Von Ehlers, Fiona
Am Tag, als in der Hauptstadt Mogadischu die erste Maschine mit Erdnusspaste landet, setzt sich 500 Kilometer weiter südwestlich ein klappriges Matatu, ein weißer Kleinbus, mit rund 30 Flüchtlingen in Bewegung. Es ist nicht das erste Sammeltaxi, das in dem somalischen Dorf Dhoobley startet, es wird nicht das letzte sein. Es heißt, es gebe kaum noch Matatus in Somalia, es heißt, es werde bald auch keine Somalier mehr geben, in diesem von Kriegen und Katastrophen heimgesuchten Land.
Der Bus wird bepackt im Schatten einer Akazie auf dem verlassenen Marktplatz von Dhoobley, einem Dorf inmitten des von radikal-islamistischen Milizen kontrollierten Südens Somalias, 20 Kilometer vor der Grenze zu Kenia. Es sind ausgemergelte Frauen in bunten Tüchern wie Maria, 40, und Hawa, 32, die sich in das Fahrzeug drängeln. Tagelang sind sie aus ihren Dörfern weiter nördlich hierhergelaufen, ihre Kuh- und Ziegenherden waren verendet, ihre Dörfer verlassen. Sie liefen in sengender Hitze, ohne Wasser, ohne Essen, ohne Kraft. Fliegen krabbeln auf ihrem Mund, ihre Kinder hängen apathisch an ihren schlaffen Brüsten.
Bis zur Grenze nach Kenia werden die Frauen von somalischen Polizisten eskortiert, Männern mit rostigen AK-47-Sturmgewehren, denen olivgrüne Uniformen um die dürren Glieder schlottern. Die Männer sollen die Frauen schützen vor Überfällen, vor vagabundierenden Banden, die Männer an Bäume binden und Frauen vergewaltigen.
Der Bus jagt jetzt in einer Staubwolke über die grüne Grenze, weit ab von dem dicken Beamten der kenianischen Einwanderungsbehörde, der in einem Jeep vor der Grenze sitzt und den Verkehr kontrollieren soll.
In Kenia geht es weiter auf der staubigen Piste, kilometerlange trostlose Steppe, in der es vor ein paar Jahren noch wilde Tiere gab, jetzt ist sie ein Meer aus zerfetzten Plastiktüten. Die Erde ist dunkelrot, auch im Schutz der Abenddämmerung, wenn die Flüchtlinge kommen, glüht sie noch vor Hitze. An den Straßenrändern liegen Skelette verdursteter Kühe, Büffel und Kamele, es stinkt bestialisch.
Die Frauen fliehen vor der wohl verheerendsten Dürre am Horn von Afrika seit 60 Jahren. Sie hoffen auf Zukunft und Frieden im Nachbarland Kenia. Für Neuankömmlinge wie die 17-jährige Deka aus der Hafenstadt Kismaju ist dieser Frieden noch trügerisch. Jungen Männern wie Ahmed ist das Exil längst zum Alltag geworden, er ist hier aufgewachsen und kennt nichts anderes. Für den ehemaligen Verteidigungsminister Somalias gibt es keine Zukunft mehr, das Lager ist der einzige Zufluchtsort, der ihm geblieben ist.
Dadaab nennen sie diesen unmöglichen Ort, das größte Flüchtlingslager der Welt. Eine künstliche Stadt aus ineinandergewachsenen Siedlungen von Zeltlagern, Baracken, Lehmhütten und Häusern aus rotem Stein, Anfang der neunziger Jahre errichtet für 90 000 Menschen, als in Somalia der Bürgerkrieg ausbrach und die ersten Somalier in Scharen flohen. Jetzt, Ende Juli, nach zwei Jahren, in denen kein Tropfen Monsunregen fiel, weshalb nun mehr als elf Millionen Ostafrikaner hungern, hausen hier 400 000 Somalier, täglich kommen 1300 hinzu. Ende des Jahres, so schätzt die Uno, werden sie eine halbe Million sein.
