07.09.1998

FUSSBALLDer sprachlose Berti

Die Länderspielreise nach Malta sollte für die Nationalmannschaft der Aufbruch in eine bessere Zukunft werden. Es wurde eine verkorkste Trainingswoche, in der ein beschädigter Bundestrainer Vogts konzept- und machtlos wirkte.
Wie es im Süden so ist, das weiß die Ehefrau des deutschen Fußball-Bundestrainers. "Allein der Blick aufs Meer", schwärmte die Autorin Monika Vogts in einer Kolumne, "die kreischenden Möwen und dann noch der dicke Mond am Himmel, die letzten Bötchen, die ihrem Hafen müde tuckernd in die Arme fallen." Das soll sich im Sommer in Frankreich zugetragen haben.
Die Insel Malta liegt noch weiter im Süden. Und Berti Vogts, 51, der hier in der letzten Woche sich und seine Mannschaft auf die sportliche Zukunft vorbereiten wollte, hatte aus seinem Hotelzimmer einen herrlichen Blick aufs Meer; er konnte Möwen, einen fetten Mond und eine Menge Bötchen sehen. Es fiel nur niemand irgendwem in die Arme - kein müdes Boot seinem Hafen und niemand dem Bundestrainer. Es war eine einsame Woche.
Einmal hockte Vogts zum Beispiel vor einer Leinwand im Kinoraum des Nationalstadions, schwenkte sich auf einem Drehstuhl erst nach links und dann nach rechts und sagte: "Von meiner Seite aus Kritik üben, das kann man nicht." Pause. Dann: "Insgesamt muß man das alles ein wenig kritisch sehen."
So redete Vogts und sagte mit dem einen Satz dies und mit dem nächsten das Gegenteil. Einmal immerhin scherzte er: "Fahrradkette" nenne man sein neues Abwehrsystem, "Fahrradkette mit Fußballern". Doch es gab keine Brücke zu seinen Zuhörern, kein Nicken und kein Lächeln wie früher, nur leere Blicke von Vogts und zweifelnde aus dem Auditorium. Es war nicht so wie am Ende der Weltmeisterschaft - es war noch trister.
Denn seit der WM ist Berti Vogts ein melancholischer Mann. Er hat sich entschlossen, die Nationalmannschaft nach dem entsetzlichen Turnier noch einmal neu zu formen; das traut ihm nur niemand mehr zu. Er spricht von Geduld und "viel, viel Arbeit", die "auf den Bundestrainer hinzukommt"; doch beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist in kleinen Kreisen schon wieder das Szenario einer baldigen Trennung angesprochen worden.
Vogts hat keine Chance mehr. Es scheint, als wisse er das, wenn er mit rundem Rücken reglos am Spielfeldrand sitzt oder wenn er einen arglosen Schreiber anfährt: "Sie wollen mich abschießen." Dann erinnert er an einen Politiker, der sich selbst erniedrigt, nur um nicht zurückzutreten.
Der Fußball-Lehrer wollte sich eben auf keinen Fall der "Bild"-Zeitung beugen, die diesmal nicht so plump wie 1994 ("Herr Vogts, unterschreiben Sie hier"), sondern perfide mit Leserbriefen ("Berti, tu uns das nicht an und laß endlich einen anderen ran", Dieter Christl, Luckenwalde) seine Demission herbeidrucken wollte. Und deshalb setzte er jede Maßnahme um, die irgendwer irgendwo vorgeschlagen hatte.
Mancher Profi, der vor der WM eine Flasche war, ist nun Leistungsträger. Andere, die damals als Bertis Jünger galten, hat er abgestoßen. Einen großen Teil seiner Macht reichte er an Stefan Effenberg weiter, jenen Mann, der seit 1994, seit seinem Abgang mit gestrecktem Mittelfinger, "unter meiner Verantwortung nie wieder für Deutschland spielen" (Vogts) sollte.
