14.09.1998

KRIMINALITÄTSchwarzes Loch

Der Flughafen Frankfurt hat sich zu einer Hochburg für Diebe und Dealer entwickelt. Täter sind immer öfter Beschäftigte am Airport.
Der Airbus A 300-600 auf dem Lufthansa-Flug 589 vom sudanesischen Khartum nach Frankfurt am Main hatte wertvolle Fracht an Bord. Neben 200 Passagieren transportierte die Maschine sieben Barren Altgold im Wert von rund zwei Millionen Mark. Das Edelmetall war für eine britische Scheideanstalt bestimmt.
Dort kam es nie an. Nur etwa zehn Minuten lang stand der Container nach dem Entladen auf dem freien Vorfeld - Gelegenheit genug für einen italienischen und acht türkische Bedienstete der Flughafen AG. Sie brachen den mit einer roten Plombe versehenen Container auf, luden die insgesamt 147 Kilo schweren Goldbarren in ihre Autos um und schafften die Beute unkontrolliert vom Airport-Gelände.
Für die Polizei kein außergewöhnlicher Fall. Der größte deutsche Flughafen hat sich zum Tummelplatz für Straftäter jeglicher Couleur entwickelt: Insgesamt 13 900 Straftaten registrierten die Ermittler dort im vergangenen Jahr. Das Gros bilden die Verstöße gegen das Ausländer- und das Asylverfahrensgesetz mit 3866 Fällen sowie die 3597 Urkundenfälschungen. Von den 5159 Diebstählen zählten 1370 als schwere Fälle - 50 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die Zahl der Rauschgiftdelikte hat sich mit 583 gegenüber 1996 fast verdreifacht. Gewaltkriminalität spielt kaum eine Rolle.
Die Diebe kommen nach den Erkenntnissen der Fahnder überwiegend aus den Reihen der Flughafenbediensteten sowie aus deren Familien- und Freundeskreis. Der Frankfurter Polizeipräsident Wolfhard Hoffmann ist sicher: "Ohne Kenntnis der Örtlichkeiten und Schwachstellen ist ein Zugriff auf Fracht, Gepäck und Post nahezu unmöglich."
Anfang Dezember letzten Jahres hob die Polizei eine Diebesbande aus, die das Lufthansa Cargo Center als Selbstbedienungsladen benutzt hatte. Monatelang entwendeten die Gauner alles, was ihnen unter die Finger kam: Stereoanlagen, Fernseher, Computer sowie Alkoholika, Parfüm und Zigaretten im Wert von über einer Million Mark. Unter den Tätern waren Mitarbeiter mehrerer Speditionen und der Lufthansa. Bei einer bundesweiten Razzia wurden 27 Verdächtige festgenommen. Die Fahnder stellten Lastwagenladungen voll heißer Ware sicher.
Der 27jährige Andy, Inhaber eines Computerhandels in Süddeutschland, kaufte von einem Kontaktmann spottbillig im Zollfreilager des Frankfurter Flughafens monatelang gestohlene Computerteile aus Japan und Korea an - nach eigenen Angaben Waren im Wert von einer halben Million Mark. "Die Arbeitsplätze in diesem Transitlager", so Andy, "sind überwiegend in der Hand von Kroaten und Jugoslawen - schlecht bezahlt, aber heiß begehrt."
Das Risiko, erwischt zu werden, ist nach Andys Aussagen äußerst gering, zumal nachts nur wenig Sicherheitspersonal anwesend sei.
Die Langfinger und ihre Hehler haben auf dem Frankfurter Flughafen einen zweiten Markt etabliert, auf dem es nahezu alles gibt: von Parfüm über Kleidung, Schmuck, Zigaretten bis hin zu Unterhaltungselektronik und Handys. Kunden sind sowohl Verwandte und Bekannte als auch zwielichtige Geschäftsleute, die sich durch die Billigeinkäufe höhere Gewinnspannen sichern wollen. Die Kontakte laufen nur über Mundpropaganda.
Ein anderer florierender Geschäftszweig ist der Diebstahl von Reisegepäck. Nach Schätzungen von Sicherheitsexperten werden --- S.76 auf dem Airport jeden Monat rund 350 bereits aufgegebene Koffer und Taschen geklaut - fünfmal mehr, als die offiziellen Zahlen ausweisen.
An die Koffer und Taschen kommt fast nur Personal der Flughafen Frankfurt AG (FAG) heran. Um der diebischen Mitarbeiter habhaft zu werden, vereinbarte die Geschäftsleitung der FAG im Juli mit dem Betriebsrat den flächendeckenden Einsatz von Videokameras.
