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Von Müller, Martin U.

Angesichts des Umbruchs in vielen US-Medienhäusern müsste die deutsche Pressebranche handeln. Doch die Strategien der Verlagsriesen könnten unterschiedlicher kaum sein. Einer der Hauptakteure sieht jetzt die letzte Möglichkeit, eine gemeinsame Zukunft aufzubauen.

Frank Schirrmacher sitzt im Garten seiner Potsdamer Villa. Das Anwesen gleicht einer Schmuckschatulle aus jener Zeit, als Telefone noch aus Bakelit und Tonträger aus Schellack waren. Dort, wo Schirrmachers Gartenstuhl steht, war vor 22 Jahren noch die DDR. Alles hier verströmt nun beruhigende Gediegenheit, selbst des Hausherrn Hund, der sich ein paar Meter weiter gerade über den Rasen schleppt. Direkt dort verlief früher die innerdeutsche Grenze.

Es ist das Erste, was der "FAZ"-Mitherausgeber erzählt. Und die Teilung der Welt wird in den Stunden danach sein Thema bleiben. Es geht ihm nicht um Politik, sondern um den allgegegenwärtigen Separatismus in der Verlagswelt: hier der Kosmos des bedruckten Papiers, dort das Paralleluniversum des in jeder Hinsicht unfassbaren Internets.

Das Problem ist: Schirrmachers angestammte Print-Welt verliert mehr, als die Online-Welt gewinnt, die zudem weitgehend Gratismedium geblieben ist.

Schirrmacher hat nun in der Zwischenwelt sein ganz großes Thema gefunden - quasi sein aktuelles Lebensabschnitts-Sujet.

"Es wird schneller gehen, als wir bisher dachten", orakelt er. Und: "Digital ersetzt nicht Print. Aber die gedruckte Zeitung muss sich wandeln, und da müssen wir schnell reagieren."

Die Hälfte des Jahres 2011 ist vorbei, und die Verlagsmanager ziehen eine schlimme Bilanz: Viele Wichtige der hiesigen Pressebranche hat es mittlerweile erwischt. Die Auflagen von Tageszeitungen und Zeitschriften erodieren. "Bild" zum Beispiel verkaufte zuletzt über 200 000 Exemplare weniger als noch vor einem Jahr. Noch härter traf es den Buchmarkt: Die zuvor wenig kränkelnde Branche war im Frühjahr eingebrochen.

Schirrmacher glaubt, den jüngsten Absturz mit einem konkreten Ereignis in Verbindung bringen zu können. Fukushima. "Die japanische Atomkatastrophe hat den Menschen klargemacht, dass gedruckte Medien zwangsläufig Fehler enthalten", sagt er.

Es geht ihm nicht um Zahlendreher oder schlampige Recherche. "Sobald man ins Internet geht und dort Nachrichten abruft, wird einem Print-Leser klar, dass sein Wissensstand veraltet ist. Gleichzeitig merkt er aber auch, dass im Echtzeit-Internet die Haltbarkeit sich auf Sekunden beschränken kann, vor allem dann, wenn, was immer häufiger geschieht, Nachricht mit Interpretation unzulässig vermischt wird. Dass das Netz alles weiß, ist eine Fiktion. Der Print-Journalist muss sich also zum Phänomen seines unvollständigen Wissens bekennen, und das tut er am zukunftsträchtigsten, indem er Hintergründe analysiert."

Nun könnte man argumentieren: Die Zeitung oder Zeitschrift wird ja gerade in solchen Fällen auch künftig den fundierten Hintergrund liefern, quasi den großen Wald, wo Online nur einzelne Bäumchen präsentiert. Doch viele Menschen klicken sich gerade in Umbruchzeiten wie aktuell auf die Web-Seiten der großen Medienmarken, etwa SPIEGEL ONLINE oder Bild.de. Wirtschaftlich gesehen ist das für die Verlage ein schlechtes Geschäft, weil sich die Kunden dort an die Gratiskultur gewöhnen.

Unterm Strich wird das Geld mittelfristig knapper, um sich den teuren und fachkundigen Journalismus weiter leisten zu können. Im Internet bringt das Geschäft schlicht zu wenig. "Es ist noch kein Erlösstrom, sondern eher ein digitales Rinnsal", fasst Bernd Buchholz, Chef des auch am SPIEGEL beteiligten Verlagshauses Gruner + Jahr (G+J) die Lage zusammen.

Die Situation in den USA ist indes weit dramatischer als hierzulande: Dort stellten etliche Zeitungen ihr Erscheinen komplett ein. Selbst die altehrwürdige "New York Times" ist mit einer Milliarde Dollar verschuldet. Im Netz wurden schon Kerzen mit dem Schriftzug der Zeitung feilgeboten, die nach Druckerschwärze duften. Und andererseits muss selbst Medienmilliardär Rupert Murdoch mit "The Daily", der ersten nur fürs iPad entwickelten Tageszeitung, enorm draufzahlen: zehn Millionen Dollar allein im ersten Quartal.