Vor Frankreich hatte Vogts den Ruf, geradeaus zu sein, ein ehrlicher Arbeiter, der schon dafür Respekt verdiente, daß er sich für vergleichsweise lausige 40 567 Mark brutto im Monat gegen die Glitzerwelt des Fußballs und gegen die Beckenbauers und Beckmänner stemmte. Auf einmal aber steht Berti Vogts nur noch für sich.
Er habe halt keine Lobby, sagt er, er sei der "Buhmann" und der "Mülleimer" der Nation. Aber das wird auch durch Wiederholung nicht richtig. Es scheint eher so, als sehe er sich ganz gern als Opfer.
In Wahrheit gibt es ja viele Menschen, die Berti Vogts für ziemlich nett halten. Alle, die von ihm jemals diese Geschichte vom Friedhof gehört haben, empfinden sehr viel Mitleid und Achtung für Vogts. Zwölf Jahre alt war er, damals, als seine Mutter an Leukämie und dann der Vater nach Herzproblemen starben. Am Grab sprach der Pfarrer, daß sie wohl noch leben würden, wenn der kleine Hans-Hubert ein lieber Junge gewesen wäre. So etwas wird keiner los, aber Vogts ist weit gekommen, und das wissen seine Freunde und die Leute vom DFB. Es geht ihnen ums Fachliche.
Vogts, das spüren sie alle, hat am 4. Juli nicht einfach ein Spiel gegen Kroatien verloren; er ist in Frankreich mit seiner Idee gescheitert. Es war seine WM. Nach jahrelanger Aufbauarbeit hatte er dort nicht mehr das Erbe Franz Beckenbauers beisammen, sondern die Mannschaft, die er wollte: diszipliniert und willig, 22 kleine Bertis. Fußball, das hatte Vogts ihnen eingebimst, bestehe aus nichts als 90 Minuten Arbeit auf dem Sportplatz, und die müsse ein verschworener Männerbund leisten, der sich durch nichts von dem "großen Ziel vor unseren Augen" (Vogts) abbringen läßt.
Eine hübsche Theorie. Doch mit zunehmendem Streß machte der zu Turnierbeginn starke Vogts zunehmend Fehler; "wenn der Druck groß war", sagt ein DFB-Mann, "gab es garantiert Pannen". Daß Vogts nach dem Ausscheiden "gewissen Herren" vom Weltverband ein Komplott gegen das "zu erfolgreiche" Deutschland unterstellte, war der Höhepunkt. Ob er wohl an "spiritistischer Osmose" leide, überlegte die "Süddeutsche Zeitung".
Es hat ja auch in seiner Mannschaft nicht gestimmt. Unzufriedene wie Olaf Thon werfen dem Bundestrainer vor, auf Druck von "Bild" Lothar Matthäus in die Mannschaft genommen und den Profis nicht die Wahrheit gesagt zu haben. "Führungsspielern" (Vogts) wie Oliver Bierhoff mißfiel, daß nie ein "Mannschaftsgerüst" entstand, weil "es einfach zu sehr hin- und hergewechselt" hat. "Es" steht für den Mann, der sich nicht entscheiden konnte.
Und am schlimmsten war das Gerede von den "22 Gleichen", von der "guten Stimmung" im "schönen Frankreich" - all diese Floskeln, die täglich von jedem heruntergebetet wurden, weil, wie der Münchner Jens Jeremies sagt, "der Druck von den Verantwortlichen so groß war, daß da viel gesagt wurde, was anders gedacht wurde". Ein Schauspiel für die Öffentlichkeit also, bei dem Ersatztorwart Oliver Kahn den Eindruck bekam, "daß viele Aussagen durch einen Weichspüler gelaufen sind".
Es haperte "an der Kommunikation sowohl zwischen den Spielern als auch im Verhältnis der Spieler zum DFB und zum Trainer", wie Bierhoff monierte (SPIEGEL 34/1998); Kapitän Jürgen Klinsmann soll sein Herrschaftswissen gehütet haben. Das Resultat war eine Stimmung, die "nicht gut und nicht schlecht" war, so Jeremies: "Man hat halt so vor sich hin gelebt, weil nie richtig das Feuer da war." Und genauso haben sie Fußball gespielt. "Jeder wollte keinen Fehler machen, wir sind kein Risiko eingegangen", sagt Jeremies.
