24.08.1998

MEXIKODie Killer kommen meist am Freitag

In Ciudad Juárez an der Grenze zu Texas wurden seit Anfang des Jahres 24 Frauen teilweise auf sadistische Weise ermordet. Die Opfer stammen fast alle aus dem Elendsmilieu um die Dumpinglohn-Fabriken am Río Bravo del Norte.
Opfer Nr. 15/98 hat keinen Namen und keine Geschichte. Nur ihre Knochenbrüche, ein zerrissener Slip und ein fleckiger Büstenhalter zeugen von dem Grauen, das die junge Frau durchlebte, bevor der Mörder ihr den Schädel zertrümmerte.
Ein Ziegenhirt fand die Leiche in der Wüste am Rande von Ciudad Juárez. Sie war in einen Teppich eingerollt, der Slip hing in der Kniekehle. Das Mädchen war 16 oder 17 Jahre alt und hatte volles schwarzes Haar.
Gerichtsmediziner Enrique Silva wird die Leiche ein Vierteljahr im "Amphitheater" aufbewahren, wie hier das Leichenschauhaus genannt wird. Wenn sie bis dahin nicht identifiziert ist, wird er sie in einem Massengrab bestatten lassen.
Seit 1993 wurden 124 Opfer gezählt, allein in diesem Jahr wurden in der Wüste rings um Ciudad Juárez 24 Frauen tot aufgefunden. Sie waren erdrosselt, erschlagen oder erstochen worden, einige von Kojoten und streunenden Hunden verstümmelt, manche waren in der sengenden Sonne zu Mumien geschrumpft. Von einer Frau blieben nur die Hände, den Körper hatte der Mörder in Säure aufgelöst. Einige Opfer von 1995 glichen einander in einem grausigen Detail: Der Mörder hatte ihnen die Brustwarzen abgebissen und die rechte Brust abgeschnitten.
Sonderstaatsanwältin Silvia Loya ermittelt inzwischen gegen nicht weniger als 54 Verdächtige, die in Untersuchungshaft sitzen. Aber in keinem der Fälle reichen die Beweise für eine Anklage aus. Einer der Hauptverdächtigen ist der Chemiker Abdul Latif Sharif, ein Ägypter mit amerikanischem Paß. Er sitzt schon seit drei Jahren. Zeugen hatten behauptet, sie hätten ihn mit einer der ermordeten Frauen kurz vor deren Tod gesehen.
Nach seiner Festnahme sagte Sharif, die Mordserie werde weitergehen. Er behielt tatsächlich recht. Trotzdem wurde er nicht auf freien Fuß gesetzt. Denn kurz danach verhaftete die Polizei mehrere Mitglieder einer Jugendgang namens "Los Rebeldes", die ausgesagt haben sollen, sie hätten in Sharifs Auftrag die neuen Morde begangen, um ihn reinzuwaschen. Inzwischen behaupten die "Rebeldes", das Geständnis sei ihnen von der Polizei durch Folter abgepreßt worden.
Immer wieder tauchen neue grausige Theorien auf. Sind einige der Frauen womöglich einem Satanskult zum Opfer gefallen, wie die Polizei meint? Wurden sie für Horrorvideos vor der Kamera gequält und umgebracht? Nicht ausgeschlossen, daß Mädchenhändler sie zur Prostitution gezwungen und anschließend aus dem Weg geräumt haben.
Einige Morde tragen die Handschrift der Drogenmafia. Abtrünnige pflegen die Banden kurzerhand zu erschießen. Die Leichen werden oft zerstückelt, in Säure aufgelöst oder in Beton gegossen.
Solche Fälle werden selten geklärt. Sie sind in der Mordstatistik von Ciudad Juárez auch eher Ausnahmen. Polizeichef Antonio Navarrete ist sicher, daß mehrere Täter am Werk waren, darunter möglicherweise auch ein Serienkiller. Ciudad Juárez ist ein Sumpf, in dem das Verbrechen blüht und in dem die Aufklärungsraten niedrig sind. Viele einsame, schräge Typen aus dem benachbarten Texas ziehen nachts durch die Diskotheken von Ciudad Juárez, um junge Mexikanerinnen abzuschleppen.
Ciudad Juárez ist der letzte Vorposten Lateinamerikas vor dem gelobten Land "El Norte", wie die USA hier genannt werden. Schier endlos wuchert das graubraune Schachbrett aus Slums und Highways. Übelriechende Schwaden steigen von dem trüben Strom auf, der die Grenze markiert.
