14.09.1998

HOCHSCHULPOLITIKMißratene Abrechnung

Es sollte der Wahlkampfschlager der Hamburger CDU werden: Der rot-grüne Senat vergrault den besten Hochschulmanager der Stadt. Doch der fühlt sich von der Union „mißbraucht“.
Politikerbesuche in Vorwahlzeiten sind an hamburgischen Hochschulen untersagt. Die entsprechende Senatsverfügung stammt aus dem Jahr 1947 und ist noch immer in Kraft. Daß Bundeskanzler Helmut Kohl und der CDU-Direktkandidat für den Wahlkreis 18 (Hamburg-Harburg) Volker Rühe am 23. September, vier Tage vor der Bundestagswahl, dennoch durch die Technische Universität (TU) Hamburg-Harburg flanieren dürfen, verdanken sie der grün-alternativen Wissenschaftssenatorin Krista Sager. Die hatte den Wahlkampftermin, nach Rücksprache mit Bürgermeister Ortwin Runde (SPD), genehmigt. "Wir wollten nicht kleinkariert sein", begründet Sager das Entgegenkommen.
Doch stilistische Gründe dürften bei der Entscheidungsfindung eher zweitrangig gewesen sein. In erster Linie wollten die Senatorin und der Bürgermeister der CDU Wahlkampf-Wind aus den Segeln nehmen. Denn eine Verweigerung des Besuches hätte als Eingeständnis der Schwäche und des schlechten Gewissens gewertet werden können.
Seit gut zwei Wochen versuchen Unions-Politiker in der Hansestadt den Verzicht des Präsidenten der TU-Harburg auf eine zweite Amtszeit politisch auszuschlachten. Anfang September hatte die Springer-Zeitung "Hamburger Abendblatt" auf Seite eins dessen "Abrechnung" mit der Hochschulpolitik des rot-grünen Senats gemeldet.
Der Physiker Hauke Trinks, 55, gilt international als Macher von "Hamburg-Harvard" - als ein Mann, der in sechs Jahren aus einer Vorstadt-Uni eine europaweit anerkannte Hochschule gemacht hat. Trinks hatte in einer Presseerklärung zu seinem Abschied unter anderem erklärt, daß er "mit Sorge" die Hochschulpolitik in Hamburg betrachte und "Tendenzen zu einer stärkeren Gängelung, einer Rücknahme gewonnener Freiheit und einer ideologischen Priorisierung von bestimmten Vorstellungen" sehe.
Eine Steilvorlage für die Hamburger Christdemokraten. Schon lange hatten die hanseatischen Konservativen auf eine Gelegenheit gewartet, der unspektakulär arbeitenden rot-grünen Regierungskoalition eklatantes Versagen vorwerfen zu können.
Der CDU-Landesvorsitzende und Bundestagskandidat Dirk Fischer schickte umgehend einen Abgesandten ins Büro des TU-Präsidenten, der um vertrauliche Unterlagen als Munition für eine Kampagne gegen Rot-Grün bat. Der TU-Präsident ließ den Mann abblitzen, doch das hinderte Auftraggeber Fischer nicht, zu behaupten, Trinks Ablehnung einer zweiten Amtszeit mache "deutlich, wie der rot-grüne Senat mit seinem Scheuklappendenken hervorragende Köpfe vergrault". Fraktionschef Ole von Beust warnte: "So verspielt man die Zukunft Hamburgs."
Selbst Verteidigungsminister Volker Rühe meldete sich aus Bonn zu Wort - schließlich liegt die TU mitten in seinem Wahlkreis. Über den Pressestab des Bundesverteidigungsministeriums - und nicht etwa über sein Wahlkampfbüro - ließ der Minister Faxe verschicken, in denen er "systematisches Mobbing durch die Wissenschaftssenatorin Krista Sager" anprangerte. Die Grüne versuche Trinks "aus der Hamburger Wissenschaft herauszuekeln".
Soviel militärischen Flankenschutz quittiert TU-Präsident Trinks mit einem "breiten Lächeln". Er sei "noch nie gemobbt worden" und lasse sich auch nicht mobben. Der Vorwurf, Sager habe ihn schäbig behandelt, sei "Quatsch".
Zu seinen kritischen Äußerungen gegenüber der Senatorin steht er aber nach wie vor. Es gebe halt "ganz normale Interessenkonflikte", die aber mit seinem Verzicht auf eine zweite Amtszeit nichts zu tun hätten.
