07.09.1998

LEGENDENNote Fünf vom Feminismus

Filmstar Romy Schneider wäre übernächste Woche 60 Jahre alt geworden. Ausstellungen, Bücher, Filme feiern den Star - Publizistin Alice Schwarzer jedoch schlüpft in die Rolle einer nörgelnden Romy-Mutter.
Sommer 1971. Schauplatz: das Pariser Hotel "Plaza Athénée". Weltstar Romy Schneider trifft auf Filmproduzent Luggi Waldleitner. Sie hat sich schick gemacht, schwarze Kleidung, tiefer Ausschnitt. Er säuselt: "Romy, Romy-Kind, deine Enkel werden dich noch lieben, glaub''s dem alten Luggi. Als Sissi bist du einmalig gewesen, unübertrefflich ..."
Sie ist außer sich: " Fuck off", schreit sie. "Nicht mal als Alge der Erinnerung werd'' ich auf dem Grund eurer Donau liegen. Selbst da, wo sie am tiefsten ist, werd'' ich noch einen Stein drauftun, bis sie keinen Zipfel mehr von mir finden, eure Scheißenkel." Luggi Waldleitner schweigt verschreckt. Romy Schneider setzt noch eins drauf: "Ihr entziffert mich nicht! Nicht mehr. Das tue ich, und zwar so, wie ich es will!!!"
Die Schauspielerin sollte sich täuschen. Ihre Zeitgenossen und Scheißenkel tun nichts lieber, als die berühmteste deutsche Schauspielerin neben Marlene Dietrich zu entziffern. Und jetzt, kurz vor dem 23. Sep-
* Aufnahme eines Magazin-Fotografen.
tember - dem Tag, an dem die 1982 im Alter von 43 Jahren gestorbene Diva 60 geworden wäre -, kommt es sogar zu einem wahren Entzifferungsrausch.
Ausstellungen, Filme, Bücher - lauter lustvolle Exegesen eines leidvollen Lebens, das nach Tabletten- und Alkoholsucht, dem Verlust von Ehemännern und Liebhabern und dem Tod des 14jährigen Sohnes in einem bis heute rätselhaften Herzversagen endete.
Wie das Romy-Kind es hätte besser machen, wie sie hätte glücklicher werden können, auf diese Fragen haben inzwischen sehr viele sehr unterschiedliche Antworten gefunden. Und das beliebteste Spiel im Romy-Rätselraten scheint zu sein, den Schuldigen für das Leid der traurigen Schönen zu bestimmen.
Publizist Michael Jürgs begibt sich in seinem Buch "Der Fall Romy Schneider" (1991) auf kriminologische Tätersuche. Er vermutet, daß Schneider über Jahre von einem nahestehenden Menschen mit einem Schmuddelvideo erpreßt worden ist. Der Autor nennt aber, um Prozessen auszuweichen, keinen Namen.
Jürgs läßt Daniel Biasini, erst Sekretär, dann zweiter Ehemann des Stars, am schlechtesten wegkommen: "Dieses verdammte Schwein", zitiert der Biograph die Schauspielerin.
Biasini wiederum nutzt den nahenden Geburtstag seiner Ex-Angetrauten, um sich zu wehren. In seinem kürzlich publizierten Buch "Meine Romy" bedauert er erst mal ausführlich sich selbst: "Fünfzehn Jahre lang haben sie mich als schwarzes Schaf abgestempelt und mißbraucht, weil sie offenbar der Meinung sind, ich sei das ideale Opfer für ihr eiskaltes Kalkül."
Wer genau ihm so zusetzt, erfährt der Leser zwar nicht, er darf dafür aber mitbekommen, wie Biasini seinerseits - ganz subtil - die Verantwortung für das schlimme Finale im Leben des Stars abschiebt: und zwar auf Laurent Pétin, den letzten Mann an der Seite der Schneider.
