Von Brandt, Andrea; Dohmen, Frank; Schepp, Matthias
Das Tolle an der Kommunikation in globalisierten Zeiten ist, dass man nicht mehr unbedingt vor Ort sein muss, um an einer wichtigen Konferenz teilzunehmen. Per Video, Skype oder Satellitentelefon lässt sich heute jede Firma und jeder Chef überallhin holen. RWE-Boss Jürgen Großmann hat das Distanz-Management nach Meinung von Kollegen in letzter Zeit allerdings doch ein wenig überzogen.
Mal weilte der 59-Jährige in den vergangenen Monaten auf hoher See, mal nahm er an einer Oldtimer-Rallye teil, mal versuchte er, eine Luxusyacht in einen Mittelhafen zu bugsieren, während zu Hause im gläsernen RWE-Turm wichtige Entscheidungen anstanden.
Der Essener Energieriese wankt, seit die Bundesregierung nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima den Ausstieg aus der Atomenergie und die Stilllegung aller Meiler beschlossen hat.
Gewinne und Aktienkurs brechen dramatisch ein, klare Konzepte, Geschäftsideen oder wenigstens Krisenpläne gebe es nicht, klagen Spitzenmanager. Großmann gilt plötzlich als der große Atom-Dinosaurier.
Der Unmut wuchs. Zuletzt offenbar auch bei Aufsichtsratschef Manfred Schneider. Am Montag dieser Woche nun will er dem Kontrollgremium einen Nachfolger für Großmann präsentieren, den 47-jährigen Niederländer Peter Terium. Der Manager, der schon seit dem Jahr 2003 in RWE-Diensten steht, hat sich als Controller profiliert und vor zwei Jahren die Übernahme des niederländischen Strom- und Gaskonzerns Essent für RWE geleitet.
Bis September nächsten Jahres, so Schneiders Plan, soll er Großmann begleiten und unterstützen. Danach könnte er den Konzern mit seinen rund 71 000 Beschäftigten übernehmen.
Doch der überraschende Plan stößt bei einigen Aufsichtsräten auf Widerspruch. Und das nicht nur, weil die Arbeitnehmerseite und die am RWE-Konzern beteiligten Kommunen lieber Energie-Vorstand Rolf Martin Schmitz an der Konzernspitze gesehen hätten und über den überraschenden Alleingang Schneiders brüskiert sind.
In Sorge versetzt etliche Kontrolleure Schneiders Vorhaben, dass Großmann überhaupt so lange an Bord bleiben soll - und in seiner restlichen Amtszeit womöglich noch einen besonders verwegenen Plan in die Tat umsetzen könnte: den Einstieg des russischen Energiekonzerns Gazprom in Essen.
"Im Lichte des AKW-Ausstiegs sehen wir gute Perspektiven für den Bau neuer Gaskraftwerke in Europa", frohlockte Gazprom-Boss Alexej Miller. Sein Vize Alexander Medwedew lobte die Deutschen: "Wir planen, gemeinsam in existierende Kohle- und Gaskraftwerke zu investieren und gegebenenfalls neue Kraftwerke in Deutschland, Großbritannien und den Benelux-Staaten zu bauen."
Gazprom wäre wohl Großmanns Wunschpartner. Seit Monaten schon führt er Geheimgespräche mit zahlreichen internationalen Energiekonzernen. Das Ziel: eine Partnerschaft, in der Großmann unter bestimmten Voraussetzungen offenbar sogar eine Minderheitsposition von RWE akzeptieren würde (SPIEGEL 22/2011).
Vor allem große Kommunen wie Dortmund, Essen oder Bochum, die heute knapp 25 Prozent der RWE-Aktien halten, fürchten um ihren Einfluss - und ihr Kapital. Sie wollen deshalb in der entscheidenden Aufsichtsratssitzung diese Woche darauf drängen, einen sauberen Schnitt zu machen. Einer der Vorschläge: Großmanns Vertrag soll noch in diesem Jahr auslaufen.
Auf diese Weise, glauben sie, sei man vor weiteren bösen Überraschungen gefeit. Sollte ihr Vorhaben nicht gelingen, haben sich die Kommunen sogar schon einen Plan B bereitgelegt.
Dann gibt es ernsthafte Überlegungen, den Essener Megakonzern deutlich stärker unter die Kontrolle der Städte und Gemeinden zu bringen. Dazu könnte ihr Anteil von 25 auf rund 30 Prozent ausgebaut werden. Die notwendige Mehrheit in der Hauptversammlung, mit der Personal und Strategie des Konzerns bestimmt werden, wäre somit gesichert.
Selbst die Frage der Finanzierung einer solchen Aktion wurde bereits erörtert. Die notwendige Summe von rund einer Milliarde Euro könnte von der Düsseldorfer Landesregierung zur Verfügung gestellt werden, etwa über die eigene NRW.Bank.
Erste Gespräche mit hochrangigen SPD-Vertretern hat es offenbar bereits gegeben. Die haben prinzipiell Unterstützung signalisiert, falls es tatsächlich notwendig werden sollte, RWE vor fremdem Zugriff zu sichern.
Zumindest bei Gazprom in Moskau ist die Euphorie über eine russisch-deutsche Energiezukunft allerdings schon wieder einer gewissen Ernüchterung gewichen. Moskauer Analysten beurteilen eine Liaison der Konzerne eher skeptisch: Die Essener gelten im Russland-Geschäft als völlige Neulinge.
Noch wichtiger: Das Bundeskartellamt hat bereits Bedenken angemeldet. Brüssel will ebenfalls verhindern, dass Pipelines, Gasproduktion und -verkauf am Ende in einer Hand liegen könnten. Und Präsident Dmitrij Medwedew warb Mitte Juli bei einem Treffen mit der Kanzlerin vergebens für höhere Gasexporte nach Deutschland.
Russland sei ein wichtiger Partner, sagte ihm Angela Merkel kühl. Aber eben nicht der einzige.
DER SPIEGEL 32/2011
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