08.08.2011

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTESchwänzchen und Döschen

Wie ein schwedischer Kindergarten zum Konfliktfall wurde
Drohbriefe kamen täglich. Im Internet wurde Lotta Rajalin als "Verrückte" und als "Taliban" beschimpft, und an einem Samstag im Juni brannte ihr goldener Volvo V70, Baujahr 1997, sie hatte ihn als Schrottauto gekauft und selbst repariert.
Der Hass galt Lotta Rajalins Idee: Eine neue Art Kindergarten hatte sie erfunden. "Geschlechtsneutral", so sagt sie, soll er sein. Ein Ort, an dem alle sein dürfen, wie sie wollen, an dem Mädchen nicht still und hübsch sein müssen und Jungs auch dann akzeptiert werden, wenn sie weder besonders fordernd noch besonders mutig sind. Ein Ort der Freiheit eigentlich, für Mädchen wie für Jungen, das war Rajalins Plan.
Lotta Rajalin eröffnete einen staatlich geförderten Kindergarten, den sie "Egalia" nannte, Ort der Gleichheit. Im Stockholmer Stadtteil Södermalm betreuen seit Mai vergangenen Jahres drei männliche und fünf weibliche Erzieher 33 Kinder. Mehr als 200 Eltern haben ihren Namen auf die Warteliste gesetzt.
In Egalia nennen sich alle gegenseitig "Freunde". Es gibt kein "er" und kein "sie". Die Erzieher benutzen das Kunstwort "hen", welches beide Geschlechter bezeichnet. In Egalia befinden sich die Bauklötze direkt neben der Spielküche, damit erst gar keine Barriere im Kopf der Kleinen entsteht. Die Erzieherinnen spielen mit den Kindern Fußball, die Erzieher backen Kekse, denn, so Lotta Rajalin, "eine umgekehrte Rollenverteilung erleben die Kinder ja schon zu Hause".
In Egalia gibt es keine rosafarbenen Plastikponys mit Schmetterlingsflügeln. Auch keine Barbies. Die Puppen in Egalia sind untenherum wie alle Puppen, Jungs und Mädchen gleich groß, alle frisiert auf mittlere Haarlänge. In Egalia, behauptet Lotta Rajalin, spielen die Jungs genauso oft mit Puppen wie die Mädchen und die Mädchen genauso oft mit Traktoren wie die Jungs.
Lotta selbst war ein wildes Kind, das gern im Dreck planschte und ungern Röcke trug. Die einzige von vier Schwestern, die die Mutter überreden musste, sich für eine Geburtstagsfeier schick zu machen. Mit 13 interessierte sich Lotta nicht für Pferde, sondern für Motorräder. Ein paar Jahre später kaufte sie sich ihre ersten Roller und Mopeds. Sie schraubte, schrubbte und machte sich schmutzig.
Die Eltern waren besorgt, die Nachbarn entsetzt. Und dann waren da noch jene Leute, die Lotta überschwänglich zu ihrem Hobby gratulierten.
Lotta Rajalin, heute 53, blond, sonnengegerbt, Mutter von zwei leiblichen und drei Pflegekindern, hat drei Jahrzehnte im Schulwesen gearbeitet, als Lehrerin und Rektorin, das tut sie noch immer, und sie sagt: "Die Schule sollte der Gesellschaft voraus sein, nicht hinterherhinken." Für Kindergärten gelte das Gleiche.
Die Puppen in Egalia gibt es auch in Schwarz und Asiatisch. Traditionelle Märchen hat Lotta Rajalin aus ihrem Kindergarten verbannt, kein "Dornröschen", kein "Aschenputtel", keine Frauen, die darauf warten, von reitenden Prinzen errettet zu werden. Dafür gibt es ein Buch, in dem zwei männliche Giraffen zusammenleben, unglücklich und kinderlos, bis zu jenem Tag, an dem sie gemeinsam ein Krokodil-Ei adoptieren.
Es ist ein Experiment, gewissermaßen, ein Versuch, die alte Frage zu klären: Die Natur oder die Erziehung, wer bestimmt, welche Rolle Männer und Frauen im Leben übernehmen? Was lässt kleine Jungen nach Traktoren greifen und kleine Mädchen nach Prinzessin Lillifee - die Gene oder mehr die Erwartung der Menschen, die das Kind erziehen?
Die skandinavischen Gesellschaften sind liberaler als die meisten in Europa, bemüht um die Abschaffung von Stereotypen, und als Chance für Toleranz will Lotta Rajalin ihren Kindergarten verstanden wissen. Doch auch in Schweden gab es Leute, für die Medienberichte über Egalia schwer erträglich waren. Man warf der Kindergartenchefin vor, Gehirnwäsche zu betreiben. Die Briefe und Mails kamen bald aus aller Welt.
Im Juni dieses Jahres trat Lotta Rajalin im Frühstücksfernsehen des schwedischen Senders TV4 auf. Sie erklärte, dass es nicht die Kinder seien, die verändert werden müssten. Vielmehr müssten die Erzieher an sich selbst arbeiten, um nicht in altes Rollendenken zu verfallen. Sie erklärte auch, dass sie keinesfalls das biologische, nur das soziale Geschlecht ändern wolle. Es nützte nichts.
Die Proteste gingen weiter. Der Volvo brannte. Die rechtspopulistische Partei der Nationaldemokraten griff auf ihrer Website das Thema auf. Anhänger der Partei schickten ein Paket, es enthielt zwei nackte Plastikpuppen, eine weiblich, eine männlich, in den Händen trugen sie Protestplakate mit dem Hinweis: "Jungs haben ein Schwänzchen!", "Mädchen haben ein Döschen!" Der beigelegte Wutbrief verlangte, man möge daraus lernen und Schluss machen mit der Konfusion.
Das will Lotta Rajalin nun tun. Eine Forschungsgruppe der Stockholm School of Economics soll demnächst analysieren, wer wie oft womit in diesem Kindergarten spielt.
Von Nicola Abé

DER SPIEGEL 32/2011
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