08.08.2011

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Unklare Gesetze ermöglichen Betreibern von Tiermast- und Biogasanlagen, ganze Regionen mit Gülle zu fluten. Grundwasser und Gesundheit leiden.
Edelhard Brinkmann führt seit 20 Jahren eine Privatbank in Visbek bei Vechta, zwischen Maisfeldern und einem Schweinemastbetrieb, der den Geruch der Gegend bestimmt. Brinkmann, der Banker, trägt viel Haar, viel Bart und ein sehr großes kariertes Hemd über der kurzen Hose. Kundenkontakt hat er eher selten. Wenn jemand etwas einzahlen will auf seiner Bank, dann schickt er einen der zwölf blauen Laster vorbei, die auf dem Hof warten.
Gut tausend Kunden vertrauen Brinkmanns "Güllebank Weser-Ems" ihre tierischen Ausscheidungen an. Er holt Gülle, Jauche und Mist überall da ab, wo sie übrig sind, und karrt sie dorthin, wo sie gebraucht werden. Quer durch die Region, 300 000 Tonnen im Jahr. Wenn sich also einer mit diesem Thema auskennt, dann ist es Edelhard Brinkmann.
Als die Güllewelt noch einigermaßen in Ordnung war, gab es Schweinegülle und Rindergülle. Deutschlands Gülle war, sozusagen, ein langer, ruhiger Fluss. Aber neuerdings stört diesen Fluss eine Gülle, die nicht Gülle genannt werden darf. Die auch nie auf einem von Brinkmanns Lkw landet, obwohl sie tonnenweise anfällt - und dadurch zu einem Problem für Böden und Gewässer wird. "So geht das nicht weiter", sagt Brinkmann.
Gülle ist ein "Wirtschaftsdünger tierischer Herkunft", so definiert sie die Düngeverordnung aus dem Jahr 1996, die eine EU-Richtlinie von 1991 zum Schutz der Gewässer vor Nitrat umsetzt. Damals waren Fäkalien von Tieren der wesentliche Reststoff aus der Landwirtschaft, der sich zum Düngen eignete. Mais war noch eine Futterpflanze.
Heute wird Mais zum großen Teil in Biogasanlagen in Energie umgewandelt. Der Fachverband Biogas sagt voraus, dass Ende des Jahres 7000 Anlagen im Land stehen werden, gut tausend mehr als 2010. Insgesamt produzieren sie nicht nur 17,8 Millionen Megawattstunden Strom, sondern auch mehr als 50 Millionen Tonnen Gärreste aus Energiepflanzen.
Beim Umweltbundesamt (UBA) sorgt man sich um diese "Gärresteproblematik". Denn Gärreste der Energiegülle haben einen ähnlich hohen Nährstoff- und damit Düngewert wie Gülle. "Wirtschaftsdünger pflanzlicher Herkunft wirkt genauso wie tierischer", sagt der Fachgebietsleiter für Binnengewässer, Volker Mohaupt, "nur hat es ihn Anfang der Neunziger noch nicht in relevanten Mengen gegeben." Deswegen fallen pflanzliche Gärreste auch nicht unter die Höchstgrenzen, die laut Düngeverordnung auf den Feldern verteilt werden dürfen. Und die Agrarlobby kämpft dafür, dass das auch so bleibt.
Höchstgrenzen sind nötig, weil tierische Gülle einige Regionen stark belastet. Früher hat man aufs nächste Feld verteilt, was im Stall angefallen war. Für den Bauern war das einfach, für die Umwelt ein Problem: Drei Viertel des deutschen Trinkwassers stammen aus dem Grundwasser. Dorthin gelangen die aus dem Stickstoff im Boden umgewandelten Giftstoffe Nitrit und Nitrat. Das belastete Trinkwasser ist vor allem für Säuglinge gefährlich: Im schlimmsten Fall kommt es zur lebensbedrohlichen Blausucht. Außerdem ist Nitrit indirekt krebserregend.
Das Umweltbundesamt sieht 26,5 Prozent des Grundwassers in einem schlechten Zustand. Besonders hoch ist die Nitratbelastung unter Agrarland, besonders Mais: "Der durch das Gesetz über erneuerbare Energien indirekt geförderte Anbau hat uns in unseren Gewässerschutzbemühungen massiv zurückgeworfen", sagt Jörg Rechenberg, im UBA zuständig für Grundwasserangelegenheiten.
Einzelne Messstellen in Niedersachsen melden eine Erhöhung der Nitratwerte: Deutschland drohen Millionenstrafen, weil dies ein Verstoß gegen die EU-Wasserrahmenrichtlinie ist, die einen guten Zustand des Wassers bis 2015 verlangt.
UBA-Experten fordern schon lange, dass der Begriff Wirtschaftsdünger endlich auch auf Gärreste ausgeweitet wird, damit eine gemeinsame Stickstoff-Höchstgrenze gilt. Außerdem wünschen sie sich schärfere Kontrollen von Betrieben - denn bisher bieten die Verordnungen jede Menge Möglichkeiten zum Schummeln. Das sogenannte Greenwashing funktioniert im Prinzip wie Geldwäsche über eine Pizzeria: "Man lässt die Gülle durch eine Biogasanlage laufen und deklariert das, was hinten rauskommt, als Gärreste", sagt Reinhild Benning, Leiterin der Agrarpolitik beim Naturschutzverband BUND.
Der Gesetzgeber ist gefordert, der Übergüllung der Böden vorzubeugen. Derweil setzt Edelhard Brinkmann, der Güllebanker, auf die reinigende Kraft des Marktes. Hat er von den Landwirten vor ein paar Monaten noch vier bis fünf Euro pro Tonne bekommen, wenn er die Gülle abholte, muss er sie heute für einen Euro abkaufen. Und er fährt sie dann dahin, wo sie nutzt und nicht schadet. "Keiner", sagt Brinkmann trocken, "kippt Scheiße weg, wenn man daraus Geld machen kann."
Von Katharina Fuhrin

DER SPIEGEL 32/2011
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