01.08.2011

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE

Der Walkampf

Von Hoppe, Ralf

Wie ein Museumsdirektor Schicksal spielte

Der Wal, ein sehr junges Tier, lag am Strand bei Dierhagen, nicht weit von Stralsund, an der Ostseeküste. Er lag, wahrscheinlich todgeweiht, zwischen Muschelsplitt, Tang, Schaum, Plastikmüll, lag auf der Seite, hilflos, ein dunkles Wesen, die empfindliche Haut glänzend wie bei einer Aubergine. Die Ausläufer der Brandung umspülten ihn, hoben ihn manchmal an, zogen ihn ein Stück weit ins Meer, schoben ihn bei der nächsten Welle zurück. Das Herz schlug zu schnell, der Atem ging ruckhaft, Körperlänge 86 Zentimeter, Gewicht etwa zehn Kilogramm. All das würde eine Tierärztin bald feststellen. Das Tier blickte mit einem Auge in den grauschwarzen Himmel, aus dem es regnete.

So fanden es die Touristen.

Irgendwo da draußen war wahrscheinlich das Muttertier, lockte ihr Junges mit Klick-, Schnalz-, Trillerlauten, ihrer klanglichen Signatur. Schweinswale haben ein phantastisches Gehör, sie orientieren sich und orten einander im Meer über weite Entfernungen. Doch starker Wind und Wellengang erzeugen Störgeräusche, auch unter Wasser, vermutlich waren beide deshalb auseinandergerissen worden.

An diesem Morgen herrschte immer noch Windstärke sechs, der Wind jagte Schaumfetzen durch die Luft. Die Touristen, die das Tier entdeckt hatten, alarmierten die Feuerwehr, der Feuerwehrchef aber wusste nicht, was man genau macht mit so einem Viech. Er rief beim Meeresmuseum an, in Stralsund, und er ließ nicht locker, bis er endlich den Direktor am Telefon hatte, Harald Benke.

Also! Ich brauch hier einen Experten, jemanden, der sich mit Walen auskennt, und zwar schnell.

Wo sind Sie?, fragte Benke.

Entenwale, Belugas, Narwale, Buckelwale, Zwergwale. Nordkaper, Pottwale, Blauwale - Harald Benke, der als Kind "Flipper" guckte, später Meeresbiologe wurde, erforscht sie, promovierte über sie, liebt sie, ganz besonders hängt er an den Gewöhnlichen Schweinswalen, Phocoena phocoena, obwohl sie, laienhaft gesprochen, eher hässlich sind, vorn und hinten sind bei ihnen kaum zu unterscheiden, drall und wurstförmig.

Aber sie sind humorvoll, sagt Benke, haben einen ganz eigenen Stil.

Benke ist Direktor des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund, vier Standorte gibt es, darunter ein großes Meeresaquarium, 15 000 Tiere haben sie, mehr als eine Million Besucher kommen im Jahr. Um die Besucher muss man kämpfen, immer was Neues bieten, sagt Benke. Kinder zum Beispiel, von 3-D-Kino und Playstation verwöhnt, kann man nicht vom Hocker hauen mit einer Landkarte mit Brutplätzen der Pfuhlschnepfe. Man muss sich was einfallen lassen, Besucher müssen geködert, umschmeichelt werden; am besten, man hat eine rührende Story.

Allein in seinem ersten Lebensjahr bescherte Knut, der Eisbär, dem Zoologischen Garten Berlin zusätzlich etwa 600 000 Besucher und einen Bilanzgewinn von etwa sieben Millionen Euro, dazu Umsatzerlöse aus Merchandising und Lizenzen; Knut war wahrscheinlich der Traum eines jeden Zoodirektors. Aber auch dieser kleine Wal und seine Rettung wären, publicitymäßig gedacht, nicht zu verachten gewesen.

Benke traf gegen Mittag am Strand ein, die Wellen waren bis zu zwei Meter hoch; aussichtslos, rausfahren zu wollen. Bei gestrandeten Walen drückt das Körpergewicht die Lungen zusammen, es ist eine der häufigsten Todesursachen. Sie brauchten eine Badewanne. Ein Bassin. Wie lange würde das Tier noch durchhalten? Es war ein Neugeborenes, sah Benke, es brauchte die Muttermilch, und es schnappte nach Luft.

Eine Stunde? Eine halbe Stunde?

Ich könnte einen Schaufelbagger besorgen, sagte der Feuerwehrchef.

Wenig später war der Baggerfahrer da, er fuhr ein Stück ins Meer, senkte und füllte die Schaufel mit etwa 500 Liter Meerwasser, setzte vorsichtig zurück. Die Männer hievten den jungen Wal ins Wasser, fast augenblicklich entspannte sich der verkrampfte Körper.

Es war ein Weibchen. Sie nannten es Mimi.

Die Männer blieben lange beim Bagger, es war, als hielten sie Wache, wie eine Familie, Mimi, die kleine Wurst, und ihre Walverwandten.

Am nächsten Morgen, die See war ruhiger, der Wind hatte nachgelassen, fuhren Benke, eine Tierärztin, ein paar Helfer mit dem Schlauchboot aufs Meer, Mimi in feuchte Tücher gewickelt. Sie machten den Motor aus. Sie sprachen leise. Sie hoben Mimi vorsichtig ins Wasser. Hielten sie noch einen Moment fest, so erzählt es Benke.

Die Geschichte hatte sich inzwischen herumgesprochen in Stralsund, schon am Morgen hatte es mehrere Anfragen gegeben. Fernsehproduktionsfirmen wollten die Rettung filmen, Agenturen und Fotografen hatten angerufen - man hätte aus Mimis Rettung leicht eine große Story machen können. Aber dann, wusste Benke, hätten Journalisten und Fernsehteams ihn begleitet, mit Kameras, Lampen, Regieanweisungen, Mikrofonen; die Story über die Rettung hätte die Rettung gefährdet. Auch wenn sein Pressesprecher sich heimlich die Haare raufte: So war es Benke lieber.

Der Wind hatte nachgelassen. Das Boot schaukelte. Mimi lag im Wasser, sie hielten sie. Er habe sie ein letztes Mal berührt, erzählt Benke, dann ließen sie los.


DER SPIEGEL 31/2011
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