Die allerneueste Romy-Biographie verteilt am großzügigsten schlechte Noten. Autorin ist Alice Schwarzer, Feministin aus Köln. Sie beschimpft routiniert so ziemlich jeden Mann, der in Romys Nähe kam, läßt eine Restschuld deren Mutter Magda tragen und kritisiert nicht zu knapp auch Romy-Kind selbst. Schwarzers Hauptvorwurf an die Akteure in Schneiders Leben: Sie hätten an ihr herumgenörgelt und sie immer wieder aufgefordert, sich gefälligst in fixe und fertige Lebensvorstellungen anderer Leute einzufügen. Diese ewige Besserwisserei der anderen habe Romy mehr und mehr mürbe und stumm gemacht.
Da ist zunächst Romy-Mutter Magda Schneider. "Ich glaube, daß meine Mutter ein Verhältnis mit Hitler hatte!" zitiert Schwarzer die Tochter. Auch wegen der wie auch immer gearteten Nazi-Vergangenheit wird Magda nach dem Krieg darauf achten, daß ihre Tochter stets einen blitzsauberen Eindruck macht. Hübsch brav auf Abstand muß diese in ein alpenländisches Internat, dort wird sie von Nonnen züchtig erzogen: "Mutter Magda kommt in vier Jahren aus dem nur 25 Kilometer entfernten Mariengrund nur zweimal zu Besuch."
Als die schauspielerisch begabte Teenie-Tochter dann filmisch nutzbar zu machen ist und die Mutter, durch die Hitler-Zeit in Verruf geraten, an Romys Seite wieder neue Chancen wittert, wird die Nähe von Mutter zu Tochter erdrückend: Die "kurze Leine", an der Magda Romy führt, "ist selbst für die damaligen engen Verhältnisse ungewöhnlich".
Nur Mama darf bestimmen, welcher Film als nächstes zu drehen, auf welchem Filmball wem die Hand zu schütteln ist. Romy, so Schwarzer, mache in den Augen der Mutter viel zuviel falsch, werde zu fett, zu frech, zu fraulich.
Das alles wird durch die tyrannische Alliance, die Magda mit ihrem zweiten Ehemann Hans Herbert Blatzheim schließt, noch schlimmer. Daddy Blatzheim ("Der Mann fiel sogar in einer Zeit unangenehm auf, in der es für einen Mann gar nicht so einfach war, unangenehm aufzufallen") schröpft die Stieftochter finanziell und will, so hat es Schneider Schwarzer erzählt, mit ihr schlafen.
Romy Schneider entflieht gen Frankreich und landet dort in den Armen des kaltschönen Jungschauspielers Alain Delon. Romy muß nicht nur eine Hetzkampagne der deutschen Presse gegen den "gallischen Hahn" durchstehen, sie muß ihren Lebenswandel dem Dresch-Flegel anpassen - Schwarzer: "Ein Delon kann nicht nur zuschlagen, der kennt auch keine Skrupel." Dem ehemaligen Dschungelkämpfer ist seine deutsche Verlobte eigentlich zu brav, zu bürgerlich.
Nach Delon kommt Harry Meyen, Schauspieler und Regisseur, und mit ihm die Ehe, Romys erste: "Sie spielen verliebt. Sie spielen Ehe & Eltern. Sie spielen Mann & Frau" . Meyen gefällt sich allzusehr in der Rolle des intellektuellen Vormunds, eine "vorprogrammierte Katastrophe" - und wieder mal herrscht höchster Anpassungsdruck: "Auch der Ehemann pflegt, ganz wie einst Daddy, alle Drehbuchangebote vor Romy zu lesen. Und auch er weiß grundsätzlich besser, was gut für sie ist."
Die nächste Ehe. Daniel Biasini, der neun Jahre Jüngere: "Keiner von Romys Männern scheint vom ersten Tag so ein Fehlgriff wie dieser hübsche junge Mann aus gutem Haus." Bei Biasini folgt Schwarzer dem Raffgier-Vorwurf des Biographen Jürgs: "Alle Männer, außer Delon, haben bei ihr kassiert, von Blatzheim bis Biasini."
