15.08.2011

ESSAYPhantasma Islam

Nicht die Muslime in diesem Land sind das Problem, sondern unsere Obsession mit diesem Thema. Von Rolf Schieder
Kritiker der Islam-Kritik und die Islam-Kritiker streiten darüber, ob der eine islamophob und der andere islamophil, der eine ein Gutmensch und der andere ein Panikmacher, der eine ein geistiger Brandstifter und der andere ein Verleumder ist. Beiden Gruppierungen gemeinsam ist eine Obsession mit dem Islam, die weder den Muslimen, noch den Christen, noch den Religionslosen im Lande guttut.
Es war geradezu gespenstisch, wie der politisch motivierte Mord an 77 norwegischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen durch einen jungen Rechtsradikalen in der medialen Öffentlichkeit als ein Anschlag auf den Islam gedeutet wurde. Unter den Opfern waren kaum Muslime. Auch wurde nicht die Moschee in Oslo in die Luft gesprengt. Das war nicht der Beginn eines Kreuzzuges gegen den Islam. Die Opfer waren überwiegend junge Sozialdemokraten, die - wenn man denn eine religiöse Kategorie bemühen will - mehrheitlich der lutherischen Staatskirche angehörten.
Der Attentäter Breivik hält die "Islamisierung" Europas für bedrohlich. Für noch bedrohlicher hält er aber den praktizierten "Kulturmarxismus" seiner Landsleute. Deren Liberalität ist für ihn ein Zeichen von Feigheit und von Schwäche. Der Begriff des "Kulturmarxismus" verweist auf seinen älteren begrifflichen Bruder aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, auf den Begriff des "Kulturbolschewismus". Die Klage über einen allgemeinen Kulturverfall gehörte damals zum Standardrepertoire bürgerlicher Parteien. Die sogenannte Konservative Revolution sah die Gründe für den Verfall in Kapitalismus und Konsumismus, Verwestlichung und Individualisierung. Insofern ist es ganz richtig, dieses mentale Klima als Inspiration für den Attentäter zu identifizieren, wie es etwa der Historiker Volker Weiß getan hat.
Welchen Erkenntnisgewinn aber hat man, wenn man, wie Weiß, den Täter einen "rechten Bruder der Dschihadisten" und die Ereignisse in Norwegen "die Talibanisierung der christlichen Rechten" nennt? Es wird das alte Vorurteil der europäischen Linken bedient, dass Religion immer und ausschließlich gefährlich sei. Dabei wird aber übersehen, dass es im 20. Jahrhundert politische Weltanschauungen waren, die unendlich viel Leid über die Menschheit gebracht haben. Und es wird suggeriert, dass es eine weltweite Ökumene gewaltbereiter Religionen gebe, die zur Bedrohung für Religionslose geworden sei. Die Ereignisse in Norwegen, so Weiß, werden dann zur "tödlichen Umarmung" von "Kreuzfahrern und Dschihadisten" stilisiert.
Wenn man aber eine Gemeinsamkeit zwischen Rechtsradikalen wie Breivik und Dschihadisten herstellen will, dann besteht sie nicht in einer Ökumene gewaltbereiter Religionen, sondern in einer gemeinsamen psychosozialen Lage der Täter. Terrorismus ist ein Problem kulturell entwurzelter, oft gebildeter, aber dennoch erfolgloser, politisch radikalisierter, zorniger junger Männer, die gegen eine Welt aufbegehren, die ihnen keine Heimat mehr bietet. Sie hatten sich mehr von der Welt versprochen, als diese jemals halten konnte. Klaus Theweleit hat in seinen "Männerphantasien" den Zusammenhang von Faschismus und Männlichkeitswahn plausibel herausgearbeitet. Wer die narzisstischen Ergüsse des Massenmörders von Oslo und Utøya zur Kenntnis nimmt, wird unschwer erkennen, dass auch er den Traum vom männlichen, mutigen, harten, weißen, notfalls grausamen, letztlich aber unwiderstehlichen Ritter und Retter eines als verführbar, weich, nachgiebig, bequem, weiblich vorgestellten Volkskörpers träumte, der dringend gereinigt werden muss. Das Mitleid des Volkes mit den Opfern ist für ihn vermutlich ein weiterer Beweis für seine Dekadenz. Nicht der Kampf gegen die Muslime war das Ziel, sondern die Rettung des eigenen Volkes vor seiner Zersetzung.
