01.08.2011

„Niemand kommt böse zur Welt“

Ein Gespräch mit Henning Mankell
SPIEGEL: Herr Mankell, hätte der weltberühmte Krimi-Autor eine solche Geschichte und eine solche Figur erfinden können?
Mankell: Was auch immer ich schreibe, die Wirklichkeit ist stets schlimmer. Das pflege ich zu antworten, wenn ich nach dem Realitätsgehalt meiner Geschichten gefragt werde. Hätte ich mir in einem morbiden Teil meines Hirns so etwas ausgedacht, einen Mann, der in einem Sommerlager herumgeht und in aller Ruhe einen Jugendlichen nach dem anderen erschießt, die Leser hätten dies für völlig unglaubwürdig gehalten, für lächerlich sogar. Die Plausibilität einer Story kann mit der kruden Brutalität des Geschehenen nicht mithalten.
SPIEGEL: Kann man Anders Breivik einfach als geistesgestört abtun?
Mankell: Wir mögen uns zwar denken, dass seine Persönlichkeit psychotische Züge aufweist, dass er eine massive narzisstische Störung hat, dass er voller Hass steckt. Aber was heißt das schon? Er mag ja ein Psychopath sein, nur erklärt das nichts. Ich habe in diesen Tagen an Hannah Arendt und ihren Bericht über den Eichmann-Prozess 1961 in Israel gedacht. Wie können scheinbar normale Menschen, die ansonsten vielleicht liebevolle Familienväter sind, Söhne, Brüder, zu solchen Gräueltaten fähig sein? Um eine Antwort zu finden, braucht es Zeit und Abstand. Aber ich fürchte, dass am Ende eine Dimension des Unerklärlichen übrig bleibt.
SPIEGEL: Rührt das Entsetzen vor dem Rätsel des Bösen auch daher, dass Brei-vik, wie die Polizei es ausdrückte, buchstäblich aus dem Nichts kam?
Mankell: Wir möchten rechtzeitig Merkmale des Bösen erkennen, wir suchen Kainszeichen und Stigmata, das Wetterleuchten des Schrecklichen, bevor es ausbricht. Das ist magisches Denken.
SPIEGEL: Es gibt eben nicht nur die Banalität, sondern auch die Faszination des Bösen.
Mankell: Da berühren Sie einen wichtigen Aspekt. Am meisten fürchte ich, dass jetzt wieder eine Diskussion über das angeborene Böse um sich greift. So dachte man vor 500 Jahren. Niemand kommt böse zur Welt. Man wird böse gemacht, durch äußere Umstände, die böses Handeln schaffen.
SPIEGEL: Aber jeder trägt die Fähigkeit zum Bösen in sich?
Mankell: In den Balkan-Kriegen nach dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens fielen Nachbarn, die zuvor friedlich zusammengelebt hatten, übereinander her. Ich habe in Afrika Kindersoldaten gesehen, 14-, 15-jährige Jungen, die ihre Eltern abgeschlachtet hatten. Man hatte ihnen selbst ein Gewehr an den Kopf gehalten. Ich bin mir nicht sicher, was ich als Kind in ihrer Situation getan hätte. Die Erklärungen für das Böse liegen in seinen Umständen und Bedingungen, nicht in seiner Dämonie. Das ist Hannah Arendts Lehre.
SPIEGEL: Breivik hat sich offenkundig als einen politischen Attentäter betrachtet.
Mankell: Ja, er sieht sich als Soldat, als ein Krieger gegen die vermeintliche Diktatur des Kulturmarxismus und die Expansion des Islam. Er glaubt anscheinend, dass man ihn in 60, 70 Jahren im Rückblick als eine geschichtliche Heldengestalt anerkennen werde.
SPIEGEL: Das würde erklären, warum er vor der Justiz die Tat auf sich nimmt, ohne sich indes schuldig zu bekennen.
Mankell: Aber selbst wenn man ihm die Logik des Soldaten oder Ritters unterstellt, so hätte er doch abscheuliche Kriegsverbrechen begangen und gegen sämtliche Genfer Konventionen verstoßen, wenn ich die Absurdität mal ironisch bis zur letzten Konsequenz treibe. Genau dadurch ergibt sich die Möglichkeit, ihn wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in seinem selbstproklamierten Bürgerkrieg zu belangen. Dann verschwindet er für immer hinter Gittern, 30 Jahre plus Sicherheitsverwahrung.
SPIEGEL: Welche Symbolkraft wollte er mit seinem Fanal wohl entfesseln? In seinem Internetmanifest heißt es an einer Stelle, was früher als Verrat gegolten habe, komme heute als Toleranz daher.
Mankell: Mich treibt seit Tagen die Frage um, welche Idealgesellschaft Breivik denn als Gegenentwurf vorschwebt.
SPIEGEL: Die heile Welt der Vorväter?
Mankell: Sein mörderischer Akt drückt eine Rebellion gegen die Kompliziertheit der globalisierten Gesellschaft aus, ja. Aber was hätte er dem entgegenzusetzen? Abschottung, Überwachung, Gleichschaltung, Nulltoleranz - ein solches Gebilde wäre nicht lebensfähig, da es keine Interaktion eingehen könnte. In ihm würde der Totalitarismus einer Sekte herrschen. Schrecklich. Genau deswegen wird sein Fanal, von dem er sich so viel verspricht, wirkungslos erlöschen: Er hat keine Verheißung.
SPIEGEL: Dennoch wird seine Tat politische Folgen haben. Hat Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg recht, wenn er als Reaktion auf dieses Verbrechen noch mehr Demokratie, Offenheit und Toleranz verspricht?
