01.08.2011

MEDIZIN „Diese ungeheure Angst“

Der Psychiater Frank Schneider über die stationäre Behandlung depressiver oder zwangskranker Spitzensportler, von denen etliche nur unter falschem Namen zur Therapie bereit sind
Schneider, 53, ist Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums Aachen.
SPIEGEL: Herr Schneider, was halten Sie von dem Satz "In einem gesunden Körper steckt immer ein gesunder Geist"?
Schneider: Nichts, wenn es um Leistungssportler geht.
SPIEGEL: Warum?
Schneider: Ich behandle im Jahr zwischen 20 und 30 Profisportler. Das sind in der Regel junge, austrainierte Menschen. Es sind Fußballer dabei, Eishockeyspieler, ich hatte schon Handballer, Basketballer, Läufer, Männer wie Frauen, Mannschaftssportler, Einzelsportler, aber auch Trainer und Funktionäre.
SPIEGEL: Weshalb kommen die Athleten zu Ihnen?
Schneider: Diese Menschen brauchen Hilfe. Sie sind depressiv oder zwangskrank, haben Tics, leiden unter Angstzuständen, haben Essstörungen. Oder sie sind abhängig von Alkohol, von Medikamenten. Da können Sportpsychologen nichts mehr ausrichten.
SPIEGEL: Der Psychiater übernimmt, wenn der Psychologe gescheitert ist?
Schneider: Sportpsychologen unterstützen den Athleten, seine Leistung zu steigern. Sie sorgen sich um das psychische Gleichgewicht, reden ihn stark, machen autogenes Training. Ich kümmere mich um kranke Leute. Man kann sich das vielleicht so vorstellen: Verbandsleute, Trainer oder Helfer geben einem Marathonläufer ein Mittel, damit er trotz Schmerzen noch starten kann - und der Chirurg im Krankenhaus repariert hinterher das kaputte Gelenk.
SPIEGEL: Sie sind der Chirurg?
Schneider: So ungefähr.
SPIEGEL: Die Radfahrerin Hanka Kupfernagel hatte einen Burnout, der einstige Tennisprofi Andre Agassi auch, ebenso der Skispringer Sven Hannawald. Im November 2009 nahm sich Nationaltorhüter Robert Enke, der depressiv war, das Leben. Vorige Woche beging der amerikanische Freestyle-Skifahrer Jeret Peterson Selbstmord, auch er litt an Depressionen. Täuscht der Eindruck, oder werden mehr Athleten psychisch krank als früher?
Schneider: Ich hatte vor Enkes Tod schon Spitzensportler hier in der Klinik, seitdem sind es etwas mehr geworden. Sie haben heute weniger Bedenken, sich professionelle Hilfe zu holen. Die meisten Sportler, die zu uns kommen, sind nicht depressiv, sondern haben häufig ungeheure Angst, eine Angstkrankheit. Es gibt einen Bundesligaprofi, der heute noch zu mir zur Psychotherapie kommt. Sein Problem: Wenn er ins Stadion einlaufen soll, bekommt er Herzrasen, sein Blutdruck geht hoch, obwohl alle jubeln, wenn der Stadionsprecher seinen Namen nennt.
SPIEGEL: Was ist Ihr Befund?
Schneider: Er hatte bereits als Jugendlicher eine klare Agoraphobie, er konnte keine Plätze, auch keine Menschen aushalten. Aber er wollte unbedingt Fußball spielen. Sein Gedankengang vorm Anpfiff war: Wenn die Leute mich gleich ausbuhen, dann kann ich meine Leistung nicht bringen, dann ist etwas falsch an mir. Der Spieler hat sich einem Physiotherapeuten geöffnet, dann kam er über den Trainer zum Präsidenten, zu mir.
SPIEGEL: Ist das der übliche Weg?
Schneider: Manche Patienten kommen auch von allein. Oft läuft es kurios ab, viele haben Angst, erkannt zu werden.
SPIEGEL: Wie kommen diese Sportler auf Sie zu?
