24.08.1998

FERNSEHENEin Mozart des Plaudertons

Der Tod des Schauspielers und Fernseh-Showmasters Hans Joachim Kulenkampff bewegte letzte Woche sogar die TV-Verächter der Nation - der Bildschirmheld mehrerer Generationen repräsentiert ein Kapitel deutscher Seelengeschichte. Von Nikolaus von Festenberg
Früher war sowieso alles besser, denn es gab Uschi. Die hieß, wie man erst später las, Siebert mit Nachnamen. Aber Nachnamen führten schöne Assistentinnen im Fernsehen der frühen Jahre nicht, schon gar nicht bei Kuli.
Der Charmeur, ewig gleiches Show-Entree, betrachtete ungeniert Uschis Beine, die Kamera linste mit. Und dann kamen seine leicht anzüglichen Komplimente für das Outfit der Assistentin. Uschi, angezogen wie ein weibliches Pralinee, lächelte.
In der Familie - ja, liebe Jüngere, damals saßen Vater, Mutter und Kinder noch gemeinsam vor der einen Glotze - löste Kulis Uschi-Gesäftel unterschiedliche Reaktionen aus. Man sprach nicht drüber, aber man ahnte: Pubertierende Knaben högten sich über die Schnalle.
Die Mutter, als weibliche Konkurrentin nicht mehr in der gleichen Attraktivitäts-Spielklasse, legte leichte Züge von Indigniertheit auf, aber sie wußte, was den Herren gefällt: schöne Beine mit Sicherheit, die entspannten Züge des Vaters bestätigten es.
Fast zwei Jahrzehnte vergingen. Die Siebziger waren um. Aber bei Kuli herrschte noch immer die alte Zeit. Die Uschis hießen nun Gabi oder sonstwie, Kuli beschwärmte noch immer die Röcke. Das Koketterie-Repertoire des Showmasters hatte sich allerdings um einen Grauwert erweitert. Kuli kokettierte nun genauso- gern wie mit den Frauen mit seinem Alter.
Dabei hatte sich einiges draußen vor dem Schirm geändert: Die Generationen rückten auseinander, Kinder guckten schon lange nicht mehr mit den Eltern fern. Hinzu kam - absolutes Anti-Galanteriaticum - die Frauenbewegung. Schöne Mädchen hatten immer noch schöne Beine, doch wehe dem Manne, der das nun noch öffentlich sagte.
Kuli tat so, als könne ihn das nicht anfechten. Als alter Kavalier bestimmte er, was sich bei einer Dame schickt. Der liebenswerte Chauvi aus Bremen ist dem Zeitgeist niemals hinterhergehechelt. Er blieb im Sturm der Moden ein fast autonomes System. Kuli nahm sich aus der Welt, was Kuli gefiel - ein bekennender Ignorant gegenüber Pop, Jugendwahn und quotensüchtiger Imagepflege.
Wenn es so etwas gibt wie die Anmut der Egozentrik, die Gelassenheit des Fauns, die Heiterkeit des Paschas - Kuli hatte das alles. Wo andere sich abstrampelten, erreichte er scheinbar mühelos das Ziel. Dem Publikum erschien er als ein Mozart des Plaudertons. Und für mehr als zwei Jahrzehnte war er wirklich der König der Branche.
Was das bedeutet, wird erst sichtbar, wenn man Kulis Moderatoren-Nachfahren von heute sieht. Die sind meist lecker anzusehen, aber sie repräsentieren lediglich Teilbereiche eines fragmentierten Publikums. Die Welt des Fernseh-Amüsements ist hoffnungslos aufgesplittert.
Thomas Gottschalk bedient Prominenten-Glamour - wetten, daß er ohne illustre Gäste am Samstag ein Flop wäre? Harald Schmidt hat sich auf die Seelsorge der ins Land der Ironie Vertriebenen spezialisiert, sein Scheitern mit "Verstehen Sie Spaß?" am Samstag im Hauptabendprogramm bewies es: Dirty Harry ist kein Massenonkel.
Kulenkampff aber war ideeller Gesamtunterhalter, der die Generationsgrenzen überwindet, der Frauen anschwärmt, ohne bei Frauen-Beauftragten anzuecken, der den Mittelweg zwischen intellektuellem Anspruch und tierischem Spaßbedürfnis findet - diese Stellung wird nach ihm für immer leer bleiben.
