24.08.1998

„Ein Putzlappen für schlechtes Gewissen“

Der Bildhauer Olaf Metzel über Kunst im öffentlichen Raum, Denkmal-Wettbewerbe, Repräsentationsästhetik und Kranzabwurfstellen
Metzel, 46, ist in West-Berlin geboren und hat dort studiert. Seit 1990 lehrt er an der Münchner Kunstakademie, seit 1995 ist er deren Rektor. 1996 errichtete Metzel eine Skulptur aus Fahrradständer-Elementen ("Meistdeutigkeit") vor dem Bonner Bundestag. Für die Berliner Ausstellung "Die Macht des Alters" bereitet er eine Rauminstallation aus Konferenztisch, Aktenchaos und goldfarbenem Architektur-Modell seiner Akademie vor.
SPIEGEL: Herr Metzel, Ihr bekanntestes Werk, hoch gelobt und wütend beschimpft, ist das Monument aus vergrößerten Absperrgittern, das Sie 1987 zum Berliner "Skulpturenboulevard" an den Kurfürstendamm gestellt haben - die großformatige Erinnerung an eine gewalttätige Demonstration. Wären Sie mit diesem Mut zum politischen Zeichen im öffentlichen Raum nicht der ideale Bildhauer für das Berliner Holocaust-Mahnmal?
Metzel: Nein, an dem Wettbewerb habe ich bewußt nicht teilgenommen. Ich bin gegen eine Repräsentationsästhetik, die als Putzlappen für ein schlechtes Gewissen dienen soll.
SPIEGEL: Scheitert das Vorhaben zwangsläufig?
Metzel: Es mußte wohl kommen, wie es gekommen ist. Nun ist es an der Zeit, die Sache in Ruhe einschlafen zu lassen.
SPIEGEL: Aller Aufwand vertan?
Metzel: Nicht unbedingt. Frau Rosh hat in ihrem missionarischen Eifer ja ein Ziel durchaus erreicht: Es ist in Deutschland jahrelang die Möglichkeit eines Holocaust-Mahnmals debattiert und senkrecht durch die Medien gekippt worden. Das hat uns einen neuen Erfahrungsstand eingebracht. Der ist wesentlich, und ich finde es imponierend, daß Leute wie Walter Jens auch ihre Meinung gewechselt haben. Die Diskussion muß nun das Denkmal ersetzen.
SPIEGEL: Was macht die vorgelegten Entwürfe für Sie so unannehmbar?
Metzel: Sie zeigen, daß die Kunst mit ihren herkömmlichen Mitteln dieser Aufgabe nicht gerecht wird. Möglichst viele Kubikmeter Beton oder Stein an dem vorgesehenen Platz zu verbauen, das ist eine krampfhafte, vergebliche Anstrengung. Es kommt heraus, was die Berliner "Kranzabwurfstelle" nennen.
SPIEGEL: Sind Ihnen Denkmäler und Mahnmale am Ende grundsätzlich zuwider?
Metzel: Keineswegs. Christian Daniel Rauchs reitender Friedrich der Große Unter den Linden ist eine wunderbare Skulptur.
SPIEGEL: Kann sie noch ein Vorbild sein?
Metzel: Nein, weder der Personenkult noch die naturnahe Stilisierung Rauchs sind heute zeitgemäß. Aber nur ein paar Schritte vom Fridericus entfernt gibt es nicht gerade ein Denkmal, aber - als Zeichen der Erinnerung an die Bücherverbrennungen 1933 - eine Arbeit des israelischen Künstlers Micha Ullmann: eine nur durch ein Fenster im Pflaster des Platzes einsichtige leere unterirdische Bibliothek. Da ist etwas gelungen.
SPIEGEL: Sie räumen ein, daß es auch überzeugende künstlerische Lösungen für ein Gedenken an Nazi-Untaten gibt. Andere Arbeiten kommen der Aufgabe eines Holocaust-Mahnmals noch näher. Was halten Sie von Jochen Gerz, der in Saarbrücken Städtenamen als Hinweis auf verwüstete jüdische Friedhöfe in die Unterseiten von Pflastersteinen des Schloßplatzes gemeißelt hat? Oder von Ulrich Rückriem, der einfach einen seiner typischen Steinquader an den Sammelplatz für die Deportation Hamburger Juden gestellt und zum Mahnmal erklärt hat?
Metzel: Hervorragende Arbeiten.
SPIEGEL: Wo liegt der Unterschied zu den Berliner Mahnmal-Entwürfen?
