14.09.1998

ZEITGESCHICHTE

Stich ins Wespennest

Die SS-Vergangenheit des 1995 enttarnten ehemaligen Aachener Hochschulrektors Hans Schwerte soll Kollegen und Politikern schon früher bekannt gewesen sein. Aus einem neuen Buch über den Fall mußte das entsprechende Kapitel wegen juristischer Querelen gestrichen werden.

Faust, dem Mann mit den zwei Seelen in der Brust, galt seine besondere wissenschaftliche Aufmerksamkeit. In Sachen Doppelleben war er Spezialist - der Germanist Professor Hans Schwerte. Zweimal heiratete er dieselbe Frau, zweimal promovierte er in Germanistik, zweimal zeichnete der Staat ihn aus. Zwischendurch wechselte er den Namen, um seine Vergangenheit zu verwischen.

Als Obersturmführer der SS bekam Dr. Hans Ernst Schneider, 1941, das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse. Als Aachener Hochschulrektor im Ruhestand und linksliberaler Geist bekam Professor Hans Schwerte, 1983, das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse.

Seit drei Jahren ist Schwerte alias Schneider als Handlanger des Bösen enttarnt. In Seminaren, auf Symposien und in zahlreichen Aufsätzen wurde seitdem die Geschichte des akademischen Dr. Jekyll und Mr. Hyde mit deutscher Gründlichkeit erforscht.

Doch die Aufklärungswelle ist längst noch nicht abgeebbt. Gleich drei neue Bücher über den Diener zweier Herren sind jetzt erschienen oder erscheinen in Kürze*. Der Politologe Helmut König, einer der Autoren, hält "alle denkbaren Interpretationen des Falles" Schwerte für "durchgespielt".

Eine Bewertung, die nicht ganz dem Stand der Forschung entspricht. Offen ist beispielsweise immer noch die spannende Frage, wer in der alten Kaiserstadt Aachen was über den Fall Schwerte gewußt hat, wie und wann er es erfuhr - und ob er möglicherweise dieses Wissen genutzt hat, vielleicht sogar erpresserisch.

Königs Gießener Kollege Claus Leggewie wollte sich in seinem Buch an einer Antwort versuchen - auf den Seiten 293 bis 326. "Das Thema angeblicher Komplizenschaft" habe, so Leggewie, "eine interessante wissenssoziologische Komponente". Sie erinnere "auf pikante Weise" an das Verhalten von Nazi-Größen, die "ihre eigene Beteiligung an oder ihr Mitwissen um NS-Verbrechen kaschiert" hätten.

Die "Zahl potentieller und tatsächlicher Mitwisser" sei sehr groß, viele hätten nach Schwertes Enttarnung nur den Überraschten gemimt. Was der Didaktikprofessor Götz Beck als Heuchelei brandmarkte, beschreibt Leggewie als "Aachener Doppelmoral".

Doch in seinem Buch, das in Kürze auf den Markt kommt, fehlen wesentliche Teile dieser heiklen Passagen - aus juristischen Gründen. Statt dessen erfährt der Leser in knappen fünf Absätzen, das Kapitel "Schwertes Fall" sei nach "aufschlußreichen Drohungen" aus dem Text genommen worden. Andernfalls hätte der Erscheinungstermin möglicherweise bis zum Ende der juristischen Auseinandersetzungen verschoben werden müssen. "Wer sich dem Aachener Universitätsmilieu nähert", konstatiert Leggewie, "sticht in ein Wespennest." Seinen Lesern verspricht der Politologe, er werde am Ball bleiben: "Alle Beteiligten können sicher sein, daß Roß und Reiter noch genannt werden."

Attackiert fühlt sich vor allem ein namhafter Hochschullehrer: der Professor Theo Buck, einst Nachfolger Schwertes auf dem Lehrstuhl für Neuere Deutsche

* Ludwig Jäger: "Seitenwechsel. Der Fall Schneider/Schwerte und die Diskretion der Germanistik". Wilhelm Fink Verlag, München; 360 Seiten; 58 Mark;

Helmut König (Hrsg.): "Der Fall Schwerte im Kontext". Westdeutscher Verlag, Wiesbaden; ca. 180 Seiten; ca. 29,80 Mark; erscheint im Oktober;

Claus Leggewie: "Von Schneider zu Schwerte". Carl Hanser Verlag, München; 368 Seiten; 45 Mark.