Schneider: Athleten, aber auch andere Prominente treffen häufig erst in den Abendstunden in unserer Klinik ein, wenn es draußen dunkel ist. Oft sprechen die auch nicht von "Behandlung", sie nennen es eher "Coaching", das klingt schöner. Und Sportler legen dann des Öfteren einen Hundert-Euro-Schein auf den Tisch, sie wollen selbst bezahlen, damit die Familie nichts erfährt. So geht das natürlich nicht.
SPIEGEL: Wie beginnt eine Therapie?
Schneider: Ich frage den Patienten zunächst, was er von mir erwartet. Wo ist er aufgewachsen? Wie? Welche Vorerkrankungen hat er? Wie fühlt er sich gerade? Wie steht es um seine Sexualität? Der Athlet macht sich ab und zu Sorgen, er sagt: "Sie schreiben das ja alles auf." Ich: "Ja." Er: "Wenn ich zu Ihnen stationär komme, weiß der Oberarzt das dann auch?" Ich: "Ja." Er: "Und die Krankenschwester?" Ich: "Die auch. Das ist ganz wichtig, weil wir alle wollen, dass Sie bald wieder gesund sind."
SPIEGEL: Die Sportler sind nicht anonym bei Ihnen?
Schneider: Oft kommt die Frage: "Kann ich unter einem anderen Namen einchecken?" Das ist für uns kein Problem, dann läuft die Therapie unter Pseudonym. Wenn sie dann aber doch erkannt werden, macht ihnen das in der Regel auch nichts aus. Wir haben ja auch Spitzenpolitiker, Talkmaster und Topmanager hier.
SPIEGEL: Wie sind die Athleten untergebracht?
Schneider: Ich dachte, es sei wichtig, dass sie ein Einzelzimmer bekommen, spezielle Aufmerksamkeit, aber das wollen die meisten gar nicht. Wir machen ja auch Gruppentherapien, in der Küche, im Garten, in der Holzwerkstatt. Wir hatten vor einigen Wochen eine Top-Schwimmerin hier, schwer depressiv. Sie bekam Medikamente und ging täglich allein zur Psychotherapie, bevor sie darüber hinaus in die Gruppentherapie konnte.
SPIEGEL: Was war mit ihr los?
Schneider: Sie kam nicht damit klar, nicht die Beste zu sein. Der Stress, der enorme Druck, immer auf den Punkt fit sein zu müssen und dann nicht zu gewinnen, das waren psychosoziale Stressfaktoren, die dazu beigetragen haben, die Krankheit auszulösen. Sie hat einen Suizid versucht. Ich habe ihr Antidepressiva verschrieben.
SPIEGEL: Darf eine suizidgefährdete Schwimmerin die Klinik allein verlassen?
Schneider: Die Patienten können jederzeit kommen und gehen, wir sind ja keine Klapse wie die Psychiatrie in dem Film "Einer flog über das Kuckucksnest". Die Schwimmerin hat nach ein paar Wochen wieder trainiert, zwei Minuten zu Fuß von der Klinik ist eine Schwimmhalle.
SPIEGEL: Raten Sie den Sportlern, ihre Depression öffentlich zu machen?
Schneider: Ich rate hier zu gar nichts. Das ist nicht meine Aufgabe. Fast alle kommen im Gespräch mit mir zu der Entscheidung, sich während ihrer Karriere nicht zu outen. Gelegentlich lassen sie sich wegen der Behandlung bei uns vom Hausarzt eine Bescheinigung ausstellen, dass sie eine Knieverletzung oder etwas mit der Achillessehne haben. Die Wahrheit kennt meist nur ein sehr kleiner Kreis, zwei oder drei Leute.
SPIEGEL: Psychische Krankheiten sind im Sport noch immer ein Tabu, genauso wie Homosexualität. Kommen auch schwule Athleten zu Ihnen?
Schneider: Natürlich, häufig sind es Fußballer. Aber die sind ja nicht wegen ihrer sexuellen Neigung psychisch krank. Der Umgang mit der Homosexualität, bei manchen der Zwang, sie verheimlichen zu müssen, kann aber unter Umständen einer der Auslöser sein.