Woher also kommt die Obsession, alles und jedes auf den Islam zu beziehen? Vor 15 Jahren gab es in Deutschland rund zwei Millionen türkische Migranten. Inzwischen werden sie häufig pauschal zu "Muslimen" erklärt. Nicht die Bildungsferne anatolischer Eltern behindert nun angeblich den Schulerfolg der Migrantenkinder, sondern deren Religionszugehörigkeit. Muslimische "Kopftuchmädchen" sind zur Bedrohung für den Feminismus ebenso geworden wie zu gefährlichen Gebärmaschinen, die nur noch den "demografischen Dschihad" im Kopf haben. Die Gefahr islamischer Parallelgesellschaften wird propagiert, obwohl Deutsche jahrhundertelang in katholischen und protestantischen Parallelgesellschaften lebten.
"Der Islam" ist zu einem gesellschaftlichen Phantasma geworden. Nach Jacques Lacan verweist ein Phantasma auf einen abgewehrten und verdrängten Mangel. Es gibt nicht nur individuelle Phantasmen, die Rückschlüsse auf einen verdrängten Mangel und auf unerreichbare Objekte des Begehrens erlauben. Auch die diskursiven Obsessionen einer gesellschaftlichen Öffentlichkeit verweisen auf deren Mängel und Begehrlichkeiten. Das Phantasma beschreibt kein reales Objekt, es zeigt lediglich an, was fehlt.
Welche Mängel sind das? Was fehlt? Nicht allen dasselbe: Thilo Sarrazin fehlen deutsche Kinder. Klaus von Dohnanyi hält Migranten für frömmer. Andere bewundern deren Familienwerte. Nächtlich lärmende und grölende Türken werden nach gewonnenen Fußballspielen für ihren Nationalstolz belobigt. Sogar Selbstmordattentätern wird immerhin noch Opferbereitschaft zugestanden. Demgegenüber erscheint die eigene Bevölkerung als bequemlich, unentschlossen, ängstlich, verwöhnt und unendlich anspruchsvoll. Und so kann die Diagnose nur lauten: "Deutschland schafft sich ab". Aber trotz des Verkaufserfolges der apokalyptischen Schrift dieses Titels ging kein spürbarer "Ruck" durch Deutschland. Und so leidet diese Fraktion der Islam-Kritiker weiterhin unter einem Volk ohne kollektive Verteidigungsbereitschaft.
Dieser kulturpessimistischen Fraktion stehen jene gegenüber, die den Islam nicht als die aggressivere und sozial machtvollere Religion phantasieren, sondern als ein anachronistisches, angesichts des eigenen Glaubens an eine religionslose Moderne letztlich illegitimes Phänomen. Dass ein schwächelndes Christentum auch noch den Muslimen - etwa durch die Befürwortung islamischer Lehrstühle an den Universitäten - zu öffentlicher Anerkennung verhilft, nur um sich selbst vor dem Niedergang zu retten, erscheint laizistisch orientierten, religiös unmusikalischen deutschen Intellektuellen als ein doppeltes Ärgernis.
Was ihnen fehlt, ist die religionslose, säkulare Gesellschaft. Von der ist Deutschland aber weit entfernt. Knapp zwei Drittel der Deutschen gehören einer Kirche an - verglichen mit rund zwei Prozent Parteimitgliedern zeugt das von einer immer noch robusten Konstitution institutionalisierter Religion. Wir leben zwar in einem säkularen Staat - dieser will und schützt aber gerade nicht eine säkulare, sondern eine religiös und weltanschaulich lebendige, mithin plurale Gesellschaft.