Literaturgeschichte. Der Germanist Ludwig Jäger beschreibt in seinem Buch "Seitenwechsel" Schwertes Lebenslauf als eine Karriere, die "nur in einem breiten Strom diskreter Mitwisserschaft gelingen konnte". Konkret: In Kreisen deutscher Nachkriegsgermanisten war die SS-Vergangenheit des Professors sehr wohl bekannt.

Schneider, 1909 in Königsberg geboren und mit 26 promovierter Germanist, war im April 1937 von der SA zur SS (Mitgliedsnummer 293 691) gewechselt und nur wenige Tage später Hitlers NSDAP beigetreten. Sein Parteiausweis trug die Nummer 4 923 958.

Über seine Beschäftigung mit nationalsozialistischer Volkstumspflege landete er bei Heinrich Himmlers Spezialbehörde "Ahnenerbe", einem der "gefährlichsten Instrumente" der NS-Kulturpolitik (so der Historiker Michael H. Kater). Die Truppe mit dem harmlosen Namen war in Wahrheit ein Teil des Terrorapparats.

Als organisatorischer und strategischer Kopf etablierte sich der mittlerweile zum Hauptsturmführer beförderte Dr. Schneider faktisch als dritter Mann hinter dem Behördenleiter, SS-Standartenführer Wolfram Sievers. Der wurde 1948 von den Alliierten wegen seiner Verantwortung für Menschenversuche hingerichtet.

Schneider soll als Referatsleiter medizinische Geräte organisiert haben, die für "terminale" Tests der Mediziner Sigmund Rascher und Ernst Holzlöhner an Gefangenen im KZ Dachau benötigt worden seien. Kurzzeitig führte die Staatsanwaltschaft deshalb nach Schwertes Enttarnung im Jahre 1995 ein Ermittlungsverfahren gegen den Aachener Gelehrten wegen Beihilfe zum Mord. Beamte des bayerischen Landeskriminalamtes vernahmen den alten Mann und filzten seine Wohnung. "Möglich, daß da was war", sagte der Beschuldigte und relativierte seine Aussage mit dem Hinweis, den fast alle Nazi-Verbrecher als entlastend anführen: "Dann war das ein Auftrag. Den habe ich sachlich gesehen."

Die Gerätschaften hatte Schneider in den Niederlanden besorgt, wo er zeitweilig als "Ahnenerbe"-Statthalter fungierte. 1942 ging er in die Zentrale nach Berlin, in die Abteilung "Germanischer Wissenschaftseinsatz". Als der Krieg schon so gut wie verloren war, wurde Schneider zum fanatischen Durchhalte-Propagandisten. Er entwickelte, laut Jäger, 1944 das Konzept eines "Totalen Kriegseinsatzes der Geisteswissenschaften".

Jäger fand die Denkschrift im Koblenzer Bundesarchiv. Die Situation erfordere, schrieb Schneider ein halbes Jahr vor der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht, "eine Zusammenfassung aller Volkskräfte zum Zweck der militärischen und politischen Kriegsführung". Endlich müßten sich "auch die Geisteswissenschaften ... restlos den unmittelbaren Aufgaben unserer politischen Kriegsführung ... zur Verfügung stellen".

Gewaltige Worte, die nichts mehr änderten. Als der Krieg endgültig verloren war, verschwand Schneider - und tauchte als Hans Schwerte wieder auf.

Namenswechsel gehörten damals zur Überlebensstrategie vieler Täter. Bis heute ist unklar, wie viele Menschen es nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes schafften, so der eigenen Vergangenheit zu entkommen. Amtliche Zahlen hat es nie gegeben, nur Spekulationen. Die höchste Schätzung lag bei 80 000.

1949, vier Jahre nach Kriegsende, wagte die junge Republik eine erste Amnestie für untergetauchte Nazis, um "auch im Interesse der öffentlichen Ordnung und Sicherheit" den "höchst unerwünschten Zustand der Illegalität zu beseitigen", so die Argumentation der damaligen Bundesregierung. Obwohl vielen Straffreiheit garantiert wurde, war das Ergebnis verblüffend mager: Nur 241 Männer und Frauen offenbarten sich. Eine zweite Amnestie 1954 war ähnlich erfolglos.

