15.08.2011

ARCHÄOLOGIEDer Kopf der Königin

Seit Jahren streiten Deutschland und Ägypten über die Rückgabe der Nofretete. Nun zeigen Dokumente aus Archiven, dass der Urheber des Zwistes ein Franzose war, der die Deutschen schon im Ersten Weltkrieg bekämpft hatte und sie für Betrüger hielt. Womöglich zu Recht.
Dass diese Königin unsterblich ist, hat sie einem begnadeten Künstler zu verdanken. Aus Gips und Kalkstein formte er vor 3350 Jahren eine Büste, die zum ewigen Denkmal ihrer Schönheit wurde. Das Bildnis ist realistisch in der Anmutung, die Ausstrahlung aber ist die einer Göttin. "Beschreiben nützt nichts, ansehen!", so notierte es der Ausgräber aus Deutschland, der die Königin vor fast hundert Jahren aus dem Wüstensand holte.
Den Namen des Bildhauers Thutmosis kennt kaum jemand, die Büste aber ist die berühmte Nofretete, Königin vom Nil, Gattin des mächtigen Echnaton. Und durch einen Zufall, eine kleine Umleitung der Geschichte, steht ihr Ebenbild heute nicht in einem Museum in ihrer ägyptischen Heimat, sondern in Berlin.
Oder war es kein Zufall, sondern Betrug?
Für die Deutschen ist die Nofretete ihr gefühltes Eigentum, ein nationales Kulturgut, ihr Glanzlicht im Kanon des Erhabenen. Die Büste steht für vieles, vor allem für die grandiose Epoche des alten Ägypten und ebenso für das Zeitalter der spektakulären Ausgrabungen um 1900, als sich Europas Archäologen aufmachten zum Nil.
Und heute ist sie der Star des Neuen Museums in Berlin-Mitte, das 2009 wiedereröffnet wurde. Dort thront sie in der Mitte eines Kuppelsaals, sanft angeleuchtet, täglich tausendfach angestaunt. Die Besucher, weit mehr als eine Million im Jahr, kommen vor allem ihretwegen, es ist, als ob sie pilgerten zu dieser Königin vom Nil. Nofretete ist die Mona Lisa Berlins, womöglich noch schöner, noch geheimnisvoller, noch großartiger.
Natürlich hätten die Ägypter dieses Erbstück ihrer großen Geschichte lieber im eigenen Land. Immer wieder forderten die Altertumsexperten in Ägypten den Kopf der Königin zurück, gerade in den vergangenen Jahren. Die Regierung in Kairo mischte sich nicht wirklich ein, aber sie schien auch nichts dagegen zu haben, wenn Zahi Hawass, der oberste Altertumsforscher des Landes, die Herausgabe verlangte. Gern erinnerte er daran, dass selbst Hitler mal fast bereit gewesen sei, die Nofretete zurückzuschicken.
Hawass ist ein Haudegen und hat es in seiner Amtszeit durchaus geschafft, einige Altertümer zurückzuholen. Nur nicht die Nofretete; und dann kam die Revolution, und Hawass verlor seinen Posten. Doch der Kampf um die Königin ist längst noch nicht beendet, genauso wenig wie der Kampf um all die anderen einst in alle Welt verteilten Altertümer aus Ägypten.
Die Staatlichen Museen in Berlin und auch das Außenministerium wehren alle Ansprüche gern mit dem Argument ab, bei der Ausgrabung im Dezember 1912 sei alles korrekt abgelaufen. Doch was hieß damals schon korrekt?
Nun dürfte es eine neue Debatte geben, in dieser Woche erscheint eine Studie, die sich den Ursprüngen des Streits widmet. Erzählt wird - anhand von originalen Dokumenten - ein bislang weitgehend unbekannter Teil der Geschichte. Die Französin Bénédicte Savoy, eine in Berlin lebende Professorin für Kunstgeschichte, hat in Paris eine "Akte Nofretete" aufgetan und nun das Buch verfasst. Sie bekennt im Vorwort, der arabische Frühling habe sie dazu inspiriert. Sie habe das Gefühl gehabt, "den Ägyptern diese Geschichte schuldig zu sein, bei der sie ja in jeder Hinsicht übergangen worden sind"(*).
Man kann den alten und immer noch virulenten Streit so zusammenfassen: Vor knapp hundert Jahren hat ein einziger Mann die Schönheit der Nofretete nicht erkannt, es war ein aus Frankreich stammender Inspektor, ein Monsieur Lefebvre. Dieser junge Mann mit Brille und Sonnenhut, ein Experte für Papyrusrollen und zuständig für die Ausfuhr von Alter-
tümern, hat die Büste naiverweise jenem Deutschen überlassen, der sie ausgegraben hatte. Alle haben nach damaligem Recht und Gesetz gehandelt und sich dabei wohl doch unredlich verhalten.
