15.08.2011

ABITUREntdeckung der Langsamkeit

In mehreren Bundesländern wenden sich Eltern und Politiker gegen die Abschaffung des 13. Schuljahrs. Aus Unmut über den missratenen Großversuch bleiben Schüler sogar absichtlich sitzen.
Kinder quengeln, Eltern reichen ihnen Trinkflaschen, es ist heiß und stickig in Raum 105. Der Sitzungsleiter erinnert daran, dass das Publikum kein Rederecht habe und doch bitte von Beifall und Buhrufen absehen möge.
Über hundert Zuschauer drängen sich im Saal und auf den Gängen des Rathauses, dem Dauerregen und dem Länderspiel Deutschland gegen Brasilien zum Trotz. Sie halten weiße Blätter mit Parolen hoch. "Die Eltern haben ein vorrangiges Recht, die Art der Bildung zu wählen, die ihren Kindern zuteil werden soll", ist dort etwa zu lesen. Der Satz stammt aus der Uno-Menschenrechtserklärung.
Einziger Tagungsordnungspunkt bei der Sondersitzung in der Gemeindevertretung von Wentorf am vergangenen Mittwochabend: "Entscheidung zur Einführung der G8/G9-Bildungsgänge ab dem Schuljahr 2011/2012". Das Thema sei ja "ziemlich emotional besetzt", sagt eine Kommunalpolitikerin am Rednerpult. Sie erntet Gelächter für den Gemeinplatz.
Die anwesenden Familien aus der Elftausend-Seelen-Gemeinde im Hamburger Speckgürtel sind sauer auf ihre Volksvertreter. Denn was im übrigen Schleswig-Holstein seit kurzem möglich ist, bleibt den Wentorfern vorerst verwehrt. Mit einer Stimme Mehrheit lehnte der Gemeinderat das Begehren ab, die Gymnasialzeit in Wentorf auf neun Jahre zu verlängern.
So hatten Eltern und Schulleiter es gewünscht, so hatte es das Ministerium in Kiel entschieden, so hatte es der CDU-Bürgermeister seiner Fraktion empfohlen. Doch die beschloss: Das verkürzte Gymnasium bleibt, basta. Es sei billiger und im Übrigen die bundesweite Norm.
Doch die ändert sich gerade. Quer durch die Republik wird die umstrittene Reform zerpflückt, statt Turbo-Abi ist nun wieder die Entdeckung der Langsamkeit die Parole der Stunde.
Die halbe Rolle rückwärts kommt ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem große Bundesländer wie Niedersachsen und Bayern den Wechsel zu acht Jahren vollendet haben (siehe Karte). Doch vielerorts gibt es Korrekturen:
‣ Von den rund 100 Gymnasien in Schleswig-Holstein werden zunächst 15 ganz oder teilweise auf eine Schulzeit von neun Jahren umsatteln.
‣ Ein ähnliches Angebot der rot-grünen Landesregierung in Nordrhein-Westfalen haben 13 Schulen angenommen.
‣ Laut grün-rotem Koalitionsvertrag will es Baden-Württemberg den Gymnasien überlassen, ob sie die Schüler in acht oder neun Jahren zum Abitur führen.
‣ In Niedersachsen haben die Initiatoren eines Volksbegehrens für G9 bereits mehr als ein Drittel der notwendigen 610 000 Unterschriften gesammelt.
‣ In Hessen will sich der SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel zum Vorreiter einer Bewegung für das neun Jahre dauernde Gymnasium machen.
Während die Politik bislang mit ihren G8-Beschlüssen Schüler möglichst schnell ins Berufsleben bringen wollte, scheint nun wieder ein gewisser Schlendrian akzeptiert zu werden - ohne Wehrpflicht werden Berufseinsteiger künftig ohnehin jünger sein.
Es geht um Wählerstimmen. In Schleswig-Holstein wird im kommenden Jahr ein neuer Landtag gewählt, auch anderswo hat man Respekt vor den Wuteltern. Die Politiker haben aus dem Kampf um Stuttgart 21 gelernt: Protest gewinnt manchmal erst an Wucht, wenn etwas eigentlich schon entschieden ist.
Vielerorts gründen sich Initiativen wie in Wentorf, wo acht Mütter und Väter ihre Sommerferien opferten und mit einer Unterschriftenaktion 20 Prozent der Wahlberechtigten mobilisierten. Laut einer Allensbach-Umfrage halten in Westdeutschland nur sieben Prozent der Befragten das verkürzte Gymnasium für gelungen.
So haben jene Schulen Zulauf, die abseits des klassischen Gymnasiums in neun Jahren zum Abitur führen: berufliche Gymnasien in Baden-Württemberg und Bayern, Oberschulen in Bremen, Gesamtschulen in Hessen.