Die von Spaßstrategen betriebene Aufteilung des Marktes hat die Moderatoren längst zu Marionetten der Konzeptionen gemacht. Da schwallen die Talkquallen in ihren eng bemessenen Bassins am Nachmittag, da verwalten die Holzköpfe der Volksmusiksendungen in geradezu kindischer Regression das Genre nach der Devise: Laßt die Alpen ewig glühn.
Und auch die Bärenführer durch die Comedy- und Blödelwelt achten streng darauf, daß ihr Humor in den Schrebergar-
tengrenzen des Schrillen bleibt - Haupt-
sache, die Szene versteht es, und die über 50jährigen werden abgeschreckt.
An der Baustelle des Spaßmachens herrscht heute strenge Arbeitsteilung. Als Kulenkampff anfing, waren die Claims für die leichte Muse weder im Radio noch gar im Fernsehen abgesteckt. Die Funkhäuser mußten auf unbelastete Nachwuchskünstler wie Kuli zurückgreifen.
Dem, wie allen jungen Männern, die Hitler um ihre Jugend betrogen hatte, hätte alles Scherzen eigentlich vergangen sein müssen. In Rußland waren Kulenkampff 1943 mehrere Zehen erfroren, er amputierte sie sich eigenhändig. "Das hat auch Amundsen gemacht", merkte er später lakonisch an. Man schickte ihn zurück in die Heimat, doch als es mit Hitlers Reich zu Ende ging, mußte der am Deutschen Theater in Berlin ausgebildete Schauspieler noch einmal an die Front und geriet in britische Kriegsgefangenschaft.
Er heuerte im Nachkriegs-Frankfurt beim Theater im Zoo unter Fritz Rémond an, spielte, was junge Mimen so spielen, den Orest und den Ferdinand in "Kabale und Liebe". Von Lust und Liebe zum Theater aber ließ sich das Kind nicht ernähren, die Tochter schlief in einem Koffer.
So wechselte Kulenkampff "aus Feigheit", wie er später sagte, 1949 das Metier: Als "Garderobenkomiker" empfohlen, verpflichtete ihn Radio Frankfurt, einen ausgefallenen Quizmaster zu ersetzen. Die Sendung hieß "Heiß oder kalt", doch der Titel sagt nichts über Kulis Einstellung: Radio blieb kalter Broterwerb, heiß schlug das Herz für die Bühne.
Motivationsforscher wird es wundern: Im Falle des berühmtesten deutschen TV-Unterhalters führte gerade der Nichtwille zum Erfolg. Kulenkampff entwickelte ein falsches Selbst: Er hielt sich für einen guten Schauspieler und strengte sich an, doch ein großer Mime war er nie. Über sein begnadetes Conférencier-Mundwerk dachte er kaum nach und betörte frei von
* Links: 1958 mit HR-Direktor Hans-Otto Grünefeldt und Assistentin Uschi Siebert; rechts: Szene aus dem Spielfilm "Immer die Radfahrer" (1958) mit Heinz Erhardt.
Krampf und sichtbarer Anstrengung das Publikum. So merkwürdig belohnt Gott die Tüchtigen.
Der Aufstieg Kulenkampffs aus den Anfängen beim Hörfunk zum Grand Old Schalkman des Fernsehens war nicht leicht. Zur Erinnerung: Unter deutschen Dächern hielt man in den fünfziger Jahren wenig vom "Zauberspiegel", wie der Fernseher damals genannt wurde. Eine ordentliche deutsche Familie beschäftigte sich selbst: Mutter mit dem Nähkorb, Vater mit Bier und Schimpfen auf die Politik. Die Kinder hatten sich zu langweilen.
Das hieß Kultur. Man war deutsch und innerlich. Und für wen das nicht genug war, für den gab es das Radio, in dem ein Herr Sanders seinen Schallplattenschrank öffnete und den Muff der Operette entweichen ließ. Chris Howland, der sich "Heinrich Pumpernickel" nannte, durfte nur einmal wöchentlich mit angelsächsischen Hits das Nachkriegsbiedermeier lüften.