Auch wenn die Briten damals über Ägypten herrschten, waren die Franzosen traditionell für die Überwachung, Pflege und Vergabe der Altertümer zuständig; sie waren Jahrzehnte zuvor die ersten Ausgräber im Land gewesen und wurden nun von den Briten in ihrer Funktion als Aufseher über die historischen Funde toleriert. Die ägyptische Altertumsverwaltung trug sogar einen französischen Namen.
Um 1900 durfte in Ägypten fast jede Nation Ausgrabungen vornehmen, es gab einen regelrechten Ausgrabungstourismus und ein Wettrennen um die besten Fundstellen. Nur die Ägypter selbst waren ausgeschlossen, sie waren nicht vornehm genug für den Club der Ägyptologen. Als Grabungshelfer kratzten sie ihr Erbe aus dem trockenen Boden, darüber bestimmt haben andere.
Savoy zeigt nun, dass die Idee der Restitution Nofretetes schon früh mit verbissenem Eifer verfolgt wurde. Ein Franzose machte sie einst zu seinem Lebenszweck. Sein Name war Pierre Lacau. Er hat die Deutschen gehasst, gegen die er im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte. Wie tief seine Abneigung war, wie sehr seine Deutschenfeindlichkeit eine Rolle beim Umgang mit der Nofretete spielte, das war bislang unbekannt.
Kurioserweise schien er aber auch von Ägypten abgestoßen zu sein; er sprach mit Abscheu über dieses Land. Selbst die Schützengräben im Schnee seien eine "sehr angenehme Abwechslung zur Wüste".
Seinen Posten als Verwalter der Altertümer in Kairo trat er erst mit Verspätung an, lieber blieb er in Europa an der Front, 1915 musste ihn seine Regierung zwingen, in Ägypten nach dem Rechten zu sehen. Gern hätte er in seiner Heimat Karriere gemacht, vorzugsweise in Paris am Louvre.
Da ihm das versagt blieb, konzentrierte er seinen Ehrgeiz darauf nachzuweisen, dass die Deutschen einen großen "moralischen Fehler" begangen hätten, als sie die Nofretete nach Berlin geholt haben. Im Grunde hielt er das Wirken der Deutschen für Betrug, und dieser Vorwurf färbt bis heute die Auseinandersetzung darüber, wem die Nofretete gehören sollte. Lacau nannte auch die Rückgabe eine Frage der Moral, und da hat er möglicherweise sogar recht.
Savoy, eine Expertin für frühen Kulturraub, macht klar, dass weltweit neu über den Umgang mit archäologischen Schätzen verhandelt werden muss. Eigentlich sollte sich jedes ägyptische Museum, das nicht in Ägypten steht, fragen, ob es überhaupt existieren darf. Savoy nennt es eine der "großen Herausforderungen der Zukunft", den Verbleib oder vielleicht doch die Restitution der kolonialen Beutestücke zu regeln.
Kostbar waren sie damals schon, heute sind sie unbezahlbar, unersetzlich, aus westlicher Sicht nicht wegzudenken aus den eigenen Museumsvitrinen.
Vor 99 Jahren wurde die Nofretete im ägyptischen Tell el-Amarna von dem Deutschen Ludwig Borchardt ausgegraben. Er notierte: "Farben wie soeben aufgelegt. Arbeit ganz hervorragend." Noch hieß das Stück schlicht "bunter Kopf einer Prinzessin", aber seine Einzigartigkeit fiel dem Deutschen sofort auf.
Lacau war da noch nicht im Amt, doch später unterstellte er dem Deutschen Borchardt, er habe die Brillanz der Skulptur verschwiegen und den Eindruck erweckt, sie sei weniger wichtig als ein anderes Stück aus derselben Ausgrabung, eine Altarstele, die dann in Ägypten blieb.
Fundteilung nannte man das, es war eine neue und aus späterer Sicht ungute Regelung. Denn viele Ensembles wurden auseinandergerissen. Doch damals, in den kolonialen Jahren, galten andere Prioritäten. Der Ausgräber, der Geld investiert hatte, sollte die Hälfte der gefundenen Stücke oder die Hälfte des Wertes behalten dürfen. Die andere Hälfte immerhin blieb den Ägyptern.
Profitiert haben jedoch meistens die ausländischen Schatzjäger, die den künstlerischen und materiellen Wert und die Bedeutung wichtiger Stücke gern herunterspielten, um sie so außer Landes zu schaffen.