Natürlich sind bei manchen Männern die Zweifel geblieben: Warum sollte Vogts in der nächsten Streßsituation anders reagieren? Wo soll er nun anfangen, ohne automatisch das zu verraten, was er sein "Konzept von Fußball" nannte? Ein Funktionär hält es daher für möglich, daß bereits eine Niederlage im Oktober in der Türkei zu einem Trainerwechsel führen könnte; Jupp Heynckes, der sich ein Ruhejahr gönnt, sei dann ein Nachfolgekandidat, zu einem späteren Zeitpunkt der Leverkusener Christoph Daum.
Profis wie Jeremies, 24, schätzen Vogts, verfolgen die Diskussion jedoch emotionslos. Der Mittelfeldspieler vom FC Bayern malt gleichmütig Kästchen auf ein Stück Papier und sagt: "Ich nehme es, wie's kommt." Andere, wie der Kollege Kahn, 29, der Jeremies gegenüber- sitzt, sind entsetzt, "wie viele Schläge so ein Trainer bekommt", das sei "Wahnsinn".
Einig sind sich alle in der Mannschaft, daß der Neuaufbau, ob mit diesem oder ohne diesen Trainer, halb so wild werden wird. Denn die vermeintliche Krise des deutschen Fußballs werde, so Kahn, "viel zu radikal" dargestellt: "Das ist ja das Lustige und Schizophrene am Sport, daß an Banalitäten wie einem Pfostenschuß und einem unglücklichen Gegentor Diskussionen aufgehängt werden, die monatelang laufen." Der DFB habe definitiv kein Nachwuchsproblem, sondern "genug Spieler in der Hinterhand".
Das sind Leute wie die beiden Rostocker Profis Marco Rehmer, 26, und Oliver Neuville, 25, die sehr gerührt und sehr stolz waren, als sie am Mittwoch ihr erstes Länderspiel absolvieren durften. Rehmer, ein kluger Mann in Joop-Jeans und Armani-T-Shirt, ist einer jener modernen Verteidiger, die auch Fußball spielen können. "Ich antizipiere", sagt er und meint damit, daß er meist schneller am Ball ist als der gegnerische Stürmer, dem der Paß gilt.
Der Ost-Berliner war drei Jahre alt, als seine Mutter sagte, er könne nicht immer "in der Wohnung rumschießen". Also kam Marco in den Sportverein, in die Kinder- und Jugendsportschule, zum 1. FC Union. Als die Mauer fiel, brachte der 17jährige gerade seine Freundin aus der Disko nach Hause; dann ging er ins Bett und hörte die Nachricht deshalb am Morgen von seiner Mutter. Ganz vorsichtig "habe ich am Abend mal kurz rübergemacht", und erst viel später kamen die Gedanken, daß all das zum idealen Zeitpunkt geschehen war und daß es für den im DDR-Sport Ausgebildeten nun eine Welt mit Sat 1 und Bayern München geben könnte.
Es sind Leute wie Rehmer, die erahnen lassen, daß es demnächst eine modernere Nationalmannschaft geben könnte. Und es sind Leute wie der neue Stammtorwart Kahn, die womöglich dafür stehen, daß diese Mannschaft mal wieder so etwas wie Besessenheit ausstrahlt.
Denn Kahn ist einer, für den die Beförderung "nach all den Jahren ein Stück Normalität" war; "Freudenschreie" verbietet der Mann mit den chronisch zusammengekniffenen Augen sich schon deshalb, weil "du in diesem Geschäft immer am obersten Level sein mußt". Der Fußball der Jahrtausendwende werde von perfekten Mannschaften gespielt, die sich neutralisieren. Da muß der Torwart "89 Minuten hellwach herumstehen und in der 90. den entscheidenden Ball halten".