Ciudad Juárez hat nichts vom kolonialen Charme anderer mexikanischer Städte. Heruntergekommene Motels, Billig-Supermärkte, Nachtbars und Diskotheken reihen sich bis zum Horizont aneinander. Schäbige Taco-Buden zwängen sich zwischen Burger-King- und McDonald's-Filialen.
Alle Straßen führen entweder in die Wüste oder an die Grenze. Vor der Brücke, die Ciudad Juárez mit El Paso verbindet, staut sich meist kilometerlang der Verkehr. Tarahumara-Indianer in bunten Federkostümen streifen in der Mittagshitze durch die Abgaswolken und säubern für ein paar Pesos die Windschutzscheiben.
Nachts leuchtet ein riesiger Texas-Stern von einem texanischen Berghang herüber nach Ciudad Juárez. In den glänzenden Hochhausfassaden von El Paso spiegelt sich die Silhouette der schäbigen Schwester auf der anderen Seite des Río Bravo del Norte. Anderthalb Millionen Menschen wohnen in Ciudad Juárez. Und jeden Tag werden es ein paar hundert mehr, die Stadt frißt sich ständig weiter in die Wüste vor.
Für Mexikaner ist Ciudad Juárez das Sprungbrett in die großen Metropolen jenseits des schmutzigen Flusses - Dallas, Houston, Los Angeles. "Coyotes", die jedes Schlupfloch kennen, schleusen Illegale für Dollar über die Grenze. Viele gescheiterte Grenzgänger bleiben in Ciudad Juárez hängen. Sie leben auf den Hügeln der Sierra in Verschlägen aus Pappkartons, Brettern und Plastikplanen. Von ihren Hütten können sie weit in das nahe, ferne Land auf der anderen Seite des Flusses blicken.
"Wir sind die Müllkippe für den Norden", sagt die Soziologin Graciela de la Rosa, die im Hinterhof eines Supermarkts Gesundheitsfürsorge für Arbeiterinnen, Prostituierte und arme Frauen organisiert, weil sie sich Medikamente oder Verhütungsmittel nicht leisten könnten. Ihre Mitarbeiterinnen wirbt Graciela in den "Maquiladoras" am Stadtrand.
Maquiladoras heißen die Fabriken amerikanischer, japanischer und europäischer Multis, in denen Zehntausende von mexikanischen Arbeitern Fernsehapparate, Autozubehör und elektronisches Gerät für den nordamerikanischen Markt montieren.
Mehr als 400 Maquiladoras haben sich über die Jahre in Ciudad Juárez angesiedelt. Sie sparen Transportkosten, sie genießen üppige Steuer- und Zollvorteile und machen sich für ihre Billigproduktion die laxen mexikanischen Umweltgesetze zunutze.
Der Stundenlohn für einheimische Arbeiter beträgt hier umgerechnet weniger als zwei Mark. Trotzdem strömen jedes Jahr Zehntausende von Habenichtsen aus ganz Mexiko nach Ciudad Juárez, um in den Maquiladoras zu arbeiten.
Viele Arbeiterinnen sind Teenager und alleinstehende Mütter. Offiziell dürfen die Maquiladoras keine Arbeiter unter 16 Jahren beschäftigen. Doch die Jugendlichen fälschen oft ihr Geburtsdatum, um einen Job zu bekommen.
Den Frust am Fließband betäuben sie mit Drogen. "In der Mittagspause blüht der Handel mit Marihuana", berichtet Angélica, 17, die Elektrobauteile für amerikanische Luftwaffenflugzeuge montiert. "Die Joints rauchen wir auf dem Klo."
Für die Mitarbeiterinnen von Graciela de la Rosa sind die Maquiladoras schwieriges Terrain. Heimlich müssen sie dort Präservative und Aufklärungsbroschüren verteilen, um Geschlecht skrankheiten zu bekämpfen. Denn die meisten Firmen haben die Ausgabe von Verhütungsmitteln verboten: "Sie regen angeblich zum Sex an", sagt Graciela. Liebe störe den Produktionsprozeß.
Mag sein, daß die besondere Welt der Maquiladoras den Schlüssel zu den Frauenmorden birgt. Denn die meisten identifizierten --- S.140 Opfer waren Arbeiterinnen, und die Täter lauerten ihnen oft auf dem Heimweg auf.
Häufig kommen die Mörder am Freitag, wenn in den Maquiladoras die Löhne ausgezahlt werden. Am Freitag verwandeln sich die uniformierten Fabrikameisen in abenteuerlustige Teens und Twens, die was erleben wollen. Bis Montag dreht sich dann in Ciudad Juárez fast alles nur um Sex, Salsa und Drogen.