Seit zwei Monaten erlebt Ahmed Hussein Abdullai, 28 Jahre alt, hier ein Déjà-vu, einen Alptraum, der ihn wieder quält wie damals. Das Leid der Neuankömmlinge, sagt er, zerreiße ihm das Herz. Wenn er sieht, wie Müttern die Kinder in Tüchern auf ihrem Rücken wegsterben, sieht, wie sie auf dem Friedhof vor seinem Haus immer neue Gräber zu kleinen roten Erdhügeln aufschütten und mit Dornenbüschen schützen, nach altem somalischem Hirtenbrauch. Er sagt, das erinnere ihn an seine eigene Flucht. Es sei wie damals, nichts habe sich geändert.
Als Ahmed nach Dadaab kam, war er neun Jahre alt. Es war im Jahr 1992, nur Monate nachdem in der Hauptstadt Mogadischu der Bürgerkrieg ausgebrochen war. Damals gab es in Dadaab noch kaum "Mzungus", so nennen sie hier die Weißen mit ihren Cargohosen, Satellitenschüsseln und allradangetriebenen Jeeps, die sie versorgten mit Spendengeldern aus aller Welt. Damals wurde ihnen ein Zelt zugeteilt, sie mussten zwei Sprachen lernen, Kisuaheli und Englisch, und selbst klarkommen in der Fremde.
Heute ist Ahmed ein erfolgreicher Mann, er ist Lehrer für Biologie und Chemie an einer Mittelschule im Lager Ifo, einem der drei Lagereinheiten von Dadaab. Und er ist der erste Buchhändler im Camp. Sein Laden heißt Iftin, Licht; das Motto seines Unternehmens hat er eigenhändig auf das Ladenschild geschrieben, es lautet: "Für euren Erfolg sind wir zu Diensten".
Für einen Flüchtling, der keine Papiere hat, der sein Lager nicht wieder verlassen darf, keine Arbeitserlaubnis bekommt in Kenia, hat er es geschafft. Ein freundlicher, kluger Mann mit gebügeltem Hemd und krausem Kinnbart. Ein Vorbild für die Neuen. Er sagt: "Flüchtling zu sein ist eine Herausforderung. Wer etwas daraus macht, wer in die Schule geht und studiert, kann sein Land verändern - und sei es aus dem Exil heraus."
Ahmed wohnt noch immer dort, wo sein Vater einst das Zelt für ihn und seine fünf Geschwister aufgeschlagen hat, in der Parzelle B 15, heute stehen zwei Häuser aus Kuhdung und roter Erde um einen sauber gefegter Innenhof.
Gerade ist Ahmed Vater geworden, er hat eine Fortbildung gemacht zum Lehrer für Konfliktlösung. Er soll Kinder lehren, was Frieden ist, und ihnen vorleben, was einen guten Führer ausmacht. Der Unterricht war ihm zu theoretisch, er sagt, er sei einer, der lieber selbst mit anpacke, als zu dozieren. Aber er nimmt seine Schüler auch hart ran, prüft ihre Lernerfolge. Gerade wurde er zum Präsidenten der Jugendorganisation von Ifo gewählt, die Schulabgängern Jobs besorgt und ihnen hilft bei Anträgen für Stipendien nach Kanada.
Nach Schulschluss am Nachmittag steht Ahmed wie immer in seiner Buchhandlung, Schüler in gelber Uniform stürmen herein, ihre hennabemalten, verschleierten Mütter, der Chapati-Bäcker, der Teehändler; alle diskutieren über die Preise für Tee, Milch und Benzin, die sich gerade erst verdoppelt haben. Kurz vor Ladenschluss hält Ahmed sein schwarzes Transistorradio der Marke Grundig ans Ohr, hört BBC und berichtet von der Luftbrücke nach Mogadischu. Sie diskutieren über die Zukunft am Horn von Afrika, sie machen sich Sorgen um Somalia, klar, aber es scheint auch, als hätten sie ihre Heimat längst hinter sich gelassen, keiner von ihnen will jemals dorthin zurück.