Von den Fehlern der Amerikaner könnten die Deutschen lernen. Doch wer glaubt, dass in den hiesigen Vorstandsschubladen digitale Masterpläne liegen, irrt. Es gibt wenig Miteinander, eher Hohn und Spott für die Konkurrenz. Wer mit Managern der drei wichtigsten deutschen Verlage spricht, erlebt drei Digitalstrategien, die kaum weiter auseinanderliegen könnten:

‣ Der Axel-Springer-Verlag ("Bild", "Welt") setzt neben Investments auf neue Bezahlschranken im Web. Der Leser soll wieder lernen, für Inhalte zu bezahlen.

‣ Burdas ("Focus", "Bunte") Strategie gleicht zum Teil der eines Finanzinvestors. Neben journalistischen Websites werden Online-Plattformen gekauft; auch solche, die gar nichts mehr mit Journalismus zu tun haben. Man hofft auf schlichte Wertsteigerung, mit was auch immer.

‣ Gruner + Jahr ("Stern", "Geo") verdient sein Geld im Kern noch offline. Ein digitaler Zeitschriftenkiosk liegt brach. Eine riesige Inhalte-Datenbank soll neue Produkte ermöglichen. Irgendwann.

Die einen bauen neue Schranken, die anderen reißen alte ein und nehmen auf das traditionelle Journalismusgeschäft kaum noch Rücksicht. Und wo zwei sich nicht einig sind, wurstelt der Dritte dann auch erfolglos vor sich hin. So weit auseinander wie jetzt lagen die großen Verlage mit Einschätzungen und damit Strategien selten.

Und nur auf den ersten Blick scheint Springer den erfolgversprechendsten Weg in die virtuelle Zukunft eingeschlagen zu haben: Rund ein Viertel des Konzernumsatzes stammt bereits aus dem Digitalgeschäft.

Doch die Ankündigungen sind weitaus blumiger als die Realität. Vorstandschef Mathias Döpfner sagt: "Wir sind definitiv kein reines Zeitungs- und Zeitschriftenhaus mehr." Er suche "intakte Geschäftsmodelle" für eine digitale Welt und glaube daran, dass man auch dort mit Journalismus Geld verdienen kann. Der jüngste bild.de-Ableger Stylebook ist indes kaum mehr als eine redaktionelle Ramsch-Rampe, auf der Texte eher dazu dienen, modischen Krempel zu verkaufen, der nur einen Klick entfernt ist.

Ansonsten kauft Springer vor allem Online-Firmen auf. SeLoger, ein französisches Immobilienportal, kostete stolze 600 Millionen Euro. Geht man vom aktuellen SeLoger-Gewinn aus, dürfte es noch viele Jahre dauern, bis sich der Kaufpreis amortisiert hat.

Was seine klassischen Zeitungsmarken angeht, hofft Döpfner auf das mobile Geschäft via iPad oder Handy. Die Inhalte seien so wertvoll, dass man sie auch digital verkaufen müsse. Damit immerhin könnte er recht haben.

Nachdem die "New York Times" ihren Web-Auftritt zu einem kostenpflichtigen umgebaut hatte, sanken die Nutzerzahlen. Döpfner glaubt aber, dass man die neuen mobilen Geräte auch als eine Art Umerziehungslager nutzen kann: "Egal, ob für SMS, MMS, Telefonieren oder App - bezahlen gehört auf solchen Geräten zur Gewohnheit."

Die Bezahlbereitschaft ist tatsächlich groß. Die Verkaufs-Charts von Apple & Co. werden bislang allerdings eher von Spielen wie "Angry Birds" und kleinen Hilfsprogrammen dominiert als von journalistischen Angeboten. Aber das erklärt sich Döpfner auch damit, dass man technologisch zurzeit noch auf dem Stand der Höhlenmalerei sei: "Das iPad dürfte vergleichbar mit den ersten Handys sein, als man sie noch wie einen Spezialkoffer mit sich herumtrug." In 10, 15 Jahren könnte es elektronisches Papier geben, faltbar wie ein Taschentuch, Zeitungen, die sich quasi chronisch selbst aktualisierten.

Aber weil Konzerne wie Apple bislang immer die Hand aufhalten, wenn Verlage wie Springer ihre Zeitungen in deren virtuelle Kioske legen, wird der Kampf um Geld und Renditen noch härter. Der Münchner Burda-Verlag begegnet dem offenbar mit der schlichten Strategie: lieber nur ein bisschen digitaler Journalismus.