Die allermeisten blieben in Deckung, auch Schneider, der jetzt Schwerte hieß. Der hatte mittlerweile in Erlangen unter seinem neuen Namen erneut im Fach Germanistik promoviert. In seinem Lebenslauf beschreibt er die verhängnisvollsten Jahre seines Lebens so: "Von 1939 bis 1945 stand ich im Wehrdienst."

Sich nicht bei den Behörden zu melden sei "eine gewisse Lebensfeigheit" gewesen, räumte er später ein. "Ich hätte ungestraft meinen Namen zurückändern können. Aber ich hatte Frau und Kinder, ich stand vor der Habilitation und war bayerischer Beamter. Hätte ich fortan Würstchen verkaufen sollen?" Der Ex-Hauptsturmführer startete die zweite Karriere. Wie vielen, die unter falscher Identität lebten, muß auch ihm klar gewesen sein, daß das Über- und Weiterleben am besten durch die Solidarität der Schicksalsgenossen und der wissenden Freunde gewährleistet werden konnte.

Schneider, sagt Jäger, habe "aufgrund der großen kommunikativen Reichweite seiner Aktivitäten" bis 1945 einen Bekanntheitsgrad "weit über den eines normalen Hochschulprofessors" hinaus erreicht. Im übersichtlichen Wissenschafts- und Literaturbetrieb der Stunde Null muß er demnach bekannt gewesen sein.

Auf jeden Fall wußte der Publizist Wilhelm Spengler, mit wem er Anfang der fünfziger Jahre im Oldenburger Stalling-Verlag die Buchreihe "Gestalter unserer Zeit" herausgab. Als Obersturmbannführer hatte Spengler dem Amt III C ("Kultur") im Berliner Reichssicherheitshauptamt vorgestanden und mit Schneider zusammengearbeitet.

Spengler, der sich auch als Pressesprecher der Unterstützungstruppe für inhaftierte Nazis "Stille Hilfe" hervortat, hatte einen Mitarbeiter, den ehemaligen SS-Sturmbannführer Hans Rössner. Er stieg später bis zum Verlagsleiter des Münchner Piper-Verlags auf und betreute ein Werk des Psychoanalytikers Alexander Mitscherlich und seiner Frau, das sich besonders intensiv mit der NS-Zeit auseinandersetzt, Titel: "Von der Unfähigkeit zu trauern".

Auch Rössner soll die wahre Identität des Hochschullehrers, der einstmals Schneider hieß, gekannt haben - was er bestreitet. Ihm sei die "Identität von Herrn Schwerte" verborgen geblieben, teilte er dem SPIEGEL vor zwei Jahren mit. Und fügte hinzu, künftig werde er schweigen: "Alle weiteren Nachfragen bleiben unbeantwortet."

Germanist Jäger glaubt zu wissen, daß die Berufung Schwertes an die Aachener Hochschule im Jahr 1965 möglicherweise von Mitwissern der Doppelkarriere organisiert worden sei. Die "Nichtexistenz einer historisch sensiblen Fakultät" habe, so vermutet er, "offensichtlich diese Hochschule prädestiniert, zum Berufungsort Schwerte/Schneiders zu werden".

Der neue Professor fühlte sich wohl - und sicher. 1965, nur 20 Jahre nach seiner wundersamen Wandlung, nahm Schwerte auch an den "Nürnberger Gesprächen" teil, seinerzeit eine bedeutende Institution des Geisteslebens, deren "heimlicher Lehrplan", so Claus Leggewie, die "Präsentation und Popularisierung eines sozial engagierten Linksliberalismus" gewesen sei.

Prominente Gäste der Veranstaltungen waren NS-Verfolgte wie Jean Améry, der Historiker Fritz Stern oder Fritz Bauer, der legendäre Frankfurter Generalstaatsanwalt und Nazi-Jäger. Schwerte leitete damals einen Arbeitskreis, der "drei Vormittage lang über die Ursachen der Verfolgung und Vernichtung der Juden diskutierte" (Leggewie).

Organisator Hermann Glaser, Nürnbergs Schul- und Kulturreferent, schätzte Schwerte als einen der "ganz wenigen ideologiekritischen, vor allem den Nationalsozialismus dekuvrierenden Germanisten". Ein gewendeter Professor Schwerte, so schien es, hatte den Hauptsturmführer Schneider besiegt.

