14.09.1998

DOPINGVon Männern geschlagen

US-Schwimmerinnen fühlen sich von der gedopten Konkurrenz aus der DDR betrogen. Sie wollen entgangene Medaillen einfordern.
Im Sport gibt es Sieger und Verlierer - und tragische Heldinnen wie Shirley Babashoff. Die amerikanische Schwimmerin gewann 1972 und 1976 zwei olympische Goldmedaillen in der Staffel. Doch für die Öffentlichkeit blieb sie "Surly Shirley", die "griesgrämige" Babashoff, die bei Olympia und Weltmeisterschaften 13mal Zweite wurde und dabei zehnmal von DDR-Schwimmerinnen besiegt worden war.
Jetzt soll der ehemaligen Kraulschwimmerin späte Wiedergutmachung zuteil werden. Im Auftrag des amerikanischen Schwimm-Verbandes hat eine renommierte Anwaltskanzlei aus Colorado ein Konzept entworfen, um geschlagene Athletinnen wie Babashoff nachträglich mit Gold auszuzeichnen.
Das Strategiepapier basiert auf den Erkenntnissen der Berliner Dopingprozesse (SPIEGEL 33/1998). Richter hatten dort bestätigt, daß ostdeutsche Sportler Gegner aus aller Welt durch die Einnahme männlicher Hormone betrogen haben.
Die Forderung nach später Ehrung der einst von mit Anabolika gemästeten DDR-Frauen besiegten US-Schwimmerinnen hat Modellcharakter. Werden die im Nachklapp zu Siegern erklärt, werden Australier, Briten und vermutlich auch Westdeutsche Medaillen einfordern. Den Schwimmern könnten Leichtathleten, Ruderer und Kanuten folgen - die Sport-Geschichte müßte neu geschrieben werden.
Richard R. Young, der vom US-Schwimm-Verband eingeschaltete Anwalt, will die schriftliche Urteilsbegründung der ersten Berliner Prozesse abwarten und dann in konkrete Verhandlungen mit dem Internationalen Schwimm-Verband (Fina) und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eintreten. "Unsere Taktik erfordert Geduld", sagt Young, doch am Ende könne nur die nachträgliche "Auszeichnung unserer Athleten" stehen. Notfalls seien Sportler bereit, ihre Hochstufung einzuklagen.
Das IOC hatte nach den ersten Dopingenthüllungen erklärt, daß es nicht davon ausgehe, daß alle DDR-Sportler gedopt waren. Im Januar hatte das IOC Executive Board erstmals angekündigt, daß es die Möglichkeit gebe, olympische Resultate nachträglich zu korrigieren. Voraussetzung für eine Änderung des Medaillenspiegels sei jedoch, so IOC-Generalsekretär François Carrard, daß "wir spezifische, individuelle Fälle haben, in denen die Fakten eindeutig sind".
Durch Geständnisse von Trainern und Selbstbezichtigungen einiger Schwimmerinnen glauben die US-Anwälte, daß diese Situation nun eingetreten sei. Allein im laufenden Prozeß gegen Verantwortliche des SC Dynamo Berlin haben sie sechs Schwimmerinnen ausgemacht, die in 24 Fällen amerikanische Konkurrentinnen um Medaillen betrogen haben sollen.
Insgesamt ermittelten die Rechtsanwälte 61 Athletinnen und 12 Athleten, die zwischen 1968 und 1988 von insgesamt 60 DDR-Sportlern von den Medaillenrängen verdrängt worden waren. So verpaßte Shirley Babashoff allein bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal vier Goldme-
* 1976 bei den Olympischen Spielen in Montreal mit Kornelia Ender (DDR) und Edith Brigitha (Niederlande).
daillen - sie erreichte viermal nur Silber, weil DDR-Athletinnen vor ihr lagen.
Besonders in Fällen, in denen ehemalige DDR-Sportler zugegeben haben, gedopt gewesen zu sein, dürfte die Fina kaum umhin kommen, die Medaillenvergabe zu revidieren - so können die ehemaligen Gegnerinnen der Weltmeisterinnen Birgit Meineke (Berlin) oder Renate Vogel (Chemnitz), Jill Sterkel und Lynn Colella, auf späte Medaillen hoffen. Bei anderen Sportlerinnen wie den Olympiasiegerinnen Andrea Pollack (Berlin) oder Petra Thümer (Dresden) sind die Anabolika-Dosierungen in Dokumenten, die in die Prozesse eingebracht worden waren, auf das Milligramm genau angegeben. An der chemischen Manipulation gibt es keine ernsthaften Zweifel. Karen Thornton und Wendy Weinberg dürfen sich 22 Jahre nach den Wettkämpfen Hoffnung auf edleres Metall machen.
Grundsätzlich geht Anwalt Young davon aus, daß alle DDR-Schwimmerinnen, die einst vor den Amerikanerinnen lagen, gedopt waren. Um Fina und IOC davon zu überzeugen, will er sich ein Beispiel heraussuchen, das in allen Details beweiskräftig ist, "denn der erste Fall, den wir diesen Verbänden vortragen, wird der schwerste sein".
Dem Argument, daß auch die US-Sportler gedopt gewesen sein könnten, will man notfalls mit eidesstattlichen Erklärungen der Athletinnen und ihrer Trainer und Ärzte begegnen, niemals zu unerlaubten Mitteln gegriffen zu haben.
Den Amerikanern ist nicht daran gelegen, DDR-Sportlerinnen, die "auch nur Dopingopfer mit teilweise schrecklichen Nebenwirkungen waren" (Young), Medaillen abzuerkennen. Sie wollen eine Würdigung ihrer Leistung und Aufmerksamkeit durch öffentliche Ehrungen sowie Duplikate von Medaillen, von denen sie glauben, daß sie ihnen zustehen. Einige Sportlerinnen, sagt US-Trainer John Leonard, litten noch heute unter ihren Niederlagen von einst, und einige Trainer seien wegen der DDR-Dominanz "von der Presse regelrecht gekillt" worden.
Shirley Babashoff fühlte sich selbst nie als Zweite, weil "ich von Männern geschlagen worden bin". Doch ihre frühen Hinweise, daß DDR-Sportler Steroide nehmen, brachten ihr statt Verständnis den Vorwurf ein, weinerlich zu sein.
Weil es ihr verweigert war, ein Sportstar mit vielen Privilegien zu werden, zog sie sich ins Privatleben zurück. Die 41jährige arbeitet heute als Postbotin im kalifornischen Orange County.
* 1976 bei den Olympischen Spielen in Montreal mit Kornelia Ender (DDR) und Edith Brigitha (Niederlande).

DER SPIEGEL 38/1998
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