Andere Familien verzichten durch Downsizing lieber erst einmal auf das Abitur für ihre Kinder. In Baden-Württemberg wird mancherorts über ein Drittel der Schüler mit Gymnasialempfehlung zunächst auf die Realschule geschickt.
Und eine weitere Form des Widerstands gegen den Tempofetisch gewinnt an Popularität: die freiwillige Ehrenrunde. Diesen Weg hat Christian Eberling an der Käthe-Kollwitz-Schule in Hannover gewählt. "Ich wollte meine Noten verbessern, und das hat bisher auch funktioniert", sagt der Gymnasiast. Insgesamt wiederholen 35 der 220 Schüler seines Doppeljahrgangs die elfte Klasse, deutlich mehr als vor G8-Zeiten.
Im Kollektiv verabredeten befreundete Familien die Auszeit, berichten Elternvertreter. "Oftmals entsteht eine Gruppendynamik", sagt Pascal Zimmer, Vorsitzender des Landeselternrats Niedersachsen.
Inzwischen wird immer deutlicher, dass der Großversuch G8 ein Schnellschuss war. Nicht einmal ein Jahr lag in Bayern zwischen der Entscheidung der Landesregierung und dem ersten G8-Schuljahr. Anderswo ging es kaum besonnener zu. Für Diskussionen mit Eltern oder Pädagogen blieb da kaum Zeit.
Weil die Lehrpläne nicht ausreichend entschlackt wurden, ballt sich gerade in der Mittelstufe der Stoff. Auf bis zu 36 Wochenstunden plus Hausaufgabenzeit kommen Zehntklässler des Öfteren, mehr als eine Arbeitnehmerwoche. Zwar besserten Kultusminister zwischenzeitlich nach, doch setzten sie zugleich strengere Maßstäbe für die Oberstufe durch.
Von der Tempoverschärfung war auch die Familie Lein aus Gersthofen bei Augsburg betroffen. Die beiden Söhne Florian, 19, und Alex, 18, haben gerade am örtlichen Paul-Klee-Gymnasium ihr Abitur abgelegt, der eine in neun, der andere in acht Jahren.
Dass er aufschließen konnte, musste sich Alex hart erkämpfen. "Leider gab es zu Beginn an unserer Schule keine Mensa, da war es schwierig, die langen Tage auszuhalten." Die Lehrer mussten oft improvisieren, denn es habe Probleme mit dem Lernmaterial gegeben: "In Religion kamen die Bücher erst an, als das Schuljahr schon fast zu Ende war." Wenn er um Viertel vor fünf aus der Schule kam, war der Bruder meist längst fertig.
Selbst gute Schüler sehen sich einem permanenten Stresstest ausgesetzt. "Bei uns bekommen bald 17-jährige Abiturienten ihr Reifezeugnis, ohne wirklich reif zu sein", sagt Klaus Nowotzin, Rektor eines Gymnasiums in Leonberg bei Stuttgart und Funktionär des Philologenverbands. Es mache entwicklungspsychologisch einen Unterschied, ob er mit Schülern der Klasse 10 oder der Klasse 11 über Politik und Wirtschaft spreche, sagt Nowotzin: "Den Jüngeren kann ich das nur beibringen, mit den Älteren kann ich diskutieren." Auch seine Kollegen aus der Mathematik bemängelten, dass viele Stoffe nun zu früh drankämen.
Der Pädagoge hat seinem Kultusministerium ein Modell für den Weg zurück zu G9 vorgelegt. Danach sollen zum Beispiel Physik, Gemeinschaftskunde oder die zweite Fremdsprache später einsetzen, und in der Mittelstufe soll die Stundenzahl sinken. Ein Konzept, das bald wieder Schule machen könnte.
Denn immer mehr verkörpert die Kritik am verkürzten Gymnasium auch den Unmut am Großen und Ganzen. G8 ist inzwischen zum Symbol für überbordenden Leistungsdruck geworden, für Jugendwahn und einen Grad an Beschleunigung, der die Langsamen abzuhängen droht.
"Ein Mensch braucht Zeit zum Verstehen", sagt der Schulleiter der Humboldtschule in Hannover, Henning Lawes, "heute lernen ja schon die Kindergartenkinder, dass sie sich auf den Arbeitsmarkt vorbereiten müssen."
In Wentorf muss das Gymnasium diese Woche nun zwangsweise einen weiteren G8-Jahrgang einschulen. Doch die Elterninitiative will den Gemeinderat mit einem Bürgerbegehren korrigieren, so wie im benachbarten Hamburg, wo die Eltern 2010 per Volksentscheid erfolgreich in die Schulpolitik eingriffen.
"Wir sind keine Anarchisten", sagt der Wentorfer Jens Gehring. Der 50-Jährige ist Kaufmann und zweifacher Vater. "Wir sind besorgte Eltern."
Von Jan Friedmann, Rick Noack und Markus Verbeet

DER SPIEGEL 33/2011
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ABITUR:
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