Ahmeds treuester Kunde ist ein Mann in ausgebeultem Anzug, der selten etwas kauft. Er kommt jeden Morgen und steht in dem stickigen Laden zwischen Schulbüchern und Afrika-Karten. Es ist Adan Ahmed Abdi, 61 Jahre alt, der ehemalige Verteidigungsminister von Somalia. Auch er hatte nichts, was ihm geblieben war, als er nach Dadaab kam, auch er floh über die grüne Grenze in einem Matatu, er kam im April vor vier Jahren, einige Zeit nachdem eine der unzähligen Übergangsregierungen ihn aus Amt und Villa gejagt hatte.
Der Minister und der Buchhändler sind Freunde geworden in der Diaspora. Und während der eine sich die Zukunft ertrotzen will, bleiben dem anderen nur noch Erinnerungen. Abdi ist ein gescheiterter Politiker, er hat versucht, sein Land zu retten, und doch keine Sekunde daran geglaubt, wirklich etwas verändern zu können.
Er führt von Ahmeds Bookshop über den Markt zu seiner Hütte. "Niemals", sagt er, "hätte ich gedacht, dass ich einmal in diesem Drecksloch von Lager enden würde." Er reicht Tee auf Bastmatten, lässt sich den alten Samsonite-Koffer aus der Hütte bringen. Zieht seinen Diplomatenpass heraus, zeigt Fotos von Ministertreffen, Abdi mit Kollegen aus Ghana, dem Kongo, aus Niger und Nigeria. Zeigt die goldene Schweizer Uhr, die ihm ein anderer Oberst 2004 mit Handschlag überreicht hat: Muammar al-Gaddafi, sein Antlitz ist eingraviert auf dem Ziffernblatt.
Der Minister redet sehr leise, er spricht fließend Italienisch, die Sprache der alten Kolonialherren. Er wurde ausgebildet in einer Kaserne bei Bologna, stieg auf beim somalischen Militär, als Experte für Raketenabwehrsysteme, er wurde selbst Oberst, wurde Verteidigungsminister unter Präsident Abdikassim Salad Hassan. Als der abtrat, im Jahr 2004, sagt Abdi, fiel auch er in Ungnade. Bei den Nachfolgern und bei den erstarkenden islamistischen Schabab-Milizen, den eigentlichen Machthabern im heutigen Somalia.
Er verlor sein Hab und Gut, musste mit ansehen, wie seine Kameraden auf offener Straße erschossen wurden, wie die Islamisten den Dieben die Hände abhackten, den Menschen verboten, kenianische Kartoffeln zu importieren, die Frauen zwangen, sich zu verschleiern.
Vor vier Jahren floh der Minister, er hatte keine andere Chance. Im Lager Dadaab weiß kaum jemand von seiner Vergangenheit, sein einziger Freund ist der Buchhändler.
Der Minister wird hier sterben, er kann nicht zurück, und er kann nicht Kenianer werden. "Es gibt keine Hoffnung", sagt er und bläst seufzend in den Tee, "mein Land ist krank: Die Kämpfe zwischen den Clans, die Schreckensherrschaft der Piraten, die islamistischen Radikalen - und jetzt auch noch die Hungersnot. Es hört niemals auf."
Dadaab ist ein Gefängnis für die Ewigkeit, ein improvisiertes Heim für die fünf herrschenden Clans Somalias, die sich in der Heimat bekämpfen, Zuflucht für verarmte Bauern, für Muslime, die sich vor den Islamisten fürchten, und für die, die sich längst als Kenianer sehen.