Schon am Nachmittag, wenn die Maquiladoras im Viertelstunden-Rhythmus ihre Arbeiter ins Wochenende entlassen, scheint hier die Luft zu vibrieren. Neun lange Arbeitsstunden waren sie eingepfercht, jetzt drängen sie in die weißen Sonderbusse, die sie zurück ins Stadtzentrum bringen. Noch im Bus schminken sich die Frauen für die Nacht.
Die schnieken jungen Burschen in den alten Chevys warten schon. Sie lassen die Motoren heulen und die Autoradios dröhnen. Die meisten rasen dann mit ihren Mädchen direkt zur Avenida Juárez, der Vergnügungsmeile der Stadt.
Vor der Brücke nach El Paso reihen sich Dutzende von Bars und Diskotheken aneinander. Viele haben Schilder an der Tür: "No cholos". So nennt man in Mexiko die jungen Mestizen, die sich wie die Latino-Gangs in Los Angeles kleiden: Die Jungen tragen weite Hosen, Baseballkappen und Tennisschuhe, die Mädchen hautenge Lederhosen, und sie sind stark geschminkt.
Die meisten Cholos gehören einer der 600 Jugendgangs an, die die Elendsviertel der Stadt kontrollieren. Die Gangs sind berüchtigt für ihre Gewalttätigkeiten. In den Bandenkriegen gibt es regelmäßig Tote.
Nach Einbruch der Dunkelheit kocht hier die Stimmung hoch. Die ersten Blocks vor der Río-Bravo-Brücke sind das Revier der Cholos aus El Paso. Bei den einheimischen Frauen sind sie begehrter als die Mexikaner aus Ciudad Juárez. Die Jungs aus dem Norden sind selbstbewußter und haben mehr Geld in den Taschen.
Einige Häuserblocks weiter sind die traditionellen Machos auf der Pirsch. Ausstaffiert mit Cowboyhut, Stiefeln aus Schlangenleder und silbernen Gürtelschnallen balzen sie um die Schönen der Nacht. Oft endet der Flirt in einem der Stundenhotels, die an die meisten Tanzschuppen angedockt sind.
Sagrario Flores, 17, war keine von der kessen Sorte. Sie ging nur mit Genehmigung ihrer Eltern tanzen, und sie gehörte auch keiner Cholo-Gang an. Sonntags sang sie mit ihren Geschwistern im Kirchenchor von Lomas de Poleo, einem Armenviertel in der Wüste. Trotzdem geriet sie ihrem Mörder in die Fänge.
Ihre Eltern nahmen an, Sagrario würde Überstunden machen, als sie am Abend des 16. April nicht von der Arbeit zurückkehrte. Erst als es Nacht wurde, machten sie sich Sorgen. Schließlich erstatteten sie Vermißtenanzeige. Die Polizei beschwichtigte: Sagrario sei wohl mit einem Liebhaber durchgebrannt. Und man könne sowieso nichts unternehmen, weil der Einsatzwagen kaputt sei und das Funkgerät nicht funktioniere.
In Geschäften, Bussen und Telefonzellen hängten Sagrarios Geschwister in den Tagen danach 5000 fotokopierte Suchanzeigen aus. Dann wurde in der Wüste wieder eine Frauenleiche gefunden. Sagrarios Bruder fuhr in die Leichenhalle. Er erkannte seine Schwester an ihrem Hosenrock. Sie war offenbar vergewaltigt und dann erdrosselt worden. Neben der Leiche lag ein Zitronenbonbon ihrer Lieblingsmarke.
Gemeinsam mit den Angehörigen anderer ermordeter Frauen hat Sagrario Flores' Schwester Guillermina jetzt die Organisation "Voces sin Eco" gegründet, zu deutsch: Stimmen ohne Echo. Jeden Montag versammeln die Frauen sich im Haus der Staatsanwaltschaft und fordern die Aufklärung der Verbrechen und mehr Maßnahmen zur Verhütung neuer Morde.
Den Vorwurf der Untätigkeit weisen die Justizbehörden von Ciudad Juárez aber energisch zurück. Die Regierung schaltet jetzt sogar Anzeigen in der Lokalzeitung, in denen vor falschem Umgang gewarnt wird.
Im übrigen sollten sich die Frauen züchtiger kleiden und nicht mehr allein ausgehen. Und wenn's doch mal brenzlig werde, schnell den Finger in den Hals stecken und sich erbrechen. Das töte bei jedem Sittenstrolch die Lust auf Sex.
[Grafiktext]
Kartenausriß: Mexiko/USA
[GrafiktextEnde]
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Kartenausriß: Mexiko/USA
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DER SPIEGEL 35/1998
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