Der Abwehrriegel deutsches Heim hatte nicht mit der dreifachen Sturmspitze des Unterhaltungsfernsehens gerechnet. Den ersten Schlag führte Peter Frankenfeld. Ein Spaßmacher der derberen Sorte, dem man die Schatten seiner leicht halbseidenen Herkunft aus Revue und Zirkus immer ansah. Der Mann liebte nicht nur großkarierte Jacken, sondern auch forsche Spiele. Er schoß fliegende Untertassen aus Plastik ins Saalpublikum. Wer sie erhaschte, war Spielkandidat. Seine bunten Abende mochten den gebildeten Ständen mißfallen, doch der "schwarze Peter" schrieb dem blutjungen Medium als erster erfolgreich ins Stammbuch, daß die Mittel des Hörfunks allein das Spaßvolk des Fernsehens nicht satt machten.
Der zweite von der Humortankstelle war Robert Lembke: Herr Biedermann als Fun-Stifter. Hinter Kassenbrille und Buchhaltermiene lauerte mit trockenem Wortwitz der Schalk. Das "Was bin ich?"-Schweinderl bewachte seit 1955 Foxterrier Struppi. Und als der nach einigen Anstaltsjahren verschied, löste ihn ein Köter namens Jackie ab. Sonst geschah bei Lembke und seinen Ratefüchsen wenig. Lieb Vaterland, lautete die Botschaft der Sendung, magst ruhig sein: Humor gehört nicht zu den revolutionären Kräften.
Aber noch waren die Herren des Flimmerlandes nicht in das Herz der Kulturzitadelle Familie vorgedrungen. Hier herrschten Mutter und ihr Anspruch auf Manieren, gepflegtes Äußeres und geistreiche Konversation. Hier legte Vater wert darauf, mehr zu sein als ein mit Bauchansatz kämpfender Sesselsitzer: Papi war, auch wenn man es kaum noch merkte, schließlich ein Mann von Welt, ein Charmeur und, oh, là, là, ein alter Schwerenöter. Die Kinder hatten nichts zu sagen.
Das war Kulis Stunde. Die Mütter umgarnte er mit elegantem Redeschwall, ihre Männer überzeugte er als augenzwinkernder Connaisseur des Weiblichen. Und wer nicht zugeben wollte, solchen Lockungen zu verfallen, dem boten die Sendungen des Spaßmachers aus gutem Hause eine kulturell anerkannte Rechtfertigung: Sein Quiz, bildete es nicht ganz ungemein?
So wurde Kulenkampff zum unwissenden TV-Moses, der die Deutschen aus der kulturellen Gefangenschaft des AdenauerMuffs in die Weiten des Landes Ballermann führte. Weder er noch sein Volk wußten damals allerdings, wie platt das ungelobte Territorium sein würde, das, in den achtziger Jahren, mit der Entfaltung des privaten Fernsehens erst seine ganze erdrückende Verlorenheit zeigen würde. Aus dem Retiro schimpfte der Geront auf die verfallende Unterhaltungskultur des Fernsehens. Die List der Geschichte ist tückisch.
Immerhin, die Jahrzehnte des Übergangs vom Dünkel zum Dunkel füllte der Bremer Beau mit herrlichen Kabinettstückchen. Als eine "Einer wird gewinnen"-Kandidatin eine Gans mit drei Beinen zeichnete, machte er aus dem graphischen Malheur eine Sternstunde. Schlagfertig verwandelte er Abweichungen vom Üblichen in Stegreifkomödien.
Das gescholtene und geliebte Überziehen der Sendezeit entsprach einem Überlegenheitsgefühl. Mit der (kühnen) Selbstsicherheit des Theaterschauspielers erhob sich hier einer über die angeblich unumstößlichen Gebote des Mediums. Tempo-druck? - Bonmots und Plauderei haben ihr eigenes Zeitmaß. Die Tagesschau konnte warten.
Kuli schritt wie ein Gast durch die Dekorationen, die man ihm und seinen Kandidaten gebaut hatte. Die Regeln eines Quiz handhabte er locker. Der Tendenz des Mediums, sich selbst zu überschätzen, entzog er sich beharrlich. Der TV-Skeptiker war wirklich ein Moderator, ein Mäßiger telegener Eitelkeit. Jedenfalls war das Fernsehen selten so wunderbar durchsichtig wie unter diesem Unangepaßten.
Politisch bedeutete Kuli eine merkwürdige Mischung. Er konnte, besonders im Alter, wie ein tiefschwarzer Rohrspatz wider das Regietheater donnern ("Ich möchte nicht Hamlet auf dem Motorrad spielen"). Die Morde in den TV-Filmen fand er grauenhaft. In den Krieg seien die Soldaten gezogen, um das Vaterland zu verteidigen. Patriotismus, sei das was Böses?