Hintergrund ist ein Streit zwischen TU und Behörde über die Festschreibung von Frauenförderung und ökologischen Zielsetzungen in eine "Leistungsvereinbarung". Trinks hatte in diesem Zusammenhang öffentlich gefragt, wie man in der Thermodynamik "unter Frauenaspekten" forschen solle, "da fallen mir nur Kochtöpfe ein". Sager verweist darauf, daß es derartige Vorschriften zur gesetzlichen Frauenförderung an der TU nicht gebe, die Verhandlungen über die "Leistungsvereinbarung" seien noch völlig offen.
Bekannt war auch: Der kantige Trinks hält nicht viel von feministischer Folklore, wie sie das Hamburgische Hochschulgesetz vorschreibt. Jahrelang hatte er die Wahl einer Frauenbeauftragten an seiner Uni verschleppt. Diesen "rechtsfreien Raum" wollte Senatorin Sager nicht länger dulden. Im Juni mußte sich der streitbare Physiker beugen.
Zudem wehrte er sich gegen Sparauflagen seitens der Behörde. Schon vor Monaten hatte er zunächst zähneknirschend Einsparungen im Etat zugunsten eines "Öko-Fonds" hinnehmen müssen, sich dann aber zu einem Kompromiß durchgerungen und schließlich herzlich für den guten Ausgang der Verhandlungen bedankt. In einem Brief an Sager vermerkte er die "positive Grundstimmung" zwischen Behörde und TU, die "in den nächsten Jahren zu vielen produktiven und innovativen Arbeitsergebnissen führen möge".
Weiter heißt es dort, der Akademische Senat, alle Sprecher und Dekane der Universität "geben ihrer besonderen Befriedigung Ausdruck, daß die Zusammenarbeit zwischen Ihrem Hause und der Technischen Universität Hamburg-Harburg jetzt wieder auf einer festen Grundlage steht und eine sichere Zukunftsprognose möglich ist".
Daß die CDU den Konflikt am vergangenen Mittwoch in der Bürgerschaft unter der Überschrift "Wissenschaft am Gängelband" als Punkt 1 auf die Tagesordnung setzen ließ, ärgert den scheidenden TU-Präsidenten, weil solche Sachauseinandersetzungen "in einem Wahlkampf nichts verloren haben". Trinks fühlt sich von der CDU "mißbraucht".
Bereits bei seinem Amtsantritt hatte er angekündigt, nicht für eine zweite Amtszeit als TU-Präsident kandidieren zu wollen. "Und dabei bleibt es auch", so der TU-Präsident gegenüber dem SPIEGEL.
Der 55jährige fühlt sich "leergebrannt", er habe sechs Jahre lang "mit allem Elan" für seine Uni gekämpft und "kein Privatleben mehr" gehabt. Insofern handele es sich um eine Entscheidung aus rein "persönlichen Gründen".
Daß Politiker die Auseinandersetzung "parteipolitisch ausgeschlachtet und instrumentalisiert" haben, "war nie mein Ziel", sagt der Wissenschaftler. Im nächsten Frühjahr wolle er als einfacher Wissenschaftler nördlich von Spitzbergen nach Spuren von vorzeitlichem Leben und Bakterien suchen.
Bereits im August, mitten im Sommerloch, hatte das "Abendblatt" diese Entscheidung vermeldet - ohne jegliche Reaktion in der Öffentlichkeit.
Dennoch scheint die Kampagne in die nächste Runde zu gehen. Nicht etwa nach Spitzbergen ziehe es den TU-Präsidenten, meldete in der letzten Woche die "Welt". Vielmehr strebe Trinks das Amt des Gründungs-Präsidenten des "Northern Institute of Technology" (NIT) an. Die Privat-Uni, von Trinks selbst initiiert, soll eine ausschließlich aus Großspenden finanzierte Elite-Schmiede werden. Vor allem die Union freute sich, daß Trinks Talent der Stadt auf diese Weise erhalten bleibe.
Doch die Meldung über die NIT-Kandidatur war frei erfunden. Trinks selbst hatte gegenüber Bürgermeister Runde erklärt, er stehe für das Amt nicht zur Verfügung. Wissenschaftssenatorin Sager glaubt zu wissen, wie es weitergeht: Die Falschmeldung in Sachen NIT erlaube der Union, zum nächsten Schlag gegen den Senat auszuholen. "Wenn es dann heißt, Trinks werde doch nicht Gründungsrektor, werfen die uns wieder vor, wir hätten seine Kandidatur verhindert."

DER SPIEGEL 38/1998
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