Und dann sind da noch Leute wie Neuville, Spitzname "Villeneuve", ein schwarzhaariger Kerl aus dem Tessin, der in Genf und auf Teneriffa gespielt hat, Italienisch, Französisch, Spanisch und leidlich Deutsch spricht, einen Vater aus Aachen hatte und daher sagt, "ich habe deutsches Blut"; ein Glücksritter des Fußballs, den es zufällig nach Rostock und genauso zufällig in Bertis urdeutsche Truppe verschlagen hat. "Glück", sagt Neuville, habe niemand einfach so: "Du mußt es schon suchen."
Es verändere sich etwas, meint ein Routinier, wenn auf einmal Spieler dabei seien, "die noch nicht richtig Deutsch verstehen". Schaden dürfte es jedoch kaum, wenn dem Trupp von Frankreich dadurch ein bißchen Esprit verpaßt würde.
Schaden könnte es eher, daß nun Effenberg, 30, der Mann ist, der alle Jungen und Neuen anführen soll. Effenberg sprach zwar vor dem Malta-Trip davon, "nicht auf die Kacke hauen" zu wollen, aber dann demonstrierte er sofort seine Stärke.
Als während der ersten Pressekonferenz sein Kumpel Mario Basler hinten auftauchte und wild winkte, sagte Effenberg, an den gerade eine Frage gerichtet worden war: "So, wir gehen jetzt." Folgsam standen Kapitän Bierhoff und die weiteren Mitglieder des Spielerrats auf; Kahn und Ulf Kirsten hatten noch gar nichts gesagt.
Effenberg war vor vier Jahren heimgeschickt worden, weil es während des ganzen WM-Turniers Ärger mit ihm gegeben hatte. Das hatte angeblich schon während des Hinflugs begonnen, als er und seine Gattin Martina zum Erstaunen mehrerer Kollegen für ein Weilchen in der WC-Kabine verschwunden sein sollen.
In der letzten Woche schickte er allerdings wie selbstverständlich die anderen herum, während er selbst bloß in der Mitte des Feldes stand. Dafür trug er auf dem holprigen Übungsplatz als einziger Profi lange Hosen.
Vogts ist auch deshalb ein schwächerer Trainer geworden, weil er nun von einem Mann abhängig ist, von dem er jahrelang milde verspottet wurde. Der Spieler, der sich als Rebell der Bundesliga begreift, fand den Bundesberti aus Korschenbroich irgendwie kleingeistig. "Warum also mußte Effe sofort in den Spielerrat?" rätselt ein Kollege. Es gebe pro Mannschaft halt maximal 5 Führungsfiguren, sagt Effenberg, "die anderen 15 halten lieber den Mund. So ergibt sich eine Ordnung".
Ungewöhnlich ist nur, wenn zu den Sprachlosen auch der Trainer gehört. Vogts klatschte im Spiel gegen Malta Basler nach dessen Auswechslung ab, und er rief im Training seine Wortschöpfung "ballorientierte Gegnerdeckung" über den Platz - meist aber fehlten ihm die Vokabeln.
So konnte er Effenbergs Rückkehr nicht begründen und schon gar nicht, warum der Mann, der nun der Retter des nationalen Fußballs sein soll, dann nicht auch bei der WM dabei war. Vogts schwieg einfach, wollte nicht mehr "zurückschauen" und sagte nur, Effenberg solle sich "ein- und nicht unterordnen". Das sind die Worte, mit denen er jeden Neuling begrüßt.
Aber was soll er auch sagen? Die Dinge passieren halt, und Vogts, der vor der WM so souverän gewirkt hatte wie nie zuvor, scheint sie seit der WM nicht zu steuern. Noch nicht wieder - oder nicht mehr?
Einmal wurde Vogts gefragt, wieso Effenberg und die anderen so armselig gespielt hatten. "Man muß natürlich den Gegner sehen", sagte er. Das muß man wirklich. Vor einiger Zeit verlor das starke Malta auch gegen die Faröer-Inseln 1:2. Und die waren noch nicht mal im Neuaufbau. Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 37/1998
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