DER SPIEGEL



LITERATUR

Begegnung in Panama

Der Autor Joseph Conrad beschrieb im Jahr 1904 in seinem Roman "Nostromo" ein fiktives Land und gab ihm einen geheimnisvollen Namen: Costaguana. Conrads Leser konnten ahnen, dass mit Costaguana Kolumbien gemeint war - Kolumbien, so wie es am Ende des 19. Jahrhunderts war: zerrissen von Bürgerkriegen, geplagt von Seuchen. Nun, mehr als hundert Jahre später, verfährt der kolumbianische Erfolgsautor Juan Gabriel Vásquez, 38, ähnlich: Sein Roman heißt "Die geheime Geschichte Costaguanas", und natürlich geht es auch hier um Kolumbien - und um Joseph Conrad, den Autor von "Herz der Finsternis".

Vásquez' Roman ist eine Hommage an Joseph Conrad, er verwebt darin lateinamerikanische Historie mit der Entstehungsgeschichte von Conrads "Nostromo". Vásquez geht dabei geschickt vor: Der ironisch-plauderhafte Erzähler José Altamirano spricht den Leser direkt an ("Geduld, werte Leser") und zieht ihn immer tiefer hinein in die Unwägbarkeiten kolumbianischer Geschichte. Altamiranos Vater, ein Journalist, der gegen die katholische Kirche opponiert, treibt es nach Panama, damals, bis 1903, eine Provinz Kolumbiens. In der Hafenstadt Colón fiebert alles dem Bau des Panamakanals entgegen, einem wild umkämpften Jahrhundertprojekt. In dieser Aufbruchszeit trifft der junge Altamirano, ein unehelicher Sohn, zum ersten Mal seinen Vater - und stößt in einer Kneipe fast mit einem jungen Schiffsmaat zusammen, mit dem er sich im Nachhinein seltsam verbunden fühlen wird: Joseph Conrad heißt der Mann, zu dem Altamirano eine "fast telepathische Beziehung" entwickelt - eine Beziehung, die mit einem Diebstahl endet. Das ist die bereits im Titel angekündigte geheime Geschichte.

Vásquez, der in Barcelona lebt, erweist sich mit diesem Roman als würdiger Chronist seines Geburtslandes. Manchmal nur versucht er seine Erzählschlaufen allzu virtuos zu legen.

JUAN GABRIEL VáSQUEZ

Die geheime Geschichte Costaguanas

Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main; 336 Seiten; 22,95 Euro.


DER SPIEGEL 33/2011
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