Eine ganze Reihe weiterer Mängel, Wünsche, Ängste und Begehrlichkeiten können für das Phantasma "Islam" stehen - von der Sehnsucht nach einem homogenen Volkskörper bis hin zu einem hoch individualisierten, alles Institutionelle dekonstruierenden Gesellschaftsmodell. Das Problem besteht aber allemal darin, dass wir gar nicht über den Islam diskutieren, sondern ex negativo über uns selbst. Mein aufklärerischer Vorschlag lautet deshalb: "Hab den Mut, dich deines religionspolitischen Verstandes ohne Bezug auf das andere des Islam zu bedienen." Nicht der Streit über das Phantasma "Islam" ist produktiv, sondern die vorurteilsfreie Analyse der Ziele der in unserem Land im Streit liegenden religionspolitischen Parteien.
Für die Lebenswirklichkeit der Muslime hätte das eine enorm entlastende Wirkung. Sie könnten sich schlicht als eine religiöse Minderheit unter anderen - wie zum Beispiel den Juden - ansehen, die im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten ihre Religion frei ausüben möchte - nicht mehr und nicht weniger. Bildungsprobleme, Integrationsprobleme, Gleichberechtigungsprobleme würden als solche sachgerecht und differenziert bearbeitet werden können, ohne diese immer gleich in einen Kulturkampfhorizont stellen zu müssen. Deutsche Muslime wären von der Pflicht entlastet, sich für jeden islamistischen Selbstmordattentäter weltweit rechtfertigen zu müssen. Sie wären zunächst als deutsche Staatsbürger angesehen und dann erst als Angehörige einer Weltreligion. Zwischen "dem Islam" und den unter den Bedingungen der Religionsfreiheit vielfältigen Möglichkeiten, eine Muslimin oder ein Muslim in Deutschland zu sein, könnte besser unterschieden werden. Und schließlich könnten sich die muslimischen Verbände untereinander und ohne Druck von außen in Ruhe darüber verständigen, wie sie gemeinsam gegenüber der Mehrheitsgesellschaft auftreten wollen.
Die deutsche religionspolitische Debatte würde ohne den so oder so imaginierten "Islam" härter, aber auch klarer. Laizisten, die alles Religiöse privatisieren wollen, und Kulturalisten, die dem Christentum einen Vorrang einräumen wollen, könnten ihre Verbrüderung gegen den Islam nicht mehr aufrechterhalten. Sie müssten erkennen, dass ihnen jeweils ein ganz und gar gegensätzliches Gesellschaftsmodell vorschwebt. Religionsfreundliche Verfassungsliberale müssten mit den Laizisten die Gleichberechtigung aller Religionen gegenüber den Kulturalisten einklagen und andererseits mit ebenjenen Kulturalisten zusammen die von den Laizisten angestrebte Privatisierung des Religiösen und die Verdrängung der Religionen aus der Öffentlichkeit verhindern.
In einer solchen Diskurslage würden übrigens auch "Ex-Muslime" ihren besonderen Glaubwürdigkeitsstatus verlieren. Wenn etwa der Islam-Kritiker Hamed Abdel-Samad fordert, den Einfluss institutionalisierter Religionen in Deutschland zu begrenzen, "um diese Gesellschaft zu entgiften", dann kann man ihn darauf hinweisen, dass die etablierten Religionen in Deutschland auf eine antitotalitäre, individuelle Freiheit fördernde, die Zivilgesellschaft lebendig erhaltende Tradition zurückblicken können. Nicht die laizistische Verdrängung der Religionen aus der Öffentlichkeit, sondern die Zivilisierung der Religion durch Bildung ist der religionspolitische Weg Deutschlands.
Rolf Schieder, 58, ist Professor für Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Humboldt-Universität in Berlin.
Von Rolf Schieder

DER SPIEGEL 33/2011
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