Zugleich rieb er sich an konservativen Denkverboten. Im Oktober 1959 begrüßte Kuli "die lieben Fernsehfreunde in der DDR" und zeigte in der Sendung eine Karte, auf der der Ulbricht-Staat nicht wie damals Pflicht "Sowjetische Besatzungszone", sondern DDR hieß.
Immer wieder setzte er sich vor der Kamera für Brandts Ostpolitik ein. 1984 lehnte es Kulenkampff ab, in der Abschiedsshow für Bundespräsident Karl Carstens aufzutreten, es sei denn, der Politiker käme in SA-Uniform. 1988, als Gast einer Talkshow, behauptete er: "Geißler ist schlimmer als Goebbels." Kurze Zeit später entschuldigte sich der TV-Star öffentlich für diese auf einem Mißverständnis beruhende Äußerung.
Der Mann mit der flinken Zunge liebte beruflich den Zickzackkurs. In der Erinnerung will es scheinen, als habe Kuli jahrelang hintereinander nur mit seinem berühmten Erfolgsquiz "Einer wird gewinnen" geglänzt. Doch es gab Flops und Unterbrechungen.
Erfolgreich lief zwischen 1957 und 1958 das Quiz "Die glücklichen Vier", in dem Familien Fragen zu neu gedrehten Stummfilmen beantworten mußten - Kuli spielte darin die Hauptrolle. Der Moderator jedoch legte eine Quizpause ein und startete erst 1964 mit "EWG".
Allerdings wiederholte sich auch hier das Auf und Ab. Kuli wollte nicht zu einem jener Marathonmänner des Mediums werden, deren Übergang zum Dinosaurier unaufhaltsam ist, wenn sie am Stück das Publikum bedienen. Drei Staffeln "EWG" gab es, zwischen der zweiten (1968/69) und der dritten und längsten (1979 bis 1987) vergingen zehn Jahre, nach heutigen Maßstäben eine Ewigkeit, von jedem jetzigen TV-Matador würde es nach so langer Abstinenz heißen, er sei weg vom Fenster.
Kuli konnte sich das ebenso leisten wie eine Liste von Mißerfolgen. "Guten Abend, Nachbarn!" hieß einer der Rohrkrepierer. Ins Land des Vergessens gehören Serien wie "Dr. med. Fabian" oder Reihen, die Kuli als Donaudampfschiffer oder Käpt''n Senkstake zeigten.
Der Abschied des Meisters vom Bildschirm war lang und schwer. Daß Kuli von 1985 an fünf Jahre lang zum Programmschluß - damals gab es das noch - mit kleinen Geschichten gute Nacht sagte, gehört noch zu den Lichtblicken. Was ihn trieb, von dem gesundheitlich angeschlagenen Wim Thoelke dessen dröges Ratespiel zu übernehmen, wissen die Götter. Die rigide Abfragestruktur des "Großen Preises" ließ dem Plauderer keinen Raum.
Käpt''n Senkstakes Künste reichten 1990 auch nicht mehr aus, um aus einem Buchclub auf RTL einen Erfolg zu machen. Zu- letzt enterte Kuli mit dem "EWG"-Revival "Zwischen gestern und morgen" den Bildschirm einiger Dritter Programme. Doch mit morgen wurde es nichts mehr: Nach nur drei von acht geplanten Folgen mußte er im Februar dieses Jahres aufhören - mangels Geld und Quote.
Der SPIEGEL hatte dem großen Kuli schon zuvor, 1987 nach der letzten großen Abendsendung von "EWG", standesgemäße Pensionierungsgrüße geschickt: "Ära, wem Ära gebührt." Am 14. August starb Kulenkampff im Alter von 77 Jahren.
Es war gewiß Ära und Ehre, mit Kuli lange Fernsehjahre verbringen zu können. Ach, Uschi, kämst du noch einmal so schön wie damals ins Wohnzimmer.
* Links: 1958 mit HR-Direktor Hans-Otto Grünefeldt und Assistentin Uschi Siebert; rechts: Szene aus dem Spielfilm "Immer die Radfahrer" (1958) mit Heinz Erhardt.
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 35/1998
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