Metzel: Einmal bestimmt bei deren Bemühen, das Thema symbolisch-illustrativ in den Griff zu bekommen. Eisenmans Simulation von Grabsteinreihen wirkt aber neben der Realität des Prager Judenfriedhofs gekünstelt, und die Andeutung eines zerbrochenen Davidsterns, den die Architektin Gesine Weinmiller vorschlägt, ist erst recht eine hilflose Geste. Auch Gerz hat bei seinem Berliner Vorschlag ja einen Spagat zwischen Repräsentationspflicht und ästhetischer Gestaltung ver- suchen müssen. Das ist mißglückt.
SPIEGEL: Hätten Sie sich mit dem schon in der Vorrunde ausgeschiedenen Projekt von Gerhard Merz anfreunden können, einem großen Betonkubus, nach oben offen und mit einem tiefen Schacht im Boden?
Metzel: Edle Einfalt, stille Größe - ich finde, auch das läuft leer. Vermutlich hat schon die riesengroße Fläche, die für das Mahnmal ausgewiesen ist, die Teilnehmer überfordert. Es kommt mir bezeichnend vor, daß aus dem ursprünglichen Duo Eisenman-Serra der Bildhauer ausgestiegen und der Architekt im Wettbewerb geblieben ist.
SPIEGEL: Könnten Baumeister die Rettung bringen?
Metzel: Nicht an diesem Platz, nicht mit dem Anspruch, ein reines Kunstwerk als Mahnmal hinzustellen. Aber das Jüdische Museum von Daniel Libeskind in Berlin wird, wenn es fertig ist, nicht nur praktischen Zwecken dienen, sondern in seiner expressiven Form zugleich ganz selbstverständlich als Hinweis auf den Holocaust wirken. Auch das macht ein zusätzliches Mahnmal überflüssig.
SPIEGEL: Wäre Ihre eigene Kunst denn wirklich ganz ungeeignet für das Berliner Mahnmal-Vorhaben? Waren die Absperrgitter-Pyramide von 1987 und die Stuttgarter Ehrenhof-Inszenierung "Stammheim" von 1984 nicht Gedenkmonumente für die rebellierenden 68er?
Metzel: Das ist ein grobes Mißverständnis. Ich beschäftige mich mit Kunst im öffentlichen Raum, aber ich bin weder ein Denkmalspezialist noch ein Protestkünstler, und mit den 68ern habe ich gar nichts zu tun. Daß ich die Zeile "Stammheim" neben einem stilisierten Grabkranz an die Wand schrieb, war meine aggressive Reaktion auf den Zynismus des damaligen Generalbundesanwalts, der verkündet hatte, RAF-Häftlinge dürften frühestens in den ersten Jahrzehnten des nächsten Jahrtausends auf Gnade hoffen. Die Absperrgitter behandeln in ziemlich abstrakter Form das Sujet Gewalt. Ich spiele mit Versatzstücken und versuche, auf diese Weise die Skulptur selber nach vorne zu bringen. Dafür wäre mir das Holocaust-Thema aber zu diffizil.
SPIEGEL: Was ist aus den Gittern geworden?
Metzel: Ich habe sie eingelagert, und gerade führe ich Gespräche über Möglichkeiten, die Skulptur anderswo neu aufzubauen. Ich würde sie gern noch einmal in einem reinen Kunst-Kontext überprüfen.
SPIEGEL: Ganz absurd kann Ihnen ja die Idee von Denkmälern trotz allem schwerlich vorkommen. Sonst hätten Sie sich doch nicht Anfang des Jahres in eine Berliner Jury gesetzt, die den besten Entwurf für ein Denkmal zum 17. Juni 1953 auswählen sollte.
Metzel: Was prompt schiefgegangen ist. Man sollte sich immer engagieren und denkt auch: "Vielleicht geht es ja doch noch." Aber nicht nur meine Erwartungen sind enttäuscht worden, sondern auch die der meisten Preisrichter-Kollegen. Die Jury hat dann vorgeschlagen, den Wettbewerb abzubrechen, und ist zurückgetreten.
SPIEGEL: Und nun?
Metzel: Der Senat hat die Jury ausgewechselt und läßt weitermachen. Am Ende werden wohl nicht Sachargumente entscheiden, sondern die Wünsche der Politiker. Ich fürchte, so läuft das auch beim Holocaust-Mahnmal.

DER SPIEGEL 35/1998
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