Mankell: Die Konsequenz aus der Tragödie kann nur ein verstärkter gesellschaftlicher Dialog sein. Die Gesprächsbereitschaft der Demokraten darf nicht nachlassen - weder gegenüber den Muslimen noch gegenüber den rechten Populisten oder Nationalisten. Ich höre, dass in Deutschland immer wieder mal ein Verbot der NPD gefordert wird. Das ist der falsche Weg, die Partei kann unter neuem Namen in neuer Form wieder auftreten oder im Untergrund weiterwirken. Genauso verkehrt wäre es jetzt nach Breiviks Massenmord, die Diskussion mit den skandinavischen Rechtsparteien abzubrechen, weil der Täter eine bedenkliche Menge von Ideen, Meinungen und Haltungen mit ihnen teilt. In der Debatte liegt Bewegung, im Ausschluss nur Erstarrung. Reden, reden und zuhören - Diskurs als Mittel der Lösungsfindung. Das ist unser Erbe der Aufklärung.
SPIEGEL: Kann die ständig beteuerte Gesprächsbereitschaft der Gutwilligen nicht leicht als Naivität ausgelegt werden?
Mankell: Mit der Qualität der Argumente und der Kommunikation lässt sich diese Gefahr vermeiden. Demokratie ist ein andauerndes Wagnis, sie muss sich bewähren, immer wieder, jeden Tag. Wir dürfen nicht in Panik vor den erstarkenden rechtspopulistischen Parteien in Skandinavien und anderswo geraten. In einer Gesellschaft, die von Ängsten zerrissen ist, erlischt der demokratische Lebenswille.
SPIEGEL: Wenn es darauf ankommt, muss eine Demokratie auch wehrhaft sein. Mit den in ideologischer Selbstgerechtigkeit Verblendeten kommt oft nur ein Dialog der Tauben zustande.
Mankell: Die Verweigerung des Gesprächs ist auch eine Form der Selbstgerechtig-keit. Vor einigen Wochen hörte ich in einem Café einen Mann am Nebentisch, der auf das Übelste über die Afrikaner herzog. Ich drehte mich um und sagte zu ihm: Wissen Sie denn nicht, dass die Menschheit als Gattung aus Afrika stammt? Dass wir alle, Sie und ich, afrikanische Urahnen haben? Er erkannte mich, grummelte etwas und verstummte. Vielleicht habe ich etwas in seinen Kopf gepflanzt.
SPIEGEL: Für einen wie Breivik müssen auch Sie eine Hassfigur sein. Sie engagieren sich seit Jahrzehnten in Afrika, setzen sich für die Palästinenser ein, legen in Ihren Arbeiten immer wieder die Risse, Brüche und Schattenseiten der schwedischen Modellgesellschaft frei. Fühlen Sie sich durch einen Terroristen wie Breivik persönlich angegriffen?
Mankell: Einmal bin ich tätlich angegriffen worden, von einem Mann auf offener Straße, der plötzlich auf mich zusprang und mir einen heftigen Schlag auf den Kopf versetzte. Ich bekomme Drohungen und Hassbotschaften. Aber ich lasse mich nicht einschüchtern.
SPIEGEL: Haben Sie den Aufruhr um Thilo Sarrazin in Deutschland verfolgt?
Mankell: Ich kenne ihn nicht und habe sein Buch nicht gelesen. Aber ich würde mit ihm reden. Es ist auf jeden Fall falsch, ihn zu boykottieren. Seine Statistiken sind eine Sache, die Zahlen sind, wie sie sind, in Deutschland wie in Schwe-den, aber über die Frage, warum sie so sind, über die Ursachen lässt sich debattieren.
SPIEGEL: Islamophobie, Integrationsmüdigkeit und Widerwille gegen den sogenannten Multikulturalismus sind kein Phänomen rechter Randgruppen mehr, sie sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Kann die muslimische Einwanderung die liberalen, aufgeklärten Gesellschaften des Westens politisch und moralisch überfordern?
Mankell: Historisch gesehen sind die europäischen Staaten praktisch alle aus Einwanderungswellen entstanden. Umgekehrt waren auch Millionen Europäer, darunter viele Schweden, selbst Einwanderer in Amerika. Wir müssen ständig auf der Hut sein und der Versuchung widerstehen, Minderheiten zu Sündenböcken für unsere Schwierigkeiten zu machen.
SPIEGEL: Ist Skandinavien, auch nach diesem Massenmord, eine verlorene Utopie?
Mankell: Diese Frage wurde schon nach dem Mord am schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme 1986 gestellt. Es gibt einen schwedischen Mythos, der freilich eher vom Ausland als von den Schweden selbst geschaffen wurde: liberal, tolerant, aufgeklärt, friedfertig, wohlhabend, harmonisch, egalitär und solidarisch. Das meiste davon stimmt. Aber das bedeutet nicht, dass wir nicht mit verschiedenen gewichtigen sozialen und politischen Problemen konfrontiert sind. Andererseits glaube ich nicht, dass die Tat eines Einzelnen, so unfassbar sie sein mag, eine ganze Gesellschaft verändern kann.
SPIEGEL: Könnte es Sie reizen, ein derart singuläres Ereignis irgendwann einmal literarisch zu verarbeiten?
Mankell: Ich glaube nicht. Ich denke jetzt viel über dieses Drama nach, aber ich bin unsicher. Wissen Sie, wenn man mich bäte, einen Roman über eine große Streikbewegung zu schreiben, würde ich wohl einen Streikbrecher als Hauptfigur wählen. Ich suche immer nach einer anderen, einer Gegendimension. Die habe ich hier noch nicht gefunden.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 31/2011
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