Nach vollständigen Online-Ausgaben von "Focus", "Bunte" oder "Elle" kann man vergebens suchen; kaum eine journalistische Web-Seite des Verlags spielt in der Reichweiten-Top-Liga mit. Es gibt ein paar begleitende Apps, manche Web-Seite versucht im Kleinen ebenfalls Geld zu verdienen.

Aber im Klartext heißt das auch: Burda ist weniger digitaler Verleger als Portfolio-Manager geworden und investiert anscheinend lieber in Portale wie HolidayCheck, einen Internetshop für Haustierzubehör oder die Kuppelplattform ElitePartner, den Klamottenversand Indochino und die Fotogaleriekette Lumas. Auch sicherten sich die Münchner Anteile am Job-Netzwerk Xing.

Mit Journalismus hat das alles wenig zu tun. Das Motto lautet: Ob man druckt, sendet oder verkauft, ist letztendlich egal, Hauptsache, es wird Geld verdient.

Da immerhin sieht sich der Hamburger Konkurrent G + J noch in einer anderen publizistischen Tradition. Doch auch am Hamburger Baumwall, dem Konzernsitz, sind mit der Zeit die Ansprüche gesunken. Noch vor einigen Jahren waren sie dort stolz darauf, kaum ein Zeitschriftenprojekt unter einer Auflage von 500 000 Exemplaren anzufassen. So war "Neon" ein Achtungserfolg und verkauft jeden Monat 230 000 Hefte. Daneben gibt es noch Nischenprodukte wie "Beef" (Zielgruppe: Fleisch- und Grill-Fetischisten) oder "Business Punk" für ein paar tausend Nachwuchsmanager.

Im Digitalgeschäft sieht es für G + J erst recht bitter aus: Der virtuelle Zeitschriftenkiosk Pubbles existiert unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Projekt zeigt eigentlich nur, wie feindlich sich die Verlagsriesen gegenüberstehen: Ursprünglich angelegt als übergreifende Plattform für möglichst alle Zeitungs- und Zeitschriftenverlage, mochte am Ende niemand so recht mitmachen. Heute wird der Shop von den hauseigenen G + J-Blättern dominiert, die dort aber nur selten abgerufen werden.

Die Web-Seite des "Stern"? Abgehängt. Eine intensive Zusammenarbeit mit dem selbsternannten iPad-Konkurrenten WeTab? Endete im Fiasko. Vorstandschef Buchholz gibt sich digital bescheiden: Eltern.de verdiene Geld, die Web-Seiten von "Gala" und "Brigitte" könnten dieses Jahr in die Gewinnzone rutschen. Könnten. Sonst wird bisher nur digitales Klein-Klein veröffentlicht: Hier eine Sterbeanzeigen-App für die "Sächsische Zeitung", dort die "Brigitte Schuhampel".

Im Kern treibt Buchholz ein anderer "verlegerischer Traum" um, wie er das nennt: eine Datenbank mit allen Inhalten seines Hauses, gleich ob Webvideo zu einem Ehec-Patienten, aufwendige "Stern"-Fotostrecken oder "Geo"-Reisereportagen. Es geht ihm dabei nicht um irgendein profanes Archiv. "Mit einem solchen System wird es möglich sein, aus bestehenden Inhalten völlig neue Produkte zu entwickeln", sagt er.

Wem also gehört die Zukunft? Dem Wiederaufguss-Journalismus? Dem Bezahlmodell? Oder ist mit News künftig überhaupt kein Geld mehr zu machen, wie die Apokalyptiker orakeln? Noch werfen die Kronjuwelen der deutschsprachigen Presse satte Gewinne ab. Vielleicht geht es einigen der Hauptakteure einfach noch nicht schlecht genug, um sich über künftige Geschäftsmodelle Gedanken zu machen.

"FAZ"-Vordenker Frank Schirrmacher hat sich derweil in Rage philosophiert in seiner ostdeutschen Residenz. Und er will noch eine andere Schwäche unter Medienmenschen ausgemacht haben, eine Charakterschwäche: die Für-mich-reicht-es-noch-Mentalität.

"Es sind in vielen Redaktionen nämlich die in der Mehrzahl, die sich ausrechnen, dass sie noch ganz gut mit dem alten System und dem alten Denken bis zur Rente über die Runden kommen." Und er fügt hinzu: "Wenn wir nicht jetzt reagieren, wo wir noch handlungsfähig sind, werden wir einen hohen Preis zahlen: Es werden die Zeitungen und Zeitschriften nicht etwa verschwinden, sondern es werden gewaltige Konzentrationsbewegungen entstehen, an deren Ende Journalisten zu Zulieferbetrieben werden und Mega-Konzerne die Inhalte verteilen."

Wenn Schirrmacher daraus mal nicht noch einen letzten Bestseller macht vor dem Untergang - einen gedruckten.


DER SPIEGEL 30/2011
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DER SPIEGEL 30/2011
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