Jeden Tag stehen die Neuankömmlinge Schlange vor den drei Registrierungsstellen. Sie drücken ihre Finger in Stempelkissen, warten auf Passbilder, betteln um Lebensmittelkarten, mit denen sie täglich eine warme Mahlzeit bekommen. Und um Aufnahme in die Krankenstationen. Dort landen die hoffnungslosen Fälle, unterernährte Kinder mit dunklen Augenhöhlen und Knochen zerbrechlich wie Glas.
Im Lager Ifo, dem mittleren der drei, liegen zurzeit 36 Kinder unter drei Jahren an Kanülen unter Ventilatoren. Die kommende Nacht, so sagt es der kenianische Arzt der deutschen Entwicklungshilfeorganisation GIZ, werde wohl nur die Hälfte überleben.
Und die Alten, die längst in Hütten und Häusern aus rotem Stein leben, eingeteilt in Blocks mit laufenden Nummern, rennen mit Megafonen über Märkte und Gassen und bitten um Hilfe für die Neuankömmlinge, sammeln Kleider, Schuhe und Moskitonetze. Die Verbundenheit trügt: Bald werden sich die neuen mit den alten Somaliern um Weideland, um Arbeit und die Gunst der Hilfsorganisationen streiten. Das Leben ist hart im Hotel Somalia im Osten Kenias, es ist ein Spiegel der Zustände am Horn von Afrika.
Auch Deka, ein Mädchen mit rundem Gesicht, 17-jährig, gelingt es nicht, das alte, das kranke Somalia abzuschütteln. Sie trägt es unter ihrem Herzen.
Deka erreichte das Lager zu Fuß, die letzten Tage schleppte sie sich auf allen vieren voran. Sie kam vor vier Monaten, als Vollwaise. Seit zwei Monaten bemühen sich kenianische Helferinnen, ihr beizubringen, sich nicht nur als Opfer zu sehen - sondern als Mutter, die lernen muss, ihr Kind zu lieben, das in ihrem kugelrunden Bauch heranwächst.
Sie sitzt im geschützten Innenhof einer Hilfsorganisation für Kinder, die unbegleitet und schutzlos die Grenze nach Kenia überquert haben. Sie trägt einen weiten Umhang, erstarrt bei der Erinnerung an jene Nacht auf ihrer Flucht, lässt stumm und regungslos die Fliegen über ihr Gesicht krabbeln.
Es waren Soldaten oder Milizen der Schabab oder marodierende Verbrecherbanden. Deka weiß es nicht genau, es war stockdunkel. "Es waren sechs Männer", sagt sie. "Sie trugen Waffen."
Dekas Vergewaltigung dauerte die halbe Nacht, die Männer wechselten sich ab, sie schlugen und beschimpften das Mädchen, brüllten: "Lauf weg, wenn du dich traust!"
Nachdem sie abgelassen hatten von ihr, blieb sie nackt liegen am Straßenrand. Dann machte sie sich wieder auf den Weg zu einer Tante, die schon in Dadaab lebte. Als ihre Regel auch im vierten Monat ausblieb, brachte die sie in die Krankenstation des Lagers. Der Moment, als der Arzt sagte, dass sie schwanger sei, war der schlimmste ihres Lebens, sagt Deka. Schlimmer noch als die Nacht am Straßenrand. Von ihrer Tante wurde sie verstoßen, sie warf sie aus der Hütte.
In wenigen Tagen, wenn in Mogadischu die ersten Verhungernden mit Erdnusspaste gerettet worden sind, wenn sich die Welt wieder der Eurokrise und Amerikas Schulden zugewendet hat, wird Deka ihr Kind zur Welt bringen. Ihren Bastard, einen ausgestoßenen Balg im Lager der Ausgestoßenen.
Sie hofft, dass es eine Tochter wird, sie wird sie Ian nennen. Sie sagt, das sei ein alter somalischer Name, sie möge seinen Klang.
DER SPIEGEL 31/2011
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