Wechselspiel von Mauerwerk und Seelenzustand vielfach nachgewiesen. "Es anzuerkennen kann Menschen beim Überleben helfen", meint de Botton, mehr noch, er hält die Baukunst auch für ein Mittel der Charakterbildung. "Wann immer uns Schönheit berührt, schätzen wir an ihr genau das, was unserem eigenen Wesen eher fehlt. Wir sind entzückt von Schlafzimmern, in denen wir Andeutungen von Frieden finden. Wir suchen Ehrlichkeit in unseren Sesseln und Freigebigkeit in unseren Wasserhähnen. Gelungene Architektur und stimmiges Design halten uns dauernd vor Augen, wer wir im besten Fall wären."

So ähnlich schrieb er es auch nieder, schwärmte in "Glück und Architektur" von ehrlichen Polstermöbeln und großzügigen Waschkränen, und wieder feierte das Publikum sein Buch. Ihn aber überkam Tristesse. "Es ist ja nur ein Buch", dachte er. "Es sind ja nur Gedanken."

Die Tristesse schwoll an zur Krise, einer echten Krise in der Lebensmitte, und wieder grübelte er noch nachts, was ihm denn wirklich wichtig sei. "Es waren dann zwei antike Ideale", sagt er. "Schönheit und Weisheit. Denen wollte ich eine Bühne bereiten. So entstand Living Architecture."

Dabei hatte er sich immer für einen gehalten, dem die Schüchternheit nur einen Wirkungsort erlaubte: den abgeschirmten Schreibtisch. "Ich redete früher durchweg ungern mit fremden Menschen", sagt er, und kokett klingt seine Stimme dabei nicht. "Ich mochte sie nicht einmal nach dem Weg fragen." Doch er brauchte Sponsoren, Architekten, Anhänger.

Dass sie ihm, dem Sonderling, überhaupt zuhörten, wundert ihn bis heute. Dass sie zum verabredeten Lunch tatsächlich erschienen, dass sie Geld gaben für Häuser, die zwischen 500 000 und einer Million Euro kosteten, dass er ein Team fand, das Belegungspläne verwaltet, jedem Gast den Kühlschrank zum Willkommen füllt und bei den Architekturskeptikern am Ferienort für die Bauten wirbt. "Das war meine Reise", sagt Alain de Botton. "Von einem Buch voll Theorie zu einer Küche am Strand von Dungeness."

Ein langer Tisch steht in dieser Küche, und eine lange Bank daran, und wer darauf sitzt, blickt durch ein langes Fenster ins Vogelschutzgebiet. Jede Proportion stimmt. Die umliegenden Fischerhäuser heißen "Nessies Hütte" oder "Weg am Wind", und um die Ecke erinnert, leise arbeitend, ein Atomkraftwerk an die immerwährende Endlichkeit allen Idylls.

Sie funktionieren, seine Angebote für ein besseres Leben. Die Häuser sind in diesem Jahr fast ausgebucht, in seiner Schule lernen die Menschen, und die Fernsehauftritte, in denen er über den täglichen Krimskrams des Daseins philosophiert, verfolgt ein Massenpublikum. Alain de Botton hat sich zum Star entwickelt, weil er die Schwelle für alle Neugierigen niedrig hält. Darin gleicht er Jamie Oliver, der die Engländer seit Jahren lautstark Rezepte lehrt - für ein gesünderes, ein besseres Großbritannien.

So unterschiedlich sie sind, der hemdsärmelige Koch und der wohlerzogene Grübler, so ähnlich sind ihre Funktionen. Beide übernehmen eine Aufgabe, die traditionell Religionen oder Stammesführern eigen war: dem Menschen den rechten Weg zu weisen. Dass sie selbst von eher eigensinnigen Briten gehört werden, liegt wohl auch an einer Entwicklung, die politische Beobachter als "Kindermädchenstaat" bezeichnen. Spätestens seit über verpflichtende Vitaminzusätze für Backmehl diskutiert wird und in öffentlichen Räumen ein Rauchverbot gilt, hätten sich die Briten an eigenwillige Erziehungsversuche gewöhnt, argumentieren sie.

Und der Philosoph? Ist er als Praktiker denn nun ein glücklicherer Mensch?

"Nun ja", antwortet de Botton nach einer Pause, "schon."

Den meisten Spaß, fährt er dann fort, bereite ihm wahrscheinlich die Sache mit der Seife. "Ich kann mich stundenlang mit der Frage beschäftigen, welche am besten in die Ferienhäuser passt."

Es sind solche Sätze, für die ihn standesbewusste Intellektuelle immer wieder belächeln. Aber vielleicht mögen sie sich nur nicht eingestehen, dass es in Gegenwart dieses blassen Mannes wohl weniger langweilig zugeht als in ihrer eigenen.


DER SPIEGEL 30/2011
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