Außerdem erwägt die FAG eine schärfere Sicherheitsüberprüfung ihrer Leute. Bislang holt die Firma zwar in regelmäßigen Abständen über alle Mitarbeiter Auskünfte beim hessischen Polizei-Informationssystem ein, wertet diese aber nur unter dem Aspekt aus, ob die Betreffenden möglicherweise eine Gefahr für die Luftsicherheit darstellen könnten, zum Beispiel weil sie einer terroristischen Vereinigung angehören oder nahestehen. Strafverfahren wegen Diebstahls oder Unterschlagung interessieren die Kontrolleure nicht.
Ärger wegen der Ganoven hat auch die Lufthansa (LH), da Reisende, deren Gepäck abhanden kommt, sich an den Fluggesellschaften schadlos halten. Nach Angaben des LH-Sicherheitschefs Ulrich Martens haben japanische Reiseveranstalter bereits gedroht, Frankfurt zu meiden. Japaner sind bevorzugte Opfer der kriminellen Begierde. In deren Gepäck vermuten die Täter kostbaren Schmuck und hochwertige Kameras, die andere Reisende lieber ins Handgepäck nehmen - oft zu Recht, die Reisenden aus Fernost sind offenbar besonders vertrauensselig.
Manche am Flughafen tätige Unternehmen interessieren sich anscheinend kaum für die Gesetzestreue ihrer Angestellten. Das Amtsgericht Frankfurt verurteilte im April dieses Jahres den Lagerarbeiter einer Spedition, der Computerteile im Wert von 150 000 Mark gestohlen hatte, lediglich zu sechs Monaten auf Bewährung. Das Gericht begründete das milde Strafmaß unter anderem mit dem Umstand, daß seine Firma es dem Mann leichtgemacht habe: Sie habe ihre Mitarbeiter kaum kontrolliert, keine Schadensersatzansprüche gestellt und damit kein Interesse an der Aufklärung der Diebstähle gezeigt.
Ein anderer neuralgischer Punkt ist das Internationale Postzentrum des Airports. Zwar beteuert Postsprecher Otmar Eberz: "Weil Sicherheit bei uns das A und O ist, haben wir die Überwachung zielgerichtet verstärkt." Doch im internationalen Postverkehr gilt Frankfurt noch immer als "Schwarzes Loch".
Jürg Bachmann, Mitgeschäftsführer eines Schmuckherstellers in Bangkok, versendet monatlich zwei Dutzend Pakete in alle Welt. "Nirgendwo erleiden wir größere Verluste als bei Postsendungen nach Deutschland über den Frankfurter Flughafen", klagt der Manager. Die Nachforschungen hätten ergeben, daß die meisten Pakete zum Zeitpunkt der Übergabe vom Zoll an die Post abhanden kommen.
Mitte 1996 verhandelte das Frankfurter Landgericht gegen Mitglieder einer international agierenden 60köpfigen Bande von Scheckdieben. Die hatte bei der Postabfertigung am Flughafen und einem Postamt in Frankfurt 900 Verrechnungsschecks im Gesamtwert von 32 Millionen Mark aus Briefen entwendet und zum Teil schon in den baltischen Staaten und in der Türkei eingelöst.
In den beiden Vorjahren waren bei der Post am Flughafen Schecks für insgesamt 50 Millionen Mark verschwunden. Und von Januar bis Mai 1998 wurden nach Angaben der Polizei dort 363 Kreditkarten nachweislich von Postmitarbeitern gestohlen.
Seit einigen Monaten soll ein privates Sicherheitsunternehmen diebische Postbedienstete abschrecken. Stichprobenartig werden Taschen und Kleidungsstücke kontrolliert. Das Unternehmen reagierte damit auf eine Strafanzeige der Kreditkartenfirmen American Express, Diners, Visa und Eurocard, denen nach eigenen Angaben Schäden in zweistelliger Millionenhöhe entstanden sind.
Insider führen die schlechte Moral der Postler auf die Personalpolitik zurück: Das Unternehmen stelle am Frankfurter Flughafen fast nur noch schlechtbezahlte Aushilfskräfte mit auf sechs Monate befristeten Arbeitsverträgen ein. Die Zahl der Mitarbeiter, die sich mit ihrem Arbeitgeber identifizierten, sinke kontinuierlich.
Im Fall des großen Goldklaus vom Dezember schreibt die ermittelnde Staatsanwältin zur Zeit die Anklage - den Dieben droht eine Höchststrafe von zehn Jahren Haft. Nur ein Teil der Barren wurde bislang eingeschmolzen. Die Täter flogen auf, weil sie sich allzu auffällig um Abnehmer bemühten - zudem stritten sie über die Aufteilung der Beute.
Der Frankfurter Oberstaatsanwalt Job Tilmann hält die Eindämmung der kriminellen Szene am Airport für eine Sisyphus-Arbeit. "Am Flughafen geht uns die Arbeit nicht aus, das bleibt ein Dauerbrenner."

DER SPIEGEL 38/1998
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