15.08.2011

WIKILEAKS„Das war unverschämt“

Chaos-Computer-Club-Vorstand Andy Müller-Maguhn, 39, über den Konflikt der Enthüllungsprojekte WikiLeaks und OpenLeaks
Müller-Maguhn berät Firmen in Sicherheitsfragen, darunter auch den SPIEGEL. Als Vorstandsmitglied des Chaos Computer Club (CCC) vermittelte er zwischen WikiLeaks-Chef Julian Assange und dessen Ex-Partner Daniel Domscheit-Berg.
SPIEGEL: Der ehemalige WikiLeaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg hat in der vorigen Woche den Teststart seines neuen Projekts OpenLeaks bekanntgegeben. Sind die Konflikte mit WikiLeaks ausgeräumt?
Müller-Maguhn: Leider nein, absolut nicht. Wir sind im Vorstand des CCC auch überhaupt nicht glücklich darüber, dass Domscheit-Berg den Eindruck erweckt hat, OpenLeaks werde von unseren Leuten getestet und so mit einer Art CCC-Gütesiegel versehen. Der CCC ist kein TÜV. Wir lassen uns nicht vereinnahmen. Das war unverschämt.
SPIEGEL: Warum so harsch? Domscheit-Berg ist doch Mitglied in Ihrem Club.
Müller-Maguhn: Für unsere Aufgeschlossenheit ihm gegenüber hat eine große Rolle gespielt, dass er über WikiLeaks zu uns kam. Das war seine Reputation. Auch seine Absicht, eine weitere Plattform aufzubauen, haben wir mit Sympathie gesehen. Mittlerweile zweifle ich aber an Domscheit-Bergs Integrität. Auf jeden Fall geht er mit Fakten sehr flexibel um.
SPIEGEL: Das sind harte Vorwürfe. Wie kommen Sie dazu?
Müller-Maguhn: Ich habe seit elf Monaten versucht, zwischen Julian Assange und Daniel zu vermitteln, weil ich beide kenne und weil ich das Konzept einer Enthüllungsplattform für richtig halte. Als Domscheit-Berg WikiLeaks im Streit verließ, hat er auch das Archiv und bislang unveröffentlichte Einsendungen an sich genommen. Er hat erklärt, das Material weder für sich, noch für OpenLeaks nutzen zu wollen. Mittlerweile habe ich daran Zweifel. Ich habe es mit viel Geduld und guten Worten versucht. Schon die Übergabe des Archivs zog sich aus fadenscheinigen Gründen unglaublich in die Länge. An seine Bereitschaft, auch das unveröffentlichte Material zu übergeben, kann ich inzwischen nicht mehr glauben.
SPIEGEL: Vielleicht kann er es nicht übergeben, weil er es nicht hat. Vorige Woche sagte er in einem Interview mit der Wochenzeitung "der Freitag": "Ich habe keine Dokumente von WikiLeaks mitgenommen."
Müller-Maguhn: Genau das ist für mich der Grund, meine Vermittlung einzustellen. Mir hat er am Donnerstagabend noch gesagt, er müsse die Dokumente einzeln sichten, bevor er sie übergibt. Das passt nicht zusammen. Ich selbst habe das Material nie gesehen. Aber von Assange weiß ich, dass es sich um etwa 3000 Einsendungen handelt, von denen einige mehrere hundert Dokumente enthalten.
SPIEGEL: Domscheit-Berg argumentiert, die vertraulichen Materialien seien bei WikiLeaks nicht sicher.
Müller-Maguhn: Das ist Quatsch. Ich habe Assange in den letzten elf Monaten mehrfach in England besucht. Ich habe dort mehr als zehn hart arbeitende WikiLeaks-Mitarbeiter aus verschiedenen Ländern gesehen. Und er selbst ist wegen der elektronischen Fußfessel ja auch nur in seiner Mobilität eingeschränkt.
SPIEGEL: Wird Assange nun klagen?
Müller-Maguhn: Dann müsste das eingesandte Material genauer beschrieben werden. Ich glaube, das wird er aus Verantwortung vor den Quellen nicht tun.
SPIEGEL: Was bedeutet die Schlammschlacht für künftige Enthüllungen?
Müller-Maguhn: Ich sehe momentan leider gar keine Plattform, die dem Anspruch von Quellenschutz bei gleichzeitiger Transparenz der eigenen Strukturen wirklich gerecht wird. Für mich ist OpenLeaks derzeit nicht mehr als eine Wolke mit Sicherheitsversprechen.
Von Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 33/2011
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