Alice Schwarzer liefert kaum neue Fakten, schafft es aber vortrefflich, männlichen und mütterlichen Eigennutz zu entlarven. Doch sich selbst durchschaut sie offenbar nicht: Denn auch sie schlüpft in die Rolle einer Mutter, die Romy-Kind zwar liebt, aber vor allem tadelt. Die Verurteilungsmaschine, unter der Schneider lebenslang litt, wird von Schwarzer noch einmal angeworfen. Sie, die Biographin, wird zur Dauer-Nörglerin, ist selten zufrieden mit der Person, die sie betrachtet, immer enttäuscht, wenn deren Lebensweg vom feministischen Ideal abweicht.
Selbst wenn Romy Schneider das vermiefte Fünfziger-Jahre-Deutschland verläßt - für Alice Schwarzer tut sie es aus den falschen Gründen, wirft sie sich doch Delon, dem Rüpel mit Faible für Sexpartys, an den Hals: "Wird zur Frau an seiner Seite."
Sogar wenn die Aktrice Ernst Marischka, den Regisseur der "Sissi"- Schnulzen, künstlerisch hinter sich läßt und fortan mit den anspruchsvollsten Filmemachern ihrer Zeit arbeitet, mit einem Luchino Visconti oder einem Orson Welles - Schwarzer ist nicht zufrieden. Romy hechelt ihr zu sehr Männerwünschen hinterher.
Der Part, schreibt Schwarzer, den das französische "(Männer)-Kino" Schneider zugewiesen habe, "unterschied sich ja nicht grundsätzlich von der Sissi-Rolle, sondern war ebenfalls die Projektion der Frau-ansich - nur jetzt in der zeitgemäßen Variante". Oder: "Hier haben wir Romy Schneider also wieder einmal in der Rolle der verführerischen, allzeit bequemen Abwieglerin, wie schon in den Filmen zuvor. Und ganz wie im Leben".
Auch alle Versuche, ihre Beziehungen zu Männern neu zu erfinden ("Romys Erlöser-Phantasien"), werden von Schwarzer nicht goutiert: Romy Schneider kann sich vom älteren Ehemann trennen, sich jüngeren Partnern zuwenden, selbstbewußt die traditionelle Männer-Rolle übernehmen, Geld verdienen, Häuser kaufen, Entscheidungen treffen - nichts ist gut genug: "Sie nimmt sich die Freiheit, sich trösten zu lassen - und merkt nicht, daß diese Freiheit, sich trösten zu lassen, gar keine ist, sondern nur eine neue und besonders infame Art der Funktionalisierung und Ausbeutung." Eine zumindest in bezug auf Pétin falsche Diagnose.
Was auch immer der kleine, törichte Weltstar anstellt, sie bekommt einen Rüffel von Mama Alice: "Da ist sie wieder. Diese Woolfsche ,Verlogenheit'', der Kitsch, mit dem Romy Schneider vor allem sich selbst belügt: dieser rosarote Zuckerguß, unter dem sie ihr Leben begräbt." Da ist er wieder, dieser Vorwurfston, den es sowohl in Schneiders Leben als auch in den Betrachtungen darüber bis zum Überdruß gegeben hat.
Ihre Biographin als Vormund - Romy Schneider darf noch im Grab "Fuck off" schreien. Die besten Passagen des Buches sind jene, in denen Alice Schwarzer Romy Schneider selbst zitiert, und zwar aus Notizen, Briefen, Tagebuchaufzeichnungen. Der Streit mit Luggi Waldleitner etwa ist in einem Brief der Schneider an eine Freundin dokumentiert.
Der Star, wie er sich da selbst entziffert, mal unendlich zornig, mal himmelhoch jauchzend froh - er bleibt seltsam unerreicht von allen Annäherungsversuchen der strengen Lebenskorrektorin.
Susanne Beyer
* Aufnahme eines Magazin-Fotografen.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 37/1998
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