Was Leggewie nach langen Gesprächen mit Schwerte als Läuterung empfunden haben mag, hat in den Augen anderer durchaus pathologische Züge. Schwertes Leben, so schreibt der Germanist Klaus Weimar, sei definiert durch eine Art "diachroner Schizophrenie".

Diesem Urteil leistete der Betroffene selbst Vorschub. Ende der sechziger Jahre entschloß er sich, nach einer Initiative seines jüngsten Sohnes Mathias, die langjährige "Familiendiskretion zu durchbrechen" (Leggewie) und sich daheim als Schneider zu offenbaren. Die drei Kinder hätten das Geständnis "gleichmütig hingenommen".

Kurz darauf wurde Schwerte zum Rektor in Aachen gewählt. Er gewann den SPD-Politiker Herbert Schnoor, NRW-Innenminister von 1980 bis 1995, zum Freund, und auch Johannes Rau, fast 20 Jahre lang

* Bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch den Rektor der TH Aachen, Klaus Habetha, im November 1990.

Ministerpräsident in Düsseldorf, mochte den hageren Ostpreußen. Das Düsseldorfer Wissenschaftsministerium hatte ihn bereits 1974 zum Landesbeauftragten für die Beziehungen zwischen den Hochschulen in Holland, Belgien und Nordrhein-Westfalen bestellt.

Schon zu diesem Zeitpunkt aber sei die "Doppelidentität" Schwertes "zumindest gerüchteweise" einigen Hochschulangehörigen bekannt gewesen, schreibt Leggewie. Ein interner Vermerk enthülle darüber hinaus, daß ein Bibliotheksdirektor 1985 auf die falsche Identität gestoßen sei, mit der Uni-Spitze aber Stillschweigen vereinbart habe.

Richtig virulent wurde die Affäre 1992, als der US-Romanistikprofessor Earl Jeffrey Richards im Berliner Document-Center auf die Personalakte Schneiders stieß, die ihm verdächtig vorkam. Er informierte den Kollegen Hugo Dyserinck, der Schwerte seit Jahrzehnten kannte und sofort eine Übereinstimmung zwischen dem Hochschullehrer und dem SS-Mann feststellte. Nach Leggewies Recherchen wurde das NRW-Wissenschaftsministerium bereits im Jahre 1994 auf den Fall des seit 1978 emeritierten Alt-Rektors aufmerksam gemacht. Ein Germanist soll sich hämisch nach dem "Hans-Schneider-Institut" erkundigt haben.

Lange bevor schließlich holländische TV-Journalisten Ende April 1995 Schwerte zur Enttarnung zwangen, sei - so Leggewie - ein Bild Schneiders in SS-Uniform in Aachen herumgereicht worden. Ein Lehrstuhlinhaber habe es "kichernd" anläßlich eines Abendessens einem Kollegen gezeigt. Angeblich soll es sich bei dem amüsierten Akademiker um Buck gehandelt haben.

Der bestreitet den Sachverhalt massiv, aber sein Essenspartner bietet in dieser akademischen Kabale an, was sonst in jenen Kreisen eher unüblich ist - die Abgabe einer eidesstattlichen Versicherung.

Derweil organisiert der Betroffene in einem oberbayerischen Seniorenheim den Rest seines Lebens mit der Frau, die er 1941 als Schneider und 1947 als Schwerte geheiratet hat. Bis auf den Doktortitel, dessen Aberkennung erfolglos betrieben wurde, ist ihm nichts mehr geblieben, auch nicht die Professoren-Pension.

Auf Weisung der Behörden muß er wieder jenen Namen tragen, unter dem er Schuld auf sich geladen hat: Schneider. Dennoch darf er sich auch Schwerte nennen - so lautet der Künstlername in seinem Reisepaß.

* Ludwig Jäger: "Seitenwechsel. Der Fall Schneider/Schwerte und die Diskretion der Germanistik". Wilhelm Fink Verlag, München; 360 Seiten; 58 Mark; Helmut König (Hrsg.): "Der Fall Schwerte im Kontext". Westdeutscher Verlag, Wiesbaden; ca. 180 Seiten; ca. 29,80 Mark; erscheint im Oktober; Claus Leggewie: "Von Schneider zu Schwerte". Carl Hanser Verlag, München; 368 Seiten; 45 Mark. * Bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch den Rektor der TH Aachen, Klaus Habetha, im November 1990.

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