15.08.2011

Mundwasser aufs Haus

Gaststättenkritik: Ein Besuch im Pariser Club „Les Chandelles“
Die Bar liegt im Keller. Das Getränkeangebot ist klein. Wodka, Gin, Champagner. Softdrinks. Hauptsächlich Champagner. Es hängen viele Champagnerkelche kopfüber am Regal.
Der Getränkepreis richtet sich nach dem Geschlecht des Gastes und danach, ob er allein oder in Begleitung kommt. Ein Paar zahlt unter der Woche 20 Euro für den Eintritt und je ein Getränk. Eine Frau 10 Euro. Und ein einzelner Herr 44.
Die Bar heißt "Les Chandelles". Übersetzt heißt das: die Kerzen. Im Club aber gibt es keine Kerzen. Im Les Chandelles ist es ziemlich dunkel.
Oben, in der engen Rue Thérèse im ersten Arrondissement von Paris, Hausnummer 1, deutet nichts darauf hin, dass im Keller diese Bar betrieben wird. Dieser Ort zwischen Oper und Louvre ist ein Etablissement für Eingeweihte, das Haus hat Renommee. Es soll Gerüchten nach auch ein Herr hier verkehrt haben, der jetzt in New York juristische Probleme hat. Vielleicht hat er gedacht, Les Chandelles sei überall.
Eine Markise über dem Eingang, zwei Schaufenster links und rechts, Rahmen und Holz in Mitternachtsblau gestrichen. Die Eingangstür öffnet sich zu einem Vorraum, der ganz in Gold ausgemalt ist. Zwei Kameras erfassen den Bereich. Ein Schild neben der zweiten Tür weist darauf hin, die verehrte Kundschaft möge sich angemessen gekleidet präsentieren. Drückt man den Klingelknopf, passiert minutenlang nichts.
Schließlich kommt ein älterer freundlicher Herr mit kurzem weißem Haar durch die Metalltür. Er sieht aus, als könnte er in einer Neuverfilmung von "Alexis Sorbas" einen Fischer mit literarischen Neigungen spielen. Der Fischer lächelt ein wenig bekümmert. Leider sei heute wenig los, sagt er, nur ein Paar und fünf einzelne Herren.
Der Gleichmut, mit dem diese Mitteilung aufgenommen wird, scheint ihn zu erstaunen. "Monsieur, Sie wissen schon, das hier ist ein 'club échangiste'." Échanger heißt austauschen. Ein Swingerclub. Club échangiste klingt kultiviert, und die Räumlichkeiten, das zeigt sich bald, sind auch nicht so aufreizend trostlos wie ähnliche Einrichtungen in Schwedt oder Bottrop. Auch sitzt die Klientel von Les Chandelles nicht in Tangas oder Kunstledermasken auf Barhockern, hier wartet niemand auf die Eröffnung des kalten Buffets.
Das hier ist Paris. Das ist die Hauptstadt der Libertinage. Seit Jahrhunderten. Fremdgehen wird hier als Kunst und nicht als biologistische Pfadfinderübung betrachtet. Sex und Liebe kann man trennen, auch dieser Gedanke hat in Frankreich Tradition. Die Bourbonen-Könige erhoben ihre jeweilige Geliebte zur "maîtresse en titre" und gaben ihr somit einen offiziellen Rang. Staatspräsidenten sehen sich in der Nachfolge Ludwigs XIV. Die Bourgeoisie orientierte sich immer schon nach oben. Auch hier im Keller.
Der Fischer geht voran. Auf halber Treppe ist eine Garderobe, die Kellerdecke unten ist, wie in fast allen Häusern in diesem historischen Teil von Paris, niedrig und gewölbt.
An der Bar sitzen zwei gutgekleidete Herren. Der Champagner wird serviert. Er ist korrekt temperiert, hat ein feines Mousseux. Keine "grande marque", aber auch kein Gesöff. Zum Getränk wer-den zwei Präservative der Marke Om's serviert.
Die Räume im Les Chandelles sind sehr adrett, fast gemütlich, im Stil eines Nachtclubs der siebziger Jahre: niedrige Polsterbänke, kleine runde Tischchen, Hocker. Überall Kissen. Ganz hinten gibt es einen Raum mit zwei großen Liegeflächen, er ist leer. Auf den Polstern liegen zerknüllte Papiertaschentücher. Es sieht ein bisschen inszeniert aus.
In einer dunklen Ecke haben sich die Dame und vier der Herren niedergelassen, einer von ihnen hat die Beine gespreizt, die Frau kniet vor ihm, die anderen streicheln sich.
Nach ein paar Minuten steht die Frau auf. Der Mann, um den sie sich gekümmert hat, erhebt sich ebenfalls. Die Frau verschwindet im Waschraum, als sie herauskommt, riecht es nach Zahnarzt. Neben dem Waschbecken steht eine große Flasche mit Mundspülung. Eine Aufmerksamkeit des Hauses.
Die Frau ist schlank, mittelgroß, hübsch und blond. Keine vierzig. Sie trägt eine weiße Bluse und einen Sommerrock. Man würde sie gern das eine oder andere fragen. Sie hat sich auf eine Bank gesetzt und kuschelt mit einem Mann. Ihr Ehemann vielleicht oder ihr Partner. Er lächelt stolz und streichelt sie, als wäre sie ein Pferd, das einen schwierigen Parcours bravourös absolviert hat.
Zeit zu gehen. Der Fischer begleitet den Gast nach oben. Er ist immer noch traurig darüber, dass so wenig los ist: "Es ist Montag, dann auch noch August."
Am Donnerstagmittag oder am Freitag, ja, da sei es richtig voll. Viele Paare. Der Champagner war wirklich ganz in Ordnung. Im "Ritz" ist es wahrscheinlich teurer.
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 33/2011
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