Auch der deutsche Ausgräber Borchardt verhielt sich trickreich. Wenn man noch etwas Gutes aus den Grabungen haben wolle, schrieb er, müsse man das "Londoner System der tiefen Keller" anwenden. Klingt so, als sei mancher Fund einfach verheimlicht worden.
Borchardt räumte damals selbst ein, dass "uns der bei weitem überwiegende Teil zugefallen" sei. Dazu gehörte eben auch die Nofretete, doch war ihm offenbar daran gelegen, dass dieser Erfolg ein Geheimnis blieb, dass nur wenige Menschen dieses Ausnahmewerk sahen. Als die Funde aus Amarna 1913 im wilhelminischen Berlin ausgestellt wurden, war ausgerechnet die Nofretete nicht dabei. Nur dem Kaiser wurde sie gezeigt.
Ihr Zuhause fand sie als private Trophäe auf dem Kaminsims des Berliner Unternehmers James Simon, er hatte die Ausgrabungen finanziert. 1920 dann schenkte er sie dem Ägyptischen Museum der Hauptstadt, ausgestellt aber wurde sie erst weitere vier Jahre später - für die Berliner war es Liebe auf den ersten Blick.
Für Pierre Lacau, den französischen Kopf der ägyptischen Altertümerverwaltung, war das nur ein weiterer Grund, seinen Hass auf die Deutschen, diese "Boches", nach Ende des Krieges zu konservieren. Das prunkvolle "deutsche Haus" in Luxor, Stützpunkt der deutschen Archäologen, wurde auf sein Drängen hin sogar schon 1915 gesprengt. Anschließend versuchte er, die Deutschen möglichst lange von ägyptischen Fundstätten fernzuhalten, erneut machte er "moralische Gründe" geltend. Borchardt durfte nie wieder in Ägypten graben.
"Eine Nation kann wirkliche Gelehrte und eine vollkommen niedere Seele haben: Der Beweis ist erbracht", schrieb Lacau 1919, es war die Antwort an einen dänischen Wissenschaftler, der bei einem großen Buchprojekt auch deutsche Kollegen einbinden wollte. Den Kampf um die Nofretete nahm er in den zwanziger Jahren auf: "Ich glaube, wir sind rechtlich gesehen wehrlos", schrieb er. Moralisch aber sei man gerüstet.
Lacau war bis 1936 Direktor der Altertümerverwaltung in Kairo. Im Laufe der Zeit wurde er etwas diplomatischer, aber seine Beharrlichkeit legte er nicht ab: Ein Irrtum sei das, der korrigiert werden müsse. Er versuchte es mit Tauschangeboten, reiste sogar nach Berlin. Und 1930 sah es für einen kurzen Moment mal fast so aus, als gingen die Deutschen darauf ein: Zwei wertvolle Männersstatuen sollten sie als Ausgleich erhalten, doch dann machten sie einen Rückzieher.
So wurde ausgerechnet Adolf Hitler Lacaus letzte Hoffnung. Das Auswärtige Amt hatte tatsächlich die Rückgabe für den 9. Oktober 1933 versprochen, doch Hitler hielt sich nicht daran. Auch der deutsche Botschafter in Kairo konnte den Führer bei einem Berlin-Besuch nicht umstimmen. Stattdessen beschloss Hitler: "Ich werde ihr ein Museum in Berlin bauen."
Den Krieg überstand die Nofretete zuerst im Keller einer Bank, im Flakbunker am Zoo und schließlich in einem Salzbergwerk in Thüringen. US-Soldaten lagerten sie in Wiesbaden und übergaben sie 1956 den Westberliner Museen - zum Verdruss der Ostberliner Kulturfunktionäre, die sie auf die Museumsinsel zurückholen wollten.
Lacau hatte schon vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs das so verhasste Ägypten verlassen: Dieses Land habe ihn als Wissenschaftler getötet, sagte er. Sein Nachfolger wurde erneut ein Franzose. Erst in den fünfziger Jahren übernahmen die Ägypter selbst ihre Altertumsverwaltung. Da war das Land schon weitgehend leergegraben.
Für Kulturstaatsminister Bernd Neumann entbehren die ägyptischen Ansprüche auf Rückgabe jeder Grundlage. Daran hat auch der Kampf des Ägypters Hawass nichts geändert und auch nicht die Revolution der vergangenen Monate. Nofretete, sagt Naumann gern, sei "die schönste Botschafterin ägyptischer Kunst und Kultur in Deutschland". Moralisch betrachtet ist das ein ziemlich zynisches Argument.
(*) Bénédicte Savoy: "Nofretete. Eine deutsch-französische Affäre 1912 - 1931". Böhlau Verlag, Köln; 232 Seiten; 24,90 Euro.
Von Ulrike Knöfel und Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 33/2011
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