SPIEGEL: Man denkt ja, junge, austrainierte Athleten würden sich für unbesiegbar halten. Sind Sportler in Wahrheit besonders gefährdet, psychisch zu erkranken?
Schneider: Etwa jeder vierte Mensch ist genetisch vorbelastet, Tennisspieler genauso wie Busfahrer. Akut ausgelöst werden die Krankheiten durch Stress, durch bestimmte Reize, und die können im Profisport schon heftig sein.
SPIEGEL: Welche Reize sind das?
Schneider: Als Sportler wird man ständig beobachtet und bewertet - von Kollegen, vom Trainer, dem Kampfrichter, von den Medien, den Fans. Die meisten Athleten haben aber nicht gelernt, damit umzugehen.
SPIEGEL: Und wieso fehlen Sportlern oft die richtigen Abwehrmechanismen?
Schneider: Sie werden als Kind mit fünf, sechs Jahren im Verein angemeldet, und wenn sie talentiert sind, kommen sie zum Teil noch vor der Pubertät in einen Leistungskader und in ein Sportinternat.
SPIEGEL: Was ist daran so schlimm?
Schneider: Es fehlt ja häufig der familiäre Rückhalt, die Jugendlichen werden mit ihren Sorgen und Leiden ein Stück alleingelassen. Dabei äußern sich die ersten Anzeichen für Angsterkrankungen, Essstörungen und Depressionen oft schon nach der Pubertät. Auch die enge Struktur im Leben eines Leistungssportlers ist bedenklich.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Schneider: Der Trainer sagt einem, was wann wo wie und mit wem gemacht wird. Das ist fast wie beim Militär. Der Athlet nimmt das in Kauf, für die Erwartung von Geld und Ruhm. Aber nicht jeder hält das durch. Ich habe einen Fußballprofi behandelt, einen jungen Mann, 22 Jahre alt, dem war es zu viel geworden. Sein Trainer hatte ihm sogar vorgeschrieben, wann er mit seiner Frau schlafen darf.
SPIEGEL: Woran litt er?
Schneider: Er hat getrunken. Wir haben einen Alkoholentzug gemacht und ihn dann weiter therapiert.
SPIEGEL: Wäre es nicht ratsam, wenn jeder Bundesliga-Club, egal welcher Sportart, jemanden wie Sie hätte?
Schneider: So viele Psychiater gibt es gar nicht. Ich finde das auch wegen eines anderen Punkts problematisch. Wenn da plötzlich der Vereinsboss kommt, der den Psychiater bezahlt, und sagt: "Jetzt erzähl mir doch bitte mal, was der dir gebeichtet hat." Die ärztliche Schweigepflicht greift in dem Fall ja nicht, da es dann kein therapeutisches Verhältnis gibt zwischen Sportler und Mediziner.
SPIEGEL: Sind Spieler auf bestimmten Positionen besonders gefährdet?
Schneider: Torhüter vielleicht, denn die sind besonderem Stress ausgesetzt. Jeder Fehler führt zu einem Resultat, der Torhüter ist in den Augen der Öffentlichkeit immer der Schuldige. Auf dem Platz können sie das meist noch aushalten, aber außerhalb des Stadions bricht bei manchen das System dann doch zusammen.
SPIEGEL: Hatten Sie so einen Fall schon?
Schneider: Ich habe einen sehr bekannten Handballtorwart behandelt. Der kam nicht mit dem Wettkampfstress klar, er entwickelte eine Magersucht und eine Angststörung. Er traute sich nicht mehr aus seiner Wohnung, ist nicht mehr einkaufen gegangen, nicht mehr Auto gefahren. Wir haben ihm zunächst Infusionen gegeben und ganz viel mit ihm gesprochen. Er war schwer krank.
SPIEGEL: Und heute?
Schneider: Spielt er wieder.
Von Gilbert, Cathrin, Grossekathöfer, Maik

DER SPIEGEL 31/2011
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